Meine Lebensart

Überlegungen

Hier in meinem Studio habe ich viel Zeit zum Nachdenken, denn meistens macht Nicole ja ihr verschlossenes Gesicht, wenn wir uns im Garten kreuzen, und Jacqueline sehe ich auch nicht jeden Tag. Nun habe ich von einem guten Freund einen grossartigen Denkanstoss erhalten, nämlich, dass ein kreativer Mensch ein gewisses Mass an Isolation braucht, um den Bezug zu sich selbst zu erhalten.

Darüber habe ich lange nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass er absolut Recht hat. Dieses gewisse Mass an Isolation hab ich mein ganzes Leben lang erhalten - und, das wird mir jetzt klar, auch gebraucht. In Japan war es wegen meiner deutschen Eltern, in Deutschland meiner Geburt in Japan und hier in Frankreich meiner deutschen Abstammung. Nebenbei gesagt habe ich auch englische und polnische Ahnen, aber sind wir nicht (fast) alle "gemischt", oft, ohne es zu wissen?

Natürlich dachte ich, als ich jung war, überhaupt nicht über diese Isolation nach. Ich hörte mit ebenso grosser Begeisterung den Samuraigeschichten meiner japanischen Amah zu als auch den deutschen Märchen, die meine Grossmutter meinen jüngeren Geschwistern und mir nach unserer Rückkehr nach Deutschland erzählte. Mit 26 Jahren verbrachte ich ein Jahr in Paris und war beeindruckt von der Schönheit und Geschichte dieser Stadt. Danach war es Toulouse, dann die Provence, wo ich an drei verschiedenen Orten lebte - und bald dem vierten.

Überall habe ich mir Freunde gemacht, und immer verliess ich sie, wenn ich an einen anderen Ort zog. Zuerst besteht natürlich oft noch eine Verbindung, die dann aber immer lockerer wird und schliesslich aufhört - bis auf wenige Ausnahmen.

Aber wenn ich zu lange allein bin, langweile* ich mich. Ich habe nicht, wie Ermiten und Einsiedler, diese andere Einstellung zum Leben, ich brauche den Austausch mit anderen Menschen. Selbst wenn er nicht immer entspannt, ist er doch bereichernd und erweitert unseren Blickwinkel. Ohne diesen Austausch hätte ich nicht - und könnte es auch heute nicht - meine Geschichten schreiben. Toan, meinem Ex, ist dieser Austausch fremd, er kann sich auch nicht oder kaum in andere Menschen hineinversetzen. Dafür schreibt er lange, philosophische Texte über die Kunst.

*Hierzu sei gesagt, dass auch Langeweile eine sehr positive Wirkung haben kann. Man gähnt, lässt die Gedanken wandern, und nicht selten führt dies zu einer Inspiration für eine neue Geschichte...

ENDE