Mein Ex und meine Bilder

Er kritisiert, er kann nicht anders, aber ich verteidige mich.

Mein Ex Toan kommt recht oft in "mein" Studio, wo sich auch allerlei Sachen von ihm befinden, hauptsächlich Staffeleien, Leinwände, Pinsel und Farben. Wenn er gefunden hat, was er sucht, bleibt er meistens vor den beiden Bildern stehen, die ich vor kurzem gemalt habe, um sie wieder einmal lange und sehr kritisch anzusehen - und mir zu sagen, was er von ihnen hält.

Gestern war es wieder soweit. Zuerst betrachtete er die "Zugvögel", das Bild zu meiner Geschichte "Der Malkurs", das dort allerdings wegen seines Breitformats die rechte und linke Seite eingebüsst hat. Zum Bild selbst sagte er diesmal nichts, dafür nahm er sich den Rahmen vor. Ich hatte ihn fertig gekauft, fand aber, dass seine Originalfarbe, ein Hellbeige, nicht gut zu den Farben des Bildes passte und hatte ihn in einem dunklen Grau-Violett übermalt.

Er sah hin, sah wieder weg, dann wieder hin - und dann kam's: "Alors, ce gris foncé, ça ne va pas avec le tableau!" (Also dieses dunkle Grau passt nicht zum Bild), erklärte er mir in entschiedenem Ton.

"Meiner Meinung nach passt es ausgezeichnet. Ich hab auch ein bisschen Violett hinzugefügt, als Echo zum Blau-Violett des Himmels in der Ferne", antwortete ich (auf französisch).

Nun wandte er sich dem zweiten Bild zu, den herbstlich gefärbten Laubbäumen vor einer Lichtung, das ich zu dieser Geschichte gesetzt habe - selbst wenn wieder nur die Mitte zu sehen ist, denn es hat ebenfalls Breitformat. Hier gab es keinen Kommentar zum Rahmen, den ich in einem dunklen Braun übermalt hatte, aber er wiederholte die Kritik, die er schon mindestens dreimal zum Bild abgegeben hatte: "Du solltest die Farbkontraste verstärken."

Worauf es nur eine, unschlagbare Antwort gibt, die ich nun ebenfalls zum mindestens dritten Mal wiederholte: "Mir gefällt es so, in meinen Augen passen diese Farben gut zur sanften Herbst-Melancholie." Schliesslich bin ich ja nicht seine Schülerin, und ich weiss, dass er meine Meinung respektiert. Tatsächlich verliess er nun wortlos mit seinen Utensilien das Studio - bis zum nächsten Mal.

Kann er nicht endlich einsehen, dass jeder frei ist, auf seine eigene Art zu malen? Hab ich ihn etwa um seine Meinung gebeten? Kann er nicht etwas einfühlsamer sein? Ich denke immer noch an die zwei alten Damen, die einst weinend seinen Malkurs verliessen...

Nicole, seine Lebensgefährtin, ist, wie ich, eine Hobbymalerin. Zumindest war sie es, denn seit sie mit Toan zusammenlebt, malt sie nicht mehr, weil sie seine ständigen und unerbetenen Kritiken und vor allem seine Art, selbst die Korrekturen vorzunehmen ohne vorher um Erlaubnis zu fragen, nicht erträgt.

Fortsetzung folgt