Die Schule meiner Töchter...

... feierte ihr 40-jähriges Jubiläum.

Vor einigen Tagen musste ich wieder einmal zum Supermarkt "Géant Casino", der sich keine fünf Autominuten fort in dem enormen Einkaufszentrum befindet. Als ich mit meinen Einkäufen zurück war, rief Nicole mir durch das geöffnete Fenster zu: "Est-ce que tu as un petit moment?" (Hast du einen kleinen Augenblick Zeit?).

"Natürlich", antwortete ich auf Französisch, "ich bin gleich wieder da."

Ich verstaute schnell meine Einkäufe und kehrte zu Nicole zurück, die mir ein gedrucktes Blatt Papier entgegenhielt: "Das lag im Briefkasten. Die Schule unserer Wohnsiedlung hier feiert ihr 40-jähriges Bestehen und bittet um Berichte, was aus ihren früheren Schülern geworden ist. Könntest du einen kleinen Text dazu schreiben?"

"Hm", meinte ich wenig begeistert.

"Du solltest es wirklich tun. Weisst du, die grosse Frustration der Lehrkräfte besteht darin, dass sie so viele Kinder ein paar Jahre lang unterrichtet haben, Kinder, von denen sie danach nie wieder etwas hören."

Darüber hatte ich noch nie nachgedacht, aber es leuchtete mir ein. Und Nicole musste es wissen, denn auch sie hatte einst den Lehrberuf ausgeübt.

Ich schrieb also einen kleinen Text von 16 Zeilen, in dem ich den Werdegang meiner Töchter erzählte. Beide hatten ein gutes Abitur gemacht, hatten studiert und Erfolg in - und Freude an - ihren Berufen. Ich fügte hinzu, dass der ausgezeichnete Unterricht, den sie hier in ihren ersten Schuljahren erhalten hätten, der Grundstein dieses späteren Erfolgs gewesen wäre. Und natürlich beschrieb ich auch ihre Berufe.

Nicole war hoch erfreut über den Text und sagte mir, dass sie und mein Ex noch ein Foto von früher dazusetzen würden. Also, es war ein Foto unserer allerersten Zeit in dieser Wohnsiedlung. Toans und meine Töchter waren 6 und 5 Jahre alt, und vor allem, vor allem, stehen sie kaum erkenntlich, denn im Schatten, vor der von der Sonne erhellten, recht hohen Gartenmauer mit Seestern-Motiven, die mein Ex damals entworfen und selbst gebaut hatte.

"Gut so?" fragte Nicole.

Ich nickte und hätte beinahe gelacht. Typisch Toan, für den seine Kunst wichtiger ist als seine Töchter. Den Text hatte ich schon unterschrieben, jetzt unterschrieb ihn auch Toan, und Nicole steckte ihn rasch in einen Umschlag und beeilte sich, ihn in den Briefkasten der früheren Lehrerin zu werfen, die um diese Berichte gebeten hatte.

Fortsetzung folgt