Dickköpfe gibt's überall

Ein interessantes Gespäch im Supermarkt

Inzwischen hab ich mich sehr gut bei meiner Tochter Vanessa eingelebt, aber wie bei meinem Ex und seiner Nicole führe ich hier ein eigenständiges Leben, das heisst, ich koche auch für mich selbst. Das ist mir 75-jähriger Oma einfach lieber, so kann ich essen, was mir schmeckt und gut bekommt, und das zu meinen gewohnten Zeiten. Gestern war ich also wieder einmal im riesigen Supermarkt Géant Casino einkaufen. Zum Schluss fehlten mir noch die "Sacs congélation petit modèle" (kleine Gefrierbeutel), die mir ausgegangen waren. Ich fand sie einfach nicht. Dreimal bin ich die superlange Haupt-Allee hinauf- und heruntergegangen, hab nach rechts und links geguckt, ohne sie auf den oben angebrachten Anzeige-Schildern lokalisieren zu können. Schliesslich hab ich eine junge Angestellte gefragt, die damit beschäftigt war, die Regale neu aufzufüllen. Sie hat mir sehr nett geantwortet, dass sie eh dorthin müsste, ich bräuchte ihr nur zu folgen. Was ich auch tat. Als sie nach links einbog, konnte ich noch schnell einen Blick auf das Anzeige-Schild werfen. "Poubelle" (Müllartikel) war dort vermerkt. Es gab dort Mülleimer, die Müll- und auch die kleinen Gefrierbeutel!

Ich bedankte mich bei der netten Angestellten und seufzte ein bisschen. Neben mir stand eine ebenfalls betagte Kundin. Sie sah mich an, ich sah sie an, und wir kamen ins Gespäch. "Dank der netten Angestellten hab ich endlich meine Gefrierbeutel gefunden", seufzte ich erleichtert. "Wer hätte sie mit den dort angezeigten Müllartikeln in Zusammenhang gebracht? Überhaupt hab ich für meine gesammten Einkäufe einen ultralangen Fussmarsch zurückgelegt."

"Ja, hier kann man sich tatsächlich die Hacken wundlaufen", seufzte sie zurück. "Es gibt keine Logik. Kaum hat man sich an den Platz eines Artikels gewöhnt, ist er schon wieder dort verschwunden. Mit viel Glück entdeckt man ihn schliesslich an einem anderen Platz wieder."

"Man kann sich höchstens damit trösten, dass diese langen Fussmärsche auch ihr Gutes für die Gesundheit haben."

"Das stimmt, aber man muss sich den Hals nach oben und auch nach rückwärts verrenken, um alle Anzeige-Schilder zu sehen."

Jetzt lachten wir beide, wir waren uns sympathisch.

Dann seufzte sie wieder: "Im Augenblick hab ich Sorgen mit meiner Mutter. Sie ist so etwas von dickköpfig."

"Oh, das ist schwierig. Ich hoffe, ich werde es nie sein, jedenfalls habe ich es meiner Tochter versprochen."

Nun, wir sind dann beide unsere Wege gegangen, aber ich denke noch an sie. Ich würde sie gern wiedersehen.

Abends erzählte ich meiner Tochter von dieser Kundin und ihrer dickköpfigen Mutter. Auch sie wusste Beispiele. Die Mutter ihrer Schwiegermutter, die absolut nicht ihr 150 km entferntes, im Alter unbequemes Haus verlassen wollte, um in die Nähe ihrer Tochter zu ziehen - bis sie eines Nachts auf dem Gang zur Toilette hinfiel und das Telefon ausser Reichweite war. Morgens hörte ein Nachbar zum Glück ihre Hilferufe und befreite sie aus ihrer schlimmen Lage. Seitdem sitzt sie im Rollstuhl, und weil sie immer noch nicht bei Tochter und Schwiegersohn oder zumindest in ihrer Nahe leben wollte, hat sie ihr Zimmer in einem Altersheim, ist dort unglücklich und meistens sehr schlecht gelaunt.

Vanessa hat auch Arbeitskollegen und -kolleginnen, die immer Recht behalten wollen, selbst wenn sie wissen, dass sie im Unrecht sind. Auch sie wären keine glücklichen Menschen, wären frustriert und würden sich ständig über alles beklagen.

Also, es ist besser, man ist fröhlich und lacht.

Fortsetzung folgt