Wenn ich Cyril von der Schule abhole...

... gibt's ein Problem.

Meine Tochter Vanessa und mein Schwiegersohn sind beide berufstätig, kommen oft zu spät von der Arbeit, um Arthur und Cyril von der Schule abholen zu können. Um nichts einfacher zu machen, geht der 12-jährige Arthur schon ins "College" (Übersetzung: 4-klassiger Schultyp im Sekundarbereich, was einer Gesamtschule gleichkommt), während der 8-jährige Cyril noch die Grundschule besucht. Beide Schulen haben meistens die selben Schlusszeiten, aber was Cyrils Schule betrifft, ist es - im allgemeinen und besonders zur Zeit des Schulschlusses - extrem schwierig, einen Parkplatz in der Nähe zu finden. Es ist also besser, mindestens eine halbe Stunde später zu kommen, wenn die meisten Kinder schon abgeholt sind, und diese halbe Stunde verbringt er im Pausenhof, wo die Schüler überwacht und zum Teil auch beschäftigt werden.

Bis jetzt sind Vanessas Schwiegereltern eingesprungen, wenn die Eltern am Abholen verhindert waren, jetzt übernehme ich die Aufgabe. Und da gibt's für mich bei Cyril ein grosses Problem: In dem Gewimmel der vielen Kinder, die überall herumlaufen, hab ich enorme Schwierigkeiten, ihn zu entdecken. Gestern hab ich zweimal vergeblich den grossen Pausenhof von vorn bis hinten nach ihm abgesucht. Als ich die beiden Aufsichtspersonen fragte, ob Cyril sich wirklich im Schulhof befände, lachte eine von ihnen mich an: "Sie waren vorhin ganz nah beieinander, Sie sind aneinander vorbeigelaufen!" Da fühlt man sich ja wirklich blöd!

"Aber da ist er ja", rief sie plötzlich. Tatsächlich tauchte Cyril vor uns auf, aber ich musste zuerst einen Blick auf seine sehr originelle Schultasche werfen, ehe ich es wirklich glauben konnte, so verwirrt war ich inzwischen.

Abends kam Vanessa zu mir hinunter. Sie bedankte sich für's Abholen der beiden Jungs und gestand mir dann, dass sie selbst grosse Schwierigkeiten hätte, Cyril unter all den anderen Kindern zu entdecken.

"Was, selbst du?" fragte ich ungläubig, aber auch unendlich erleichtert. Es geht ihr also nicht anders als mir! Nun ja, erleichtert im ersten Augenblick, denn bald schon dachte ich an mein (leichtes) Problem, flüchtige Bekannte, denen ich nicht oft begegne, an anderen Orten als vor ihrer Haustür wiederzuerkennen. Ein Problem, das ich von meinem Vater geerbt habe - und unter dem vielleicht auch Vanessa leidet? Aber sie bestreitet es, ihrer Ansicht nach würde einfach zu viel Trubel herrschen im Pausenhof der Grundschule. Mit Arthur gibt's zum Glück diese Schwierigkeiten nicht, es gibt nur wenige Schüler, die darauf warten, mit dem Auto abgeholt zu werden. Die meisten leben in der Nähe der Schule, und sie sind alt genug, um allein zu Fuss nach Hause gehen zu können.

Fortsetzung folgt...