Mina´s neue Welt

Ich hätte Familie haben können. Ich hätte Kinder haben können. Ich hätte den Mount Everest besteigen können. Aber das wird nie geschehen, denn ich sterbe heute Nacht. Besser gesagt genau jetzt. Jetzt in diesem Augenblick. Vor einer Minute hatte ich noch Angst und ich dachte das Herz müsste mir jeden Moment stehen bleiben. Doch komischer Weise war ich im Angesicht des Todes unglaublich ruhig. Im Grunde fühlte ich gar nichts, bis auf die Tatsache, dass ich schon bald nicht mehr leben würde. Ausgelöscht für immer.

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Begierig strich er durch die Nacht auf der Suche nach Nahrung. Ihn trieb einzig der Hunger an und vielleicht die Gier nach einem Leben das es für ihn nicht gab. Er war tot und doch lebendiger als er jemals als Mensch gewesen war. Nein er war kein Mensch. Er mochte so aussehen, sich bewegen, reden und dennoch war er keiner.

Er war etwas anderes. Manche seiner Art hielten sich für etwas besseres, den Menschen weit überlegen, aber das war eine Illusion. Schlicht und ergreifend war seine Art der Stoff aus dem Alpträume entstanden. Die Menschen verleugneten ihre Existenz aus Furcht den Verstand zu verlieren. Denn wenn sie zugaben das es Monster gab, sie wirklich gab, das würde ihre Welt, so wie sie sich geschaffen hatten, vollkommen verändern.

Und das war etwas, was sie nicht zulassen konnten. So lebten er und seinesgleichen unerkannt in den Schatten und machten die Nacht zu ihrem Tag. Sein Leben war einfach. Einen Menschen finden, der dumm genug war alleine durch die Nacht zu streifen, ihn zu fangen und dann zu töten. Danach würde er sich irgendwelchen Zerstreuungen hingeben. Sex, Alkohol, Drogen, was auch immer, um dann den Tag mit Ruhen zu verbringen. So war sein Leben jetzt und das, wenn er nicht ausgelöscht wurde, würde es auch für immer sein.

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Er hätte mein Held sein können. Der Mann meiner Träume. Als er aus dem Schatten trat, in dem er sich verborgen gehalten hatte, war es für mich als hätte ich noch niemals einen schöneren Mann gesehen. Groß, dunkel und mit der Geschmeidigkeit eines schwarzen Panters ausgestattet kam er auf mich zu. Ich hätte fliehen sollen, aber ich stand einfach da und starrte ihn mit offenem Mund an. Und dann konnte ich es sehen.

Es war in seinen Augen. Oder besser gesagt was nicht dort war. In seinen dunklen Augen lag nichts menschliches mehr. Es war als blicke ich in zwei geschliffene, kalte Turmaline. Fest riss er mich in seine Arme und dann …. Er nagt an meinem Hals gleich einem Raubtier, das er auch war und stahl mir so den Funken meines Lebens. Ich konnte fühlen wie das Blut – mein Blut – meinen Körper verließ. Ein letztes Mal flatterten meine Augenlider und ich sah ihn an.

Er hatte von meinem Hals abgelassen. Vermutlich hatte er genug. Ich wünschte, er wäre hässlich. Wäre grauenvoll von Gestalt und Aussehen. Doch er war schön. Unbewusst hob ich meine Hand und strich ihm, mit letzter Kraft, über die Wange. Dann verlor sich alles in schwarz. Meine Zeit war gekommen. Ich hatte ein Leben, eine Familie, Freunde – sie alle werde ich nie wiedersehen. Meine Hand sank gleichzeitig mit meinem Kopf herab. Ich hing in seinen Armen wie eine leblose Puppe. Bewusst spürte ich das Pochen meines Herzens. Mit jedem Schlag wurde es langsamer, bis es verstummte.

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Es war als hätte ihn die Sonne geküsst. Es war heiß und er hatte das Gefühl er würde innerlich verbrennen, doch zugleich war es voller Wärme und automatisch wollte er mehr. Viel mehr. Mehr als was gut für ihn oder für sie gewesen wäre. Besser er brachte es rasch hinter sich. Schon jetzt machte ihn der Geschmack ihres Blutes beinahe süchtig und es erfüllte ihn mit Kummer, dass er ihn danach niemals mehr schmecken würde.

Sie war nun in seinem Blut. Er spürte es in seinem ganzen Körper. Plötzlich schlug sie die Augen auf und sah ihn an. Er war, ohne es zu merken, von ihr zurückgewichen. Warum scheute er davor zurück sie zu töten? Sie war nicht anders als die anderen. Sie war nur Nahrung für ihn. Nichts weiter. Zärtlich strich sie ihm mit der Hand über die Wange, danach sank sie leblos in sich zusammen. Er hatte genug genommen. Sie lag im Sterben.

Er lauschte auf ihre letzten Atemzüge und auf ihren Herzschlag. Bis auch dieser aussetzte. Es war vorbei. Sie war tot. Warum ließ er sie dann nicht einfach fallen? Noch gab es eine Möglichkeit. Leise schüttelte er den Kopf. Wo kam dieser Gedanke her? Er konnte, er durfte, sie nicht wandeln. Was für ihn ein Geschenk war, war für andere ein Fluch. Wie würde sie es sehen? Zu viele Fragen und ihm lief die Zeit davon. Nur noch wenige Augenblicke blieben, falls er … Bevor er sich noch anders besinnen konnte, riss er sich mit seinen scharfen Zähnen das Fleisch über seinem Handgelenk auf.

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Ich schlug die Augen auf und war wach. Hellwach. So hatte ich mich noch nie gefühlt. So lebendig und … hungrig. Mit der Zunge strich ich über meine trockenen Lippen. Mein Verlangen richtete sich nicht nach normalen Essen. Ich wollte kein Brot, kein Obst, kein Fleisch. Nichts davon. Ich wollte etwas lebendiges, um es zu töten. Ich wollte Blut. Langsam richtete ich mich auf und blickte in die Augen meines Mörders.

„Du bist nicht tot, aber auch nicht mehr am Leben!"

Bisher hatte ich seine Stimme noch nicht gehört. Sie passte zu ihm. Ein bisschen rau, ein bisschen exotisch, sehr dunkel und vor allem sexy.

„Du hast mich getötet, nicht wahr?" Es war mehr eine Feststellung, als eine Frage. Abwartend sah ich ihn an.

„Das habe ich.", erwiderte er schlicht.

„Und warum lebe ich dann noch?"

Er schwieg solange, dass ich bereits befürchtete keine Antwort von ihm zu bekommen, doch dann …

„Ich habe dich gewandelt. Du bist kein Mensch mehr!"

Ich ahnte bereits was ich war. Zu was er mich gemacht hatte.

„Warum?", war alles was ich tonlos über die Lippen brachte.

Er hatte mich zu einem Monster gemacht. Zu einem Ungeheuer der Nacht. Er hatte mich dazu verdammt unaussprechliche Dinge tun zu müssen um am Leben bleiben zu können. Ich würde zukünftig morden und danach gierig das Blut meiner Opfer trinken.

„Ich weiß es nicht. Ich ..."

Er ließ den Satz unvollendet. War es nicht egal, warum er es getan hatte? Es ließ sich nicht mehr rückgängig machen, oder?

„Ist es … kann man es noch ändern?"

Sein Kopfschütteln war Antwort genug. Er hatte mich zu einem Nosferatu, einem Vampir, einem Blutsauger gemacht. Ich müsste wütend und halb wahnsinnig vor Angst sein, aber ich war es nicht. Seltsamerweise fühlte ich mich gut. Was vielleicht daran lag, dass ich bisher noch keine Seele getötet hatte.

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Er war voller Zorn. Nicht auf sie, sondern auf sich selbst. Es war verdammt egoistisch und dumm gewesen sie zu wandeln. Was sollte er jetzt mit ihr tun? Sie lieben bis sie sein war für immer? Er begehrte sie mit der Intensität eines Raubtieres, seit er von ihr gekostet hatte. Wenn er ein Süchtiger war, dann war sie seine Droge. Dabei kannte er noch nicht einmal ihren Namen. Er kannte sie nicht.

Wusste nicht, was für sein Mensch sie gewesen war. Wer konnte schon sagen, was er sich mit ihr eingebrockt hatte? Vielleicht war sie einer jener Frauen gewesen, die einen Mann zur Verzweiflung treiben konnten? Bei diesem Gedanken durchlief es ihn heiß und kalt zugleich und er wünschte sich beinahe sie wäre so eine Frau.

Ihr Aussehen verriet ihm nicht viel über ihren Charakter. Sie war ein niedlicher Rotschopf. Ob ihre Haarfarbe echt war, konnte er nicht sagen. Es passte jedenfalls zu ihren hellen Augen. Von der Figur her war sie schlank, aber nicht mager, was ihm gut gefiel. Er konnte Frauen, die bis auf die Knochen abgemagert waren, noch nie viel abgewinnen. Für ihn musste eine Frau auch wie eine Frau aussehen. So wie sie. Vielleicht hatte er sie auch deshalb gewandelt? Jedenfalls hatte das sicher seine Entscheidung beeinflusst.

„Verrat mir Deinen Namen!", verlangte er streng. Er war ab jetzt ihr Meister und von nun an für sie verantwortlich, also musste er auch wissen wer sie war.

„Mina" Überrascht starrte er sie an. Ob sie sich lustig über ihn machte, oder ob das tatsächlich ihr Name war?

„Und Dein Name?", fragte sie zurück.

„Dimitri"

Nun sah sie überrascht aus. Gefiel ihr der Name nicht?

„Dimitri klingt nicht so als wärst Du von hier.", sagte sie leise.

„Meinesgleichen kommt viel herum. Wir können uns es nicht leisten zu lange an einem Ort zu bleiben. Das würde zu viel Aufsehen erregen."

Er brauchte ihr nicht mehr zu erklären, sie verstand auch so. Wenn zu viele Menschen an plötzlicher Blutarmut starben, lenkte das bestimmt das Interesse der Allgemeinheit auf ihn.

„Was hast Du mit mir vor?"

Ich war mir nicht sicher, was er von mir wollte. Was ich von mir nicht sagen konnte. Je länger ich in seiner Nähe verbrachte, umso wohler fühlte ich mich bei ihm. Vermutlich hatte ich neben meinem Leben auch den Verstand verloren, denn wie sonst sollte ich mir erklären können, dass ich ausgerechnet den Menschen, oder besser gesagt Vampir, anziehend fand, der mich umgebracht hatte.

„Ich komme aus Rumänien, wenn du es genau wissen willst.", eröffnete er mir plötzlich ungefragt. Rumänien, die Wiege der Vampire. Dracula, der erste von ihnen, stammte von dort.

„Und Dracula ist Dein Großvater?", hakte ich leicht bissig nach. Ich war hungrig und das machte mich reizbar.

„Nein! Vampire können sich nicht vermehren."

Als wenn ich das nicht wüsste. Ich kannte alle Märchen und Schauergeschichten rund um sie.

„Komm! Du musst essen!"

Dieser Satz erschreckte mich beinahe zu Tode. Essen bedeutete für mich töten und dafür war ich noch nicht bereit und automatisch verspürte ich keinen Hunger mehr.

„Später!", bestimmte ich. Ich konnte nicht losziehen und einen Menschen … Noch nicht.

„Erzähl mir mehr!", bat ich ihn. Es gab noch so vieles, dass ich über mein neues Leben wissen musste. Aber vor allem über meinen Erschaffer. Wer war er und wie war er zu dem geworden, der er heute war? Und wie es wohl war ihn zu küssen.

„Es gibt nicht viel, dass Du wissen musst. Vor langer Zeit war ich ein Mensch und nun bin ich es nicht mehr. Als Vampir spielt Zeit nur eine untergeordnete Rolle. Zeit bedeutet mir nichts. Wir existieren einzig um den Augenblick zu leben!"

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Er hatte all die Jahre nie eine Gefährtin gehabt und auch kein Verlangen danach, aber sie wollte er um jeden Preis. Seit er ihr Blut gekostet hatte, war es um ihn geschehen. Er brannte nach ihr. Es war mehr als nur die körperliche Anziehung und sein Begehren nach ihr wuchs bis ins unermessliche. Dimitri hätte sie gerne geküsst und sich in ihr vergraben. Was würde sie wohl tun, wenn er sie in seine Arme zog? Ihn beißen? Bei diesem Gedanken tauchten sofort erotische Bilder in seinem Kopf auf.

Die Vorstellung sie könnte, würde, ihn in die Schulter, oder woanders, beißen, brachte ihn beinahe um den Verstand. Vielleicht sollte er es einfach riskieren? Langsam bewegte er sich auf sie zu. Bis er dicht vor ihr stand. Dimitri neigte sein Haupt ihr entgegen und wartete. Was würde sie tun? Würde sie ihn wegstoßen oder ihm erlauben sie zu küssen?

Mina starrte ihn leicht ängstlich an. Er war zu schnell für sie. Sie brauchte mehr Zeit. Gerade als er sich zurückziehen wollte, leckte sie sich mit der Zunge über die Lippen und brachte jeden Gedanken in ihm zum Stillstand. Sein Blick konzentrierte sich ganz auf ihren Mund und dann … hielt er sich nicht mehr länger zurück.

Sanft berührte er mit dem Mund ihre Lippen. Strich zärtlich darüber und da sie sich nicht gegen ihn wehrte, vertiefte er den Kuss. Leidenschaft kroch gleich einer Stichflamme in ihm hoch. Fest schloss er sie in seine Arme. Sie trug noch immer ihre Kleidung und das war seiner Meinung zu viel. Zu gerne hätte er sie ihr einfach vom Leib gerissen, aber mit dieser Behandlung wäre sie zu recht nicht einverstanden. Statt dessen entschied er sich sie zu verführen. Sie sollte ihn so sehr begehren wie er sie.

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Mein Herz hatte aufgehört zu schlagen und dennoch hatte ich das Gefühl es würde in meiner Brust zerspringen. Und das alles nur wegen eines Kusses. Dieser Mann verstand sich auf das Küssen genauso sehr, wie auf das Töten. Die Berührung seiner Lippen brachte mich an den Rand eines Abgrundes, in den ich mich nur zu gerne gestürzt hätte. Ich war nie eine Frau gewesen, die sich leichtfertig in irgendwelchen erotischen Abenteuern stürzte, aber Dimitri hätte ich ohne Zögern alles gegeben.

Vor wenigen Stunden noch hatte ich Todesangst vor ihm gehabt und nun waren meine Gefühle für ihn gänzlich anderer Natur. Angst war Begehren gewichen. Ich wollte ihn wie ich noch nie etwas zuvor gewollt hatte. Was würde er von mir denken, wenn ich ihm einfach die Kleider vom Leib reißen würde? Dimitri bog meinen Kopf zurück und strich mit seinem Mund über meinen Hals. Ich schloss meine Augen und wünschte er würde es erneut tun. Als hätte er meine Gedanken gelesen, strich er mit seinen spitzen Zähnen über meine empfindliche Haut.

„Tu es!", wisperte ich heißer und zog seinen Kopf dichter zu mir heran.

Er folgte meinem Befehl und scharf vergruben sich seine Zähne, wie schon zuvor, in meinen Hals. Ab diesen Moment gab es kein halten mehr für mich. Ich musste ihn ganz spüren. Ich wollte wissen, wie es war von ihm geliebt zu werden. Heftig riss ich mich von ihm los und stieß ihn von mir. Welches Gift war in mir wirksam, dass ich so auf ihn reagierte?

„Was hast Du mir angetan?", warf ich ihm vor und wischte mir mit der Hand über den Mund.

Ich war von Freunden gekommen und hatte mich auf den Weg Nachhause befunden. Auf halber Strecke hatte er mich erwischt und umgebracht. Danach hatte er mich wieder erweckt um mich … was? Zu küssen? Erneut durchfluteten mich die unterschiedlichsten Gefühle. War das der Grund gewesen warum er mich verwandelt hatte? Was, wenn er dasselbe fühlte wie ich?

„Ich habe Dich zu meinesgleichen gemacht, weil ich Dir meine Welt zu Füßen legen will. Weil ich … weil ich will, dass Du bei mir bleibst!"

Sein Geständnis klang so aufrichtig, sodass ich nicht anders konnte, als ihm zu glauben. Außerdem wollte ich bei ihm bleiben. Irgendwie fühlte sich gerade jetzt alles richtig an.

„Ich weiß nicht, welcher Zauber auf mir wirkt, aber ich möchte nicht mehr fort. Zeig mir alles. Zeig mir deine Welt. Zeig mir wie ich töte!", bat ich ihn.

Gerade der letzte Satz ging mir nur schwer über die Lippen, doch ich war nun Teil seiner Welt und musste lernen in dieser zu überleben. Und ich wollte überleben. Und ich wollte ihn lieben. Und Teil seiner Welt sein. Wenn es sein musste auch für immer. Plötzlich legte sich ein strahlendes Lächeln auf meinen Mund. Ja, ich wollte bleiben.

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Er hatte unbewusst die Richtige gefunden. Ihre Worte beflügelten ihn. Zärtlich berührte er ihr Haar.

„Ich werde Dir alles zeigen!", versprach er ihr.

Dimitri war klar, dass er sich auf ein großes Abenteuer einließ. Seit fast 200 Jahren lebte er alleine. Hatte praktisch die ganze Welt gesehen und war an Ort gewesen, wo kein Mensch zuvor seinen Fuß hingesetzt hatte. Aber das war nichts im Vergleich zu dem, was nun vor ihm lag. Mina glaubte er hätte sie verzaubert, doch wenn er das getan hatte, dann sie auch ihn, denn sie mochte es noch nicht wissen, aber er hatte sein Herz an sie verloren. Dimitri streckte ihr seine Hand entgegen und wartete bis sie diese ergriff, um sie mit sich zu ziehen. Seine Welt war nun die ihre. Er der immer alleine war, war es nun nicht mehr.

„Lass uns etwas zu essen für Dich suchen!", wisperte er ihr zu und entführte sie mit sich hinaus in die Nacht.