Die Rede, die ich 1963 zum 75. Geburtstag

meiner Grossmutter hielt.

Im folgenden kleinen Vortrag wollen wir, deine Enkel, dir sehr herzlich für all die Sommerferien danken, die wir bei dir verbringen durften. Für uns war es immer wunderschön; für dich, so fürchten wir nachträglich, jedoch oft auch sehr anstrengend. Das merken wir unter anderem daran, dass unsere Mütter jetzt schon starke Bedenken dagegen äussern, dass wir ihnen später einmal in den Ferien unsere eigenen Kinder schicken könnten. Das will etwas heissen, denn sie haben es ja nie selbst miterlebt sondern kennen es nur aus den Berichten.

Schon unsere Ankunft muss immer recht turbulent gewesen sein. Jeder von uns brachte eine Menge Spielsachen mit, Teddybären, Puppen, Bälle, Flugzeuge und vieles andere, sogar lebendige Meerschweinchen waren einmal dabei.

Wenn wir sieben Enkel da waren, brach dein Haus in der Lüneburger Heide fast auseinander. Sogar in der Speisekammer wurde ein Bett aufgebaut. Und Kurts Flugzeug war im Handumdrehen wieder einmal "im Eimer". Mit den Flugzeugen war es überhaupt immer sehr aufregend. Einmal baute unser Vetter Georg die ganze Nacht lang ein neues Flugzeug. Am nächsten Morgen liess er es zum ersten Mal fliegen und schon verschwand es auf Nimmerwiedersehen. Die Thermik, eine Form von warmem Aufwind, war zu gut gewesen! Aber ein wahrer Idealist und Modellflugzeugbauer verkraftet auch so etwas.

Auch beim Essen benahmen wir uns nicht immer sehr gesittet. Oft ass jeder so viel, wie er nur irgend konnte, nur damit die anderen es nicht bekamen. Meine jüngere Schwester Renate pflegte zu diesem Zweck ihren Reissverschluss zu öffnen und den Gürtel abzubinden. Manchmal ging es so lebhaft zu, dass du, liebe Grossmutter, den Kampfhähnen Messer anbotest um damit die Streitfragen endgültig auszutragen - was die Gemüter dann auch schlagartig beruhigte.

Zum Nachtisch wurden wir fünf Minuten lang in den grossen Garten geschickt und durften jeder so viel Obst und Beeren essen, wie wir in der Zeit schafften. Eine Zeit, die wir gut zu nutzen wussten!

Auch Schokoladenpudding war als Nachtisch sehr beliebt. Einmal ass Helmut ungeheuere Mengen davon. Mitten in der Nacht wachte er plötzlich auf. Der Versuch, rechtzeitig zum Örtchen zu kommen, erwies sich als hoffnungslos, also ergriff er eiligst das einzige Gefäss, das ihm so schnell zur Verfügung stand, eine funkelnagelneue kleine Giesskanne, die er gerade geschenkt bekommen hatte. Leider fasste sie nicht den ganzen Schokoladenpudding! Du warst inzwischen aufgewacht, Grossmutter, hast sein ganzes Bett neu überzogen und dich wieder schlafen gelegt. Unglücklicherweise war es damit aber noch nicht zu Ende, du warst die ganze Nacht auf den Beinen.

Renate hatte einmal zum Nachtisch zu viele Pflaumen gegessen, mit dem gleichem Erfolg! Sie versuchte immerhin einen schnellen, jedoch nicht ganz erfolgreichen Sprint zum Örtchen, gefolgt von unserem guten Cousin Georg, der hinter ihr aufwischte.

Gern spielten wir auch auf dem Sandplatz hinten im Wäldchen. Dort buddelten wir tiefe Löcher, bis wir ganz darin verschwanden. Du sahst das nicht gern, Grossmutter, hast uns aus der Zeitung lauter Unglücksnachrichten vorgelesen, in denen Kinder in ihren selbstgegrabenen Löchern verunglückt waren, bis du es uns schliesslich ganz einfach streng verboten hast.

Einmal fuhren wir in einem Leiterwagen mit einem richtigen Pferd davor in den Nachbarort Wilsede. Die Hinfahrt geschah fröhlich bei schönstem Sonnenschein, auf der Rückfahrt hingegen regnete es in Strömen. Wir waren ohne Mäntel, ohne Schirme, ohne Verdeck! Kein Faden blieb an uns trocken, es war die grösste Nässe unseres Lebens!

Eins unserer liebsten Spiele war das Kegeln. Einige Teilnehmer, es waren vor allem Ulf und Helmut, boten dabei viel Unterhaltung, denn beide waren ausgesprochen schlechte Verlierer. Vor dem Wurf visierte zum Beispiel Helmut sehr vergnügt und sehr lange die Kugel an. Dann warf er, aber wenn er keinen Treffer machte, sprang er in die Luft, raufte sich die Haare und fluchte wie ein Scheunendrescher. Der Stimmungswechsel war überwältigend!

Jedes Mal, wenn wir bei dir waren, gingen wir auch zum Schützenfest. Kurt hatte da viel Erfolg, besonders an dem Stand, wo man Bälle in Glasschälchen werfen musste. Wenn das Mädchen nicht aufpasste, streckte er seinen langen Arm aus und legte den Ball einfach hinein. So gewann er haufenweise Teller und Schälchen, die wir dann nach Hause tragen mussten.

Schliesslich kam der letzte Ferientag mit dem Abschiedsfest, welches du, liebe Grossmutter, immer ganz besonders schön gestaltetest. Es gab Würstchen und Kartoffensalat, fröhliche Spiele und viele Gewinne.

Dann reisten wir endlich ab, aber sogar nach unserer Abreise konntest du dich noch nicht sofort erholen. Die vergessenen Sachen mussten uns nachgeschickt werden, und meistens war das ein Riesenpaket!

Nun kehrte endlich wieder Ruhe bei dir ein. Und wir, deine Enkel, begannen schon, uns auf die nächsten Ferien zu freuen!

ENDE

P.S. heute: Diese Rede habe ich in einem alten Umschlag mit anderen Papieren wiedergefunden. Ich habe sie mit 24 Jahren geschrieben. Selbst wenn unsere Grossmutter eine Haushaltshilfe hatte: Arthur und Cyril, die ich jetzt oft nach Schulschluss bei mir habe, sind ja dagegen die reinste Erholung!