LIEBE LESER/INNEN DER 1. VARIANTE: ICH HABE DEN TEXT SPÄTER BEGINNEN LASSEN UND DIE ERSTEN KAPITEL IN RÜCKBLENDEN GEPACKT (KURSIV). SOLLTE SICH EIN NEUER LESER HINZGESELLEN (WAS MICH SEHR FREUEN WÜRDE) IST DAS NACHVOLLZIEHBAR?

1. Poseidonia

Als Glaukos die Augen aufschlug, konnte er durch ein offnenes Fenster das Meer riechen und die Brandung hören. Lamgsam tauchten aus dem Nebel seiner Erinnerungen verschwommene Bilder von splitterndem Holz und donnernden Wogen in ihm auf und er wurde vom Selbstmitleid überwältigt. Warum wurde er nur immerzu vom Pech verfolgt? Hatte er die Götter beleidigt? Lastete ein Fluch auf ihm? Hoffentlich bewirkte dieser Fluch, dass auch das Schiff der wortbrüchigen Kupferhändler inzwischen an einer Klippe zerschellt war.

Vorsichtig betastete Glaukos seinen Hinterkopf. Er war verbunden, schmerzte aber nicht mehr. Welche Medizin hatte man ihm verabreicht und wo um der Götter Willen mochte er sein?

Ein blasses Mädchen huschte durch den Raum und nickte ihm im Vorbeeilen zu. Verblüfft schaute Glaukos ihr nach. Wo trugen die Frauen schräg geschnittene, enge Kleidungstücke tragen, die kaum die Knie bedeckten? Und erst die Frisur! Das lockige, dunkle Haar des schlanken Mädchens war kurz geschorenen. Wie konnte man sich nur so verunstalten! Seltsam war auch ihr Kopfputz: Sie hatte ihr kurzgelocktes Haar mit schillernden, buntfarbigen Federn geschmückt. Wie mochten die dazugehörenden Vögel aussehen? War er vielleicht doch ertrunken und in den Elysischen Feldern gelandet? Erstaunt hob Glaukos den Kopf und schaute sich um. Der Raum, in dem er sich befand war geräumig genug um Dutzende von Menschen zu beherbergen. Auf Strohsäcken lagen Verletzten und Kranken. Zwischen ihnen bewegten sich mehrere der seltsamen Vogelfrauen, alle fremdartig, aber von großer Schönheit, wenn man von den Frisuren absah. Sie redeten untereinander in einem Dialekt, den der Ithaker nur mit Mühe verstand. Ihre Aufgabe schien es zu sein, die Patienten zu versorgten, unter denen sich auch andere Schiffsbrüchigen befanden.

Glaukos schob die Decke von sich und bemerkte, dass er einen kompliziert gefalteten Schurz trug, in dem er sich wie eine altmodische Statue vorkam. Noch etwas schlaftrunken setzte er sich auf, blieb aber einen Augenblick lang mit gesenktem Kopf sitzen.

"Wielange muss ich noch hier bleiben? Ich bin es nicht gewohnt, untätig herumzuliegen", übertönte eine vertraute Stimme das summende Stimmgewirr, das den Saal erfüllte. Sie gehörte Gnomos, der sich bereits soweit erholt hatte, um sich über seine Lage zu beschweren. Glaukos wollte sich schon zu ihm gesellen, besann sich aber eines Besseren, da er sich noch nicht kräftig genug fühlte, um das Genörgel des Zwergs zu ertragen.

Aber wo war Antiope? Glaukos' Magen zog sich zusammen. Eines der Mädchen war gerade im Begriff vorbeizuhuschen. Ihr schmales Gesicht mit der langen Nase war eher charakteristisch als schön.

„Ich hatte eine Reisegefährtin, eine Amazone namens Antiope. Wo ist sie?", fragte Glaukos die junge Frau, die ihn aus braunen Augen argwöhnisch musterte. Wahrscheinlich sah er so grauenhaft aus wie er sich fühlte.

Das Mädchen legte ihre linke Hand auf die gebräunte Wange und überlegte einen Augenblick. Glaukos bemerkte, dass sie weder einen Ring noch einen Armreif trug.

„Sie war mit einem seltsamen roten Gewand begleitet", fragte sie dann mit melodischer Stimme.

Glaukos wurde von einem eisigen Schrecken durchfahren. Warum sprach man von Antiope in der Vergangenheitsform?

„Ja, das ist sie!", bestätigte er bang. "Aber wo ist sie? Es wird ihr doch nichts zugestoßen sein!"

Das dunkelhaarige Mädchen lächelte aufmunternd.

„Nein, sie ist wohlauf! Sie ist schon gestern aus dem Haus der Kranken entlassen worden."

Glaukos hatte das Wort Haus der Kranken zwar noch nie gehört, konnte sich jedoch vorstellen, worum es sich handelte. Aber gab es in diesem Ort so viele Kranke, dass man ein Haus für sie errichten musste? Wohin hatte es ihn um der Götter Willen verschlagen?

„Wie heißt diese Stadt?", fragte er obwohl er sich nicht sicher war, ob er es tatsächlich wissen wollte.

„Poseidonia!", antwortete die junge Frau in einem Tonfall als ob man die Stadt kennen müsse.

„Den Namen habe ich noch nie gehört", entfuhr es Glaukos.

Das Mädchen starrte ihn mit ungläubig aufgerissenen, dunklen Augen an und trat intuitiv einen Schritt zurück, so dass die Federn in ihren Haaren wippten.

„Du kennst nicht die größte Stadt von Atlantis, die Stadt, der goldenen Tore?"

Glaukos schüttelte erstaunt den Kopf, denn er hatte auch noch nie von Atlantis gehört. Würde er wohl jemals wieder nach Hause kommen? Um nicht in schwarzer Verzweiflung zu versinken, rief er sich ins Gedächtnis, dass sich seine Lage gebessert hatte. Noch vor kurzem war im Laderaum eines Seeräuberschiffes angekettet gewesen und nun kümmerten sich hübsche Frauen um ihn.

„Dann musst du von sehr weit her kommen: Poseidonia ist schließlich der Mittelpunkt der Welt, denn es gibt kein größeres Reich als Atlantis", erklärte ihm das Mädchen im Brustton der Überzeugung.

Erneut ließ Glaukos seinen Blick durch den Saal schweifen. Er erkannte nur wenige bekannte Gesichter, der Kapitän des Seeräuberschiffes war nicht darunter. Wenigstens hatte den Pirat seine gerechte Strafe ereilt.

Das braunäugige Mädchen, das er vorhin angesprochen hatte, trat eine halbe Stunde später erneut an sein Lager.

„Du hattest Wasser geschluckt und wir mussten eine alte Wunde an deinem Kopf behandeln. Du scheinst aber wieder einigermaßen bei Kräften zu sein. Daher darfst du das Haus der Kranken verlassen. Ich bringe dich jetzt zu jemanden, der dir einige Fragen stellen möchte", sagte sie betont langsam und überreichte dem Ithaker ein Bündel, in dem seine alte Kleidung und die Habseligkeiten verschnürt war, die er beim Schiffsbruch bei sich geführt hatte.

Als Glaukos sich erhob merkte er, dass er noch etwas unsicher auf den Beinen war. Langsam und vorsichtig folgte er der jungen Frau durch den Saal und trat ins Freie. Auf der Türschwelle blieb er abrupt stehen, denn der Anblick, der sich ihm draußen bot verschlug ihm den Atem. Die riesige Stadt, die vor ihm lag war das Überwältigendste, das Glaukos jemals gesehen hatte. Auf dem Grundriss eines Sechsecks konstruiert, wurde die Königsstadt von fünf Mauern und ebenso vielen Kanälen umgürtet. Sie unterteilten die Stadt in zwei ringförmige Landtreifen und eine mittlere Insel. Je nach Stadtteil waren die Gebäude in unterschiedlichen Farben gestrichen. Den krönenden Abschluss bildete die Bauwerke der bergige Zentralinsel, die nach dem Himmel zu greifen schienen. Hier befand sich das religiöse und politische Zentrum von Poseidonia, herausgehoben durch den weithin leuchtenden Glanz der Wände, die mit einen rot-goldenen Metall überzogen waren, das flüssiger Lava glich. In den dichter bebauten, tiefer gelegenen Wohnbereichen stießen die Baukörper aneinander, wie die Waben eines Bienenstockes. Absolut gleichartige, blitzförmige Strassen verbanden die Wohninseln miteinander. Glaukos fragte sich, ob sich die Einwohner nicht auf dem Heimweg verliefen.

"Worauf wartest du noch?"

Die Frage des Mädchens brauchte Glaukos ins Bewusstsein, dass er vor der Tür des Hauses der Kranken stehen geblieben war, das sich außerhalb der Stadtmauern befand.

"Ich komme schon", murrte er, bevor er der jungen Frau mit der seltsamen Frisur hinterherging.

In der morgendlichen Kühlte stampften vor der Stadtmauer Arbeiter Ziegel aus dem Boden. Andere stapelten die fertigen Bausteine zu großen fünfeckigen Stößen auf. Auf den Kanälen passierten Kähne und Ruderboote, beladen mit Waren und fremdländisch gekleideten Menschen. Ein vornehmer Mann im gefältelten Roch überquerte die Brücke, umgeben von vier Dienern, die einen Baldachin über ihren Herren hielten. Ein weiterer Diener war damit beschäftigt, mit einem Wedel aus langen, bunt schimmernden Federn die Insekten zu verscheuchen. Bauern brachten auf ochsengezogenen Wagen ihre Ware in die Stadt.

Glaukos musste eines der Gespanne passieren lassen, bevor er das Stadttor durchschreiten konnte. Das Wasser im Kanal war so ruhig, dass sich die Spiegelbilder der Häuser kaum regten. Hinter der Brücke säumten einfache, weiß getünchte Häuser die sauber gefegte Straße. Alle Gebäude waren mit den gleichen Steinen nach einem einheitlichem Plan errichtet und grenzten fugenlos aneinander, ohne Freiflächen für Gärten oder Höfe zu lassen.

„In diesem Fünftel wohnen die weniger Reichen", sagte das Mädchen in einem verdrießlichen Tonfall, der erkennen ließ, dass sie den Fremden lieber durch andere Straßen geführt hätte.

Die weniger Reichen? Glaukos wunderte sich über die seltsame Ausdrucksweise. War in dieser Stadt das Wort Armut verpönt?

In den engen Gassen erwachte das Leben nach der nächtlichen Stille. Handwerker und Händler öffneten ihre Geschäfte, vor denen bereits die Hausfrauen schwätzten. Nach einem etwas zwanzigminütigen Fußmarsch durchschritt Glaukos' Führerin das offene Portal eines repräsentativen Hauses, das zwischen den einfachen Häusern leicht deplaziert wirkte. Sie geleitete Glaukos zum letzten Raum eines Korridors und blieb neben einer geöffneten Tür stehen. Der Marsch durch die Sonne hatte Glaukos durstig gemacht. Bevor er eintrat, griff er nach seinem Wasserschlauch, musste aber feststellen, dass er leer war.

"Geh endlich hinein!", forderte seine Begleiterin ihn auf.

Drinnen fiel Licht, in dem Staubkörner tanzten durch in der Decke angebrachten Fenster auf einen Kachelboden, auf dem in regelmässigen Abständen Regale standen. Hinter einem Tisch, der aus den Stängeln eines riesigen Grases gefertigt war saß ein behäbiger, blau gekleideter Mann mittleren Alters. Mit seinem ovalen Gesicht, dem spitzem Kinn und dem krausen Haar war er nicht gerade attraktiv. In der knochigen Rechten hielt er einen spitzen Griffel. Er diente offenbar zum Einritzen von Buchstaben in die sechseckigen wachsüberzogenen Holztafeln, die auf der Tischplatte herumlagen.

Als er die Schritte des Neuankömmlings vernahm, blickte er vom Tisch auf und fragte den Ithaker nach seinem Namen, forderte ihn aber nicht auf, Platz zu nehmen.

„Ich bin Glaukos, Sohn des Glaukos, des königlichen Bogenmachers von Ithaka."

Der schwerfällige Staatdiener legte die Fingerspitzen aneinander, während er Glaukos mit seinen dunkelbrauenen Augen musterte.

„Es ist seltsam, dass fast jeder von euch Schiffsbrüchigen aus einer anderen Stadt stammt."

Glaukos zögerte, denn er wollte seinem Gegenüber lieber nicht auftischen, dass er ein entflohener Gefangener war. Schließlich konnte man nicht wissen, ob die Einheimischen Verbündete der Piraten waren. Es gab angeblich sogar Länder, in denen man Fremde versklavte oder den Göttern opferte.

„Schiffsbesatzungen sind häufig bunt zusammengewürfelt", war daher die ausweichende Antwort.

"Du solltest dem Meeresgott Poseidon opfern und ihn um Vergebung anflehen. Du musst ihn beleidigt haben, da er dir nicht wohl gesonnen ist."

Ich weiß nicht, was unwissentlich getan habe, überlegte Glaukos. Aber es muss schon ein Frevel gewesen sein, um eine derartige Bestrafung zu rechtfertigen.

Der Beamte grübelte einige Sekunden, dann zog er eine fünfeckige Kanne über den Tisch zu sich. Ein bitteres und zugleich muffiges Aroma stieg Glaukos in die Nase. Frustriert starrte er seine abgetragenen Sandalen an, während sich der Würdenträger einen Becher mit einer nebelfarbenen Flüssigkeit füllte. Glaukos war es nicht gewohnt, dass man ihm im Raum herumstehen ließ und in aller Ruhe etwas trank, ohne ihm ebenfalls einen Becher anzubieten. Endlich brach der ältere Mann das Schweigen.

„Wozu braucht man auf einem Schiff einen Bogenmacher?", wollte er wissen.

Glaukos legte sich sorgfältig seine Worte zusammen, während sein Gegenüber genüsslich sein Trinkgefäß leerte.

„Ich habe meinen Vater gesucht, der mit unserem König Odysseus nach Troia gezogen ist. Auf der Rückreise bin ich von Sklavenhändlern gefangen genommen worden, habe Schiffsbruch erlitten und ein Kapitän, den ich für meine Passage bezahlt hatte, hat mich einfach auf Kypros sitzen gelassen", erklärte Glaukos schließlich, wobei er vorsichtshalber die Ereignisse nicht in der richtigen Reihenfolge referierte.

„Wir werden dich der größten Bogenmacherwerkstatt von Poseidonia zuteilen", sagte der Beamte in einem sachlichen Tonfall und machte eine Handbewegung, die zeigte, dass er das Gespräch als beendet betrachtete.

Schon wollte Glaukos protestieren, aber er besann sich, denn er war nicht in der Position um zu verhandeln.

„Bitte entschuldigt meine Neugier, aber es gibt noch etwas, was ich gern wissen möchte", entgegnete er stattdessen. "Auf Kypros hatte ich zwei Reisegefährten, einen Zwerg und eine Amazone." Der erstaunte Blick des Beamten zeigte, dass er nicht wusste, wovon Glaukos sprach. „Amazonen sind kriegerische Frauen und Zwerge kleine Menschen", erklärte er daher.

„Du meinst den streitsüchtigen Gesellen mit dem langen Bart und die seltsam gewandete ebenfalls ausgesprochen cholerische Frau?"

"Ja, genau. Wann kann ich meine Gefährten wieder sehen?", stellte Glaukos die Frage, die ihm auf dem Herzen lag.

„Wann immer du möchtest. Schließlich hat der Arzt euch alle drei aus dem Haus der Kranken entlassen." Der Staatsdiener blickte mit leuchtenden Augen zu Glaukos hoch. „Einer deiner Kameraden erwartet dich schon draußen. Ihr solltet euch Poseidonia ansehen. Wie sind alle sehr stolz auf die Schönheit unserer Hauptstadt."

Als der Ithaker auf die Straße, trat stand die Sonne bereits so hoch, dass ihr Licht schmerzte. Draußen ging Gnomos vor dem Eingang auf und ab. Mit seinem langen Bart und seinem plissierten Schurz sah er derart wunderlich aus, dass fünf feixenden Straßenjungen zusammengelaufen waren.

„Ich muss mir endlich eine Axt besorgen und wenn ich sie stehlen muss", schimpfte er vor sich hin. Er war vor Wut rot angelaufen und knirschte laut hörbar mit den Zähnen. „Wahrscheinlich genügt es aber, sich einige der sechseckigen Scheiben aus Metall zu beschaffen. Auf dem Markt habe ich beobachtet, wie die Einheimischen kleine Metallscheiben gegen große Ochsen umtauschten.

„Du warst auf dem Marktplatz?", erkundigte sich Glaukos erstaunt.

„Gestern morgen bin ich ganz früh aufgestanden, um mich etwas in der Stadt umzusehen. Der Markt ist eindrucksvoll, aber es stehen dort grauenhafte Figuren herum. Sie sind durchsichtig und stellen wild um sich schlagende Menschen dar. Es sind drei Stück: Ein Mann, eine Frau und eine kleinere Figur, die ich zuerst für einen Zwerg gehalten habe. Da sie aber keinen Bart hat, wird es sich wohl um ein Menschenkind handeln", erzählte Gnomos, bedachte dann die johlenden Straßenjungen mit finsteren Blicken und räusperte sich. „Ich habe hier auf dich gewartet, um mich zu verabschieden. Vielleicht sieht man sich ja mal wieder", fügte er verlegen hinzu und wandte sich abrupt zum Gehen.

Glaukos fühlte sich, als würde ihm der Teppich unter den Füßen weggezogen.

„Was soll das heißen? Du kannst mich doch nicht einfach hier stehen lassen?", fragte er in das eingetretene Schweigen beklommen. "Ich bin davon ausgegangen, dass wir in diesem fremden Land zusammenbleiben."

Gnomos fuhr sich mit der Hand durch den Bart, wohl um sein Unbehagen zu verbergen.

„Ich glaube doch kaum, dass du mich in ein Bergwerk begleiten möchtest."

Glaukos meinte einen Augenblick lang sich verhört zu haben.

„Wohin willst du? Hast du denn immer noch nicht genug von finsteren, staubigen Minen? Dann hätte ich dich genauso gut bei Tremmatos zurücklassen können!", rief er dann aus. Nur allzu gut hatte er noch seine erste Begegnung mit dem Zwerg in Erinnerung.

Lautes Hämmern drang aus der Höhle und Glaukos wurde von einer unbestimmten Furcht ergriffen. Dann sah er hinter einem Busch abgenagte Knochen auf dem trockenen Boden liegen. Nichts wie weg, dachte er bestürzt. Aber bevor auch nur dazu kam, sich umzuwenden, erschien im Höhleneingang ein bärenartiges Wesen, das ihn um mindestens eine Haupteslänge überragte.

„Was sehe ich da, ein Mensch", murmelte er mit tiefer Stimme.

Das Wesen konnte sprechen! Entsetzt begriff Glaukos, dass sein Gegenüber ein bärtiger Riese mit verfilzten Haaren war, die in ein vor Dreck starrendes, an mehreren Stellen zerrissenes Fell überging, das ihm als Gewand diente. Der Blick seiner schwarzen Augen unter buschigen Brauen war unstet und bedrohlich. Glaukos spürte eine eisige Kälte in sich aufsteigen, wagte es aber nicht wegzulaufen, denn der Unhold war sicherlich schneller als er.

"Ich habe mich nur verlaufen", stammelte er, da ihm nichts Besseres einfiel.

Das Hämmern wurde immer leiser, bis es gar nicht mehr zu vernehmen war. Missmutig fuhr der Riese herum. Glaukos bemerkte, dass dieser ein drittes, größeres Auge im Nacken besaß, das ihn bösartig anfunkelte. Ein Kyklop, durchfuhr es Glaukos.

Aus der Höhle schallte wieder gleichmäßiges Hämmern und der Riese wandte sich Glaukos mit zufriedenem Gesichtsausdruck zu. Dessen Körper versteifte sich, als ihn der Riese taxierte. Bei all dem, was ich in den letzten Monaten durchgemacht habe, werde ich doch jetzt nicht im Magen dieses Monsters landen, durchfuhr es ihm. Ich muss versuchen, ihn in ein Gespräch zu verwickeln.

„Bist du ein Verwandter von Polyphem?", fragte er arglos.

„Er ist tatsächlich entfernt mit mir verwandt." Der Riese verzog das Gesicht zu einer verächtlichen Grimasse. Das war wohl doch keine gute Idee, dachte Glaukos. „Aber ich bin kein primitiver Schafhirte, sondern gehöre dem vornehmsten Familienzweig der Kyklopen an, dem der Söhne des Schmiedegottes Haiphaistion."

„Wieso wohnst du dann hier in der Wildnis?", fragte Glaukos, um Zeit zu gewinnen.

„Ich bin der Gastgeber meines Vaters Haiphaistion, wenn immer er auf Kypros weilt."

Angsterfüllt überlegte Glaukos, wie er das Gespräch im Gang halten konnte.

„Wie heißt du?", fragte er, obwohl ihm das herzlich gleichgültig war. „Wie lautet der Name, bei dem dich deine Familie und die Freunde rufen. Kein Wesen, das keinen Namen hat, selbst nicht die wilden Kyklopen."

„Ich bin Tremmatos, der Bergingenieur", antwortete der Riese, in einem Tonfall, als ob man ihn kennen müsste.

Glaukos wurde von einer neuen Welle des Grauens durchflutet, denn man munkelte, Bergingenieure besäßen Zauberkräfte, mittels derer sie feste Stoffe in flüssige und wieder zurück in feste Materie verwandeln konnten.

„Ich fühle mich hoch geehrt, deine Bekanntschaft zu machen", stotterte er um dem Riesen zu schmeicheln.

„Es ist lange her, dass sich ein Fremder hierher verirrt hat", knurrte der Kyklop und Glaukos' Nackenhaare sträubten sich. Trotz der Hitze begann er zu zittern.

„Allen gottesfürchtigen Geschöpfen ist die Gastfreundschaft heilig", erklärte er mit dem Mut der Verzweiflung. „Wenn Du meinst, dass du Polyphem überlegen bist, so beweise es!"

Die Augen des Riesen verengten sich zu Schlitzen.

„Ich bin nicht so dumm, auf deine plumpen Schmeicheleien hereinzufallen!"

Glaukos beschloss, alles auf eine Karte zu setzen.

„Du bist nicht nur ein unzivilisierter Babar", sagte er, „sondern auch ein Feigling, der einen ehrlichen Wettkampf scheut."

Tremmatos zog ein verblüfftes Gesicht und schien nachzugrüblen.

„Ich fordere dich zu einer Würfelpartie heraus!" erklärte Glaukos, die Langsamkeit des Riesen ausnützend. Hastig fingerte er in seiner Gürteltasche herum und förderte einen Satz Würfel zutage. Er führte stets zwei Sätze bei sich, von denen aber einer manipuliert war. Sonst wäre Glaukos nicht bis nach Troia gekommen, auch wenn er die Würfel nur im äußersten Notfall eingesetzt hatte.

Noch immer schwieg Tremmatos. Glaukos rief sich ins Gedächtnis, dass er vorsichtig sein musste. Der Kyklop mochte primitiv sein, aber er war bärenstark.

„Wir würfeln in meiner Höhle. Dort habe ich einen Tisch", brummte Tremmatos schließlich und machte eine unwirsche Bewegung.

Panisch suchte Glaukos nach einem Vorwand, draußen zu bleiben, aber es fiel ihm keiner ein. So sehr es ihm auch widerstrebte, die Wohnstätte des Unholdes zu betreten, er musste ihm folgen. Drinnen erhellte eine einzige Fackel den Innenraum nur äußerst unzulänglich. Daneben hing über den glühenden Holzkohlen des Herdes ein großer Kupferkessel, in dem ein köstlich riechender Eintopf brodelte. Nur langsam gewöhnten Glaukos' Augen sich an die Düsternis. Aber langsam schälte sich eine Schmiede aus dem Dämmerlicht. Ihr Feuer war jedoch erloschen und die Werkzeuge lagen unordentlich auf dem Boden herum. Ansonsten war die staubige Höhle fast leer. Selbst den Tisch, den der Riese erwähnt hatte suchte Glaukos vergeblich.

„Warte in der Mine!", befahl Tremmatos und deutete in den hinteren Bereich seiner Höhle.

Glaukos machte ein paar Schritte, blieb aber verblüfft stehen, als er den Urheber des Hämmerns sah: Der Wohnbereich ging in den niedrigen Stollen eines Bergwerkes über. Hier mühte sich ein Zwerg damit ab, mit einer kleinen Hacke Gesteinsbrocken aus der Wand abzuschlagen. An der Wand lehnten ein lehmiger bronzener Meißel und ein mit Erzbrocken gefüllter Korb. Der kleine Bergmann war kein Zwerg, von der Art, die auf den Marktplätzen gezeigt wurden, denn er war wohlproportioniert. Sein muskulöser Oberkörper verriet, dass er schon seit langem schwere Arbeiten verrichtete. Seine Kleidung entsprach der des Riesen, war aber fast grau vor Staub. Die verfilzten Enden des langen Vollbartes waren in den groben Strick gesteckt, der ihm als Gürtel diente.

Glaukos stellte fest, dass die Decke des Stollens so niedrig war, dass er nicht hätte aufrecht in der Mine stehen können. Verstohlen blickte er in die Höhle zurück, wo der Riese gerade eine große, kreisförmige Kupferplatte heranrollte. Das Schieben des Metalls über den unebenen Boden verursachte ein unangenehmes, knirschendes Geräusch.

„Wenn du mich mitnimmst lenke ich Tremmatos ab, wenn du die Würfel austauschst", flüsterte der Zwerg, ohne seine Arbeit zu unterbrechen.

Glaukos schrak zusammen, drehte sich um und schaute perplex auf den Zwerg herab. Erst jetzt bemerkte er, dass dieser angekettet war. Der kleine Bergmann hatte ihn für einen Falschspieler gehalten! Glaukos konnte nur hoffen, dass Tremmatos vertrauensseliger war.

„Also was ist? Nimmst du mich mit?", bohrte der Zwerg nach. Glaukos nickte automatisch. Das Angebot schien ihm fair zu sein, aber wie wollte der kleine Geselle, der obendrein angekettet war, ihm helfen?

Mit vor Anstrengung hochrotem Gesicht hebelte Tremmatos die Kupferplatte vom Boden hoch. Als er sie über dem Kessel loslies, schlug Metall auf Metall, ein schriller Klang, der von den Wänden zurückgeworfen wurde.

"Worauf warteste du noch", murrte der Riese, während er zwei dreibeinige Hocker heranschleppte, die viel zu hoch für Glaukos waren. Nur mit Mühe gelang es ihm, die Sitzfläche zu erklimmen.

Tremmatos knallte einen Leuchter auf die Platte, den Glaukos nicht hätte heben können und zündete die Kerzen an.

„Woher hast du den Zwerg?", fragte Glaukos, denn er wollte wenigstens wissen, mit wem er sich eingelassen hatte.

„Ich habe ihn in der Grube gefunden, wo er gerade einen Rausch ausschlief."

„Ich habe mich betrunken, weil meine Leute mich hier allein zurück gelassen haben", rief der Zwerg erbost aus dem Stollen.

„Du bist selbst daran Schuld, dass du den Aufbruch deines Stammes verschlafen hast", verbesserte ihn Tremmatos.

„Das stimmt nicht", protestierte der Zwerg und hörte auf zu hämmern. „Ich habe tief unten in der Mine gearbeitet, während die anderen zu den Zinnminen in Cornwell aufgebrochen sind. Offensichtlich haben sie mich vergessen."

Das hämische Grinsen des Kyklopen enthüllte eine Zahnlücke.

„Dafür bin ich ihnen sehr dankbar, denn ich kann immer gute Bergleute gebrauchen."

Die Kerzen waren so weit abgebrannt, dass Wachs über den Kerzenständer rann und von dort auf die Tischplatten und den Boden herunter tropfte. Der Rhythmus des Klopfens mischte sich mit dem Hämmern des Zwerges, der seine Arbeit wieder aufgenommen hatte, zu einem zweistimmigen Trommeln.

Glaukos gab sich einen Ruck und präsentierte seine Würfel.

„Die höchste Augenzahl gewinnt", sagte er. „Wenn ich siege, lässt du mich und den Zwerg frei. Wenn dir der bessere Wurf gelingt, bleibe auch ich bei dir."

Das Gesicht des Kyklopen verzog sich zu einer hässlichen Grimasse.

„Welches Interesse hast du an dem Gnom?"

Panische suchte Glaukos nach einer glaubhaften Erklärung.

„Ich bin der Kapitän eines Handelsschiffes, das auf der Fahrt nach Cornwall ist…"

„Und wieso läufst du dann ganz allein auf Kypros herum?", fiel ihm Tremmatos ins Wort.

Mit Schrecken stellte Glaukos fest, dass sein Gegenüber weniger beschränkt war, als er aussah. Wie sollte er nur diese Absurditäten zu einer plausiblen Geschichte zusammenfügen?

„Nach all den Wochen an Bord genieße ich die Einsamkeit", log er und kam sich unsäglich albern vor. „In der Zwischenzeit beladen meine Seeleute das Schiff mit Kupfer", fuhr Glaukos fort. „Bei meinem letzten Aufenthalt in Cornwall erfuhr ich, dass man in der Eile Verwandte auf Kypros zurückgelassen hat. Nun werden die Zwerge von Reue geplagt…"

„Dazu haben sie auch allen Grund", unterbrach ihn der kleine Bergmann.

"Du tust deinen Leuten Unrecht", sagte Glaukos inständig hoffend, dass der Zwerg die Lügengeschichte nicht für bare Münze nahm. „Dein Volk ist in großer Eile aufgebrochen. Erst in Cornwall bemerkten sie, dass nicht alle auf den Schiffen waren. Sie zahlen jedem eine hohe Belohnung, der einen ihrer Verwandten zurückbringt."

Das Gesicht des Riesen nahm einen verschlagenen Ausdruck an. Wahrscheinlich witterte er ein Geschäft.

„Vielleicht sollte ich ihn bei seinen Leuten abliefern", sagte er, wobei er das Wort ich sehr lang dehnte.

Diese Wendung hatte Glaukos nicht erwartet. Langsam wuchs ihm die Sache über den Kopf.

„Du hast kein Schiff", erwiderte er brüsk. „Außerdem hassen die Zwerge dich, weil du Angehörige ihres Volkes zur Fronarbeit zwingst." Glaukos hoffte, dass er nicht zu heftig reagiert hatte. „Lasst uns endlich mit dem Würfelspiel beginnen!", forderte er Tremmatos auf, damit dieser nicht über seine Worte nachdachte.

Dann realisierte er, dass er etwas Wichtiges vergessen hatte.

„Wir brauchen noch einen Knobelbecher", sagte er so beiläufig wie möglich, gezinkte Würfel verrieten sich durch eine torkelnde Rollbewegung, da sie unterschiedlich stark abgerundete Kanten hatten. Nur durch den Einsatz eines Würfelbechers konnte man das vertuscht.

Der Riese holte aus der Tiefe seiner Höhle einen schmutzigen Keramikbecher. Unmöglich zu sagen, welche Farbe das Gefäß im gereinigten Zustand haben mochte.

„Zuerst würfelst du um dein eigenes Leben und falls du gewinnen solltest, dann sehen wir weiter."

Tremmatos streckte ihm seine Pranke entgegen. Während Glaukso die Würfel überreichte, versuchte er arglos dreinzuschauen. Der Riese ließ die Würfel mit einer derartigen Wucht in den Becher fallen, dass sie beim Landen ein schepperndes Geräusch verursachte. Erschaudernd hoffte Glaukos, dass der Keramikbecher bei dieser groben Behandlung nicht zerbrach. Wer weiß, ob Tremmatos einen zweiten besaß.

Ganz langsam legte der Riese seine linke Hand auf den Becher und murmelte mit geschlossenen Augen Beschwörungsformeln. Dann schüttelte er das Gefäß. Die Würfel schlugen so laut gegen die Wand des Gefäßes, dass es schaurig durch die Höhle hallte.

Der Riese knallte den Becher auf die bronzene Tischplatte, die einen dumpf dröhnenden Ton von sich gab. Die Würfel tanzten auf dem Metall und Glaukos fühlte sich an einen heftigen Hagel erinnert. Hoffentlich hat er einen miesen Wurf gemacht! Dachte er.

Mit einem entschlossenen Ruck hob Tremmatos den Becher hoch und Glaukos hielt den Atem an.

Tremmatos verzog das Gesicht.

„Beim Hades!", fluchte er laut, denn er hatte zwei Zweien und eine Drei geworfen. Wütend starrte er die Würfel an, als seien Sie sein Todfeind

„Ich kann auch nichts dafür, dass dir das Glück nicht hold ist", sagte Glaukos beschwichtigend.

Der Kyklop warf missmutigem Gesichtsausdruck die Würfel in den verklebten Becher zurück und drückte ihn Glaukos in die Hand.

„Du bist dran!"

Wie sollte er die Würfel unbemerkt umtauschen, obwohl Tremmatos ihn nicht aus den Augen ließ? Nur mit Mühe beherrschte sich Glaukos, um sich nicht nach dem Zwerg umzuschauen. Worauf wartete der kleine Bergmann? Zuerst versprach er seine Hilfe und dann ließ er ihn im Stich.

Lustlos schüttelte Glaukos den Becher. Im gleichen Augenblick drang lautes Niesen aus der Grube und das Hämmern verstummte.

Mit einer Geschwindigkeit, die Glaukos ihm nicht zugetraut hätte fuhr Tremmatos herum.

„Stör uns nicht beim Spiel!", brüllte er den Zwerg an.

Jetzt oder nie, dachte Glaukos. Sein Puls raste, als er mit einer blitzschnellen Handbewegung den Becher umdrehte und die Würfel in seinen Schoß fallen ließ. Dann holte er genauso geschwind die gezinkten Würfel aus dem Lederbeutel.

„Dieser staubige Tunnel bringt mich noch um", giftete der Zwerg aus dem Stollen.

„Stell dich nicht so an!"

Plötzlich realisierte Glaukos, dass das dritte Auge des Riesend vergessen hatte. Ihm lief es eiskalt den Rücken hinunter, sein Magen meldete sich wieder und die Zeit schien stillzustehen. Warum, um der Götter Willen hatte dieser Kyklop ein drittes Auge, obwohl Polyphem nur ein einziges besaß? Obwohl es im grauste, versuchte Glaukos, einen unschuldigen Gesichtsausdruck zu produzieren.

Im gleichen Augenblick wandte sich Tremmatos wieder seinem Gefangenem zu. Feindselig starrte er ihn mit seinen schwarzen Augen an.

„Worauf wartest du?"

Glaukos' Haltung entspannte sich wieder ein wenig. Tremmatos schien den Austausch nicht bemerkt zu haben. Trotzdem musste Glaukos beim nächsten Wurf vorsichtiger sein, aber er hatte keine Ahnung, wo er das bewerkstelligen sollte. Mit einem leisen Seufzer warf er die manipulierten Würfel in den Becher. Als er die Linke auf die Öffnung des dreckigen Gefäßes legte, fühlte er Ekel in sich aufsteigen. Er würgte, bevor er die Knochen im Würfelbecher tanzen ließ. Dann stürzte er das Gefäß mit einer entschlossenen Bewegung auf den Tisch. Wieder hallte es unheimlich durch die Höhle. Es dauerte eine Ewigkeit, bis die Würfel zur Ruhe gekommen waren. Als sie endlich ihren Tanz beendet hatten hob Glakos den Becher mit einem jähen Ruck hoch.

„Drei Sechsen", rief Glaukos aus und versuchte, Überraschung und Freude vorzutäuschen.

Tremmatos fluchte noch unflätiger als nach seinem eigenen Wurf, aber diesmal verstand Glaukos kein Wort, da die Wut den Kyklopen in die Sprache seines Volkes hatte verfallen lassen.

„Der Aphroditewurf!", entfuhr es ihm, als er sich soweit beruhigt hatte, dass er wieder griechisch sprechen konnte. „Dahinter kann nur Zauberei stecken."

Mit diesem Vorwurf hatte Glaukos wirklich nicht gerechnet. Aber der Riese hatte ihn auf eine Idee gebracht.

„Ich habe der Göttin eine Wallfahrt nach Paphos gelobt. Deshalb war sie mir wohl gesonnen", verkündete er scheinheilig.

„Denk daran, dass du mich mitnehmen wolltest", meldete sich der Zwerg aus der Tiefe der Höhle.

„Nimm gefälligst deine Arbeit wieder auf", fuhr der Riesen seinen Gefangenen an. „Sonst bekommst du heute Abend nichts zu Essen!"

Diesmal bewegte sich Glaukos ganz langsam. Er sah dem Kyklop in das Nackenauge, während er die falschen Würfel in die Tunika fallen ließ.

„Ich muss bei Kräften bleiben, für meine schwere Arbeit", protestierte der Zwerg.

Während der Kyklop seinen Sklaven anbrüllte, warf Glaukos die normalen Würfel in den Becher.

„Lass die Würfel entscheiden, ob der Zwerg die Freiheit erhält", sagte er zu Tremmatos.

Der Kyklopen spuckte auf den Boden.

„Gib mir den Becher! Diesmal lächelt mir die Glücksgöttin."

Wieder murmelte der Kyklop Beschwörungen als er die Würfel in den Becher warf. Sein dummes Gesicht nahm einen entschlossenen Ausdruck an, dann schüttelte Tremmatos den Becher. Wieder schlugen die Würfel so heftig gegen das Keramikgefäß, dass Glaukos befürchtete, dass es zerbrach. Dann knallte der Kyklop den Becher auf die Metallplatte. Er zögerte einen Augenblick und hob dann mit triumphaler Mine das Karamikgefäß hoch.

Glaukos sah eine Summe von nur sieben Augen und hätte fast vor Erleichterung gelacht.

„Das geht nicht mit rechten Dingen zu!", brüllte Tremmatos.

Noch ist die Sache nicht ausgestanden, schärfte Glaukos sich ein, du musst noch einmal die Würfel austauschen. Er wischte sich über die verschwitzte Stirn, bevor er den Becher in die Hand nahm und mit angehaltenem Atem auf das Ablenkungsmanöver des Zwerges wartete.

Endlich war lautes Husten aus dem Stollen zu vernehmen. Es klang so als ob sich der Zwerg verschluckt hätte. Konnte er sich nicht etwas Neues einfallen lassen? Trotzdem ging Tremmatos darauf ein und drehte sich um. Konzentrier dich, dachte Glaukos, während er die Würfel herausholte. Diesmal konnte er sie in den Beutel fallen lassen, denn sie wurden ja hoffentlich nicht mehr gebraucht. Erneut hustete der Zwerg, diesmal noch lauter als zuvor. Schwerfällig erhob Tremmatos sich von seinem Hocker und trottete in die Grube.

„Die staubige Luft macht mich krank", hörte Glaukos den Zwerg jammern.

„Stell dich nicht so an. Du bist völlig gesund! Strapazier meine Geduld nicht länger, sonst gibt es heute Abend nichts zu essen…."

Tremmatos stapfte zurück, aber Glaukos hatte mittlerweile die glücksbringenden Würfel in den Becher geschmuggelt. Glaukos schüttelte den Becher und versuchte dabei einen nervösen Eindruck zu erwecken. Mit ängstlichem Gesichtsausdruck stürzte er den Becher auf die Metallplatte, etwas zu zaghaft, wie er selbst fand. Die Würfel tanzten. Dann herrschte Stille, aber Glaukos hob den Würfelbecher nicht gleich hoch, sondern tat so als ob er Angst hätte. Ganz langsam kippte er das Keramikgefäß nach vorn, lugte hinein und verzog beim Anblick des Aphroditewurfs verzückt das Gesicht.

„Die Göttin hat meine Gebete erhört!", rief er noch bevor der Riese reagieren konnte.

In Erwartung eines Wutanfalls des Kyklopen hielt er den Atem an, aber nichts dergleichen geschah. Mit einer schwer zu deutenden Mine schritt Tremmatos zu seinem Sklaven und löste dessen Ketten.

„Verschwindet, ehe ich es mir anders überlege!" fuhr Tremmatos den Ithaker an. „Du wirst es noch bereuen, den Zwerg befreit haben."

Diese Worte klangen Glaukos im Ohr, als Gnomos eine wegwerfende Handbewegung machte.

„Was soll ich in der Stadt der Menschen? Ich bin es leid, mich anstarren zu lassen", verkündete er und zupfte an seinem Bart. "Unser Ruf muss bis nach Atlantis gedrungen sein. Man hat mich nämlich dem Schatzmeister der Hochkönigin von Poseidonia vorgestellt und dieser hat mir den Auftrag gegeben, die königlichen Minen zu inspizieren."

Glaukos starrte einen Augenblick lang brütend vor sich hin.

„Und wann brichst du auf?", fragte er schließlich und erschrak über den bedrückten Klang seiner Stimme.

„Sofort. Ich beginne meine Inspektionsreise mit der Basileosgrube, in der Oreichalkos abgebaut wird. Darauf bin ich besonders neugierig."

„Was für ein Metall?", fragte Glaukos erstaunt, da er das Wort noch nie gehört hatte.

„Oreichalkos!" wiederholte Gnomos in dem Tonfall, in dem man von seiner Geliebten spricht. „Das ist das rotgolden leuchtende Metall, mit dem die Mauern des Poseidontempels überzogen sind. Wegen seines sonnengleichen Glanzes schätzt man es hier mehr als jedes andere Metall. Der Schatzmeister hofft, ich könne dazu beitragen, den Ertrag zu steigern, indem ich die hiesige Bergbautechnik mit unserer vergleiche. Aber über den Ausgang dieses Vergleiches kann es keinen Zweifel geben. Wenn es um Bergbau geht, kann es niemand mit den Zwergen aufnehmen!", fügte Gnomos, nicht ohne Selbstgerechtigkeit hinzu.

Noch vor einer Woche hätte Glaukos über diese Bemerkung gelacht, aber momentan war ihm nach nichts weniger zumute.

„Ich habe großes Glück, in einem Reich gelandet zu sein, in dem der Bergbau hoch angesehen ist." Die dunklen Augen im bärtigen Gesicht des Zwerges glänzten vor Begeisterung. Dann verfinsterte sich seine Mine. "Leider habe ich einen weiten Weg vor mir, denn die Oreichalkos-Mine befindet sich in den nördlichen Bergen."

Gnomos schien sich bereits in der Geographie dieser von den Göttern verfluchten Insel auszukennen.

„Und wo ist Poseidonia?", erkundigte sich Glaukos.

„Im Osten! Oder meinst du, wir sind im Bogen um Atlantis herumgespült worden?"

„Aber Du besuchst mich doch, wenn du wieder einmal in Poseidonia bist?", bat Glaukos, ohne auf die unhöfliche Auskunft einzugehen. „Und, wenn du zufällig von einem Schiff hörst, das nach Hellas fährt, sag mir bitte sofort Bescheid!"

Wieder strich Gnomos sich durch seinen langen Bart.

"Warst du glücklich auf Ithaka?"

Nur wenn ich von fernen Ländern geträumt habe, durchfuhr es Glaukos. Aber er hatte dort seine Verlobte zurückgelassen.

„Ithaka ist meine Heimat", erwiderte er ausweichend.

"Ich jedenfalls fühle mich hier schon fast heimisch", verkündete der Zwerg und wollte sich auf den Weg machen, aber Glaukos ließ ihn noch nicht gehen.

„Weißt du, wo Antiope ist?", fragte er.

„Sie ist in die Palastgarde eingetreten."

„Und wo finde ich diese Garde?"

„Blöde Frage!" brummelte der Zwerg. „Natürlich vor dem Königspalast."

Glaukos hatte keine Lust, das unergiebige Gespräch mit dem grantigen Zwerg fortzusetzen und verabschiedete sich.