35. Der Abschied

Die Bewohner von Poseidonia nahmen Tagewerk wieder auf. Es gab Gerät zu schmieden, Geschirr zu töpfern, Stoffe zu weben, Häute zu gerben, Kühe zu melken und Waren ins Landesinnere zu transportieren. Glaukos sah sich gezwungen, an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren. Als er jedoch die Werkstatt des Bogenmachers betrat, brachen die Gesellen bei seinem Anblick in schallendes Gelächter aus. Der Meister schaute verärgert in die Runde und sie verstummen wieder.

„Du hast uns ja etwas Schönes eingebrockt", sagte er zu Glaukos, aber er freute sich offensichtlich ihn zu sehen. Er hatte die Daumen in seinen Gürtel geschoben und lehnte sich an das Regal mit den Werkstoffen.

„Womit?", fragte Glaukos, der sich keiner Schuld bewusst fühlte mit einem entschuldigenden Blick auf die Gesellen, die in der Arbeit innegehalten hatten und ihn sensationsgierig anstarrten.

„Mit deiner Vermutung, dass unsere Waffen an Aufständische geliefert werden. Unsere ganze Werkstatt hat man auf den Kopf gestellt! Hatte ich dir nicht gesagt, dass die Armee die Bögen bestellt hat?"

Leider durfte Glaukos nicht herumerzählen, dass Teile der Armee einen Aufstand geplant hatten, um das Volk nicht noch mehr zu beunruhigen.

„Ich dachte, man hat dir nicht die Wahrheit gesagt", erklärte er ausweichend und schaute sich in der Werkstatt um, die in der alles wieder an seinem Platz lag. Auch der Geruch, der in der Luft lag war ganz der alte: Eine Mischung aus Sägemehl, Leim und Schweiß. Die meisten Handwerker hatten wieder ihre Arbeit aufgenommen und bearbeiteten dicke Eibenäste. Einige schälten die Rinde ab, andere bearbeiteten das Holz oder fetteten es mit Olivenöl ein.

"Wo hast du eigentlich die ganze Zeit gesteckt?", erkundigte sich der Hauptgeselle, ein lustiger Bursche, der stets zu einem Scherz aufgelegt war. "Man sagt, du warst im Gefängnis."

„Ich habe nichts Verbotenes gemacht", beteuerte Glaukos. „Aber leider darf ich darüber nicht reden." Warum hatte er nur das idiotische Versprechen gegeben, über den vereitelten Staatsstreich zu schweigen? Statt als Held gefeiert zu werden, wurde er nun für einen Verbrecher gehalten.

„Wichtigtuer!" rief der Hauptgeselle mit einem hämischen Grinsen auf seinem breiten Gesicht. „Bestimmt hast du die Zeche im kleinen Seepferdchen nicht zahlen können."

„Nein, du tust ihm unrecht", widersprach der Meister. Gedankenverloren trat er einen Schritt vor, griff nach einer Sehne und ließ sie durch die Finger gleiten. „Der Beamte, der die Werkstatt nach einem illegalen Waffenlager durchsucht hat ..." Er warf Glaukos einen belustigten Seitenblick zu. " ... meinte, dass er sich große Verdienste um unseren Staat erworben hat. Mehr wollte er aber leider nicht verraten"

Glaukos nickte eifrig, ärgerte sich aber noch immer, nicht von seinen Heldentaten berichten zu dürfen. Antiope und Hauptmann Demetios würden sicherlich befördert, Neos war Leibarzt geworden, aber was blieb ihm? Nur die Rückkehr in das tägliche Allerlei. Wenn er doch nur wieder zu Hause wäre! Auf Ithaka könnte ihm niemand verbieten, von seinen Abenteuern zu berichten. Aber würde man ihm dort Glauben schenken?

Der Blick des Meisters wanderte von den fertigen Bögen, die auf einem Tisch gestapelt waren zum Fenster, durch das die Morgensonne schien. In ihren Strahlen tanzten die Staubkörner. Mit einer ruckartigen Bewegung wandte er sich wieder Glaukos zu und in seinen Augen blitze so etwas wie Humor auf. „Meine Frau meint, ich solle dich nicht gleich wieder an die Arbeit schicken." Ohne es wirklich zu wollen lächelte Glaukos. Vor seinem inneren Auge sah er die Matrone, die ihn mangels eigener Kinder von Anfang an bemuttert hatte. "Zufällig ist der Jagdbogen für den Oberaufseher der Schleusenanlage von Hypokamponie fertig."

Nicht schon wieder! Ich habe keine Lust mit diesem faulen Menschen zu sprechen, durchfuhr Glaukos. Andererseits besser als die Arbeit in der staubigen Werkstatt war es allemal.

"Er hat doch sicherlich vor damit auf die Entenjagd zu gehen?", fragte er, denn wie ein passionierter Jäger sah träge Argos nicht gerade aus.

"Nein, er möchte die Räuber erlegen, die die Nester der Seevögel ausplündern." Der Meister stemmte die Hände in die Hüfte. "Ich wusste gar nicht, dass du ihn kennst."

"Genau darüber soll ich nicht reden", bemerkte Glaukos resigniert, bevor er sich die neue Waffe aushändigen ließ.

Erst am folgenden Tag kehrte Glaukos von seinem Botengang zurück, der länger als geplant gedauert hatte, da Argos ihn mit seinem besten Wein bewirtet hatte. Wahrscheinlich plagte ihn ein schlechtes Gewissen. Nach der dritten Runde, in der auf die alten Zeiten angestoßen wurde, hatte der Ithaker das Angebot des Schleusenwächters dankbar angenommen, in seinem Gästezimmer zu übernachten.

Als er zurückkehrte, versetzte ihn der Anblick der stolzen Königsstadt Poseidonia in eine tiefe Melancholie. Noch immer war es sein glühendster Wunsch, nach Hellas zurückzukehren. Doch mittlerweile hatte er die Hoffnung aufgegeben, das fremde Reich jemals wieder zu verlassen. Dennoch zog es ihn wie jeden Tag, unwiderstehlich zum Hafen. Wenn ich nur einen Tag nicht vorbeischaue, dann verpasse ich bestimmt das einzige Schiff aus Hellas, das es in diesem Jahrzehnt hierher verschlägt, sagte er sich und lenkte das Monoceros seines Meisters auf die zerklüfteten Klippen der Küste zu.

Kanäle durchzogen das Hafenfünftel wie ein Spinnennetz. Der Gestank ihres Wassers vermischte sich mit der würzigen Seeluft. Hinter den Kais erhoben sich Lagerhäuser. Hafenarbeiter waren damit beschäftigt, vertäute Frachtschiffe zu löschen und Amphoren mit Olivenöl, Salzfässer, Getreidesäcke, Bleibarren und Tuchballen über die Anlegestellen zu den Lagerhäusern zu schleppen. Glaukos ritt die Kais entlang, vorbei an Lastenträgern, die ein Schiff mit Ziegelsteinen beluden. Der feine, rote Staub hatte ihre Gewänder verfärbt und sie sahen wie lebende Statuen aus. Seemöven kreisten am Himmel. Ihre Schreie klangen für Glaukos wie das Wehklagen von Verbannten.

Plötzlich entdeckte er am letzen Kai ein Schiff, das bei seinem letzten Besuch noch nicht dort geankert hatte. Beim Anblick des Schiffes blieb Glaukos fast das Herz stehen, denn seine Konstruktion ließ keinen Zweifel daran, dass es in einer griechischen Werft gebaut worden war. Mit rasendem Puls und weichen Knien sprengte er den Hafen entlang, bis er das Seefahrzeug erreicht hatte. Er zügelte sein Monoceros, sass aber nicht ab. Eine kalte Faust presste sein Herz zusammen. Aus Angst, wieder einmal enttäuscht zu werden, wagte er es einige Minuten nicht, einen der drei Seeleute anzusprechen, die an Bord die Bodenplanken schrubbten. Dann fasste er sich endlich ein Herz.

„Woher kommt ihr?", rief er in den Wind.

„Aus Kreta", scholl es zurück.

Glaukos hatte ein ganz unwirkliches Gefühl. War das ein Traum, aus dem er bald unsanft gerissen werden würde?

„Und was hat euch hierher verschlagen?", wollte er wissen, obwohl er lieber könnt ihr mich mitnehment gefragt hätte.

Ein untersetzter Seemann mit wettergegerbten Gesicht erhob sich und schlenderte zur Bordkante.

„Wir sind von einem Orkan abgetrieben wurden", rief er zurück. "Ich hätte niemals vermutet, dass es Atlantis tatsächlich gibt!" Der Seemann beugte sich über die Reling, um Glaukos zu mustern. „Und was ist mit dir? Du klingst, als seist du ein Landsmann?"

„Ja, das bin ich", behauptete Glaukos, um seine Chancen zu erhöhen, dass man ihm half. Aber klang er wirklich wie ein Kreter? Er schluckte hart und wagte es endlich, die Frage zu stellen, die ihm soviel bedeutete. "Wann fahrt Ihr wieder nach Hause?"

„Das weiß ich leider auch nicht. Unserer Kapitän wird gerade von der Hochkönigin, wie heißt sie noch mal empfangen?"

„Pentagonia!"

„Genau! Der Hafenbeamte sagt, sie könne uns einen Lotsen zur Verfügung stellen, der uns den Weg durch die Klippen weist."

Unfähig, diese aufregenden Nachrichten für sich zu behalten, verabschiedete Glaukos sich und eilte zum Palast der Hochkönigin. Er passierte alle Portale, konnte aber die Amazone nicht finden.

„Ich muss dringend mit Antiope sprechen", rief der dem Pförtner des Traktes zu, in dem sich die Mannschaftsquartiere befanden.

„Sie hat den Dienst quittiert", brummte der behäbige Mann und sah Glaukos an, als sei das ein todeswürdiges Verbrechen.

Wusste Antiope bereits, dass sich ein griechisches Schiff nach Poseidonia verirrt hatte?

„Ich habe sie vor dem großen Triton-Brunnen gesehen", sagte ein Soldat, der zufällig vorbeikam und das Gespräch mitbekommen hatte. „Sie feiert dort mit ihren Kameraden."

Voller Mittelungsfreude eilte Glaukos so schnell um den Palast, dass er fast rannte. Am Brunnen im Schloßgarten fand er tatsächlich die Amazone inmitten einer Gruppe von Soldaten. Sie war die einzige, die keinen Waffenrock trug. Aber wie alle anderen hielt sieein Trinkgefäße in den Händen.

„Ich habe unglaubliche Neuigkeiten! Unten am Hafen liegt ein Schiff aus der Heimat", rief er der Amazone schon von weitem entgegen.

„Ich weiß", antwortete Antiope beiläufig. „Im Palast sprechen alle davon."

Glaukos war befremdet über den emotionslosen Tonfall der Amazone.

„Aber weißt du denn nicht, was das bedeutet? Wir können endlich nach Hause!" schrie er sie förmlich an.

„Ich bin inzwischen hier zu Hause."

Glaukos war fassungslos.

„Du kommst nicht mit?" Wortkarg wie immer, schüttelte die Amazone den Kopf. Aber sie wirkte, im Gegensatz zu sonst beschwingt und heiter. „Warum, um der Götter willen nicht? Wie kannst du dich in diesem seltsamen Land zu Hause fühlen?"

Sie errötete, schaute verlegen zu Boden, aber Glaukos hatte es mitbekommen.

„Die Göttin von Paphos hatte Recht. Ich habe mich verliebt", sagte Antiope so leise, dass sie kaum zu hören war.

„Du hast was?"

„Du hast mich gut verstanden."

Glaukos war wie vor den Kopf gestoßen. Machte sich Antiope machte über ihn lustig?

„Sag, mal! Das sollte doch ein Witz sein?", fragte er mit unsicherer Stimme.

„Mit dergleichen scherzt man nicht! Denk an Hippolytos."

„Kenne ich ihn?", fragte Glaukos und wusste nicht, ob er die Antwort tatsächlich wissen wollte.

„Weißt du das tatsächlich nicht?", fragte Antiope.

Einen verrückten Augenblick lang dachte Glaukos an den Zwerg, aber dann erinnerte er sich an die Art und Weise, in der Gnomos die junge Hippolita immer angesehen hatte. Also konnte die Amazone nur ihren Hauptmann lieben, obwohl sie sich immer mit ihm herumzankte. Aber warum feierte dieser nicht mit ihr. Glaukos hielt nach Hauptmann Demetrios Ausschau und bemerkte ihn - ebenfalls in Zivilkleidung gewandet - am Brunnen, wo er aus seinen Handflächen Wasser schlüfte. Nachdem er seinen Durst gestillt hatte, trocknete er seine Hände an seinem Schurz und gesellte sich wieder zu den anderen. Er musste schon eine Weile getrunken haben, denn er bewegte sich schwankend. Ohne auf ihren reservierten Gesichtsausdruck zu achten legte seinen Arm um Antiopes Schulter.

„Wir werden eine Schule für Waffenkunst eröffnen. Davon träume ich schon seit Jahren, aber es fehlten mir bisher die Mittel. Mit der Belohnung der Hochkönigin kann ich es endlich in Angriff nehmen. Antiope habe ich ja bereits gestern wegen ihrer Disziplinlosigkeit aus der Garde geworfen. Es bleibt ihr also gar nichts anderes übrig, als meine Teilhaberin zu werden."

Glaukos war verblüfft, dass sie ohne Einwand zustimmte.

„Ich bin es Leid mein ganzes Leben in der Einöde zu verbringen", sagte Xanthos unvermittelt. Glaukos bemerkte, dass er nicht fröhlicher wirkte als er selbst.

„Wann kehrst du in dein Dorf zurück, ich weiß gar nicht, wie es heißt?", wollte Glaukos wissen.

Man sah förmlich, wie der Elefantentreiber sich das Hirn zermarterte.

„Es hat keinen Namen. Alle sagen einfach „Dorf". Da wir kein anderes kennen, weiß jeder, wovon die Rede ist. Ich reite schon morgen früh dorthin zurück. Länger möchte ich Hanniba nicht allein lassen. Sie ist bestimmt schon sehr einsam."

„Im Gegenteil", unterbrach ihn Demetrios lachend, "Hanniba ist zum Elefanten der Hochkönigin gebracht worden. Jetzt kann sie endlich die Gesellschaft eines Artgenossen genießen."

Xanthos kratzte sich am Kopf.

„Meine Mutter wird sich schon fragen, wo ich stecke. Ich habe ihr gesagt, dass ich für zwei Tage zur Basileos-Mine reite…."

Er zögerte einen Augenblick und sah dann Demetrios fragend an.

„Meinst du, dass ich ausnahmsweise die Erlaubnis erhalten kann, nach Poseidonia zurückzukommen?"

„Das ist das Mindeste, was dir die Hochkönigin schuldet." Demetrios schwieg einen Moment lang. „Ich kann natürlich nichts versprechen, aber ich werde der ihr vorschlagen, dieses idiotische Verbot aufzuheben. Bestimmt hat der Grubenverwalter euch verboten, das Dorf zu verlassen um seine eigenen Machenschaften zu verschleiern."

„Warum gründet ihr nicht eine eigenen Truppe?", brummte eine Stimme aus der Tiefe. Glaukos hatte den kurzgewachsenen Gnomos in der Menge übersehen. „Dann hättet ihr schon euren ersten Kunden gewonnen. Ich reise nie wieder unbewaffnet durch Atlantis."

Betrübt realisierte Glaukos, dass sich auch Gnomos hier heimisch fühlte.

„Das ist verboten", erwiderte Demetrios hörbar belustigt. „Nur die Könige dürfen Truppen aufstellen. Aber was mich betrifft, ich habe genug von der Armee. In unserer Schule kann mich niemand mehr herumkommandieren."

Von Antiope abgesehen, dachte Glaukos. Ob Demetrios wirklich wusste, worauf er sich einließ.

„Aber zuerst machen wir unsere Hochzeitsreise in die Südprovinz!"

Der Zwerg verzog das Gesicht zu einer misstrauischen Grimasse.

„Ich habe gehört, dort isst man Monoceros", wandte er ein und blickte sich dann argwöhnisch um. „Bestimmt hat euch Hexagonia nur eingeladen, um euch zu ermorden."

Ein Windstoß zerzauste plötzlich Antiopes Haar und sie zog sich ihren bestickten Schal fester um die Schultern.

„Du bist unverbesserlich. Hexagonia ist uns sehr dankbar, dass wir ihre Schwester gerettet haben", sagte sie, nicht ohne Eitelkeit.

„Eben deshalb", präzisierte Gnomos. „Du hast ihre Pläne durchkreuzt. Ohne dich wäre sie jetzt Hochkönigin."

Glaukos zuckte erschrocken zusammen. Lautete nicht die Weisung, Stillschweigen über die Affäre zu wahren? Zum Glück hatten aber auch die Soldaten bereits reichlich dem Wein zugesprochen, weshalb keiner von ihnen aufhorchte.

„Der Oberpriester hatte Recht. Hexagonia hat eine günstige Gelegenheit ausgenützt, aber sie würde ihrer Schwester niemals etwas antun", wandte Demetrios ein So schnell gab der Zwerg sich nicht zufrieden.

„Ihrer Schwester vielleicht nicht aber dir könnte sie etwas tun!"

Glaukos fand, dass dieser Einwand nicht vom Tisch zu weisen war, aber die Amazone hätte von ihm niemals einen Ratschlag angenommen. Bevor jemand etwas erwidern konnte, kam Hippolita mit einem Weinkrug. Offenbar fühlte sie sich selbst im Palastgarten für die Bewirtung zuständig. Sie konnte sich glücklich preisen, dass sie noch auf freiem Fuß war. Glaukos hatte schon befürchtet, man könne sie als Komplizin ihres Bruder verhaftet haben.

Während sie den anderen einschänkte wagte Glaukos den Versuch, wenigstens den Zwerg umzustimmen.

„Gnomos! Die Götter haben sich unserer erbarmt!", begann er pathetisch. "Im Hafen liegt ein Schiff aus Kreta. Wir können wieder nach Hellas fahren!"

„Ich wüsste nicht, was ich dort soll!"

Hippolita sah verärgert zu Glaukos hinauf. Offensichtlich verübelte sie ihm seinen Vorschlag.

„Was hast du hier, auf dieser von den Göttern verdammte Insel zu schaffen?", fragte Glaukos unverdroßen.

Gnomos genehmigte sich einen großen Schluck Wein, bevor er antwortete.

„Ich finde es hier gar nicht so übel. Es ist viel zu heiß, aber irgendwer muss sich doch um die arme Hippolita kümmern, jetzt, wo sie ganz allein ist. Außerdem hat man mir den Posten des Verwalters der Basileus-Grube angeboten. Wusstest du, dass die zehn Könige ein Abkommen unterzeichnet haben, in dem sie zusichern, einander bei Naturkatastrophen beizustehen. Das geht weit über den rein zeremoniellen Charakter hinaus, den das Königstreffen sonst hatte."

„Was kümmert's mich?", fragte sich Glaukos schlecht gelaunt, „Ich möchte hier weg und zwar so schnell wie möglich!"

„Glaukos", sagte Demetrios, das Gespräch an sich reißend. „Komm, mach nicht so ein Gesicht. Da wird ja der Wein sauer." Er drückte Glaukos einen randvoll gefüllten Kelch in die Hand. „Trink mit uns, dann sieht die Welt gleich ganz anders aus! Der Wein ist wirklich ganz ausgezeichnet. Er stammt aus dem Keller der Hochkönigin."

Zwei Wochen später stach das Schiff aus Kreta in See. Gnomos und Antiope hatten halbherzige Versuche unternommen, Glaukos zum Bleiben zu bewegen. Glaukos vermutete, dass sie im Grunde ihres Herzens wussten, dass sich nun ihre Wege trennen würden, auch wenn er in Poseidonia bliebe.

Als Glaukos bei der Hochkönigin nachfragen ließ, ob sie für seine Passage aufkommen würde, versuchte sie nicht einmal zu verbergen, dass sie froh war, den Zeugen ihrer geistigen Umnachtung außer Landes zu wissen. Glaukos wiederum hatte der Hochkönigin verschwiegen, dass er das Manuskript aus Troia gegen einen Goldbarren eingetauscht hatte – das Fragement würde zukünftig der Nationalbibliothek von Poseidonia gehören – denn er war der Meinung, dass er sich eine Belohunng verdient hatte.

Nur Xanthos, mit dem Glaukos nach ihrem Besuch beim König der Südprovinz kein Wort gewechselt hatte, schien seine Abreise zu bedauern.

„Du findest bestimmt bald neue Freunde", hatte er beteuert, aber Glaukos hatte nur den Kopf geschüttelt, denn er wollte nicht in diesem fremden Land versauern.

Vielleicht konnte er seine neu erworbenen Kenntnisse in der Kunst der Bogenherstellung weitervermitteln, aber zuerst wollte er auf der langen Fahrt nach Hause einen Bericht über seine Reise beginnen. Vorsorglich hatte er genügend Schreibmaterial besorgt, um sich endlich in das größte aller Abenteuer zu stürzen, das der Phantasie.

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