Madeleine

der Kreislauf eines Lebens

Im Augenblick denke ich oft an die vergangenen Jahre. Seit ungefähr 40 Jahren lebe ich nun schon in der Provence, bin hier auch einige Male umgezogen. Mein vorletzter Wohnort war der sehr malerische Ort Cabriès. Es war nach Toans und meiner Scheidung, unsere Töchter studierten, Julie in Paris, Vanessa in Marseille, ich lebte allein, aber es gab schon B. in meinem - wie auch eine andere Partnerin in Toans -Leben. Eines Tages sah ich auf dem Dorfplatz eine ältere, elegant und zugleich locker-phantasievoll gekleidete Frau. Ich sage mit Absicht "Frau", in meinen Augen war sie keine "Dame". Für eine Dame, jedenfalls so, wie ich mir eine Dame vorstelle, bewegte sie sich zu flüssig, zu graziös. Sie war körperlich etwas kleiner als ich, ihre locker zu einer schlichten Frisur gebundenen Haare waren weiss. Sie wechselte fröhlich ein paar Worte mit einer anderen Dorfbewohnerin. Ich fand sie sympathisch, sie imponierte mir, und zugleich weckte sie mein Interesse.

Als ich ihr ein paar Tage später erneut begegnete, stellte ich mich als neue Bewohnerin des Ortes vor, und so begann unsere Freundschaft. Madeleine erzählte gern aus ihrem Leben. Sie tat es fröhlich, sie lachte viel. In jungen Jahren träumte sie von einer glanzvollen Karriere als Ballerina, erreichte aber nie dieses Ziel. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie als Mannequin, aber auch da war es nicht die grosse Laufbahn, dafür war sie körperlich zu klein. Es gab viele Männer in ihrem Leben, heiraten tat sie jedoch keinen von ihnen. An einen Mann gefesselt sein, Kinder haben, nein, das war nichts für sie. Die Freiheit ging ihr über alles.

Im Ort hatte sie nicht nur Freunde. Viele hielten sie für egozentrisch und eingebildet. Für die Bewohner, die sie als unter ihrem Niveau betrachete, hätte sie nicht einmal einen Blick übrig, geschweige denn einen Gruss.

So ging es ein paar Jahre, aber dann lag sie immer öfter im Bett, wenn ich sie besuchte. Wenn ich sie fragte, ob sie etwas gegessen hätte, schüttelte sie den Kopf und schloss die Augen. Sie hätte keinen Hunger. Und wenn ich ihr trotzdem etwas zu essen mitbrachte, schob sie den Teller einfach beiseite. Einen Arzt wollte sie nicht, sie war nicht einmal krankenversichert, hätte nie in ihrem Leben einen Arzt gebraucht. Jetzt wollte sie ganz einfach nur noch sterben. Ich fragte sie trotzdem, wen ich benachrichtigen könnte, ob sie eine Familie hätte. Erst nach langem Zögern gab sie mir die Adresse eines Neffen.

Er kam angereist, und wir sprachen miteinander. Er erzählte mir, dass Madeleine seit langem jeden Kontakt zur Familie abgebrochen, dass sie sich immer als etwas Besseres gefühlt hätte. Er war nicht begeistert, sich jetzt um sie kümmern zu müssen, aber er tat das Nötige, nahm sie zu sich.

So endete ihr Leben wieder dort, wo es begonnen hatte, bei der Familie, der sie entflohen war, um ihren Höhenflug zu machen. Nicht lange danach erfuhr ich von ihrem Neffen, dass sie an Alzheimer erkrankt war, und einige Monate später von ihrem Tod.

Ich denke noch oft an Madeleine, an ihren fröhlichen Höhenflug und ihr trauriges Ende.

Fortsetzung folgt...