1. Die Wahl

Die Sonne strahlt hell vom Himmel und lässt die Türme des Weißen Palastes weit vor mir glitzern als seien sie aus goldenem Glas. Ich lasse meine Augen über das Auf und Ab der Hügel und Ebenen ringsum schweifen, ein Fleckengewand von Grün-, Braun- und Gelbtönen, über das sich die Straße unter meinen Füßen wie ein grau bestaubter Kampfgürtel windet, der Fluss weit zu meiner Rechten wie das silbern-weiße Seidenband eines Damenkleides, besetzt mit hier und dort blau hervorschimmernden Edelsteinen. Der Spätsommer hat an vielen Stellen das Korn auf den Feldern reifen lassen, während dazwischen frisch umgepflügte Äcker bereits auf die Wintersaat warten. Links von mir in der Ferne, am Rand eines dunkelgrünen Waldstreifens, zieht ein Ochsengespann seine Furchen, die Menschen dahinter miniaturhaft wie Puppen aus dieser Entfernung. Weit über mir im wabernden Dunst von Himmelsblau und Sonnenweiß jubiliert unsichtbar und unaufhörlich eine Lerche, vielleicht auch mehrere.

Ein breiter, vierrädriger Wagen rumpelt an mir vorbei, gezogen von zwei stämmigen Ponys. Ich drücke mich an den Straßenrand, so weit es nur geht, ohne in den Graben zu fallen, gerade rechtzeitig um damit einem von hinten herangekommenen Ritter auszuweichen, den ich aufgrund des Lärms des Wagens nicht gehört habe. Er gibt irgendeinen Ausruf des Unmuts von sich, der hoffentlich dem Wagen gilt, in den er beinahe hineingeritten wäre, und nicht mir, wegen der der Wagen etwas aus seiner Spur gekommen ist.

Nervös fasse ich an meine Haare, um ihre langen Strähnen zwischen meinen Fingern zu drehen, doch ich greife nur Luft. Ich habe schon wieder vergessen, dass ich sie ja abgeschnitten habe, dass nur noch kurze, zackig und zottelig zurechtgestutzte Fransen statt der vollen, in verschiedenen Brauntönen glänzenden Wellen meinen Kopf säumen. Stattdessen rücke ich mir die dunkelgrüne Filzmütze auf dem Haupt gerade, streiche das weite, olivgrüne Leinenhemd glatt und zupfe das dicke, verzogene Wollwams zurecht, so dass es die mageren Ansätze von Brüsten, die ich mit meinem Alter von 15 Jahren bisher entwickelt habe, möglichst akkurat verdeckt. Erneut kommen mir Zweifel, ob mein Vorhaben wirklich gelingen wird, erscheint es mir vermessen, unmöglich, verrückt. Selbst wenn sie meine noch nicht sehr ausgeprägten weiblichen Rundungen hinreichend verdecken, machen diese Männerkleider, die ich relativ günstig gebraucht auf dem Markt erstanden habe, nicht genug her, um mich wirklich für den Sohn eines entfernt wohnenden Adligen auszugeben – mit Ausnahme der Stiefel vielleicht, die recht aufwändig mit mehreren guten Nähten aus verschiedenen Lagen satten braunen Leders gearbeitet sind. Für sie habe ich alles hergegeben, was von meiner Mitgift noch übrig war – mit anderen Worten den Überrest, den ich hinter einem losen Brett in der Wand vor der Habsucht meiner Herrin verstecken konnte. Nun habe ich nichts mehr, das ich einem Mann bieten könnte, sollte sich jemals wirklich einer für mich interessieren, aber es gibt für mich nun sowieso nur ein Ziel, auf das ich alles setze, und dazu brauche ich mehr noch als alle anderen Ausrüstungsgegenstände feste, haltbare Schuhe.

Es ist heiß geworden die letzte halbe Stunde auf der staubigen Straße ohne den Schutz der Alleebäume, und noch bin ich weit genug vom Palast entfernt, dass ich die beengende Mütze abnehmen kann. Mit einem Seufzer lasse ich den Luftzug meinen verschwitzten Kopf kühlen, atme tief den würzigen Duft frisch aufgeworfenen Ackerbodens ein. Noch einmal wiederhole ich in Gedanken alles, was ich mir die letzten Monate über in langen Nächten zurechtgelegt habe. Wenn ich erst einmal die Wachen am Tor passiert habe, werde ich wohl in irgendeiner Halle warten müssen, zusammen mit all den jungen Männern, die ebenfalls an diesem Tag gekommen sind. Dann wird ein Diener oder Höfling jeden Bewerber einzeln in den Thronsaal rufen, so stelle ich es mir jedenfalls vor. Vielleicht wird das Auswahlverfahren aber auch in einem anderen, weniger wichtigen Saal stattfinden, das wäre mir lieber – und nicht im Beisein des Königs. Dann wäre die Chance, dass mein Maskenspiel nicht durchschaut wird, vielleicht größer. Zuerst wird er mich wohl nach meinem Namen fragen. Schon da bin ich immer noch unschlüssig, was ich sagen soll, welchen Namen ich mir zulegen soll, auf den ich, wenn alles gutgeht, den Rest meiner Jugendzeit und vielleicht darüber hinaus hören muss, bei dem ich loseilen muss, wenn mir befohlen wird, ein Pferd zu satteln, einen Rüstungsgurt zuzuschnallen, einen Becher mit Wein zu reichen; bei dem ich aufspringen muss, wenn er mitten in der Nacht gerufen wird, bei dem ich blitzschnell reagieren muss, wenn es im Kampf gilt, meinen Herrn vor einer feindlichen Finte zu schützen. Welcher Name soll dies sein? Ich kenne keinen Männernamen, der mir so wertvoll wäre, dass ich ihn annehmen wollte – außer einem, der für mich tabu ist.

Was würde ich überhaupt antworten, wenn mich jemand fragt, wie ich wirklich heiße? Vanessa – so nannten mich meine Eltern, aber ich habe mich nie wirklich mit meinem Namen anfreunden können, dessentwegen ich von den meisten Kindern im Dorf verspottet wurde, weil es im ganzen Land sonst niemanden gibt, der so heißt. Als ich wieder einmal deswegen gehänselt worden war und vorwurfsvoll meine Eltern fragte, warum sie mir nicht einen normalen Namen hatten geben können, erzählte mir meine Mutter, dass sie kurz vor meiner Geburt das Wort im Traum gehört hatte und dabei einen Schmetterling gesehen, der glücklich und frei in die Lüfte flog. Sie hatte dies als ein Zeichen des Schicksals angesehen, ihrem Kind diesen Namen zu geben, der, wie sie annahm, auf irgendeine Weise mit dem im Traum erschienenen Lebewesen in Verbindung stand. Aber selbst wenn Schmetterlinge wunderschöne Geschöpfe sind: ich möchte nicht flatterhaft sein, von einer Blume zur anderen fliegen – ich möchte treu sein, bei einer einzigen Blume, die ich als die beste erkannt habe, für immer bleiben. Frei sein möchte ich schon, so wie ich als Kind manchmal auf den Wiesen inmitten der Blumen staunend in den Himmel schaute und tanzte, und glücklich noch viel mehr – aber wer mich jetzt ansieht, beladen mit den Lasten jahrelanger Knechtschaft, der kann mich kaum Vanessa nennen.

Ethuil – so nenne ich mich, insgeheim, in meinen Träumen. Es bedeutet Frühling, und auch wenn es kein richtiger Mädchenname ist – noch weniger als Vanessa – überhaupt kein existierender Name, so hat er mir doch durch die harten letzten Jahre hindurch irgendwie Hoffnung gegeben. Er hat mich an Sonne erinnert, an Vogelgezwitscher, an springende Hasen und munter hüpfende Bäche; daran, dass es außerhalb der Reichweite meiner Herrin eine schöne, unverdorbene Welt gibt, auch wenn ich nicht darin leben kann. Ethuil – es könnte zwar auch ein Jungenname sein, und er unter allen dürfte mich damit rufen, aber diesen Namen möchte ich nicht öffentlich preisgeben, nicht vor anderen, vielleicht böswillig Gesinnten gesprochen hören.

Eigentlich wird es egal sein, wie ich mich nenne. Ich weiß eh nicht wirklich, wer ich bin – zu wenig kenne ich mich selbst, und zu Vieles wurde von anderen allzu eindringlich gesagt und getan, als dass ich viel Gelegenheit gehabt hätte, mich überhaupt kennen zu lernen, oder als dass ich mir selbst noch vertrauen könnte, die zu sein, die ich dachte gewesen zu sein, oder gar die, die ich gerne wäre. „Sam" wird genügen, so hieß der Stallknecht unseres Schmiedes. Ich muss es mir nur merken, um bei ein und demselben Namen zu bleiben.

Entschlossen schüttele ich meine gestutzten Fransen aus dem Gesicht, packe das kleine Bündel mit meinen Habseligkeiten auf meinem Rücken fester und beschleunige meine Schritte. Ich mag zwar nicht wissen, wer ich bin, aber dafür weiß ich umso besser, was ich will: Silgorn, Ritter des Königs. Nicht, dass er jemals mein sein könnte, dass ich mir einbilden würde, wie eine der edlen Damen bei den Turnieren sein Auge auf mich zu ziehen, so dass er meine Farben an seiner Lanze in den Kampf tragen würde, dass ich der Grund sein würde, der ihm Kraft gibt zu kämpfen. Nicht, dass ich je, auch nur in meinen Träumen, damit rechnen würde, meine Hand in seine gelegt zu bekommen, um an seiner Seite im Bankettsaal zu sitzen. Ich weiß, dass ich nichts bin, und er alles. Aber bei ihm zu sein, so nahe wie möglich, ihn heimlich anzuschauen zwischen zwei Handgriffen, wenn ich ihm diene, verstohlen seine Robe zu berühren, wenn ich ihm einen Becher mit Wein reiche oder das Fleisch zerschneide, ein Wort von ihm, einen Blick aufzufangen, wenn ich sein Pferd sattele, seinem Körper nahe zu sein, wenn ich ihm helfe, seine Rüstung anzulegen – dies sind Sehnsüchte, die ich in letzter Zeit immer häufiger nicht mehr aus meinen kühner werdenden Träumen verbannen konnte. Den Träumen, die sich anfangs damit begnügten, mir vorzustellen, wie ich mich durch die Traube von ihn umgebenden Pferden und Knappen wühle, wenn er in der Nähe unseres Dorfes ausreitet, und vor sein Pferd werfe, um endlich einmal von ganz nahe einen Blick in seine Augen zu werfen – auch wenn ich fast gleichzeitig vielleicht überritten würde; Träume, die sich dann zu dem Gedanken steigerten, mich an den Wachen vorbei in den Thronsaal zu stehlen, um ihm zu Füßen zu sinken und diese inbrünstig zu küssen – bevor ich wohl für Vermessenheit und Geistesverwirrung ins Gefängnis abgeschleppt würde. Die Träume, die nun schließlich darin gipfeln, ihn und den gesamten Hof zu hintergehen zu versuchen, indem ich mich in Jungenverkleidung als Knappe bei ihm bewerbe.

Ich weiß nicht einmal mehr, wie alt ich war, als ich das erste Mal richtig auf ihn aufmerksam wurde. Natürlich hatte ich, so weit ich zurückdenken kann, zuhause und im Dorf immer wieder von unserem König gehört und damit verbunden auch von dessen Söhnen und Töchtern, von einzelnen Rittern des Hofes und ihren Taten. Schon als Kind hatten die Türme des Palastes, die man vom Dorf aus in der Ferne sieht, meine Fantasie gefesselt und ich hatte versucht, mir das Leben hinter ihren Mauern auszumalen. Schon als Kind war ich für ein paar Minuten still und verträumt geworden und von meinen Geschwistern angestupst und verspottet, wenn wir unseren Eltern bei der Feldarbeit halfen, herabgefallene Ähren aufsammelten oder kleine, vergessene Rüben ausgruben, und auf der Landstraße in einiger Entfernung Hufgetrappel zu hören war, dann plötzlich silberne Rüstungen in der Sonne aufblitzten, weite Umhänge sich im Wind bauschten, ich vermeinte das wehende, goldene oder rabenschwarze Haar eines Ritters unter seinem Helm hervorwehen zu sehen, ernste Profile von Gesichtern, die von mir abgewandt in die Ferne blickten, starke helle oder dunkle Hände, die souverän die Zügel eines feurigen Rosses lenkten.

Doch auf ihn, Silgorn, den Mann meiner Träume, hatte mich zum ersten Mal ein Nachbarsmädchen hingewiesen, die jüngste Tochter des Müllers. Wir waren zusammen zum Brunnen gegangen, um Wasser zu holen, und hatten schon wieder den Rückweg angetreten, als noch ziemlich entfernt das Geräusch mehrerer leichtfüßiger Pferde zu hören war. Ich wollte weitergehen, da noch viel Arbeit auf mich wartete und meine Herrin mich ihre Ungeduld in letzter Zeit in immer unangenehmerer Weise spüren ließ. Aber Arlene – die einiges davon mitbekam, wie meine Herrin in der Öffentlichkeit mit mir umging, auch wenn sie nicht wusste, was hinter verschlossenen Türen geschah, und der ich zuvor schüchtern auf ihre Fragen hin ein wenig von den Launen meiner Herrin erzählt hatte, obwohl ich mich nicht traute, die schlimmsten Dinge irgendjemandem mitzuteilen – blieb stehen, blickte die Straße entlang, hielt mich am Ärmel fest und sagte: „Das ist ein Ritter des Königs mit zwei Knappen. Ich habe ihn schon ein paarmal gesehen und von ihm gehört, er wird dir gefallen." Sie kannte mich schon ein paar Jahre, und so vertraute ich ihrem Urteil und ließ mich von ihr in Richtung des Brunnens zurückziehen in der Hoffnung, dass sie an dieser zentralen Stelle des Dorfes vorbeireiten würden.

Sie kamen tatsächlich immer näher, drei Personen auf Pferden, nun konnte ich sie schon recht deutlich sehen. Doch in einiger Entfernung von uns hielten sie plötzlich an und stiegen ab. Es war an der Gosse, wo oft die Straßenjungen spielen; gerade vorher, als Arlene und ich Wasser schöpften, hatten sich einige von ihnen dort gestritten und gerauft, und einer hatte einen anderen dabei gebissen wie ein Hund. Wir hatten die Schreie gehört und ich meinte selbst aus der Entfernung das Blut an der hochgehaltenen Hand zu sehen. Er hatte mir Leid getan und ich wäre am liebsten hingerannt und hätte ihm irgendein Balsam auf die Wunde getan – das ich nicht hatte – oder ihn irgendwie getröstet, aber ich hatte Angst vor den anderen Jungen, die noch bei ihm waren, und dass die, die ihn gepiesackt hatten und dann weggelaufen waren, jeden Moment zurückkommen könnten und mich ebenfalls schlagen, zumal ich ihn kaum kannte und nicht wusste, ob er sich nicht selbst gegen mich wenden würde, wenn ich mich ihm näherte.

Genau zu diesem Jungen, der mit einigen Jüngeren immer noch auf den Steinstufen am Rand der Straße saß, beugte sich nun der Ritter herunter, schien kurz mit ihm zu reden, nahm, wenn ich das richtig erkannte, die verletzte Hand in seine, um die Wunde zu untersuchen, und dann sah ich, wie er sein Obergewand beiseite schob und sich mehrfach mit einer ruckartigen Bewegung Stücke seines Untergewandes ausriss, um damit, wie sich später herausstellte, die Wunde des Jungen zu reinigen und zu verbinden. Ich sah ihn gegen die Sonne, eine schwarze Silhouette von Gold umrahmt, und doch kam es mir vor, als wären die Farben vertauscht, als wäre seine Gestalt golden auf einem schwarzen Hintergrund, wie die Messingfiguren von verstorbenen Heiligen, die auf großen Steinplatten in unserer Dorfkirche aufgebracht sind. Für mich sah es aus, als würde er mit kämpferischem Gesichtsausdruck sein Schwert ziehen anstelle des Stoffstreifens, den er von seiner Seite riss, und mir kam der Gedanke, dass dies ein Bild eigentlichen Rittertums darstellt – ein Bild, das sich seither unauslöschlich in meine Vorstellung eingeprägt hat.

Dieser eine Akt der Barmherzigkeit schon hatte mein Herz für ihn eingenommen. Aber ausschlaggebend war, was dann passierte: Er richtete sich auf, drehte sich zum Brunnen, um das Tuch auszuwaschen, und da geschah es: ich sah seine Augen – nicht von nahem, nicht für lange, sie streiften mich nur flüchtig, weil ich da stand, ein Teil der Umgebung – aber ich sah seine Augen. Seine Augen – es war wie wenn ein Sonnenstrahl plötzlich aus einem grau verhangenen Himmel hervorbricht; wie wenn ein kostbarer Stein unvermittelt auf dem Grund eines Brunnens aufblitzt; wie wenn ein Windstoß den Schleier einer Sänfte zur Seite weht und für eine Sekunde ihre goldene Innenausstattung freigibt; ein Aufleuchten, ein Pfeil von strahlendem Blaugrün, für einen Herzschlag nur, einen atemlosen Moment nur, aber dieser eine Moment reichte, um mich in seinen Bann zu schlagen. Wie ein tiefer, lebendiger See, wie ein Sternenhimmel, darin gespiegelt, wie das unendliche, unergründliche Universum – nur um so unaussprechlich vieles noch schöner. Ich sah es für einen Moment nur – und bin ihm seither verfallen.

Dennoch weiß ich nicht, ob ich je diesen endgültigen Schritt gegangen wäre, wirklich aus meiner Umgebung auszubrechen und mich zur Welt der Edlen aufzumachen, wenn sich nicht meine Lebensumstände in den letzten Jahren immer drastischer zugespitzt hätten. Im Alter von zwölf Jahren war ich aus der relativ geschützten, wenn auch sorgenvollen Umgebung der Kate meiner Eltern ins Haus einer neuen Herrin gekommen – ohne Widerstand folgsam zuerst, nicht freudig, doch willig mich auf Neues einzulassen, erwachsener zu werden, mich dem Lauf des Lebens zu fügen, der Mädchen meines Alters irgendwann von den Eltern wegzuführen pflegte und nun diese Entwicklung und Umgebung für mich bereitzuhalten schien – wie sich herausstellte, in das Haus der Sklaverei, die Jahre der Knechtschaft, unter der Wacht einer Person, deren Bosheit mir mit allen Mitteln das Leben zur Hölle zu machen versuchte. Sowohl körperlich als auch seelisch noch ein Kind, konnte ich zuerst nicht glauben, dass es Menschen geben sollte, die sich vorsätzlich daran ergötzten, anderen Leid zuzufügen, die so verbittert waren, dass ihre einzige Belustigung darin bestand, andere zu demütigen, zu entwürdigen und lächerlich zu machen, vorzugsweise gar sie mit der Zeit dazu zu bringen, sich in vorauseilendem Gehorsam aus Furcht vor Strafe selbst zu erniedrigen und sie so mit sich selbst zu entzweien. Selbst jetzt, nach drei Jahren unter ihrem Dach jäh der unschuldigen Denkweise meiner Kindheit entrissen – jetzt, da ich das Lachen verlernt habe, jetzt, da Furcht und Zerrissenheit, Verstellung und Schweigen, Verzweiflung und Verachtung meine täglichen Begleiter geworden sind, jetzt, wo ich die zuerst verdeckte und dann, nachdem sie mich meinen Eltern und anderen möglichen Bezugspersonen geschickt entfremdet hatte und ihr Netz der Abhängigkeit fest um mich gesponnen hatte, immer offener zutage tretende Grausamkeit klar durchschaue – selbst jetzt verstehe ich nicht, warum sie mich so hasst.

An meinem Aussehen, das sie täglich als abgrundtief hässlich denunziert, kann es nicht liegen, denn selbst wenn ihr Gesicht durch ein Brandmal entstellt ist, so betont sie doch immer wieder, wie überlegen die Rundungen ihres weiblichen Körpers in der Blüte seiner Jahre meiner knochigen, unterentwickelten, jungenhaften Erscheinung seien und wie mein Gesicht noch nicht einmal mit der dicken Schminke, die sie ihrem angedeihen ließ, an ihres heranreichen könne. Ich erinnere mich noch lebhaft an den Moment, als ich in irgendeinem Zusammenhang erwähnte, große Augen zu haben – das einzige körperliche Merkmal, das ich selbst an mir einigermaßen schön empfand – und welche Beschimpfungstiraden ich danach über mich ergehen lassen musste, in denen sie mir wütend klarzumachen versuchte, dass das nicht stimmte und es keine Schönheit an mir gab.

Meine inneren Eigenschaften kann sie ebenfalls kaum beneiden, haben doch meine Gutmütigkeit, Freigebigkeit, Dienstbereitschaft und mein unbedingtes Treueverständnis dazu beigetragen, dass ich mich nun in genau dieser Lage befinde, die mich schon morgens beim Aufstehen wie ein Mühlstein um den Hals mit dem Bewusstsein belädt, wie sehr ich mich selbst für meine Schwäche verabscheue.

Was meine Familie angeht, so muss sie sowohl aus meinen anfänglichen naiv-vertrauensvollen Erzählungen als auch als Bewohnerin unseres Dorfes mitbekommen haben, dass in unserem von meinem Vater recht autoritär geführten Elternhaus trotz aller Fürsorge nicht eitel Sonnenschein herrschte und vielfältige offene und versteckte Konflikte an der Tagesordnung waren, selbst wenn im Gegensatz zu ihr meine Eltern mich nicht der Obhut der Großeltern übergeben hatten. Und schließlich hat sie es auch geschafft, das Interesse eines Mannes zu erwecken – selbst wenn sie nicht mit ihm verheiratet ist und er sie nur regelmäßig besuchen kommt – was mir laut ihrer häufigen Aussagen aufgrund meiner Unbeholfenheit ohne ihre Hilfe und Vermittlung nie gelingen wird, was sie als Sinn und Ziel jedes weiblichen Daseins darstellt, wovor sie bei mir aber mit ihrer eigenen abschätzigen Redeweise über ihren Besucher, ihrem herrschsüchtigen Verhalten ihm gegenüber und den Schilderungen von Dingen, die Männer Frauen antun, in denen sie sich manchmal detailliert ergeht und dann an meinem Entsetzen und Mitleiden weidet, weit mehr Angst als Interesse hervorruft.

Oder geht es ihr vielleicht bei all ihrem Verhalten mir gegenüber darum, es sich als einen Triumph anzurechnen, Unschuld verdorben zu haben, die sie selbst lange nicht mehr ihr eigen nennen konnte, oder meinte nie besessen zu haben?

Ich schüttele alle diese Gedanken ab, als wäre ich aus tiefem Wasser aufgetaucht, lasse sie am Rande des Weges abfallen, den ich nun gehe. Vielleicht werden sie wiederkommen, vielleicht werde ich sie bald wieder aufnehmen müssen, wahrscheinlich werde ich bald wieder in die Sklaverei zurückkehren müssen, vielleicht trage ich sie sogar irgendwo am Rande dieser anderen Welt hier mit mir, lauert sie heimlich dräuend wie gierige Geier, wie giftige Skorpione, wie todbringende Seuchenfliegen an seinen Rändern – aber für jetzt will ich sie beiseite schieben, für jetzt will ich vorwärtsgehen, für jetzt will ich im Reich des Königs Zuflucht suchen. Ob er mich aufnehmen wird?


„Schau dir nur diesen Schwächling an! Als was bewirbt er sich, als Küchenmagd?"
„Eher als Latrinenreiniger mit den alten Lumpen!"
„Da kann er sich gleich selbst hinterherwerfen."
„Wenn er nicht gar etwas... viel Exklusiveres anstrebt..."

Ich versuche die peitschenden Worte auszublenden, die mir durch Kleidung und Haut hindurch an der Seele zerren, das laute, spöttische, penetrante Gelächter, das mir endlos in den Ohren widerzuhallen scheint, selbst nachdem es längst wieder verklungen ist, und mir damit Mut zuzusprechen, wie gut alles bisher gelaufen ist, besser als ich zu glauben gewagt hatte. Ich erbebe jetzt noch im Nachhinein, wenn ich daran denke, wie souverän und wagemutig ich den Wachen am Tor geantwortet habe, so als ob ich immer schon an einem Königshof zuhause gewesen wäre, so als ob ich wirklich ein Recht hätte, unter Adligen zu sein, so als ob eine andere Stimme durch mich geredet hätte.

Jäh verstummen die Jungen um mich herum und meine eigenen Gedanken, als sich die Tür des Flurs zum Außenhof öffnet und zwei Männer den Warteraum betreten. Mein Herz macht einen Sprung und die zweite Person verblasst zu einem bedeutungslosen Schatten, als ich ihn erkenne – Silgorn, den Ritter meiner Träume. Er trägt relativ einfache Kleidung in gedeckten Grün- und Brauntönen, so als hätte er sich schon für seine Zeit im Exil gewandet, nicht die prachtvolle Stofffülle, die er und seine Begleiter bei ihren Ausritten im Dorf gelegentlich sehen ließen. Aber selbst in Lumpen hätten seine aufrechte Gestalt, sein langes, seidenglänzendes dunkles Haar, die von einem kurzen Bart eingerahmten weichen, vollen roten Lippen und mehr noch als all dies die in sanftem Feuer glimmenden, unvergleichlichen Augen mir den Atem genommen. Für einen Moment trinke ich seinen Anblick in mich ein, dann wende ich rasch meine Augen zur Seite, damit mich mein Gesichtsausdruck nicht jetzt schon verrät, falls zufällig sein Blick auf mich fallen sollte.

„Schicke sie mir einzeln nacheinander hinein," höre ich ihn leise zu seinem Kammerdiener sagen, als sie auf meiner Höhe sind, während sie auf die gegenüberliegende Tür zum Audienzzimmer zusteuern. „Lass uns alleine und warte jeweils mit dem nächsten, bis der vorherige herauskommt, unbeachtet dessen wie lange es dauert. Den Schmächtigen als letztes. Danach werde ich meine Entscheidung kundtun."
Mit dem „Schmächtigen" kann er nur mich meinen. Das hebt nicht gerade meine Aussichten.

Ich denke kaum, dass irgendjemand außer mir seine Anweisungen mitgehört hat, aber auch ohne diesen Anreiz fangen die Jungen um mich herum nun wieder an, sich über mein Aussehen und Verhalten lustig zu machen. Ich tue so, als würde ich ihre Bemerkungen nicht hören, obwohl sie mich wie Stechmücken quälen, mir zusirren, dass mein Unterfangen sinnlos ist und mich auch so niemand leiden kann oder haben will. 'Gut, dass ich mich nicht mit anderen Knappen herumschlagen muss, so oder so,' denke ich bitter. Hätte der König nicht im Land verlauten lassen, dass einer seiner Ritter für einen unbestimmten Zeitraum in die Verbannung gehe und einen neuen, unbekannten Knappen für eine nicht weiter zu erörternde, zeitlich und räumlich geheim gehaltene Reise brauche, hätte ich all dies wohl nicht gewagt, allein schon weil ich unter Dauerbeobachtung am Hof meine Maskierung bestimmt nicht hätte aufrecht erhalten können. Wahrscheinlich hat auch die Tatsache, dass er anscheinend beim König ein Stück weit in Ungnade gefallen ist, um auf eine solche Mission geschickt zu werden, oder ihm zumindest entbehrlich sein muss – wenn ich auch nicht weiß, welchen Rang er bis jetzt am Hof innehatte – meinen Mut gestärkt, mich ihm überhaupt zu nähern.

Es kommt mir wie ein ganzer Tag vor, hier zu sitzen und die fremden Gesichter vorbeiziehen zu sehen, wie sie durch die breiten, reichbeschnitzten hölzernen Türflügel hinein und wieder heraus gehen, laut, leise, prahlend, stumm, aufgeregt, erhobenen und gesenkten Hauptes, bis ich herangewunken werde, um mit trockenem Mund dem Diener in den weiten Raum zu folgen wie ein verlorenes kleines Hündchen.

Viel zu schnell schließen sich die schweren Türflügel hinter mir, viel zu schnell bin ich allein mit ihm – mit der Person, von der ich zeit meines Lebens geträumt habe, nun endlich Auge in Auge.

Ich starre ihn an. Er hat seine Augen wirklich auf mich gerichtet, seine wunderschönen Augen, sie nehmen mich das erste Mal bewusst wahr, soweit ich mich erinnern kann, und sie sehen so gütig aus, gleichzeitig so intelligent und durchdringend, dass ich unwillkürlich erbebe. Einerseits verspüre ich den sehnsüchtigen Wunsch, von diesen Augen bis ins Tiefste erkannt zu werden, aus ihnen endlich zu erfahren, wer ich wirklich bin – andererseits lähmt mich das verzweifelte Hoffen, dass meine Verkleidung nicht durchschaut wird, dass mein Plan nicht fehlschlägt, dass meine einzige Rettung nicht scheitert.

„Wie lautet dein Name?"

Ich zucke zusammen. Das Wort „Sam" bleibt mir im Hals stecken. Ich kann nicht lügen, nicht unter dem Grünblau dieser Augen, nicht unter diesem Sternenhimmel, der so klar auf mich herableuchtet – wie unerreichbar auch immer ich ihn mir durch meine Ehrlichkeit mache.

„Van," flüstere ich schließlich. Es ist keine Lüge, aber auch nicht die volle Wahrheit.

„Ein ungewöhnlicher Name." Er klingt nachdenklich und ich halte den Atem an, als er mich eingehender mustert. „Es könnte eine Kurzform sein." Das Herz schlägt mir bis zum Hals. „Zum Beispiel für Ivan." Ich atme laut aus. „Ich messe Namen große Bedeutung zu," erklärt er ernst. „Der Bedeutung von Namen und wie sie zu ihren Trägern passen." Es klingt wie eine beruhigende Erläuterung für seinen vorherigen Kommentar, und ich atme dankbar auf, während durch einen Teil meines Gehirns der Gedanke schießt, dass er sich doch vor mir nicht zu rechtfertigen bräuchte.

„Worin gründet sich dein Bemühen gerade um diese Stelle?"

'Bitte frag mich nicht nach meinem edlen Vater, frag mich nicht nach meiner Abstammung, meinem Heimatschloss, meiner Herkunft, meinen Referenzen,' flehe ich stumm in meinem Innern, während ich meine Augen groß und angsterfüllt in seine bohre.

„Ich möchte einem Ritter persönlich dienen und dabei aus erster Hand kämpfen lernen," sage ich schnell, trotz meiner Nervosität darauf bedacht, meine an sich schon tiefe Stimme so männlich wie möglich klingen zu lassen. „Wie ich gehört habe, sucht Ihr jemanden für eine Reise und wollt nicht Eure ganzen Diener mitnehmen, sondern nur einen Lehrling," fahre ich hastig fort, um ihm keine Gelegenheit für die gefürchteten Zwischenfragen zu lassen. „Ich weiß, dass ich Eurer nicht würdig bin, aber es wurde verkündet, Ihr solltet... wolltet alleine losziehen, und ich – ich wollte..." Meine Stimme verliert sich unsicher im Schweigen. 'Euch. Alleine für mich.' Das kann ich nicht sagen. 'Für eine kurze Zeit nur, bis Ihr wieder zum Palast zurückkehrt, ein paar Monate vielleicht, die vergehen werden wie ein Traum. Oder noch kürzer, bis die Späher meiner Herrin mich finden und zu ihr zurückschleppen. So oder so, ich will bei Euch sein, so lange es irgend geht. Falls es denn irgendwie geht.'

Ich blicke kurz unsicher in seine Richtung und schaue dann zu Boden. Auf einmal verlässt mich jede Hoffnung. Wie habe ich mir je einbilden können, er würde gerade mich all diesen starken, stämmigen, sehnigen, wissbegierigen, ehrgeizigen jungen Adligen vorziehen, die in den Taschen Briefe ihrer Väter, in den Satteltaschen ihrer Pferde Geschenke an die Königin, in ihrem Kopf die Bildung eines jahrelangen Pagendaseins, an ihren muskulösen Leibern alle Insignien gehobener Herkunft mit sich tragen? Wie habe ich mir weiter einbilden können, in meiner unwissenden Naivität nicht bei jedem näheren Verhör so kläglich zu scheitern, wie ich es gerade getan habe? Entsetzt bemerke ich, dass mir Tränen in den Augen stehen, die eben anfangen, meine Wange hinabzulaufen. Nun habe ich endgültig alles verdorben.

„Bei dieser Unternehmung geht es um Verhüllung und Inkognito," höre ich ihn wie aus weiter Ferne reden. Ich zucke zusammen, weil ich das im ersten Moment auf mich beziehe, und atme auf, als er fortfährt: „Ich werde nicht als des Königs Ritter reisen, sondern in einfacher Kleidung als ein armer Umherziehender – ein Ritter ohne Rang und Namen, wenn du so möchtest." Er ist aufgestanden und zum Fenster getreten, vielleicht hat er meine Tränen gar nicht bemerkt. Ich schlucke, drehe mich um und wische sie mir mit dem groben Ärmel meines Hemdes verstohlen von der Wange, bevor ich wieder zu ihm hinsehe.

„Deshalb werde ich auch nur einen einzigen Knappen mitnehmen, den ich mir umso sorgfältiger auswähle. Der Auftrag, unter dem ich unterwegs bin, birgt zahlreiche Gefahren und viel hängt von seinem Verlauf ab. In der Tat liegt mir ein erfolgreicher Ausgang hier mehr am Herzen als bei irgendeinem anderen Unterfangen meines bisherigen Lebens. Unbedingte Treue ist wesentlich. Man ist ganz auf die Hilfe des Gefährten gestellt alleine in der Wildnis. Keiner kann sich mittendrin anders entscheiden und wieder umkehren. Man geht zusammen durch Sieg und Niederlage, Gelingen und Scheitern, Leben und Tod. Würdest du in eine solche Bindung einwilligen?"

„Ich hatte all das, was Ihr eben nanntet, sowieso als selbstverständlichen Teil eines Knappendaseins verstanden." Habe ich damit nun endgültig meine Unwissenheit über das höfische Leben preisgegeben?

Er nickt nur. „Gibt es weitere Dinge, die du mir über dich erzählen möchtest?" fragt er dann knapp und sachlich. „Weitere Fragen, von denen du dir wünschst, dass ich sie dir stelle?"

Verwundert schüttele ich stumm den Kopf.

„Hast du deinerseits Fragen, Wünsche, Anmerkungen oder Bedingungen, die du äußern möchtest?"

Erneut schüttele ich den Kopf, immer erstaunter über den Verlauf dieses Gesprächs.

„Dann wisse, dass ich mich für dich entschieden habe."

Im ersten Moment meine ich, mich verhört zu haben. Ich merke, wie meine Knie zittern. Erst als ich seinen amüsierten Gesichtsausdruck erkenne, wird mir klar, dass ich ihn schon eine Weile mit offenem Mund angestarrt haben muss. „Da-danke," stottere ich unbeholfen.

Ich habe keine Ahnung, wie es nun weitergeht, er steht dicht vor mir und schaut mich immer noch an.

„Kommt nun irgendeine Zeremonie, um meinen neuen Status zu bekräftigen?" frage ich unsicher.

„Üblich ist es nicht. Möchtest du denn eine?" Seine Augen blitzen belustigt auf und um seinen Mund spielt ein plötzliches Lächeln.

Ich spüre, wie ich rot werde. Ich weiß nicht, was ich antworten soll.

„Knie nieder," sagt er sanft.

Mein ganzer Körper wird von Zittern geschüttelt, als ich vor seinen Füßen auf die Knie sinke. Fest und ruhig legt sich seine Hand auf meine Schulter und verharrt dort, bis ihre Wärme meinen ganzen Oberkörper zu durchfließen scheint, bis ihre Unerschütterlichkeit meine ängstliche Nervosität zum Verstummen bringt, mein Zittern schließlich abebbt.

„Erhebe dich, Knappe des Königs," höre ich ihn feierlich sagen. Zugleich bewegt, erleichtert und nun endgültig von dem Gefühlswirbel der vergangenen Minuten übermannt stehe ich auf und eile auf die Türflügel zu.

„Ah, und Van..." höre ich in meinem Rücken. „Lass meinen Kammerdiener dich über die innere Tür in deine neue Unterkunft bringen – ich möchte dich nicht der Enttäuschung deiner Mitbewerber aussetzen, wenn sie gleich meine Entscheidung erfahren."