3. Metamorphiert

„Van, hör zu: Umstände haben sich verändert und ich muss alleine zum Palast, etwas Wichtiges erledigen. Aber ich bin bald wieder bei dir. Hab keine Angst, während ich fort bin, Nolwe wird so lange auf dich aufpassen. Wenn irgend etwas ist, kannst du mir immer eine Nachricht durch sie senden."

„Aber... ich dachte, gerade jetzt könnten wir uns wieder um den Auftrag kümmern!" protestiere ich. Unser beider Wunden sind weit genug verheilt, um sich ungehindert bewegen zu können, außerdem scheint jetzt endlich die Kälte des Winters gewichen zu sein, der Schnee ist geschmolzen und das Schmelzwasser weggesickert, die Wege sind frei, ideal um zügig voranzukommen. Nach einigen Wochen Übung schaffe ich es inzwischen auch, einigermaßen sicher mit Silgorn zusammen in Alagos' Sattel zu sitzen. So viel langsamer würde er mit meiner Begleitung auch nicht vorankommen, wenn er unbedingt zurückreiten muss, und wenn ich nicht mit in den Palast darf, könnte er mich wenigstens kurz vorher erst absetzen. Obwohl ich nicht wüsste, wohin ich dann gehen sollte...

„Das tun wir," greift er knapp meinen Einwand auf. „Dies ist ein notwendiger Teil davon. Vertrau mir. Ich bin bald wieder da."

Es klingt endgültig und kompromisslos, und ich schlucke meine ganzen Gegenargumente ungesagt hinunter.


Beruhigend verströmt der Bach seine Melodie, vereinzelt rascheln kleine Mäuse in dem welken Laub des Vorjahres, eine Amsel singt von einem nahegelegenen Ast ihr Lied, dem von einer Artgenossin weiter entfernt in jeder Pause eine Antwort über die Lüfte zurückgesandt wird. Die Sonne steht wie ein glutroter Ball tief zwischen den Baumstämmen, bald wird sie ganz untergegangen sein und die Bäume werden gespenstische Schatten auf die jetzt noch helle Lichtung werfen. Mit einem wehmütigen Ziehen im Bauch denke ich an unsere allererste Nacht zusammen im Freien, als sein Wein mein Inneres durchwärmte, als seine Nähe wie ein Mantel um mich gebreitet war, obwohl er ellenweit von mir entfernt auf der anderen Seite des Feuers saß, als ich mich nicht vor der heranziehenden Nacht fürchten musste, wie ich es jetzt tue.

Auch wenn er mich eigens an den geheimen Ort unserer Genesung zurückgebracht hat, damit ich mich sicherer fühle, kommt es mir vor, als könnten mir die verborgenen Lichtungen – sowohl die kleine, moosbedeckte direkt vor der Höhle als auch die größere mit der Wiese um den Felsvorsprung herum, die wir kurz danach entdeckt hatten – , das dichte Felsenband, das zumindest für Blicke undurchdringliche Dickicht, ja selbst der breit aufgeschichtete Steinwall vor der Höhle ohne meinen Ritter auch nur begrenzt Schutz bieten. Die letzte Nacht habe ich kaum ein Auge zugetan und ängstlich auf jeden Laut gelauscht, obwohl Nolwe an meiner Seite gesessen hat. Nun ist sie noch nicht einmal zu finden, ich habe sie den ganzen Tag noch nicht gesehen, obwohl er versprochen hatte, sie bei mir zu lassen. Ich kauere mich in den Höhleneingang, hinter den Wall, und wickele mir missmutig meine Decke fest um die Schultern. So ängstlich war ich alleine auf der Straße nicht gewesen, bevor ich mich bei ihm beworben hatte – vielleicht weil ich da den Unterschied zwischen seiner Anwesenheit und seiner Abwesenheit noch nicht kannte.

Wieder zerbreche ich mir den Kopf darüber, warum er ohne mich weggegangen ist. Ist dies das Ende unserer Unternehmung? Hat er mich ganz verlassen und wollte es mir nur nicht offen ins Gesicht sagen? Hat er nach all der Zeit doch noch herausgefunden, dass ich ihn hintergangen habe, und ist deshalb verschwunden, oder wusste er es seit meinem Sturz in den Fluss und hat seither nach einer Möglichkeit gesucht, mich unauffällig loszuwerden, vielleicht sobald er es vor seinem Gewissen verantworten konnte, mich allein in der Wildnis zurückzulassen, also sobald meine Wunde einigermaßen verheilt war? Irgendwie habe ich mir wohl eingebildet, die Tatsache, dass ich seiner eigenen Aussage nach sein Leben gerettet habe, würde ihn aufgrund seiner Dankbarkeit und meines anscheinend doch ein Stück weit bewiesenen Mutes davon abhalten, mich meiner Weiblichkeit wegen zu verstoßen. Nun dämmert es mir jedoch immer stärker, dass ich ihn durch keine Handlung meinerseits an mich zu binden vermag, zumal er mir ja im Gegenzug mindestens ebenso das Leben gerettet hat, und solche Dinge sowieso nicht auf eine solche Weise aufgerechnet werden können. Resigniert stütze ich mein Kinn in meine Hände und schaue auf die Lichtung hinaus.

In einem letzten Lebewohl von violett-blau-rosa gestreiften Bändern, die schon matt in dunkle Grautöne übergehen, sinkt die Sonne hinter den Horizont. In diesem Moment höre ich ein lautes Geräusch wie einen Windstoß, das mich zusammenzucken lässt. Ein großer Vogel landet mit flatternden Flügeln direkt auf der Mauer, aber es ist keine Taube, sondern eine Schleiereule. Mit einem kleinen Schrei ducke ich meinen Kopf unter die Decke, um mich vor diesem Jäger der Nacht in Sicherheit zu bringen, selbst wenn ich keine Maus oder kein Kaninchen bin.

Das Tier gibt einen klagenden Ruf von sich, ich höre das Rascheln von Federn, die geschüttelt werden, dann wieder den einsamen, melancholischen Ruf. Es hört sich an, als würde sie bittend auf der Mauer hin- und hertrippeln wie früher im Hof meiner Eltern die Hühner auf der Stange des Hühnerhauses. Vorsichtig hebe ich die Decke von meinen Augen. Vielleicht hat sie Hunger? Ich dränge alle Erinnerungen an den ominösen Hund zurück, dem wir mit ebendieser Begründung am Anfang unserer Reise mit fatalen Folgen unsere Gesellschaft zugestanden hatten, schaue vorsichtig auf und studiere das Tier genauer. Ich kann nicht anders als das weiße, feinbefiederte, herzförmige Gesicht mit den großen schwarzen Augen zu bewundern. Ihre Federn, glänzend gepflegt, sind weiß und hellbraun gemustert wie die Nolwes. Nun schüttelt sie sie wieder, erhebt sich in die Luft, überbrückt im Bruchteil einer Sekunde die Distanz zwischen uns und landet zu meinem Entsetzen direkt auf meiner Schulter. Die Krallen, die sich in mein Hemd bohren, sind kaum zu spüren, als sie ihren Kopf plötzlich seitlich an meinen legt, mit ihrem Schnabel meine Haare etwas auseinanderschiebt und ganz zart an meinem Ohrläppchen knabbert.

„Nolwe?" entfährt es mir überrascht. Bei mir hat sie das noch nie getan, aber ihr ganzes Verhalten ist so typisch für die Art, wie sie ihren Herrn immer zu begrüßen pflegte, als dass ich jetzt noch Zweifel an ihrer Identität haben könnte.

Ein zustimmendes Gurren ist ihre Antwort, das mir wie ein Mittelding zwischen dem Laut einer Taube und dem einer Eule vorkommt.

Rasch schiebe ich sie ein Stück von meinem Kopf weg, um nach einer Nachricht an ihren Füßen zu suchen, doch dort ist nichts befestigt.

Das Gefühl der Enttäuschung in meiner Herzgegend, während ich in meiner Tasche wühle, um Nolwe ein paar ihrer Lieblingskörner aus einem Beutel zu holen, den Silgorn mir dagelassen hat, überrascht mich selbst in seiner akuten Intensität. Wie eine Puppe halte ich dem Vogel die Hand mit den Körnern hin, die er sanft seitlich mit dem Schnabel von meiner Handfläche aufnimmt. Spätestens an den gurrenden Geräuschen, die sie dabei macht, hätte ich sie als Nolwe erkannt, nur dass sie jetzt immer noch ein wenig klagend klingt.

„Ja, mir fehlt er auch, mehr als du dir vorstellen kannst." Ich streichele dem Vogel über das weiche Gefieder, vergrabe schließlich mein Gesicht darin und drücke einen innigen Kuss in den Flaum. „Nolwe," flüstere ich in die Federn hinein, während meine Hände sie umgeben als wolle ich mich an ihr festhalten. „Ich weiß nicht, wo dein Herr gerade ist, und ich habe keine Ahnung, ob er nun um meine wahre Identität weiß – dass ich ein Mädchen bin, meine ich – und sich nur nichts anmerken lässt, ob er deshalb auf direktem Weg zurück zum Palast geritten ist, um mich dort dem König zu melden und von seinen Ordnungshütern abholen zu lassen, ob er mich unterwegs irgendwo unbemerkt vorhat loszuwerden und sich nun so verstellt, wie ich es die ganze Zeit getan habe, um es mir mit gleicher Münze heimzuzahlen, oder ob sein jetziges Verschwinden nichts mit mir zu tun hat. Ich hoffe ja immer noch, dass es etwas weniger Gravierendes ist – vielleicht will er mir ja nur ein neues Pferd besorgen, um nicht mehr seines mit mir teilen zu müssen, weil ihm meine Nähe lästig ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er mich immer noch für einen Jungen hält, und ich kann mir ebenfalls nicht vorstellen, dass er ein Mädchen als seinen Knappen haben wollen könnte, aber vielleicht ist er sogar gnädig, vergibt mir den Betrug und sucht mir irgendeine andere Stelle, vielleicht sogar nicht ganz so weit weg aus seiner Nähe. Aber wie auch immer es ausgeht, Nolwe, ich liebe ihn. Sag ihm das, dass ich ihn so unendlich liebe – nein, sag es ihm nicht – du kannst ja sowieso nicht reden, und ich werde keine Botschaft an deine Füße hängen, aber ich liebe ihn, wie niemanden je zuvor und niemanden je danach, und dieser eine Winter mit ihm war mir alles wert, alles. Selbst wenn er vielleicht nie mehr zu mir zurückkommt und auch dich jeden Moment mit einem Pfiff wegrufen kann." Tränen rinnen feucht in die weißen Federn. Lange verharre ich so und trinke den Trost in mich ein, der von der spürbaren, fühlbaren, greifbaren Präsenz des Vogels ausgeht. Er hält ganz still, so als wüsste er, wie dringlich ich seine Nähe brauche. Schließlich hebe ich mein Gesicht, halte Nolwe vorsichtig ein Stück von mir weg und öffne meine Hände. Fast lautlos erhebt sie sich in die Lüfte.

Bang beobachte ich, ob sie nur eine Runde um die Lichtung fliegt oder sich wieder davon macht. Ihre Flügel als Schleiereule sind so viel größer und breiter als ich es von ihr gewohnt war, und nun sehen sie gegen die Sonne rotgolden aus, ja fast als ob sie in Flammen stünden. Unwillkürlich denke ich an unsere allererste Begegnung, als sie von Gold gerahmt zu sein schien, doch nun ist keiner der Flügel mehr kleiner und keiner der gegen den Himmel feurigen Umrandungen fehlt es an Umriss. Im Gegenteil, der ganze Vogel scheint ausnahmslos zu brennen, immer heller. Ich betrachte fasziniert diesen Effekt des Lichtes, der mich an Silgorns Weinbecher an jenem ersten Abend erinnert, nur um so vieles intensiver ausgeprägt. Dann erst wird mir mit einem kleinen Schock bewusst, dass die Sonne schon seit geraumer Zeit untergegangen ist.

„Ein Falke, eine Taube, eine Eule, ein Phönix – was hältst du noch für Überraschungen bereit?" murmele ich, bevor die nun kleine Gestalt sich restlos in Luft oder vielmehr Feuer aufzulösen scheint. „Hoffen wir nur, dass du bald wieder da bist," richte ich meine Worte an die leergewordene Stelle. „Sonst fühle ich mich vollends einsam und von allen verlassen."


„Nolwe ist bei dir, das freut mich zu sehen!"

Ich lasse meine Ersatzunterwäsche, an der ich gerade am Bachrand auf meinem selbstgebastelten Waschbrett – bestehend aus einem großen flachen und einem kleinen unebenen Stein – herumrubbele, mit einem Aufschrei fallen, schnelle herum und sehe Silgorn, meinen Herrn, unter den weit ausladenden Ästen einer Buche stehen, ein Stück hinter dem Stamm versteckt, so als hätte er sich leise angeschlichen und mich schon eine Zeitlang beobachtet.

„Sie war nicht die ganze Zeit da," kann ich mir nicht verkneifen zu sagen, nachdem mir ein erfreutes und unendlich erleichtertes „Ihr seid wieder zurück, mein Herr!" entfahren ist und ich die Leinenwäsche schnell geistesgegenwärtig zu einem unidentifizierbaren Bündel zusammengeknüllt habe.

„Sie kann unsichtbar sein," erklärt er versöhnlich. „Aber das bedeutet nicht, dass sie fort ist." Nun erst bemerke ich, dass die Buchenäste über seinem Kopf zarte, hellgrüne, teils noch halb zusammengefaltete junge Blätter tragen. Sie müssen über Nacht ausgetrieben sein – oder waren mir vorher nicht aufgefallen.

„Ja, ich bin zurück," greift er meinen Ausruf auf. „Aber nur, um dich hier abzuholen, wie ich versprochen hatte. Mein Weg führt nun so direkt wie möglich zum Palast."

Ein Stich der Enttäuschung durchfährt mich, der mir die eben noch empfundene Freude des Wiedersehens fast vollständig raubt. So schnell soll es nun schon zu Ende sein?

„Man lässt Euch jetzt schon zurückkehren? Obwohl wir die Mission noch nicht erfüllt haben? Was ruft Euch so dringend in den Palast?" entfährt es mir, bevor ich mir bewusst werde, wie viel ich mir mit dieser Frage einem Vorgesetzten gegenüber herausnehme, der er trotz aller gemeinsam durchgestandenen Gefahren ja immer noch ist und erst zurück im Hofleben noch stärker wieder sein wird.

Wenn ich mich ungebührlich betragen habe, übergeht er es mit Schweigen. Er schaut mich nur vorsichtig an und sagt sachte: „Meine bevorstehende Eheschließung."

Ich taumele auf die Buche zu, um mich an einem Ast festzuhalten, irgendeinen Halt zu finden – auch wenn ich am liebsten in die Gegenrichtung davonrennen würde, so viel Abstand wie möglich zwischen mich und Silgorn bringen – mir ist, als sei der Boden unter meinen Füßen plötzlich aufgebrochen und ich stürze in einen Abgrund. Mühsam fixiere ich die Wiese, den Baum, den Himmel – alles, was noch genauso ist wie vorher. Die jungen grünen Blätter über Silgorns Kopf schwanken leicht im Wind, ich meine fast ihre Bewegung zu hören in dem plötzlich eingetretenen Schweigen.

„Ich habe schon seit vielen Jahren ein Auge auf eine bestimmte Frau geworfen. Wir wurden einander bei ihrer Geburt vorläufig versprochen, unter der Voraussetzung, dass beide in einem Alter, in dem sie zu dieser Entscheidung fähig und bereit sind, in eine solche Verbindung einwilligen. Sobald ich mir der Liebe meiner intendierten Braut sicher war – das heißt sobald mir ihre Mitteilung überbracht worden war – habe ich alles in die Wege geleitet, um die endgültige Einwilligung des Königs zu der bevorstehenden Heirat einzuholen."

Wie geschwollen er sich ausdrückt! „Warum müsst ihr dazu den König fragen? Hat er solche Verfügungsgewalt, in euer Privatleben hineinzureden?" frage ich trotzig. Eigentlich interessiert mich das nicht wirklich, interessiert mich nun gar nichts mehr, will ich von nichts mehr irgendetwas wissen; aber ich stelle diese Frage, um etwas zu sagen, um die plötzliche Spannung zwischen uns zu überspielen, um den fast unerträglich starken Stich von Eifersucht und Enttäuschung zu betäuben, der mir fast das Herz zu zerreißen droht.

Er sieht mich kurz prüfend von der Seite an und schaut mir dann direkt und offen in die Augen: „Er ist mein Vater."

Ich schnappe nach Luft. „Ihr – Ihr seid ein Sohn des Königs?"

„Sein Erstgeborener."

Der, der einmal das Reich erben wird. Der Zweithöchste im Land. Der, dem eine edle Prinzessin ausgesucht wird, die fähig sein muss, an seiner Seite zu regieren. Der, um den sich die höchsten Damen des Landes streiten, zu dem Jungfrauen aus fernen Gebieten reisen, in der Hoffnung, die Eine zu sein, die erwählt wird. Der, der noch viel tausend mal unerreichbarer für mich ist, als ich es mir je in meinen Überlegungen vor diesem verrückten Unterfangen hätte ausmalen können.

Ich wende mich ab.

Sachte spüre ich seine Hand an meiner Schulter. Ich muss meinen ganzen Willen aufbringen, sie nicht unwirsch abzuschütteln, wobei ich merke, dass ich wütender noch als auf ihn, als auf den König, als auf die fremde Prinzessin, als auf das Schicksal – auf mich selbst bin – für jede törichte, vermessene Hoffnung, die sich trotz meiner oberflächlichen Beteuerungen mir selbst gegenüber doch noch irgendwo tief in meinem Herzen versteckte. Widerwillig drehe ich mich halb zu ihm um.

„Van... Nolwe hat mir deine Botschaft überbracht."

In meiner Überraschung sehe ich ihn nun doch direkt an. „Aber ich habe ihr doch gar keine angehängt!"

„Du musst sie ihr irgendwie übermittelt haben." Nun klingt er nachdenklich.

Ich halte den Atem an... Meint er jene Botschaft? Die, von der ich dachte, sie würde nicht weiter dringen als bis in die weißbraunen Federn einer Schleiereule und dort für immer sicher aufgehoben sein? Ich spüre, wie sengende Glut in meine Wangen schießt.

„Du musst wissen, dass Nolwe Herzen liest," sagt er sanft. „Sie nimmt wahr, was im Innersten einer Person vor sich geht, und erkennt dabei gleichzeitig den tiefsten Wunsch dieser Person, ob und wem die betreffenden Regungen offengelegt werden dürfen und sollen oder nicht. Dementsprechend handelt sie."

„Das heißt..." flüstere ich, „dass ich mir insgeheim wünschte, diese Botschaft würde dich erreichen? – Euch, meine ich," verbessere ich mich schnell.

„Was sie auch tat, denn wer Nolwes Art zu kommunizieren kennt, kann umgekehrt auch an den Regungen teilhaben, die sie übermittelt." Er grinst verschmitzt, dann wird sein Gesicht wieder ernst und seine Augen ganz weich, wie ein tiefer, stiller Waldsee.

„Vanessa." Ich zucke zusammen. Hat Nolwe ihm auch das gesagt?

„Möchtest du im Gegenzug meine innersten Regungen und tiefsten Wünsche erfahren?"

Ich nicke stumm, harre ängstlich dessen, was nun kommt.

Er tritt einen Schritt näher an mich heran, so dass seine Augen sich tief in meine versenken, ich kaum etwas anderes mehr wahrnehmen kann als das tiefe Grünblau dieser Sternenseen. Mit einem kleinen Schauer spüre ich, wie eine seiner Handflächen ganz zart meine Wange streift und dann dort verharrt.

„Ich könnte Nolwe meine Botschaft überbringen lassen, wie du deine," sagt er leise mit rauer Stimme. „Aber ich möchte es selbst direkt tun."

Wie ein Windhauch streifen seine Lippen meine Stirn, meine nun geschlossenen Augenlider, meine immer noch erhitzten Wangen, und lassen sich schließlich auf meinem Mund nieder wie eine zartbefiederte Taube an sonnigen Wasserbächen. Ich trinke seinen Atem in mich ein.

Tränen stehen in meinen Augen, als seine Lippen sich einen endlosen Moment später von meinen lösen. „Nur um sicherzugehen," höre ich ihn sagen, „möchte ich dir diese Zeichensprache in Worte übersetzen: sie bedeutet, dass ich deinetwegen zum König ging. Vanessa: möchtest du den Bund mit mir eingehen? Dass ich dein Mann bin und du meine Frau bist, wir einander gehören, zusammen durchs Leben gehen und einander treu sind für immer – so wie wir es hier schon waren, inmitten der Wildnis?"

Nun weine ich offen, weine und lache gleichzeitig, ergreife fest seine mir dargebotene Hand, verschlinge sie mit meiner inmitten meines aus tiefstem Herzen kommenden „Ja, ich will."

Erst dann schießen dutzende Fragen und ungläubige Einwände durch meinen Kopf, doch ich schiebe sie beiseite, weigere mich, mir dieses Wunder rauben zu lassen, das ich unmissverständlich in seinen Sternenaugen lese.

„Mein Vater der König hat mir nicht nur einen weiteren Schlauch seines besten Weins mitgegeben," bricht mein Bräutigam nach einer Weile das gefühlsgeladene Schweigen mit einem Augenzwinkern, „sondern, was noch viel wichtiger ist, unsere Trauringe, die eigens für mich und meine zukünftige Braut angefertigt wurden." Nun ist er wieder ganz ernst und feierlich. „Wenn du möchtest, können wir sie einander hier anlegen, in der Wildnis, dem Ort, der unsere Liebe offenbart hat und mir deshalb immer in kostbarer Erinnerung bleiben wird. Aber wir können mit dieser Zeremonie auch warten, bis wir im Schloss meines Vaters sind, was nicht mehr allzu lange dauern wird."

„So bald schon werden wir dahin zurückkehren? Aber was ist mit deiner Mission?" wende ich halbherzig ein.

„Unserer Mission, meinst du? Dem Sinn und Ziel unserer Reise? Das ist erfüllt." Lächelnd schiebt er seinen Umhang ein Stück in Richtung Schultern zurück, so dass das Wappenbild auf seiner Brust deutlich in mein Blickfeld tritt.

„Möchtest du das Motiv interpretiert bekommen?"

„Ja, bitte!" Das Rätsel hat mich seit der verpassten Gelegenheit, ihn nach meinem Sturz ins Wasser danach zu fragen, immer wieder beschäftigt.

Noch während ich darüber nachgrübele, senken sich plötzlich erneut seine Lippen auf meine. Sie streifen mein Herz wie ein warmer Frühlingswind eine noch geschlossene Krokusblüte, und es fühlt sich an, als würden seine Lippen zarte Flammen in meine senden, Flammen, wie ich sie an den Rändern von Nolwes Flügeln sah – Flammen, die in mein Inneres hinabfließen, die aus meinem Inneren heraus aufblühen, wie sich Krokusblüten behutsam erweckt schüchtern in ihrer Zeit den Sonnenstrahlen entgegenstrecken, wie meine Seele, die seinem sanften, langsamen, immer noch zärtlichen, aber zunehmend intensiven Kuss entgegenblüht in sehnendem Erwachen. Ich stöhne leise auf, fast protestierend, als er schließlich seine Lippen vorsichtig wieder von meinen nimmt.

„Um auch das zu übersetzen:" flüstert er, während sein Blick in meinen versenkt den Kuss auf Augenebene fortzusetzen scheint. „Es ist ein Bild für Freude, Genuss, Fülle, Erfüllung. Der Sinn unserer Reise, und ab jetzt unseres ganzen Lebens, ist unser Einander-Genießen auf gegenseitigen Wunsch hin. Du bist dieser Vogel auf unserem Wappen, wann immer wir beide möchten, und ich bin dein Traubenstock. Du bist mein Traubenstock, wann immer wir beide möchten, und ich bin der Vogel auf unserem Wappen. Aber schau, hier ist ein noch passenderes Bild."

Zuerst halte ich das, was sich über uns von dem Zweigdach der Buche löst, für grüne Blättchen, die vom Wind davongerissen wurden, bis mir an dem auf- und abwärts wirbelnden Flug trotz der nur sachten Brise klar wird, dass es sich um zwei Schmetterlinge handelt. Grünlichweißgelb und strahlend hellgelb wie die Sonne, mit jeweils einem kleinen roten Punkt auf den Flügeln, tanzen sie umeinander, unsere Gegenwart vergessend, versunken in ihr Liebesspiel, um sich schließlich wieder auf einem höheren Ast derselben Buche niederzulassen.

„Weißt du, warum dieses Bild noch passender ist?" führt Silgorns Stimme mich wieder aus meiner faszinierten Betrachtung zurück.

„Weil beides Schmetterlinge sind, so wie wir beide Menschen?"

„Richtig. Weil es unsere Ebenbürtigkeit ausdrückt. Wenn beide Partner sich gegenseitig freiwillig aus Liebe erwählen, spielt es keine Rolle, ob einer von ihnen ein erstgeborener Prinz und zukünftiger König ist und der andere das Kind einfacher Eltern, das jahrelang von einer bösen Frau missbraucht wurde, die ihm einredete, es sei hässlich und nichts wert."

„Woher weißt du von meiner Herrin?" frage ich leise mit einem Stich im Herzen, während ich mich plötzlich wieder fühle, als laste ein Zentnergewicht auf meinen Schultern. Ich kann nicht anders, als beschämt zu Boden zu schauen.

„Du hast viel im Fieber geredet." Er nimmt vorsichtig meine Hand. „Aber auch ohne diese Gedankenfetzen weiß ich, was du durchgemacht hast. Ich habe es miterlebt."

„Wie kann das sein?" Ungläubig starre ich in sein mir zugeneigtes Gesicht.

„Du hast sie wahrscheinlich meist nicht wahrgenommen, außer in besonderen Momenten, aber Nolwe war die ganze Zeit bei dir. Manchmal saß sie auf dem Fensterbrett, manchmal war sie direkt neben dir im Zimmer, und des Nachts deckte sie dich mit ihren Flügeln zu und streichelte dir im Schlaf die Tränen von den Wangen." Wie um seine Worte zu unterstreichen wiederholt er eben diese Geste mit Fingern, die sich weich und schwerelos anfühlen wie Federn, obwohl meine Wangen trocken sind.

„Aber selbst wenn das wirklich stimmt: spätestens wenn sie zu dir flog und bei dir war, war ich doch alleine, und was da geschah, kann sie dir nicht gesagt haben!" wende ich viel zu vehement ein.

„Nolwes Verbindung zu mir ist so eng, dass sie nicht den Ort zu wechseln braucht, um mit mir zu kommunizieren. Sie hat mir jenes Haus mit allem, was darin geschah, permanent zeitgleich direkt übermitteln können. So wie vorher dein Leben in deinem Elternhaus – um dich die volle Wahrheit wissen zu lassen, alles, was du erlebt hast, seit du auf dieser Welt bist."

„Willst du damit sagen, du hast mein ganzes Leben in Gedanken geteilt?" Ich weiß nicht, warum es mir so viel bedeutet, aber es kommt mir fast vor, als würde von der Antwort auf diese Frage mein Leben abhängen.

„Nicht nur in Gedanken." Er schaut über die grünenden Wipfel in die Ferne und verfällt in Schweigen. Ich wippe ungeduldig mit den Füßen.

Als er mich wieder anschaut, bemerke ich mit einem kleinen Erschrecken, dass Tränen in seinen Augen stehen.

„Du vergisst, dass Nolwe vor allem Herzensregungen überträgt," sagt er dann leise. „Sie fühlt und teilt das Innerste. Freude, Leid, zerbrochene Träume, zerstörte Unschuld, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung... Als du weintest, weinte ich. Als du nicht mehr lachen konntest, konnte ich nicht mehr lachen. Als dein Wille gebrochen wurde, zerbrach genauso viel meiner Stärke und Würde. Als du dich selbst nicht mehr leiden konntest, splitterte meine Persönlichkeit entzwei. Als du deine Mitgift hinter der losen Planke hervornahmst und dich mitten in der Nacht davonstahlst, klopfte mein Herz bis zum Hals aus Furcht vor Entdeckung und aus neugefundener Hoffnung auf Erlösung in die Freiheit. Als deine Seele ängstlich zitternd jubilierte wie die Lerche am Himmel an jenem Tag, als du auf dem Weg zu mir warst, bebte mein Innerstes vor bange glücklicher Erwartung."

Ich starre ihn mit weit aufgerissenen Augen an, bevor dicke Tränen sie verschleiern. Ich blinzele und spüre das warme Nass meine Wange herablaufen, bevor seine Finger und dann seine Lippen es zärtlich aufnehmen.

„Warum?" frage ich schließlich nur.

„Weil ich dich liebe, Vanessa."

„Wie konnte das damals schon sein? Du kanntest mich doch noch gar nicht. Oder hast du mich irgendwann gesehen und ich erinnere mich nicht mehr daran?"

„Auch das, aber wir waren auch da schon einander versprochen."

„Vorhin sagtest du, dass das unserer Einwilligung bedurfte, um gültig zu sein," wende ich ein. „Und das ging doch so früh noch gar nicht. Ich meine," ergänze ich unsicher, „du kannst dich doch nicht schon als kleiner Junge in einen Säugling verliebt haben?"

„Du hattest damals schon dieselben Augen," sagt er schlicht. „Dieselben Fenster der Seele."

Ich bin sprachlos.

„Wenn dir wirklich schon seit unserer Kindheit bekannt war, dass wir füreinander bestimmt wurden, warum wusste ich dann nichts davon?" verfolge ich nach einer Weile eine weitere Gedankenrichtung, die seit seiner letzten überraschenden Enthüllung an mir nagt.

„Um nicht in deiner Herzensentscheidung eingeschränkt zu sein. Zuerst konnte ich das auch nicht verstehen und stellte meinem Vater genau dieselbe Frage, jeden Tag an dem ich von Sehnsucht nach dir und Sorge um dich verzehrt anderen Tätigkeiten nachgehen musste als der, die ich am dringlichsten ersehnte, nämlich mich dir persönlich direkt als dein Retter und Liebhaber zu offenbaren, jeden Tag, an dem ich meinen brennenden Zorn auf das Böse, das mein Liebstes zerstören will, beherrschen musste. Du wusstest nicht, dass Nolwe meine Gegenwart wie einen Schutzmantel um dich gebreitet hielt, weil du nichts davon wahrnahmst, und so musste ich dich scheinbar ohne Hilfe leiden sehen, genausowenig wie mein Vater mir beistehen konnte, während ich deine Schmerzen durchlitt. Aber inzwischen erkenne ich den Sinn seines Zeitplans und die Schönheit seiner Absichten und befolge sie gerne. Abgesehen von anderen Gründen, die dir deine Qualen reichhaltig vergelten werden, schon geschehenen und zukünftigen Ruhmestaten einer einfühlsamen, mitleidsvollen, barmherzigen, weisen Königin, und abgesehen von all dem, was uns nun in Freude und Leid verbindet, wollte er dich mich zu deiner Zeit finden lassen, auf deine Weise – nur so war es eine echte Wahl."

Ich schweige lange, während ich die grüne Wiese mit ihren unzähligen gelben Schlüsselblumen und frisch erblühten blauen Glöckchen von Szilla betrachte, den zwitschernden Vögeln überall in den Bäumen lausche und all diese Neuigkeiten verarbeite.

Ein vertrauter Ruf am Himmel, noch fern aber sich rasch nähernd, wie eine Vorahnung, die zur Realität wird, lässt mich plötzlich aufgeregt auf die Wiese rennen, Silgorn direkt hinter mir.

„Schau, sie können wieder fliegen."

Meine Augen verfolgen gebannt das Kranichpaar, bis es am fernen Horizont verschwindet. Dann erst wende ich mich wieder meinem Begleiter zu.

„Du meinst, es sind die beiden? Du weißt schon?" Meine Gedanken springen zurück an den Anfang unserer Reise. So viel ist seither passiert, das ich nie für möglich gehalten hätte.

Mein Bräutigam lächelt mich an. „Immerhin sind sie zu zweit alleine unterwegs, oder?"

Ich lache glücklich.

Er strahlt mich an. „Ihr Flügel ist geheilt. Sie werden sich nun wieder in die Schar der anderen einreihen, wenn diese aus dem Süden zurückkommen. Aber ich bin sicher, dass sie trotzdem immer wieder Zeiten nur zu zweit finden werden – sie ganz bewusst suchen."

„Woher weißt du, dass sie auch wirklich zusammenbleiben, wenn sie wieder bei den anderen sind?" frage ich skeptisch.

„Ihr gemeinsam durchlebtes Abenteuer hat sie enger zusammengeschweißt als jedes andere Band – zusammengeschweißt für immer." Er streicht über meinen Ringfinger, so als würde sich sein Ring, den er mir vorhin angeboten hat, jetzt schon daran befinden. Ich wünsche mir, dass er ihn mir noch in der Wildnis anlegt – hier, wo wir beide alleine sind, noch heute. Und dann möchte ich den Wein des Königs mit ihm trinken – gleichzeitig zusammen aus einem Becher. Wundert er sich, warum ich so verträumt lächle? Verstohlen drücke ich einen Kuss auf seine Hand, versuche dabei seinen Ringfinger mit meinen Lippen zu finden. Nun lächelt auch er.

„Aber auch ganz abgesehen von dem, was ich eben sagte, sind Kraniche monogam," fährt er dann fort. „Sie haben ihr Leben lang nur einen Partner. Wie übrigens auch viele Schmetterlingsarten – Vanessa. Wobei Schmetterlinge so einzigartig sind, dass sie sich in ihrer Lebensweise sehr vielfältig unterscheiden, aber bei vielen ihrer Gattungen ist Einehe üblich." Er macht eine kurze, nachdenkliche Pause und fügt dann hinzu. „Es gibt sogar Schmetterlinge, bei denen das Männchen, wenn es sich mit dem Weibchen gepaart hat, dieses mit einem speziellen Wachs versiegelt, so dass kein anderer mehr Zugang zu ihm haben kann."

Ich sehe ihn mit großen Augen an. Weiß er, dass ich mir genau das immer schon gewünscht habe? Nur einem Mann auf ewig sicher, konkurrenzlos zu gehören, vor aller Welt als sein ausgewiesen zu sein?

„Natürlich würde so etwas auf Menschen übertragen nur stattfinden, wenn beide Partner es wollten," beeilt er sich zu ergänzen.

„Wie kann das gehen bei Menschen?" frage ich schüchtern.

„Darf ich dir zeigen, wie ein solches Siegel bei Menschen aussehen könnte? Ein Beispiel?" kontert er verschmitzt.

Ein Funkenschauer jagt durch meine Eingeweide, so dass meine Knie ganz weich werden. Ich halte mich an Silgorns Hemd fest und nicke wortlos.

Seine Augen bohren sich in meine. Zärtlich umfassen seine beiden Hände mein Gesicht wie eine Schale, bevor seine Lippen, kurz von seiner Zunge benetzt, erneut meine berühren. Sein Kuss durchfährt mich wie Ströme von Feuer, wie der erste Schluck Wein meines Lebens aus seinem Becher. Als sein Gesicht längst wieder viel zu weit von meinem entfernt mich anlächelt, fühlt es sich immer noch an, als würden die feuchten Blütenblätter einer Lilie auf meinen Lippen haften, als hätten sie für immer den Abdruck seines Wappens auf ihnen hinterlassen.

„Menschen können sich küssen und nichts dabei empfinden. Aber wenn wahrhaftige Liebe von beiden Seiten fließt, ist jede gewollte Intimität wie das Wachs, mit dem wir uns gegenseitig versiegeln. Und dies war erst ein kleiner Anfang. Wahre Liebe bedeutet, so vom anderen gefesselt zu sein, dass alle potentiellen Rivalen zur Nichtigkeit verblassen."

Ich verfalle in nachdenkliches Schweigen. „Ich wünschte, so etwas gäbe es auch fürs Dienen," sage ich dann traurig. „Und dass ich dein Knappe gewesen wäre, bevor meine Herrin..." Meine Stimme verläuft sich unsicher. Wie soll ich es nennen? Mich verdorben hat?

Ich fühle seine Hand unter meinem Kinn, die mein Gesicht behutsam wieder auf seine Augenhöhe hebt.

„Das gibt es, Van, und das warst du. Du brauchst sie nicht so zu nennen, wie du es eben tatest. Sie war nie wirklich deine Herrin."

Ich lache bitter auf. „Nun ja, ich habe so ziemlich alles getan, was sie wollte."

„Aber nicht von Herzen. Du kannst nicht zwei Herren gleichzeitig dienen. Wo dein Schatz ist, ist dein Herz. Wo dein Herz ist, ist dein Herr. Wo war dein Schatz in jener Zeit? Wo war dein Herz?"

„Bei dir," flüstere ich. „Seit ich dich das erste Mal sah."

„Schon als Kind auf dem Feld, als du sehnsüchtig den Rittern nachsahst, denn da schon hieltest du Ausschau nach dem Einen, der edel und gut ist, um dich für immer mit ihm zu verbinden."

Mir wird auf einmal ganz leicht ums Herz. Ich hauche einen dankbaren Kuss auf seine Hand.

„Aber komm, ich will dir etwas zeigen." Er zieht mich zu der Buche, von der mit lauten Flügelschlägen ein Taubenpaar auffliegt, um sich ein paar Bäume weiter wieder niederzulassen und erneut anzufangen verliebt zu gurren. Silgorn bleibt unter der Buche stehen, hält kurz inne und fragt: „Darf ich dich hochheben?"

Ich nicke aufgeregt – jetzt komme ich mir vor wie in meine Kindheit zurückversetzt, als mein Vater mir in Vogelnestern die Jungen zeigte und mich so lange hochhielt, bis ich mich an den weichen, flaumigen Federchen und weit aufgerissenen Schnäbeln sattgesehen hatte.

Ich keuche ein wenig auf, als sich seine Hände warm und fest um meine Hüfte schließen. Mit starken Armen hebt er mich ein Stück in die Höhe, wo ich an seine Schulter und seinen Oberkörper angelehnt verharre, meine Arme um seinen Hals geschlungen, so dass ich die hellgrünen frischen Blättchen des untersten Zweiges von oben betrachten kann.

„Schau, hier sind die beiden wieder; ich habe sie eben schon so gesehen, bevor die Kraniche über uns flogen, und wollte dich daran teilhaben lassen – ein wunderschönes Bild für die Ehe," flüstert er mir ins Ohr.

Zuerst halte ich es für ein besonders großes Exemplar mit doppelten Flügeln und will mich nach dem zweiten Tier umschauen, doch als ich genauer hinsehe, erkenne ich, dass es zwei Schmetterlinge sind, deren Körperenden sich sachte bewegend fest zusammenhaften, wobei ihre vereinigten Leiber nun einen kleinen freudvollen Bogen, dann wieder in sehnendem Verlangen nach tiefstmöglicher Nähe fast eine Gerade bilden. Ihre Flügel sind ineinandergelegt, so dass es aussieht, als würde das eine Tier das andere im Schutz seiner Schwingen bergen wie in den Falten eines lebendigen Mantels.

„Sie können Stunden auf diese Weise zubringen." Ich spüre Silgorns Mund in meinen Haaren bei diesen Worten.

„Es ist wunderschön," flüstere ich. Berührt schiebe ich mein Gesicht noch näher an diesen heiligen Verbund heran – zu nahe, denn ihre Flügel bewegen sich kurz unruhig und dann flattern sie gestört auf.

„Das tut mir Leid, das wollte ich nicht!" Fast kommen mir die Tränen darüber, die innige Schönheit dieses Moments für die beiden Wesen zerstört zu haben.

„Warte. Schau."

Fasziniert beobachte ich, wie ihre Leiber selbst jetzt noch im Flug aneinanderhängen, ja, es sieht aus, als würde das Männchen das Weibchen ziehen oder mit sich tragen, während sie nach einem neuen Ruheplatz ein paar Äste höher suchen, um sich dort ungestört wieder niederzulassen und sich erneut ausschließlich einander zu widmen.

„Nichts kann sie trennen, wenn sie so eng verbunden sind," sagt Silgorn zärtlich an meinem Ohr. Ich spüre seinen Atem in meinen Haaren.

Ich lehne meinen Kopf an seinen und schließe für einen Moment die Augen.

Langsam lässt er mich wieder zu Boden. Seine Hände verharren noch für ein paar Momente länger um meine Hüfte, bevor er mich ganz loslässt.

„Erinnere mich daran, dass ich dich, bevor wir in den Palast zurückkehren, gerne noch das Tanzen lehren würde, wenn du möchtest," wendet er sich mir mit einem Augenzwinkern zu, doch ich spüre, wie seine Stimme vor Emotionen vibriert. „Schließlich sollst du dich sicher fühlen, wenn wir beide auf unserer Hochzeitsfeier den ersten Tanz eröffnen."

Ich strahle ihn mit leuchtenden Augen an. Nun hört sich die Rückkehr zum Palast gar nicht mehr so unwillkommen an – und auch nicht mehr so unmittelbar bevorstehend.

„Aber zurück zu dem, was du eben gesehen hast," fährt er in warmem Tonfall fort. „Natürlich kann man das ganz wörtlich auf die körperliche Vereinigung beziehen, vor der du keine Angst zu haben brauchst, weil es etwas Herrliches ist, wenn es in der geschützten Sicherheit und ganzherzigen Hingegebenheit einer Ehe in Freiwilligkeit und Liebe geschieht statt in egoistisch verzerrter Eigenliebe, wie es bei der Frau, die sich deine Herrin nannte, der Fall war. Aber mehr noch steht es für die Einheit der Seelen, dafür, alles zu teilen, immer zusammen durchs Leben zu gehen – so wie es bei uns ein Stück weit schon während dieser Reise der Fall war – oder selbst davor schon ansatzweise in unseren Wunschträumen."

Ich lächele. Hier und jetzt, bei all dem, was er sagt, komme ich mir mehr wie in einem Wunschtraum vor als jemals zuvor in meinen kühnsten Tagträumen. Einem Wunschtraum, der nie mehr zu enden braucht, weil er Realität ist.

„Aber ich habe noch ein Geschenk für dich, mein wunderschöner Schmetterling." Er bläst mir spielerisch ins Haar und zieht mich hinter die Buche, in den Wald hinein. Für einen Moment durchzuckt mich der verrückte Gedanke an eine sofortige Umsetzung seiner Worte von eben, doch ich weiß nun, dass er mir während unseres gemeinsamen Abenteuers, ja während meines ganzen Lebens, genug Beweise seiner Zurückhaltung erbracht hat, um ihm felsenfest zu vertrauen, dass er mit dem Vollzug unserer Ehe warten wird, bis wir in aller Reinheit vor dem Angesicht des Königs die gegenseitigen Gelübde gesprochen haben und die Heiligkeit einer solchen Verbindung mit den gebührenden Ehren begangen worden ist.

Etwas bewegt sich zwischen den dichten Stämmen der Bäume. Ich höre ein Schnauben und weiß, dass vor uns die Stelle sein muss, wo Silgorn Alagos angebunden hat, um sich unbemerkt an mich heranschleichen zu können. Zwischen Ästen und vereinzeltem zartgrünem Blattwerk sehe ich auch schon das kastanienbraune, glänzende Fell des edlen Rosses hervorschimmern. Doch dahinter ist noch etwas, etwas Hellbraunes, Kleineres, Stämmiges...

„Sam!" Ich reiße mich von Silgorns Hand los und renne auf die beiden Tiere zu. Zehn oder fünf Fuß vor ihnen werde ich jedoch immer langsamer und bleibe schließlich zögernd stehen.

Das Pony hebt den Kopf, wiehert freudig auf, trottet auf mich zu, kommt direkt vor mir zum Stillstand und reibt seine Schnauze liebevoll an meiner Seite.

„Schau, Sam ist ebenfalls froh, dich wiederzusehen. Es gibt nichts, was er dir nachtragen würde."

Mit Tränen in den Augen kuschele ich meine Wange an das weiche Gesichtsfell des Tieres und hauche dann einen Kuss auf seine Stirn.

„Er ist dein." Ich finde in meiner Überraschung kaum die Zeit, mich zu bedanken, da fährt Silgorn, der nun wieder an meine Seite getreten ist, schon fort: „Ich hielt den Anfang unserer Reise nicht für einen passenden Zeitpunkt, ihn dir zu schenken, unter anderem deshalb, weil ihr euch noch nicht kanntet und ich dich nicht zusätzlich zu allen anderen neuen Dingen mit der Bürde der vollen Verantwortung für ein Tier belasten wollte. Nun bin ich froh, dass ich gewartet habe." Er hält kurz inne. „Ihr werdet euch sicher beide freuen, dass du die nächsten Tage wieder auf ihm reiten kannst. Aber zwischendrin hätte Sam bestimmt auch nichts dagegen, nur unser Gepäck zu tragen, und du könntest mich noch viel mehr beglücken, wenn du ab und zu weiterhin ein Pferd mit mir teilen würdest. Unser Pferd natürlich, denn alles, was mein ist, ist dein." Silgorn grinst mich verschmitzt an. „Und diesmal darfst du dich gerne mit deinem ganzen Körper an mich anlehnen, wenn du hinter mir sitzt, und wenn du vor mir sitzt, brauchst du hoffentlich nicht mehr zu zittern, falls dich meine Arme umfangen, um dir Halt zu geben und dich vor einem Sturz zu bewahren – oder auch ohne diese Notwendigkeit."

Ich lache laut auf.

„Was ist das denn?" entfährt es mir dann verwundert, als mein Blick auf die beiden riesigen Bündel fällt, die neben Alagos anstelle der Satteltaschen auf dem Boden liegen.

Er strahlt mich an. „Edle Stoffe, um meine Braut einzukleiden. Weiß wie deine Unschuld, violett wie unsere Sehnsucht, gelb wie die Sonne, die wir füreinander sind, himmelblau wie Vergissmeinnichtblüten, weil all die schweren Zeiten hindurch ich dich nicht vergessen habe und du mich nicht vergessen hast. Ich möchte sie um deinen Körper schmiegen wie Wasser, und dann können wir beide daraus zusammen Gewänder füreinander nähen, bis wir in den Palast einziehen. Für mich kannst du im edelsten Kleid nicht schöner sein als in dem, was du jetzt anhast, gerade in dem was du jetzt anhast, weil für mich dein Herz zählt, und diese Kleider für immer in Ehren gehalten werden sollen um dessentwillen, was wir damit zusammen erlebt haben; aber ich möchte dir eine Robe schenken, die schöner ist als all die verlorenen Kleider deiner Kindheit, schöner als jedes Kleid, das du dir während deiner Fronjahre mühsam erworben hattest, um es dann von deiner Herrin abgenommen zu bekommen, bevor du es je richtig tragen konntest." Er streicht mir tröstend über die Wange bei den schmerzvollen Erinnerungen, die seine Worte angerührt haben. „Ich möchte, dass du dich schön fühlst, in einem Kleid, das genau deine Einzigartigkeit ausdrückt, wenn wir in den Palast einziehen und ich allen meine strahlende Braut vorführe. Ich möchte, dass du dich schön fühlst, wenn wir hier in der Wildnis schon miteinander tanzen."

Seine Arme umfangen mich und wirbeln mich ein wenig herum. „Möchtest du jetzt tanzen?" flüstert er in mein Ohr. „Barfuss hier auf der Wiese?"

Ich nicke mit strahlenden Augen.

„Komm mit zum Bach und lass mich nach deiner Wunde sehen."

Ich setze mich auf den grasbewachsenen Uferrand, gesäumt mit hellgelben Schlüsselblumen und zartlila Wiesenschaumkraut, lausche dem munteren Murmeln und Plätschern des Baches und sehe gegen die vielzähligen aufblitzenden Sonnenreflexe auf dem Nass, wie mein Bräutigam sich vor mich hinkniet, halb im Wasser. Er schnürt meine staubigen Stiefel auf – die Stiefel mit den versteckten Blumen inmitten des abgenutzten, malträtierten Leders, die Stiefel, die seinen eigenen so ähnlich sind –, zieht sie mir vorsichtig von den Füßen und streicht mit einem Finger zaghaft über die Narbe über meinem Knöchel. Ich zucke ein wenig zusammen, aber nicht vor Schmerz.

„Mein Königreich liegt zu deinen Füßen, meine Braut," sagt er feierlich. „Den Füßen, die sich nicht zu schade waren, mit mir viele Meilen über die staubigen Straßen zu gehen, sich beschmutzen zu lassen, die Stiche feindlicher Bosheit für mich zu ertragen."

Seine linke Hand schöpft nun Wasser aus dem Bach wie eine kleine Schale und gießt es über meinen Knöchel und Fuß, während seine Rechte darüberstreicht und sachte kleine Schmutzreste entfernt. Das kühle Nass fließt wie Balsam über alle Schrunden und Narben.

Dann beginnt er, aus der Blütenpracht am Ufer einzelne Blumen zu pflücken. Gebannt verfolge ich seine Bewegungen mit meinen Augen, bis mir klar wird, dass er einen blühenden Kranz flicht, aus goldenen Schlüsselblumen, zartlila Wiesenschaumkraut, strahlend weißen Anemonen und Vergissmeinnicht blaugrün wie seine Augen, den er mir dann zärtlich aufs Haupt setzt.

„Mein Königreich liegt dir zu Füßen, weil dir mein Herz zu Füßen liegt, meine Königin, wie diese zarten Schlüsselblumen. Die Schlüssel zu meinem Herzen lege ich dir zu Füßen, jede Kammer darin ist dein, sie aufzuschließen und ihre Geheimnisse zu ergründen."

„Du bist mein Königreich," murmele ich, und dann noch einmal lauter, mit festerer Stimme, aus tiefstem Herzen: „Du bist alles an Königreich, das ich je brauche."

Vorsichtig hebt er meine Füße aus dem Wasser und beginnt, sie mit dem Saum seines Hemdes abzutrocknen.

Ich sehne mich danach, bei ihm das Gleiche zu tun, alles, was er bei mir tut, und weiß, dass er es mir nicht verwehren wird. Versonnen lächele ich auf die diamantglitzernde Wasserfläche hinaus.

„Ich habe noch eine Frage, meine Geliebte," höre ich ihn sagen, als er sich wieder aufrichtet. „Nur für uns alleine, in unserer geheimen Kammer, oder wenn wir beide unter freiem Himmel umherziehen so wie diese vergangenen Tage, nur offener und intimer." Er macht eine kleine Pause und seine Sternenaugen strahlen liebevoll in meine.

„Darf ich dich da Ethuil nennen?" fragt er dann sachte. „Frühling ist die Zeit der Liebe."