ERLEBT, GEHÖRT, ERFUNDEN - GESCHICHTEN AUS DEM LEBEN

AN EINEM UNFALL ZERBRACH FAST IHRE EHE

Es war ein Wochentag wie viele andere. Sabines Mann Stefan ging früh aus dem Haus in sein Architekturbüro, nachdem er ihr einen eiligen Abschiedskuss gegeben hatte. Sie weckte ihre beiden kleinen Töchter, Julia und Zoe, brachte Julia in den Kindergarten und verbrachte den Vormittag an ihrem Computer - sie übernahm Schreibarbeiten zu Hause - während Zoe neben ihr spielte. Nachmittags ging sie mit den Kindern zum nahen Spielplatz. Später bereitete sie das Abendessen vor, aber Stefan kam nicht nach Hause. Endlich rief er an, um ihr völlig verstört mitzuteilen, dass er auf der Heimfahrt einen Menschen überfahren hatte, einen Jogger, der ihm direkt vor den Wagen gelaufen war. Sabine brachte Julia und Zoe zu ihrer Nachbarin und fuhr sofort ins Krankenhaus. Stefan wartete dort im Beisein der blassen, zierlichen Frau des Verunglückten. Ein Arzt trat zu ihr: Ihr Mann war seinen schweren Verletzungen erlegen. Die arme Frau brach zusammen und musste ärztlich versorgt werden.

Während Sabine mit Stefan nach Hause fuhr, erzählte er stockend: "Ich fuhr im vorgeschriebenen Tempo, du weisst, dass ich nicht leichtsinnig bin, aber er kam buchstäblich zwischen zwei parkenden Autos hervorgeschossen. Ich konnte nichts tun, um den Unfall zu verhindern. Mein Lebtag werde ich nicht diesen dumpfen Aufprall vergessen, Sabine. Sein Kopf schlug auf die Kante des Bürgersteigs auf ..." Seufzend vergrub er sein Gesicht in den Händen.

Die nächste Zeit war schwer für sie alle. Die Polizeiuntersuchung, die Gerichtsverhandlung. Zum Glück gab es Zeugen, aber selbst wenn Stefan von aller Schuld freigesprochen wurde und sich nicht verantwortlich zu fühlen brauchte, fühlte er sich doch betroffen. Er war oft bei Kerstin G., der Frau des Verunglückten, die jetzt allein dastand mit zwei Jungen, dem 12-jährigen Jan und dem 9-jährigen Fabian. Es stellte sich heraus, dass das Unternehmen ihres Mannes kurz vor dem Konkurs stand. Kerstin wusste nichts davon, ihr Mann Ralf hatte sie immer überbehütet, von allem abgeschirmt. Jetzt musste alles verkauft werden, auch ihr Haus. Stefan fand eine passende Wohnung für sie und die beiden Buben ganz in der Nähe, damit die Jungen nicht die Schule zu wechseln brauchten.

Alles war nicht einfach. Jan, der Schwierigkeiten in der Schule hatte, brauchte Hilfe bei den Hausaufgaben, und Fabian war bei einem Diebstahl in einem nahen Einkaufszentrum erwischt worden. Was auch passierte, Stefan fühlte sich immer zuständig. Wenn Sabine ihm sagte, dass auch sie ihn brauchten, meinte er nur: "Du wirst allein fertig, Sabine. Kerstin wird es nicht."

Es stimmte, dass Sabine die meisten Reparaturen im Haus selbst erledigen konnte und auch sonst gut zurecht kam im Leben. Stefan und sie hatten immer eine partnerschaftliche Ehe geführt. Vielleicht fehlte es Stefan, dass sie ihn nicht öfter brauchte? Aber sie brauchte ihn doch. Nicht unbedingt seine Hilfe, aber ihn. Den Mann, den Menschen. Und seine Töchter brauchten ihn auch.

Die Wende brachte der Tag, an dem Julia eingeschult wurde. Sie sassen beim Frühstück. Julia hielt ihre Schultüte umklammert und war aufgeregt. Sie freute sich auf die Schule, und gleichzeitig war ihr, wie wohl allen Schulanfängern, auch bang zumute. Sie wollten gerade aufbrechen, als Stefans Handy trillerte. Er hörte kurz zu, ehe er erschrocken antwortete: "Ja, ich komme sofort!"

"Das Büro?" fragte Sabine.

"Nein, Kerstin. Jan ist diese Nacht nicht nach Hause gekommen. Sie hat bei all seinen Freunden angerufen, keiner wusste Bescheid. Sie ist fast verrückt vor Angst."

"Und warum ruft sie nicht die Polizei an?" In diesem Augenblick hasste Sabine Kerstin und ihre beiden schwierigen Buben, die dabei waren, ihr den Mann und ihren Töchtern den Vater fortzunehmen. Stefan war schon halb auf der Treppe und drehte sich noch einmal um: "Ich hätte nie gedacht, dass du so roh und gefühllos sein kannst!"

Das tat unheimlich weh, aber sie musste sich zusammenreissen, musste zusammen mit Zoe die ABC-Schützin zur Schule begleiten. Während sie Fröhlichkeit zeigte und so tat, als sei alles in bester Ordnung, brannten heisse Tränen hinter ihren Lidern.

An diesem Tag kam Stefan ausnahmsweise schon am frühen Nachmittag nach Hause. Julia und Zoe, die einträchtig in ihrem Zimmer spielten, hatten ihn nicht gehört. Stefan wollte Sabine in die Arme ziehen, aber diese stemmte beide Hände gegen seine Brust: "Ist Jan wieder aufgetaucht?" fragte sie.

Etwas verlegen antwortete er: "Er kam fast gleichzeitig mit mir an. Seine Freunde und er hatten eine Baumhütte gebaut, und er hatte darin geschlafen. Es sollte eine Mutprobe sein, und er hatte seinen Freunden verboten, ihn zu 'verraten'. Kerstin war so glücklich, dass er wohlbehalten zurück war, dass sie ihm sofort verziehen hat, aber ich hab' dem Jungen den Kopf gewaschen, dass ihm Hören und Sehen verging. Wie war ... wie war Julias Schulanfang?"

"Du hättest es gewusst, wenn du bei uns gewesen wärst. Und jetzt hör mir gut zu: Wenn Kerstins Familie dir auch weiterhin wichtiger ist als wir, dann lasse ich mich scheiden. Es würde weh tun, sehr weh, denn ich liebe dich noch immer, Stefan. Aber im Gegensatz zu Kerstin komme ich auch allein zurecht, das ist doch auch deine Meinung."

Er sah sie betroffen an. "Weisst du, was noch passiert ist? Nachdem Jan zur Schule gegangen ist, hat Kerstin mir gestanden, dass sie mich liebt, dass ihre Jungen und sie selbst mich brauchen. Sie hat mich angefleht, mich scheiden zu lassen und sie zu heiraten."

Ihr Herz blieb fast stehen. "Und?" flüsterte sie.

"Ich wollte ihr helfen, aus einem Schuldgefühl heraus, verstehst du? Aber ich habe sie wohl nur von mir abhängig gemacht, so wie sie von ihrem Mann abhängig war. Ich liebe sie nicht, Sabine, von Liebe war nie die Rede. Aber ich merke jetzt, dass ich ein gefährliches Spiel mit allen getrieben habe."

Dieser Tag brachte die Wende. Stefan hatte eine Aussprache mit Kerstin, die sich jetzt einer Selbsthilfegruppe angeschlossen hat. Sabines und Stefans Ehe ist wieder in Ordnung gekommen, aber ist es nicht sowieso der Sinn einer Ehe, um im Laufe der Zeit Prüfungen gemeinsam durchzustehen, sich besser kennen- und verstehenzulernen?

ENDE