FALSCHER TROST

Neben ihrem erfolgreichen Mann fühlt sich Elke immer unsicherer. Und jetzt, wo ihre beiden Söhne studieren, kommt sie sich nutzlos und überflüssig vor. Sie flüchtet sich in den Alkohol ...

"Bist du fertig, Elke? Wir müssen los!"

"Nur noch einen Augenblick. Ich komme gleich, Peter."

Elke warf einen verzweifelten Blick in den Spiegel. Eine mittelgrosse, etwas mollige Frau Mitte Vierzig mit einem Allerweltsgesicht und einer Allerweltsfrisur sah ihr daraus entgegen. Das zweiteilige, dunkelblaue Kleid war neu, aber an ihr sah nichts elegant aus. Sie waren eingeladen, und schon jetzt fühlte sie sich wieder einmal allen unterlegen. Die anderen Frauen waren so gewandt, so gebildet ...

"Elke!" Peters Stimme klang ungeduldig.

Sie öffnete rasch den Kleiderschrank, holte eine Flasche Weinbrand aus dem Versteck, trank hastig einen Schluck, einen zweiten. Dann zerkaute sie einige Kaffeebohnen, die sie extra dafür in einer kleinen Dose aufbewahrte. Sie fühlte sich etwas besser.

Elke lief die Treppe hinunter. Peter klimperte schon mit den Autoschlüsseln. Er war gross und kräftig, das volle Haar etwas angegraut. Wie gut er aussieht, dachte Elke. Ja, sie war stolz auf ihn. Sie war auch stolz auf ihre Söhne, die beide studierten. Nur auf sie selbst konnte keiner stolz sein, fand sie. Sie seufzte, während sie sich in den weichen Polstern des schweren Wagens zurücklehnte.

Während der Fahrt dachte Elke an Peters und ihren Anfang. Sie stammten beide aus einfachen Verhältnissen. Peter war Maurer gewesen, als sie heirateten, aber er hatte sich stetig und zielstrebig zum Bauunternehmer hochgearbeitet. Ein Selfmademan, der seinen eigenen Wert kannte. Wenn er schwieg, liess man ihn schweigen, wenn er etwas sagte, nahm man ihn ernst.

Aber sie, worüber sollte sie an diesem Abend sprechen? Sie hatte immer Angst, etwas Falsches zu sagen.

Ihr Herz fing wieder an zu klopfen, die Wirkung des Weinbrands war verflogen. Hoffentlich würde sie nachher schnell etwas zu trinken bekommen, sonst würde sie nie den Mut finden, ihren Mund aufzumachen ...

Wieder ein Abend, den ich einigermassen heil überstanden habe, dachte Elke, während sie Stunden später mit etwas unsicheren Schritten neben Peter her zum Wagen ging. Sie hakte sich bei ihm ein: "Ich glaube, ich habe ein bisschen zuviel getrunken", murmelte sie schuldbewusst.

Er hielt sie fest und lachte nachsichtig: "Ein kleiner Schwips. Morgen kannst du ja ausschlafen." Er nahm das nicht ernst, merkte nicht, dass sie bei solchen Gelegenheiten immer mehr trank. Elke machte sich ja nicht einmal etwas aus Alkohol, sie trank nur, wenn sie eingeladen waren oder selbst Gäste hatten, weil sie sich dann sicherer fühlte.

Eine Woche später kündigte Peter seiner Frau wichtige Gäste an, Herren aus dem Gemeindevorstand mit ihren Frauen. Die Kommunalpolitik war sein neuster Ehrgeiz. "Was meinst du, das wär doch was, wenn ich eines Tages Bürgermeister würde", machte er schon Pläne. Von Elke erwartete er, dass sie ihn voll und ganz unterstützte. Er verliess sich da völlig auf sie.

Und Elke wussste, was er von ihr erwartete. Sie sollte eine perfekte Gastgeberin sein. Sie hatte schon mit Frau Schulz, die zur Aushilfe gekommen war, das Menü vorbereitet. Frau Schulz sollte auch bei Tisch servieren, damit sie selbst sich ungestört um die Gäste kümmern konnte.

Während Elke sich umzog, fühlte sie wieder die altbekannte Panik in sich aufsteigen. Am liebsten hätte sie mit Frau Schulz getauscht. Kochen, servieren, abwaschen - dabei hätte sie sich wohl gefühlt.

Peter war noch nicht nach Hause gekommen, Frau Schulz war in der Küche beschäftigt. Elke war oben im Haus allein. Mit der Flasche in der Hand ging sie in eins der Jungenzimmer hinüber. Selbst die Jungen hatte sie nicht mehr hier, und wenn sie in den Ferien nach Hause kamen, wirkten sie jetzt so fremd. Lieb waren sie, das schon, aber eines Tages würden sie heiraten, intelligente, selbstsichere junge Frauen. Sie würde sich ihren eigenen Schwiegertöchtern nicht gewachsen fühlen.

Sie sass da und trank, und der Alkohol half nicht einmal mehr.

"Elke, wo bist du?" Es war Peter, der nach Hause gekommen war. Erschrocken sah sie die Flasche an. Sie war fast leer. Wieviel hatte sie getrunken? Rasch schraubte sie die Flasche zu und schob sie unter das Bett. Ihr war schwindelig, als sie aufstand, und jetzt wurde ihr auch noch übel. Alles drehte sich. Sie ging auf den Flur - und fiel der Länge nach hin ...

Peter sass an ihrem Bett, deckte sie zu: "Ich habe die Gäste fortgeschickt. Ruh dich aus", hörte Elke ihn wie aus weiter Ferne sagen.

Der nächste Tag war ein Sonntag. Elke weigerte sich, aufzustehen. Es ging ihr schlecht. Und vor allem schämte sie sich.

Peter packte schliesslich den Stier bei den Hörnern: "Du hattest getrunken, Elke. Du warst völlig betrunken. Ich habe übrigens in der Garage eine Menge leerer Brandweinflaschen in einer Kiste gefunden. Warum?"

Er sah ehrlich besorgt aus, und Elke fasste Mut. Sie erzählte ihm zum ersten Mal von ihrer Angst, ihn zu blamieren, nicht die richtige Frau für ihn zu sein.

"Aber Elke", protestierte er. "Ohne dich hätte ich es nie so weit gebracht! Du hast mir immer in allem geholfen. Und wieso hast du Angst, dich oder mich zu blamieren? Alle mögen dich, weil du so ungekünstelt und herzlich bist. Ich habe dich immer bewundert, weil du immer weisst, wie die Kinder irgendwelcher Leute heissen, oder ob es Sorgen oder Krankheit in der Familie gibt. Ich dagegen weiss oft nicht, mit welchem Besteck man was isst, und wenn über Kunst oder Wissenschaft gesprochen wird, dann kann ich auch nicht mithalten."

Elke sah ihren Mann überrascht an: "Aber du wirkst immer so sicher!"

Peter zuckte die Achseln, lächelte ein wenig: "Ich vertusche meine Unwissenheit, das ist alles. Statt etwas Dummes zu sagen, lasse ich lieber die anderen sprechen." Er nahm ihre Hand: "Verzeih mir, Elke. Ich wusste nichts von deinen Problemen. Lass es uns zusammen anpacken, ja? Ich liebe dich, aber ich glaube, ich habe immer nur an mich gedacht."

Dankbar und glücklich nahm Elke seine Hand, die sich fest und warm um die ihre schloss. Jetzt wusste sie, dass Peter nicht der "Übermensch" war, für den sie ihn gehalten hatte, dass sie keinen Grund hatte, sich minderwertig zu fühlen.

Peter verzichterte erst einmal auf seine politischen Ambitionen, um mehr Zeit für Elke zu haben. Zusammen tun sie jetzt auch etwas für ihre Bildung. Sie lesen, besuchen oft Kurse oder Vorträge.

Und Elke braucht keinen Alkohol mehr, seit sie mit ihrem Mann über ihre Probleme gesprochen hat.

ENDE