Zwischen Tod und Traum

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Sommer

XXX

Eine Bank in der Sonne. Hinter mir die backsteinerne Friedhofsmauer, vor mir ein offener Halbkreis Wiese, abgeschlossen durch eine bepflanzte Steinmauer.

Auf den Rücken einer Christusfigur blickend, bin ich eingehüllt von einer violetten Wolke aus Lavendelduft. Wind rauscht in meinen Ohren. In mir lebt ein Sommer in der südfranzösischen Provence. Das sehr blaue Meer. Der weiße Friedhof von Sête. Alle Gräber überirdisch, da auf Felsgestein angelegt. Die Grabstelen von einem Weiß, das sich in die Augen brennt, verschwimmend in der vernichtenden Hitze, die die Plastikblumen auf den Gräbern bleicht und die Bilder auf den Fotografien auslöscht. Und der Blick auf das Meer ...

Ich esse meinen Apfel, denke: endlich Sommer.

Es wird heiß. Hinter der Mauer brummt der Verkehr.

Weit vor mir vor allem Nadelbäume, schwarz gegen den leuchtenden Himmel. Christus wacht über den Weg, der sich vor mir öffnet, nicht nur segnend, sondern auch gramgebeugt, und ich denke an die weinenden Frauen, die traurigen Engel, die schmerzgebeugten Männer aus Metall und Stein, die diesen Friedhof bewohnen und über die oft schon vergessenen Toten wachen. Viele Gräber aus dem 19. Jahrhundert gibt es hier, richtige Grüfte unter den Arkaden, Mausoleen reicher Bürgerfamilien, Familiengräber mit schmiedeeisernen Kreuzen und Zäunen – Draculakulisse. Überlebensgroße Soldatenstatuen zur Erinnerung an gefallene Söhne, Ehemänner, Brüder, Gräber in deutsch-nationaler und nationalsozialistischer Manier mit Adlern und Hakenkreuzen.

Hohe Hecken und alte Bäume beschützen die manchmal winzigen Abteilungen. Fichtenwald, Blumenwiesen, Hainbuchenhecken mit Spalierbögen, geometrisch in Form gebrachte Lebensbäume, figurengeschmückte Brunnen und unzählige Wasserbecken. Der ganze Friedhof ist voll von Vögeln und Eichhörnchen. Was ich so liebe ist dieses Verwinkelte, Versteckte; seit Jahren komme ich hierher und kenne immer noch nicht alle verborgenen Plätze.

Heute ist Sonntag, viele Leute sind hier. Ist ja auch schönes Wetter.

Der Himmel ist mit unterschiedlichen Wolken bekleidet, manche mächtig und massiv wie Gebirge, andere nur Fetzen oder Federn. Manche wie das Muster im Sand, das die Wellen am Meer zeichnen und wieder fortwischen.

Es wird zu heiß.

Ich beschließe, dem Weg in die Schatten zu folgen ...

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