Zwischen Tod und Traum

7. Bild

Schluss

XXX

Zwei düstere Gestalten mit verhülltem Haupt bewachen den Eingang. Der Rechte trägt Helm und Harnisch, ein Krieger. Der Linke ist in ein weites Gewand gehüllt und hat einen langen Bart – ein Priester vielleicht. Die Zeit hat beide mit Efeu gekrönt. Efeu umschlingt auch ihre Beine, als wollte er sie hier festhalten.

Über vier steinerne Stufen tritt man in ein langgestrecktes Halbrund. Auf beiden Seiten erheben sich steinerne Wände, von dreieckigen Fensteröffnungen durchbrochen. Auch sie sind von Efeu überwuchert, am Fuß von großen Farnen und Heidekraut gesäumt. Aus den Ritzen zwischen den Bodenplatten drängen gelber Löwenzahn und rosa blühendes Weidenröschen hervor. Eine riesige Distel und zwei junge Ahornbäume mit rot schimmernden, durchscheinenden Blättern und weiß blühender Liguster schmücken die Wände.

Mir gegenüber liegt eine Tote auf einem steinernen Sarg, den Kopf wie schlafend zur Seite geneigt. Ihr Gesicht ist streng und abgezehrt. Die Hände über den Oberschenkeln gekreuzt, die Finger der linken Hand gespreizt, liegt sie in ein weites Gewand gehüllt da; auch Haar und Füße sind bedeckt. Aus den Falten ihres Kleides erhebt sich ein kleines Kind mit nacktem Oberkörper. Mit fragend und hilflos erhobenen Händen hebt es den Umhang der Toten auf. Die blinden Augen hat es zum Himmel gerichtet; fragend, verständnislos anklagend.

Als ich meine Hand über die raue, kalte Steinhand der Toten gleiten lasse, habe ich einen Moment das Gefühl, eine wirkliche Tote zu berühren, und weiche schaudernd zurück.

Der Himmel zieht sich schon wieder zu. Ich wende mich zum Gehen, springe die Stufen hinab und habe es plötzlich eilig, hier wegzukommen. Erst ein ganzes Stück weiter drehe ich mich um und blicke zurück. Die Wächter verschwinden fast völlig hinter Efeu und Sträuchern – nur ein Grab.

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