Veritas – quid est veritas?

Gedankenversunken zeichnete der Junge mit einem verwitterten Stöckchen Figuren in den staubigen Boden zu seinen Füßen. Er balancierte seinen mageren Körper auf der Kante des flachen Steines, auf dem er saß, ein wenig vor, um mit einer besonders schwungvollen Bewegung seines Armes eine Reihe von angedeuteten Halbkreisen anzubringen und lehnte sich dann zurück, um mit hochkonzentriertem Gesichtsausdruck sein Werk zu betrachten. Ob die Vögel, die hoch über ihm in den Zweigen der Mandelbäume ihre Melodien zwitscherten, wohl seine Bemühungen beachteten, gar erkannten, dass es sich dabei um ihr Ebenbild handeln sollte? Vorsichtig lugte der Junge durch das Gewirr der Zweige hinauf, um einen der kleinen Sänger zu erspähen. Wie als Antwort rieselten ihm ein paar hellrosa angehauchte Blütenblätter ins Gesicht, um sich dann auf seinem Machwerk niederzulassen. Er lächelte. Sie passten zu seinen Staubvögeln - fast sahen sie wie Federn aus.

Er liebte diesen Ort, fern vom komplexen Lärm der Stadt mit ihren vielen Menschen und zahllosen unangenehmen Gerüchen, die ihm überall entgegenschlugen. Hier auf der Anhöhe, am Rand des kleinen Haines, hätte er stundenlang unter den starken Ästen der Olivenbäume und Steineichen sitzen können, den Wind auf seinen Wangen fühlen, die ständig wechselnden Gesichter der Wolken mit seinen Augen verfolgen, die Düfte der nun allmählich aufblühenden Blumen in seine Lungen saugen. Er war glücklich, dass die heftigen Regengüsse des Winters nun vorbei waren und er endlich wieder regelmäßiger seinen Lieblingsort aufsuchen konnte. Hier war es, wo er jede freie Minute verbrachte, wenn man ihn ließ, hier war es, wo sich seine ständig verkrampften Gliedmaßen ein wenig lockerten, hier war es, wo er vor allen anderen Orten IHN zu treffen suchte – die einzige Person, die ihn verstand.

„Hast du es schon einmal damit versucht?"

Wie vom Blitz getroffen zuckte der Junge zusammen. Sein Kopf ruckte hoch und sah zunächst nichts als eine perfekt geformte, schlanke Hand, die ihm in der halboffenen Handfläche einen großen, groben Stein hinhielt. Er sprang auf und trat einen Schritt zurück, stolperte dabei fast über die Leinentasche, in der seine Mutter ihm einen kleinen Brotbeutel und eine Wasserflasche eingepackt hatte, inzwischen beide leer.

Der Fremde trat nun ebenfalls einen Schritt zurück, so dass er vollends in das Blickfeld des Jungen geriet. Er war groß, größer als jeder Erwachsene im Dorf, den der Junge kannte, und war in mindestens zwei kunstvoll übereinander drapierte Schichten strahlendweißer Gewänder gekleidet, so sauber als wären sie eben aus dem Waschtrog gekommen, die seinen hochgewachsenen Körper betonten, bevor sie fast übergangslos mit halblangen, weißblonden Haaren zusammen ein wohlgeformtes, faltenloses Gesicht einrahmten. Dunkle, intensive Augen starrten ihn mit einem Ausdruck an, der in dem Jungen eine solche Vielzahl an Emotionen anklingen ließ, dass er für einen Moment überwältigt wegblicken musste. Die Ausstrahlung der Person ihm gegenüber, gleichzeitig völlig wesensfremd und doch irgendwie bekannt anmutend, Strömungen im Innern verhüllend und doch durchscheinen lassend, die ihm das Gefühl einer Bedrohung vermittelten, mit der er instinktiv nicht den Wunsch hatte in nähere Berührung zu kommen, die Diskrepanz schließlich zwischen heller, ästhetischer Erscheinung und unstimmigen, dunklen Untertönen überforderten das kindliche Gemüt des Jungen derart in ihrer Unvereinbarkeit von Gegensätzen, dass sein ganzes Bewusstsein mit der Verarbeitung dieser neuen Erfahrung beschäftigt war, so vereinnahmend, dass er den Worten des Fremden erst nach einigen Minuten wieder seine Aufmerksamkeit zukommen lassen konnte.

„Ihr meint, mit dem Stein? Damit zu zeichnen? Anstelle des Holzes?" fragte er schließlich mit gerunzelter Stirn, während er sich mit lehmigen, verfärbten Fingern eine verschwitzte dunkle Haarsträhne hinters Ohr strich.

„Wo ist dein Vater?" wechselte der Mann abrupt das Thema.

Der Junge schlug die Augen nieder. „Er ist gestorben," sagte er leise. „Vor einem Jahr," fügte er dann hinzu, so als wäre es von Bedeutung.

„Ich meine nicht deinen Stiefvater. Ich meine deinen richtigen Vater. Wo ist er?" Es klang wie eine Rüge, so als hätte der Junge selbst diese Lücke in seinem Leben verschuldet. Die Bedeutung der Worte traf ihn mindestens ebenso ins Herz wie die schneidende Stimme.

Verwirrt blickte er wieder auf, versuchte die undurchdringlichen, kalten Gesichtszüge des Fremden zu ergründen. Woher wusste dieser so viel über ihn? Was wollte er? Wer war er?

Als hätte er seine Gedanken gelesen, nahm der Mann schwungvoll seinen weißen Umhang ab, so dass die Konturen seines wohlgeformten Körpers deutlicher unter dem Stoff des enger anliegenden Gewandes sichtbar wurden. Der Junge riss erstaunt die Augen auf, als sich hinter den Schultern seines Gegenübers langsam wunderschöne weißgrauschwarz melierte Flügel entfalteten, bis sie zu beiden Seiten abgespreizt weit über seinen Kopf hinausragten.

„Ja, ich bin ein Engel," vernahm er die nun majestätisch anmutende Stimme. Hatte er sich nur eingebildet, dass ein leicht spöttischer Unterton in ihr mitschwang?

Der Junge schluckte. Seit er denken konnte, hatte er sich gewünscht, Flügel zu besitzen, Flügel wie die Vögel, die er sehnsüchtig in den Erdboden malte, deren Flügen er mit seinen Augen und in seinen Gedanken nachhing. Sich zu erheben aus dem Staub, schwerelos durch die Lüfte zu schweben, dem Himmel entgegen, der Freiheit!

„Es schmerzt, an einen menschlichen Körper gebunden zu sein, nicht wahr?" kommentierte sein Gegenüber scharfsinnig, während seine kohlenschwarzen Augen jede Gesichtsregung des Jungen gebannt zu verfolgen schienen, ja sich in sein Gehirn zu bohren. „Hunger, Durst, Müdigkeit, Verletzungen, Krankheit – Kopfschmerzen, Bauchschmerzen..."

Der Junge verzog unwillkürlich das Gesicht, da ihn letzteres besonders oft quälte, und rieb sich unbewusst die Stelle an der Schulter, wo die kratzende Naht seines Leinenhemdes ihm Ausschlag verursachte.

„Mit den Füßen auf dem schmutzigen Boden festzukleben. Ein Bein mühsam vor das andere zu setzen, um voranzukriechen wie eine Schildkröte. In einem Körper gefangen zu sein, dessen Gestalt man nicht verändern kann." Für eine Sekunde verwandelte sich das Wesen vor ihm in einen verwirrenden Farbwirbel, der hoch in die Luft schoss, bevor es wieder zu Boden kam und aussah wie vorher. „Einem Körper, den man nicht verlassen kann, was auch immer damit getan wird..."

Er ließ diesen Gedanken ein paar Minuten lang suggestiv in der Atmosphäre hängen, bevor er mit fast sanfter Stimme fortfuhr: „Es muss sich schrecklich anfühlen, ein Mensch zu sein. Nicht dass ich es wüsste, mir ist dieses armselige Schicksal nie zuteil geworden, und wird mir auch immer erspart bleiben; aber ich kann verstehen, warum ihr Menschen uns Engel beneidet."

Verwirrt blickte der Junge ihn an. Tat er das? Ihn beneiden? Er versuchte in sich hineinzufühlen, aber sein Inneres war ein Strudel von Wahrnehmungen und Emotionen, wie ein Teich, in den viele Bäche, Flüsse, Wasserfälle auf einmal einströmten.

„Weißt du, dass du hässlich bist?" fuhr das Wesen vor ihm unbarmherzig fort.

Wieder zuckte der Junge zusammen. Unwillkürlich duckte er den Kopf, so als erwarte er einen weiteren Schlag, doch dann erhob er ihn wieder und starrte dem Mann zugleich trotzig und schmerzvoll in die Augen, so als versuche er irgendeine überzeugende Erklärung für die plötzliche, unverdiente Grausamkeit zu finden.

„Oh, ich meine nicht im Vergleich mit Engeln wie mir, wo du natürlich allein deines Menschseins wegen nie mithalten könntest." Wie zur Illustration hob er eine seiner perfekt geformten Hände und strich sich mit der anderen bedächtig über einen wohlgerundeten sauberen Fingernagel. „Ich meine damit auch nicht die Tatsache, dass du weniger attraktiv bist als die meisten Jungen in deinem Alter, dass dir Anmut, Charme und männliche Ausstrahlung deiner Spielkameraden fehlen, das ist dir denke ich ebenfalls schon bewusst, du siehst ja deine Geschwister und die anderen im Dorf, außerdem habt ihr ja einen Spiegel zuhause." Er lachte wie über einen guten Witz. „Was ich meine, ist das:" Nun lehnte er sich vor, beugte sich herab und sah dem Jungen vorsichtig, fast mitleidig auf Augenhöhe ins Gesicht. „Wenn du alleine nachts auf deiner Matte liegst, die Wände sich um dich auftürmen und fast auf dich zu fallen scheinen, und du tief in deine Seele blickst – weißt du nicht tief im Innern, dass du mehr sein könntest, einmal mehr warst als das, was du jetzt bist? Als das, was der Fall der Menschheit aus ihr gemacht hat? Dass eine Schönheit in euch gelegt wurde, die ihr verdunkelt habt, verloren, verspielt – und wofür? Weißt du nicht irgendwo tief im Innern um diese Schönheit, und sehnst du dich nicht danach, sie wieder zu besitzen?"

Verstohlen wischte sich der Junge mit seinem graubraun beschmutzten Ärmel eine Tränenspur von der Wange.

„Mach dir nichts daraus, das gehört zum Schicksal aller Menschenkinder." Beruhigend tätschelte das Anderswesen die Schulter des Jungen, der unter der unerwarteten, unerwünschten Berührung zurückwich, bevor er sich kontrollieren konnte. „Ich wollte dich auch nicht verletzen, weißt du." Er lächelte sanft unter dem skeptischen Blick des Jungen. „Ich wollte dir nur helfen, die Frage zu beantworten, die ich in deinem Gesicht las. Ob du als ein Mensch mich als einen Engel wirklich beneidest. Das war es doch, was du dich fragtest, oder?" Er nickte in eigener Antwort auf diese rhetorische Frage, so als bedürfe er gar keiner weiteren Bestätigung. „Du willst doch von allen das Beste denken, das weiß ich. Warum also nicht auch von mir?" fügte er mit einem weiteren aufmunternden, fast väterlich-anerkennenden Lächeln hinzu.

Der Junge schloss gequält die Augen. Engel waren Geistwesen, Diener des Höchsten, die Zugang hatten zu seinem Thron. Zugang zum unzugänglichen Licht. „Vater im Himmel," betete er stumm. „Stimmt das? Was soll ich glauben? Bitte vergib mir. Hilf mir!"

Wie so oft, gelang es ihm kaum, die unsichtbaren Fühler seiner Seele unter all den Ablenkungen so auszurichten, dass er eine eindeutige Antwort hätte vernehmen können. Dennoch war sein Blick fester, als er wieder in das makellos geformte Gesicht ihm gegenüber aufsah.

„Weißt du," fuhr dieser fort. „Da ich ein transzendentes Wesen bin, kenne und begleite ich dich schon seit deiner Geburt. Gelehrt wie du bist, weißt du doch bestimmt, dass jedem Menschen Engel zugeteilt sind, die auf seine Schritte achten, oder? Nun, ich weiß Dinge über dich, sowohl deine Vergangenheit als auch deine Zukunft, die dich interessieren. Sehr sogar. Antworten auf Fragen, die dir schon lange unter den Nägeln brennen. Die Wahrheit." Der Junge erschauderte allein beim Klang dieses Wortes, das der Engel ihm wie eine herrliche, reife Frucht darbot. Wahrheit. Sie zu ergründen, zu leben, zu sein – tiefste Wahrheit, gleich wie sehr sie vielleicht schmerzte. Was würde er dafür nicht geben?

„Willst du die Wahrheit über Schönheit wissen?" Der Engel machte eine kurze Pause, während derer der Junge zugleich gebannt an seinen Lippen hing und es in seinem Kopf arbeitete, um selbst die Antwort auf diese Frage zu ergründen. „Wahre Schönheit kommt von innen."

Der Junge nickte. All sein Gefühl sagte ihm, dass das stimmte.

„Und soll ich dir zeigen, wie es damit bei dir bestellt ist?" Bevor der Junge zu einer Antwort ansetzen konnte, fuhr sein Gegenüber schon fort: „Dazu musst du dir anschauen, was dein Leben, dein Dasein bewirkt. Was es bis jetzt bewirkt hat, und was es noch bewirken wird. Du hast bestimmt mitbekommen, dass über deiner Geburt Geheimnisse liegen, die dir niemand aus deiner Familie anvertrauen will. Ich meine, außer deiner unehelichen Zeugung. Wusstest du, dass deinetwegen Säuglinge ermordet wurden? Eine Unmenge von unschuldigen kleinen Kindern, die an deiner Stelle das Schicksal ereilte, das dir zugedacht war? Ein Kind hätte sterben müssen, nämlich du, dann wären all die anderen verschont geblieben. Und das ist noch längst nicht das Ende. Viele werden sterben um deinetwillen, Junge und Alte, werden alles verlieren, was ihnen einst wichtig war, Haus, Hof, Geld, Frau, Mann, Kind, Brüder, Schwestern, Äcker, ihr Leben."

Der Junge hob seine Hände an den Kopf, als wolle er sich die Ohren zuhalten. Die Worte seines Gegenübers, die erschreckenden Informationen, kamen auf einmal viel zu schnell für ihn, Schlag auf Schlag, wie Lasten auf den Rücken eines Esels, die auf ihn geworfen, aufgetürmt werden, bevor dieser einen halbwegs günstigen Stand einnehmen kann.

„Jedem, der dir je begegnet, wird etwas zustoßen," schloss der Engel. „Jeder, der dich sieht, wird sterben."

Der Junge drehte sich abrupt um und taumelte in den Hain hinein, wühlte sich durch das Gewirr der Zweige und Büsche, um sich hinter einem knorrigen alten Olivenbaum zu verbergen. Er lehnte seine plötzlich schweißnasse Stirn an den soliden Stamm des Baumes, schloss die Augen und schrie mit flehender Dringlichkeit zu IHM – der einzigen Person, die ihn wirklich kannte.

„Vater im Himmel – stimmt das wirklich? Ist das die Wahrheit?"

Die Stille widersprach ihm nicht, widersprach nicht den Worten des Engels, die in seinem Kopf nachhallten, und tief in seinem Innern wusste er mit einer Art fatalistischer Gewissheit, dass es stimmte. Dass es die Wahrheit war. Aber doch nicht die ganze Wahrheit. Es gab mehr, viel mehr noch, das ihm verborgen war, vielleicht noch lange verborgen bleiben würde. Aber es gab mehr.

Der Ast vor ihm schwankte, ein Arm der mittlerweile fast verhassten Gestalt schob ihn beiseite. Diesmal sagte der Fremde nichts. Er stand einfach nur da. Mitten in dem idyllischen, abgelegenen Hain.

Der Junge atmete tief durch. „Ich möchte Menschen retten," sagte er leise, aber deutlich. „Ich möchte für sie sterben. Das ist es, was ich mit meinem Leben tun möchte."

Der Engel lachte leise. „Du möchtest ein Held sein, nicht wahr?"

Der Junge verzog das Gesicht. So hatte er es nicht gemeint, nicht in dieser Prioritätensetzung.

„Das ist eigentlich eine vernünftige Ansicht," meinte sein Gegenüber in versöhnlichem Ton. „Und ich kann dir gerne dabei helfen." Er zog einen Gegenstand unter seinem mittlerweile wieder umgehängten Mantel hervor, den der Junge als ein altes, abgewetztes Seil erkannte. An einer Stelle befand sich ein Knoten, dort bildete es eine Schlaufe. „Angesichts der Wahrheit, die du ja nun kennst, wäre es die beste Entscheidung, sofort zu handeln, nicht wahr? Warum mit deinem edlen, selbstlosen Entschluss warten, bis du erwachsen bist? Ich denke, du weißt, wozu dieses Seil schon vielen Menschen gedient hat, sowohl bei sich selbst als auch bei anderen." Er warf einen bedeutungsschweren Blick in die Krone des Baumes über ihnen. „Du hast es denke ich oft genug am Straßenrand gesehen." Die Augen des Engels nahmen einen fast fiebrigen Glanz an, als er sich wieder vorbeugte. „Wenn du dich jetzt von diesem Körper befreist, der dir sowieso eine Last ist, und dieses Leben beendest, dessentwegen so viel Tod entstehen wird, hast du zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen."

Der Junge wich zurück. Er zitterte am ganzen Körper, während die Gedanken in seinem Kopf sich überschlugen. Seine Fingernägel krallten sich so fest in seine Handflächen, dass sich, als es ihm bewusste wurde und er sie wieder öffnete, Abdrücke gebildet hatten.

„Nein!" sagte er dann laut, wobei es sich anfühlte als lodere eine Flamme in seinem Inneren auf, die in seine Augen übergehe. „Mein Herz sagt mir, dass dies nicht der richtige Weg sein kann. Wenn ich anderen zuliebe sterbe, um sie zu retten, dann so, wie der Höchste es bestimmt."

„Sollen wir schauen, ob das möglich ist?" Nun klang sein Gegenüber wie einer seiner Lehrer. „Komm, lass uns prüfen, aus welchem Holz du geschnitzt bist." Ein plötzliches, lautes Knacken zerriss die Stille. Bevor er vollends begriffen hatte, dass es der Ölbaumzweig war, den der Engel noch immer in Händen hielt und der nun unter dessen Fingern zerbrach, spürte der Junge schon, wie seine Hand gepackt wurde, gegen das frisch zersplitterte Holz des Baumes gedrückt und dann in einer festen, ruckartigen Bewegung nach unten gestreift, bis ein heftiger Schmerz seinen Körper durchzuckte. Fast ungläubig starrte er einen Moment auf seine Hand, sobald sie losgelassen wurde, und packte dann mit zitternden Fingern den langen Holzsplitter, der sich in seinen Ringfinger gebohrt hatte. Während er ihn herauszog und die roten Blutstropfen hervorquellen sah, schossen Tränen in seine Augen.

„Soviel dazu, wieviel Schmerz du aushältst. Denkst du, wenn schon ein Splitter in deiner Hand so weh tut, du könntest jemals Folter und Marter ertragen?" Das höhnische Lachen, das diese Worte begleitete, klang wie ein grausamer Triumphruf.

Der Junge sah das Geschöpf vor ihm stumm an, während Tränen aus seinen Augen quollen.

„Wer sagt, dass Engel gut sind?" kommentierte das Wesen kalt. „Dass die Welt gut ist? Dass der, der sie geschaffen hat, gut ist? Dass du gut bist?"

Jeder Teilsatz war wie ein Abschnitt eines Abgrunds, an dessen Felsklippen sich der Junge versuchte festzuhalten, nur um jedes Mal von einem harten Stiefelabsatz auf die Finger getreten zu bekommen, bis er loslassen musste und hinabstürzte, bis zum nächsten Absatz, und wieder fiel, tiefer, tiefer, tiefer... Der Junge sank zu Boden, vergrub sein Gesicht in seinen blutbeschmierten Händen und weinte.

Als er sich nach langer Zeit wieder aufrichtete, war er allein. Er streckte seine steifgewordenen Gliedmaßen, stand auf und schlich sich wie ein verwundetes Reh an den Rand des einstmals geliebten Hains, in dem er sich nun nicht mehr wohlfühlen konnte. Beißend spürte er den Wind auf seinen salzverkrusteten Wangen.

Er wandte sein Gesicht der Stadt zu und wollte sich auf den Heimweg machen, als ein roter Farbtupfer am Wegrand seinen Blick einfing. Eine Rosenblüte – die erste für diesen Frühling. Fasziniert weidete er seine Augen an ihrem bekannten, harmonischen, tröstenden Anblick, beugte sich dann über sie, um ihren süßen, betörenden Duft einzuatmen. Ein einzelnes Blütenblatt löste sich, rieselte herab und blieb auf einem seiner Füße liegen. Ohne nachzudenken hob er es auf und legte es, einem Impuls folgend, auf die kleine, rote Wunde an seinem Ringfinger.

Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod."

Die Worte schwebten durch sein Bewusstsein, ohne dass er sie fassen, einordnen, in ihrer Tiefe ermessen konnte, und verklangen dann wieder, um sich irgendwo tief in seinem Herzen zu verbergen. Er schaute noch einmal die Rose an, und etwas in ihm wusste plötzlich, dass es ein Geheimnis gab, eine Schönheit, ein Mysterium, das die tiefste Wahrheit darstellte. Einen letzten Urgrund, der gut war, stärker als Schmerz, Schuld und Tod. Stärker als die tausend Tode, die ihm die Stimme des Engels an diesem Tag zugefügt hatte. Stärker als die tausend Stiche, die dessen Pfeile in seiner Herzwand hinterlassen hatten. Er hätte dies nicht in Worte fassen können, es erreichte kaum seine bewussten Gedanken. Er wusste auch nicht, ob dieses Gute für ihn war, ob es jemals die Schwere vertreiben würde, die er fühlte. Aber dass es existierte, war genug. Behutsam schloss er seine Hand über dem Blütenblatt an seinem Finger, lächelte ein zaghaftes kleines Lächeln und ging beschwingteren Schrittes den staubigen Weg zurück Richtung Stadt.

„He, da ist ja dieser Faulpelz!" Eine Hand legte sich an seinen Rücken, von der anderen Seite rempelte ihn eine Schulter an – unsanft aber nicht übelwollend – und er erkannte die Jungen, die er seine Brüder nannte.

„Und, Träumer, hast du dich wieder vor der Arbeit gedrückt?"

Er schwieg. Was auch immer er sagen würde, würde nichts ändern.

„He, er hat etwas Rotes am Finger. Hast du dich verletzt?"

„Zeig her! Nein, schau doch, es ist ein Blütenblatt. Die Mimose hat es bestimmt darum gewickelt, um so zu tun, als ob er verletzt sei, und uns die ganze Arbeit alleine machen zu lassen!"

„Los, komm, wir beeilen uns wenigstens, dass wir vor der Schnecke drinnen sind, dann holen wir uns das Beste vom Essen!"

Der Junge betrachtete still das Blütenblatt um seinen Ringfinger, wartete, bis seine Geschwister aus seinem Blickfeld verschwunden waren, und hob es dann an seine Lippen zu einer zarten Berührung. Nur Einer verstand ihn, und dieser Eine, so unsichtbar, so nah, erschien ihm doch oft so fern.

Er atmete tief durch, betrat die Schwelle des Hauses, das ihm Heimat bot, und strich mit seiner Handfläche kurz über einen der glatten, soliden Türpfosten, wie zur Begrüßung.

„Yeshua, bist du da?" rief eine Frauenstimme aus dem Haus heraus.

„Ja, Mariam – Mama – ich bin gekommen."