Teil 1: Der Weiher der Verlorenen Liebe

1. Der Weiher

„Es ist aus, Eliane, kapier das doch endlich! Es hat keinen Zweck mehr."
„Aber… Sag mir doch wenigstens warum! Bitte!"
„Nein. Ich muss jetzt auflegen, ich bin verabredet."
„Ist es wegen mir? Weil ich so viel falsch gemacht habe in letzter Zeit?"
„Auch."
„Ich habe dir doch schon gesagt, wie Leid es mir tut. Lukas, es tut mir wirklich so Leid."
„Das ändert es aber nicht. Jetzt lass mich in Ruhe!"
„Was ist es noch?"
„Das geht dich nichts an."
„Du … du hast eine andere?"
Schweigen.
„Du liebst jemand anders?"
Immer noch Schweigen.
"Lukas?"
„Na gut. Wenn du es unbedingt wissen musst, ja, ich liebe jemand anders. Schon länger. Eine, die nicht so nervt wie du. Es hat mich einfach genervt mit dir."
Schweigen.
„Das war's, Eliane."
Ein Klicken in der Leitung und dann nur noch das Besetztzeichen. Besetzt…

Mit einem Stöhnen drehte sich Eliane auf die andere Seite und zog sich die Bettdecke über den Kopf, als könnte sie so den Dialog ausblenden, der sich nun schon die halbe Nacht wieder und wieder in ihrem Kopf abspielte. Es war inzwischen schon zwei Wochen her, dieses letzte Telefongespräch mit Lukas, aber die hässlichen Worte, sein kalter, abweisender Tonfall, ihre dummen, stotternden Entgegnungen waren noch so frisch in ihrer Erinnerung wie in jener Nacht, als sie apathisch den Hörer fallen gelassen hatte, wie in Trance aufgestanden war, den schweren, mit Erinnerungsstücken beklebten Glasrahmen mit ihrem Partnerfoto vom Schrank genommen hatte und ihn mit leblosen Fingern auf die Fliesen hatte fallen lassen. Ihre Verzweiflung, ihre Selbstvorwürfe, die ständige Wiederholung aller Fehler, die sie an allen Wegkreuzungen ihrer gemeinsamen achtjährigen Reise gemacht zu haben glaubte, kreisten noch genauso in ihrem Kopf wie in jener Nacht, als sie sich mechanisch wie eine Aufziehpuppe gebückt hatte, die Glasscherben aufgesammelt hatte und sich damit jene Abschiedsbotschaft in den Arm geschnitten hatte, die sie für immer daran erinnern sollte, ihm nicht mehr weiter nachzulaufen.

Die Schnitte waren inzwischen zu roten, schon nicht mehr eiternden Narben verheilt, die nur ein bisschen wehtaten, wenn sie wie eben an der Bettdecke rieben. Die Wunden in ihrer Seele jedoch bluteten und schwärten unvermindert weiter wie in jener Nacht. Vor Jahren einmal hatte Eliane ihren ersten Zahn gezogen bekommen, und sie erinnerte sich jetzt noch daran, wie sie wochenlang immer wieder mit der Zunge über jene ungewohnte Stelle gefahren war, weil einfach etwas fehlte. So fühlte es sich jetzt an, nur tausendmal schlimmer, als sei ihr Herz gezogen worden, und ihre Gedanken und Gefühle, ihr ganzes Dasein, fuhren unablässig über dieses Vakuum, dieses Nichts, dieses schwarze Loch, wo vorher Leben und – wenn auch oft getrübte – Freude gewesen war.

Ich halte es nicht mehr aus!'Mit einem Ruck richtete sie sich auf und flüchtete aus dem Bett, obwohl sie vor Übermüdung schwankte. Dunkel, es war alles so dunkel. Kein einziger Lichtstrahl auf der ganzen Welt. Selbst die Laterne vor dem Fenster, der Mond am Himmel, alles war so unerträglich dunkel. So musste sich der Tod anfühlen. Rastlos lief sie im Zimmer auf und ab. Früher hatte sie in solchen Momenten versucht zu schreiben, ihre Seele in Gedichte zu gießen; doch diesmal saß der Schmerz dafür zu tief, war der Schock noch zu frisch. In ihrem Innern herrschte nur Leere.

Vielleicht würde es ihr helfen, sich mit älteren Texten aus ähnlichen Trennungsphasen zu beschäftigen, vielleicht konnte sie ja daran ihre Gefühle abreagieren? Einen Versuch war es immerhin wert, fast alles war in ihrem momentanen Zustand einen Versuch wert. Etwas unschlüssig kramte sie aus einem Schrankfach ein altes, handgeschöpftes Tagebuch hervor, das sich dort ein ganzes Regal mit ähnlichen Bänden ihrer gesammelten Erinnerungen teilte. Langsam blätterte sie die dicken, beigefarbenen Seiten um, die mit schnörkeliger Schrift in lila, grüner und schwarzer Tinte bedeckt waren. Hier, das würde doch passen! Hastig überflogen ihre Augen die Zeilen.

Meine Liebe

unruhig regt sie sich
altvertraut neugeboren
überflutet mich
mit Feuer mit Wasser
zarte Regentropfen
ihre Beständigkeit
leuchtende Blüten
ihre Schönheit
tausend Nadeln
ihre Unerfüllbarkeit
ich will sie herausreißen
und doch um nichts auf der Welt
hergeben

Mit einem Seufzer blätterte Eliane weiter und hielt erneut inne.

Sonnenstrahl

Wie ein Sonnenstrahl
kamst du in mein Leben,
mit Frische, Leichtigkeit, Lachen;
zart, sanft, vertrauensvoll
wie Blumen im Frühlingswind.

Wie ein Sonnenstrahl
bist du wieder gegangen.
Ich starre in grauen Himmel,
regenbenetzt,
und atme die fallenden Blätter."

Diesmal deklamierte sie die Zeilen laut vor sich hin, fast erschreckt von dem Klang ihrer eigenen Stimme, die ihr leblos und fremd vorkam. Nachdenklich blickte sie dann ins Leere. Alle diese Texte waren viel zu zart, zu melancholisch, auf ihre Art noch zu positiv, konnten Elianes momentanen Gefühlen nicht entsprechen – oder ihrer Abwesenheit jeglichen Gefühls. Zögernd nahm sie ein Blatt Papier aus einer Seitenschublade, holte sich einen Bleistift, setzte sich an den Tisch und begann zu schreiben:

Gezogen

Mein Herz wurde mir gezogen
wie ein kranker, fiebriger Zahn.

Ich spüre die klaffende Leere
wo einst Liebe war,
sehe das Loch in meiner Brust
wo einst Leben war,
falle in das bodenlose Vakuum
wo einst du warst.

Mein Herz wurde mir gezogen
und nun kann ich nichts mehr
empfinden.

Eine Zeitlang starrte sie auf die Zeilen. Nun hatte sie doch wieder etwas verfassen können. Fühlte sie sich jetzt besser? Das kleine Hochgefühl, etwas geleistet, etwas erschaffen zu haben, blieb diesmal aus. Sie fühlte sich genauso leer und tot wie vorher, genauso wie sie es versucht hatte auszudrücken.

Die Kälte der wolkenlosen Winternacht zwang Eliane schließlich zurück unter ihre Decke, wo sie sich zu einer Kugel zusammenrollte wie ein Igel. Ihre lyrischen Ergüsse hatten ihr keinesfalls die erhoffte Erleichterung verschafft. Wenn sie es sich recht überlegte, war die jetzige Situation sowieso mit keiner früheren zu vergleichen, mit gar nichts zu vergleichen. Lukas war nicht der erste Freund, der mit ihr Schluss gemacht hatte, aber mit keinem war sie so lange zusammen gewesen wie mit ihm, mit keinem hatten die Pläne von Hochzeit und Familiengründung so konkrete Formen angenommen wie mit ihm, keinem hatte sie so komplett ihr Herz und ihr ganzes Leben geschenkt, von keinem war sie so abhängig gewesen wie von ihm. Das Loch, das er in ihr Leben gerissen hatte und das sie so unerträglich intensiv, fast körperlich fühlte, das Gefühl der Unvollständigkeit, der schwarze Schatten der existentiellen Angst vor der Einsamkeit, des abgrundtiefen Verlassenseins – all dies war sogar tiefer als bei den Todesfällen, die sie bisher in ihrer Familie miterleben musste.

Wenn jemand gestorben ist,' dachte sie bitter, ‚muss sich der Hinterbliebene wenigstens nicht die Schuld dafür geben, zumindest in den meisten Fällen nicht, und man muss wenigstens nicht mit dem Hass der Person leben, die einen verlassen hat.' Dass Lukas sie hasste, davon war sie spätestens seit jenen letzten Worten überzeugt, und das war vielleicht sogar das Schlimmste an der ganzen Sache für sie. ‚Wenn wir uns doch wenigstens versöhnen könnten!' dachte sie oft. ‚Damit wäre ich schon zufrieden.'

Aber dann kamen dennoch immer wieder die Momente, wo sie an sein Lachen, seine Berührungen, seine Küsse, seine zärtlichen Blicke und Worte denken musste, an all die Dinge, die sie gemeinsam getan hatten, und den Gedanken nicht ertragen konnte, dass all dies vorbei sein sollte, dass sie selbst es kaputtgemacht hatte! Hätte sie ihm mehr Liebe gegeben, wäre sie weniger egoistisch gewesen, hätte ihn weniger mit ihren Ängsten und Problemen genervt, wäre mehr auf seine Bedürfnisse eingegangen, hätte nicht so geklammert – wie anders könnte dann jetzt noch alles sein!

Das waren die Momente, wo sie am bitterlichsten weinte – oder gar nicht mehr weinen konnte, sondern nur noch sich selbst zerfleischte. Meist seelisch, manchmal physisch. Wo die Wogen der Schuld und Reue über ihr zusammenschlugen und sie erbarmungslos unter sich begruben. ‚Es tut so weh, von der Person, die man liebt, verlassen zu werden, weil man so war, wie man war. Es sieht, aber es nicht mehr ungeschehen machen kann…'

Ich will das alles nicht mehr denken! Ich will überhaupt nicht mehr denken!' bäumte sich Eliane verzweifelt auf. ‚Wenn es möglich wäre, ich würde am liebsten aus mir selber fliehen!' Wenn sie doch nur noch ein Kind wäre, dann könnte sie sich jetzt irgendwie ablenken. Ihre Teenagerzeit war alles andere als leicht gewesen, aber damals hatte sie vor den Hänseleien und Demütigungen der anderen, vor den ersten Begegnungen mit Liebeskummer, sogar vor den verschiedenen Formen des Missbrauchs, die sie erleben musste, in eine andere Welt flüchten können. Wie undeutliche, abgerissene Wolkenfetzen drangen neblige Bruchstücke von Erinnerungen an ihr Bewusstsein.

Es hatte angefangen, nachdem sie Tolkiens Herr der Ringe gelesen und damit ihr absolutes Lieblingsbuch aller Zeiten gefunden hatte. Sie verträumte nicht nur die Schulstunden damit, die Charaktere und Handlung des epischen Werkes vor ihrem inneren Auge Revue passieren zu lassen. Sie sah nicht nur in jedem Bach, Baum und Strauch, in jedem Nebelschwaden und jeder Bergkette eine Landschaft aus dem Herrn der Ringe, die für sie fast realer war als ihre wirkliche Umwelt. Vor allem aber las sie abends vor dem Einschlafen nun nicht mehr andere Bücher, sondern sie träumte sich in jene Welt hinein, ging selbst nach Mittelerde, und traf dort die Charaktere des Buches, immer wieder aber auch ihren eigenen, erfundenen Traumprinzen in unzähligen Abenteuern, in denen sie ihm meist als Knappe verkleidet das Leben rettete – oder, je nach Variante, er ihr – , ihre Verkleidung irgendwann aufflog, und sie dann schließlich ein Paar wurden.

Unwillkürlich entfuhr Eliane ein spöttisches Schnauben. Es war schon so lange her, und sie konnte sich nicht mehr in ihr früheres Ich mit seinen Fantasiegespinsten hineinversetzen, die ihr nun genauso fremd wie peinlich waren. Sie wusste noch, dass sie in der Zeit der schlimmsten Erlebnisse Briefe an diesen imaginären Traumprinzen geschrieben hatte, in denen sie mit ihm all das diskutierte, was sie sonst niemandem sagen konnte. Lange hatte sie diese Briefe aufgehoben. Erst vor ein paar Jahren, im Zuge der Verarbeitung ihrer Vergangenheit, war ihr das verschlossene Kästchen wieder einmal in die Hände gefallen und sie hatte es mit einem Gefühl der Befreiung weggeworfen. Dabei war ihr bewusst geworden, dass dieser Silgorn, wie sie ihn in Anlehnung an ihren Haupthelden Aragorn genannt hatte, für sie eine Art Religionsersatz geworden war, der in späteren Jahren, nachdem sie zum Glauben gefunden hatte, schnell in Vergessenheit geraten war.

Zum Glauben gefunden… auch diese Zeit schien Eliane nun weit entfernt, und sie konnte es nicht mehr nachvollziehen, wie sie damals so begeistert und positiv hatte sein können. Inzwischen hatte sie so viele Enttäuschungen erlebt, so viele unerhörte Gebete und achtlos verklungene verzweifelte Schreie an Gott gerichtet, dass sie auch darin keinen Trost mehr finden konnte. Hatte sie nicht Wochen, ja Monate vor dem Schlussstrich gespürt, dass etwas in ihrer Beziehung zu Lukas nicht stimmte, und Gott angefleht, diese Liebe zu retten? Hatte er es etwa getan? Was brachte es also noch groß, zu versuchen zu glauben?

Da diese Gedanken ihr schlechtes Gewissen nur vergrößerten und sie sich nicht zu allem anderen wieder mit Ängsten vor der Hölle foltern wollte, riss Eliane ihre Gedanken rasch von dem prekären Thema weg. Ein Blick auf den Wecker zeigte ihr, dass es inzwischen drei Uhr vorbei war. Sie drückte ihre mittlerweile lauwarme Wärmflasche an sich und versuchte, ihren Kopf zu leeren. ‚Lukas. Es tut mir so Leid. Bitte komm zurück!' Nein, das klappte nicht. Jetzt sah sie wieder seine großen blauen Augen vor sich! Sie würde alles geben für nur noch eine Chance, ihm ihre Liebe beweisen zu können! Aber es war zu spät! ‚Auf dem Nachttisch sind Schlaftabletten'…'Im Badschrank sind Rasierklingen'… Sie zog sich die Decke über den Kopf und vergrub sich ganz tief in ihrem Bett wie in einer Höhle. ‚Lukas! Ich liebe dich so!'

Wind pfiff ihr um die Ohren. Es war eisig kalt geworden, und irgendwie waren ihre Haare mit kleinen Wassertröpfchen benetzt, die sich anfühlten, als seien sie halb gefroren. Benommen öffnete Eliane die Augen. Ein weißlich wabernder Nebel schlug ihr ins Gesicht, hinter dem sie vage schwarze Schatten und hoch oben einen kalten, undeutlich umrissenen Mond erahnen konnte. Das Dunkel unter der Bettdecke, das künstliche Licht der Straßenlaterne – was war mit ihnen geschehen? Eliane griff unter sich und spürte harten, kalten Boden, berührte ein paar kleine, gefrorene Steinchen, zerdrückte mit lautem Rascheln welke, von Eis überzogene Blätter.

Erstaunt sah sie um sich, versuchte in dem sich langsam lichtenden Nebel irgendwelche Orientierungspunkte zu finden. Rechts und links von ihr nahm sie nun hohe Bäume wahr. Ihre krummen Äste ragten wie Skelette in den nächtlichen Winterhimmel; hier und dort klammerten sich noch ein paar tote, verlorene Blätter an die Zweige wie halb von den Knochen gerissene Fleischfetzen. Vor ihr lag eine dunkle, spiegelglatte Fläche, die im Mondlicht hin und wieder zu zittern schien und kleine aufblitzende Lichtreflexe zurückwarf. Ein See oder Weiher. Ab und zu hörte sie das sanfte Geräusch herabfallender Wassertropfen – vielleicht regnete es, oder das Eis auf den Bäumen war am Tauen. Eine Windbö peitschte ihr gerade wieder etwas Regen ins Gesicht, und Eliane wollte instinktiv nach ihrer Kapuze greifen, als ihr bewusst wurde, dass sie nichts trug und auch nichts dabeihatte als ihr dünnes Baumwollnachthemd. Zitternd schlang sie die Arme um ihre Knie in dem Versuch, möglichst wenig ihrer Körperoberfläche den Elementen preiszugeben.

Nun regte sich zum ersten Mal, seit sie hier war, so etwas wie Furcht in ihr. Sie wusste nicht, wo sie war, sie wusste nicht, wie sie an diesem Ort überleben sollte, und sie wusste bei ihrem Leben nicht, wie sie jemals wieder zurückgelangen sollte. Verzweifelt und am ganzen Leib schlotternd vergrub sie ihren Kopf zwischen den Armen. Irgendwo in der Ferne rief eine Eule oder ein Käuzchen, und ein Artgenosse antwortete von einem der Bäume in der Nähe. Noch nie hatte sich Eliane so verloren gefühlt.

Sie musste ein wenig eingenickt sein, denn das Nächste, was ihr bewusst wurde, war ein lautes Knacken, das sie aufschrecken ließ. Sie streckte ihre steifgewordenen Glieder und merkte, dass sie kaum noch Gefühl in den Händen und Füßen hatte, so ausgefroren war sie. Es dämmerte wohl allmählich, denn ein schwacher roter Lichtschein hatte sich am Himmel ausgebreitet. Er schien von irgendwo hinter ihr zu kommen.

„Möchtest du dich ein bisschen aufwärmen?"

Eliane zuckte zusammen. Langsam drehte sie sich um und sah, dass der rote Lichtschein von einem Feuer stammte, das sich orangegleißend gegen den schwarzen Eingang einer Höhle hinter ihr abhob. Etwas seitlich vor dem Feuer konnte Eliane die dunklen Umrisse eines Mannes ausmachen, der auf dem Boden saß.

Zuhause wäre sie nicht einfach so zu einem Fremden hingegangen, doch nun war ihre Not zu groß, als dass irgendetwas sie von der Wärme eines Feuers und dem Trost menschlicher Gesellschaft hätte abhalten können. Zaghaft trat sie näher.

„Setz dich."

Sie ließ sich vorsichtig auf der anderen Seite des Feuers nieder und streckte ihre steifgefrorenen Hände in die Richtung der Flammen. Wie gut das tat, auch wenn sie zuerst einmal unangenehm zu kribbeln und zu schmerzen anfingen! Sie rieb ihre Handflächen aneinander, bewegte die Finger ein wenig hin und her und spürte mit einem kleinen Seufzer der wohligen Wärme nach, die ihren Gliedmaßen allmählich wieder Leben einflößte. Erst nach einiger Zeit konnte sie sich wieder auf etwas Anderes konzentrieren und besann sich verlegen auf die Regeln der Höflichkeit.

„Äh, ja, vielen Dank auch. Ich heiße Eliane." Sie streckte dem Fremden halb übers Feuer hinweg ihre frisch aufgetaute Rechte entgegen. Er ergriff sie mit einem kräftigen Händedruck. „Willkommen, Eliane. Mich nennt man den Wanderer."

Eliane bemerkte, dass er fingerfreie Handschuhe trug, ähnlich wie Aragorn in ihrer geliebten Herr der Ringe – Verfilmung; seine Finger, dort wo sie sie spüren konnte, fühlten sich warm und lebendig an.

Nun erst nahm sie ihn genauer in Augenschein. Seine Kleidung aus Leinen- und Wollstoffen in verschiedenen gedeckten Grün- und Grautönen schien der eines Waldläufers zu entsprechen. Dazu passte auch sein Aussehen, die dunklen, leicht zerzausten, nicht ganz schulterlangen Haare, das ebenmäßige, knochige Gesicht, und vor allem die grauen Augen, die den Eindruck erweckten, als würden sie leicht wehmütig in eine anderen Menschen unzugängliche Ferne starren. Etwas Edles, das sie kaum definieren konnte, an seinem Gesicht und seiner Gestalt bestärkte Eliane in der Vermutung, dass er zu den Dúnedain gehören musste.

Ich denke schon wieder in Kategorien von Mittelerde', wurde sie sich bewusst.

„Wo bin ich hier eigentlich?" entfuhr ihr die Frage, die ihr schon die ganze Zeit auf dem Herzen brannte. „Ist das vielleicht … Mittelerde?" ‚Du spinnst', dachte sie gleichzeitig bei sich.

„Kann sein." Er lächelte.

Toll! Hält er mich für verrückt, oder schafft er es einfach nicht, präzise zu sein? Will er sich vielleicht nicht festlegen?'

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, ergänzte der Fremde sehr präzise: „Wir sind hier am Weiher der verlorenen Liebe."

Weiher der verlorenen Liebe? Von einem solchen Ort hatte sie noch nie gehört. Es klang zwar sehr poetisch, aber…

„Was ist das?"

Er lachte, dann wurde er wieder ernst. „Es ist ein See, in dem sich alle Liebe sammelt, die unerfüllt ist, deren Adressat sie aus irgendeinem Grund nicht annimmt. Diese Liebe erreicht sozusagen ihr Ziel nicht und irrt damit ‚verloren' umher."

„Und der ist nicht größer als das?"

„Er ist sehr tief, und du siehst auch nicht alle seine Ausmaße. Er erstreckt sich in vielen Seitenarmen und Ausläufern weit über dein Blickfeld hinaus. Er wird hauptsächlich von unterirdischen Quellen gespeist und fließt auch unterirdisch wieder ab."

„Ich verstehe," sagte Eliane langsam. „Aber … wieso sind dann Menschen hier, und nicht nur einfach – Liebe?"

„Gute Frage." Er nickte anerkennend. „Alle Menschen, die die Wasser dieses Sees speisen, können in Momenten intensiver unerwiderter Liebe, in denen sie sehr darunter leiden, an diesen See versetzt werden; oder vielmehr, sie können diesen See erreichen, wie eine Zuflucht, wenn sie es, bewusst oder unbewusst, stark genug wollen."

„Alle Menschen, deren Liebe nicht erwidert wird."

„Ja, vielmehr nicht angenommen, was dasselbe sein kann, aber nicht sein muss."

Während sie darüber noch mit gerunzelter Stirn nachdachte, fuhr er schon fort: „Hierher kommen Menschen aus allen Welten." Er musterte sie freundlich, aber durchdringend. „So wie auch du nicht aus dieser Welt bist."

Sie lachte freudlos auf. Sie hatte sich ihre Welt nicht ausgesucht, und ihr lag auch bestimmt nichts daran, gerade ihr anzugehören.

„Und … Ihr seid dann auch…? Ich meine, Eure Liebe wird auch nicht erwidert?" Selbst wenn er sie geduzt hatte, fühlte sie sich doch verpflichtet, ihn förmlicher anzureden.

„So ist es." Er blickte leicht wehmütig auf die Wasserfläche hinaus.

Trotz ihrer Trauer wegen Lukas war Eliane auf einmal neugierig, welche Geschichte sich wohl hinter seinem Hiersein verbarg. Welche Frau konnte die Zuneigung eines derart gutaussehenden und zumindest auf den ersten Eindruck liebenswerten Mannes ausschlagen? War er vielleicht in eine verheiratete Frau verliebt? Oder jemand anderem versprochen? War seine Geliebte gar gestorben? Oder trieb ihn eine verbotene Zuneigung um, zu seiner Schwester etwa oder zu einem anderen Mann? Eliane wusste wenig über die moralischen Gesetze und Gepflogenheiten, die gesellschaftlichen Tabus und Forderungen dieser fremden Welt, in der sie so unversehens gelandet war. Sie traute sich jedoch nicht zu fragen. Dann schoss ihr ein weiterer Gedanke durch den Kopf:

„Heißt das, ich muss hier bleiben, solange ich Liebeskummer habe? Ich meine, wie komme ich überhaupt wieder in meine Welt zurück?"

Die grauen Augen sahen sie beruhigend und zugleich etwas belustigt an.

„Früher oder später wirst du wieder zurück sein."

„Was heißt früher oder später? Wenn ich über meine unglückliche Liebe hinweg bin?"

„Wenn der momentane heftige Gefühlsansturm abgeebbt ist. Bei den meisten Leuten dauert das ein paar Stunden." Er grinste, wurde dann wieder ernst. „Was nicht die Echtheit und Beständigkeit deiner Liebe in Zweifel ziehen soll. Es geht hier nur um die extremen Momente, die an diesen Weiher führen. Morgen früh wirst du jedenfalls wieder in deinem eigenen Bett aufwachen."

Sie nickte stumm, und fragte sich, ob es Erleichterung oder Bedauern war, das sie gerade verspürte.

Nach ein paar Minuten beiderseitigen Schweigens wühlte der Fremde ein bisschen in seinem Marschsack herum, kramte einen Apfel sowie einen halb gefüllten kleinen Leinensack hervor und wandte sich dann an Eliane: „Hast du Hunger?"

Sie schüttelte den Kopf.

Er sah ihr forschend ins Gesicht. „Bist du sicher?" hakte er nach.

„Ja!" beharrte Eliane. Ihr war immer noch der Appetit vergangen, auch wenn sie schon seit Tagen keine ordentliche Mahlzeit mehr zu sich genommen hatte.

Kommentarlos stopfte der Fremde die Esswaren wieder in seinen Marschsack. Sein Gesicht war ausdruckslos, so als hätte er keine andere Antwort erwartet. Fast schämte sich Eliane ihrer zurückweisenden Geste. Vielleicht hatte das Angebot ja eine bestimmte gastgeberische Bedeutung in dieser Welt, und sie hatte gerade einen Fauxpas begangen?

„Dann trink wenigstens etwas," meinte ihr Gegenüber nun versöhnlich und zog eine in abgewetzten grünen Stoff eingenähte Feldflasche hervor.

Eliane zögerte. „Was ist da drin?" fragte sie misstrauisch.

Er lachte. „Bestimmt kein Trank gegen Liebeskummer! Dagegen würde sowieso nichts helfen. Nein, es ist Wasser. Schlicht und einfach klares Wasser."

Immer noch etwas unschlüssig nahm Eliane die Flasche aus seiner ausgestreckten Hand an und führte sie an die Lippen. Jetzt erst merkte sie, wie ausgetrocknet ihr Mund war. Die reine, kühle Flüssigkeit tat gut, und Eliane nahm begierig noch ein paar Schlucke. ‚Zuhause hätte ich kein Getränk von einem Fremden angenommen,' fuhr es ihr durch den Kopf. ‚Oder aus derselben Flasche getrunken wie er.' Doch hier hatte der Gedanke etwas Abenteuerliches, fast Verlockendes.

Sie reichte dem Mann die Flasche zurück und betrachtete versonnen seine Hände, als er das Gefäß wieder zustöpselte. Seine Finger waren lang, schlank und gebräunt von dem ständigen Aufenthalt im Freien. Die Fingernägel waren – wohl aus praktischen Gründen – so kurz geschnitten, dass sie kaum von den Fingerkuppen zu unterscheiden waren, und doch wirkten die Hände einfühlsam und grazil wie die eines Künstlers. Eliane wurde von dem plötzlichen Impuls ergriffen, sie zu berühren. Unwillkürlich bewegte sich ihre Rechte in seine Richtung, doch sie zog sie schnell zurück, fuhr sich wie zur Tarnung verlegen damit durch die Haare und verbarg sie dann in den Falten ihres Nachthemdes. ‚Das ist nur, weil ich herausfinden möchte, ob er wirklich echt ist,' sagte sie sich selbst. Sie gähnte herzhaft.

„Du bist müde, nicht wahr?" dokumentierte ihr Gegenüber das Offensichtliche.

„Ja", sagte sie leise. „Ich kann zuhause nicht mehr richtig schlafen."

Wortlos öffnete er die Fibel, die seinen Umhang an der Schulter zusammenhielt, nahm ihn sich ab und breitete ihn neben Eliane auf dem Boden aus.

„Hier, ruh dich ein wenig aus. Ich werde Wache halten."

Dankbar legte sich Eliane auf den dichten graugrünen Wollstoff und wickelte sich darin ein wie eine Raupe. Die Fasern kitzelten sie ein wenig im Gesicht; sie waren weich und noch warm von seinem Körper. Sie vergrub ihre Nase darin und roch eine Mischung aus Moos, Erde und einem ihr unbekannten, angenehm männlichen Duft. ‚Zuhause hätte ich nie den Mantel eines fremden Mannes angenommen, geschweige denn mich in seiner Gegenwart schlafen gelegt,' dachte sie noch, während ihre Lider herabsanken und ihre Arme und Beine sich immer schwerer anfühlten. Wie in einem Traum hörte sie den Wanderer leise ein Lied vor sich hinsummen. Im schwachen Rot des fast heruntergebrannten Lagerfeuers verwandelten sich seine Worte in Elianes Vorstellung in kleine, glühende Vögel, die sachte wie Federn um seinen Kopf herumschwebten, tanzten im Takt seiner rauen, melancholisch-melodiösen Stimme.

Wäre die Hoffnung ein Stern,
ich würde sacht meine Hand an dein Kinn legen
und deine Augen auf ihn emporrichten.

Wäre die Hoffnung eine Frucht
in den höchsten Zweigen eines Baumes,
ich würde hinaufklettern
und sie für dich herunterholen.

Wäre die Hoffnung eine Feder im Wind,
ich würde ihr nachspringen und sie einfangen
und dir damit sanft die Tränen von den Wangen streicheln.

Wäre die Hoffnung eine Perle
auf dem Grund des Meeres,
ich würde hinabtauchen und sie suchen,
um sie dir ehrfürchtig zu Füßen zu legen.

Wäre die Hoffnung mein Mantel,
ich würde ihn ausziehen
und liebevoll um deine zarten Schultern schmiegen…"

Das letzte, was Eliane wahrnahm, war die aufrechte Silhouette des Waldläufers gegen den Nachthimmel, der in die Ferne zu spähen schien. Dann war sie in tiefen, traumlosen Schlaf versunken.