5. Gefunden

Stundenlang durchkämmte Eliane jeden Winkel der nächtlichen Fußgängerzone, dann ging sie all die Straßen ab, an denen sie schon Obdachlose hatte sitzen sehen. Auch am nächsten Morgen, einem Samstag, an dem sie glücklicherweise frei hatte, suchte sie weiter, fasste sich sogar ein Herz und fragte andere Obdachlose nach ihm. Doch der Mann, der sie am Vortag angesprochen hatte, war nirgends aufzufinden.

Völlig erschöpft riss sie sich schließlich am späten Nachmittag die Schuhe von den Füßen, sank auf ihre Couch und brach in Tränen aus. Wie dumm konnte man sein? Sie hatte ihn endlich gefunden, und dann nicht erkannt! Und nun war er weg, und ihre Chance war vorbei. Sie würde ihn nie wiedersehen!

Und dann diese Blamage mit Lukas – auch bei ihm hatte sie wieder alles kaputt gemacht, die Chance auf eine Annäherung, wenigstens ein freundschaftliches Verhältnis, verschleudert. Wieso machte sie immer alles falsch? Die Wut auf sich selbst fraß in ihre Eingeweide wie schon lange nicht mehr. Zum ersten Mal in den letzten Wochen geisterten wieder Gedanken an Rasierklingen und Glasscherben durch ihren Kopf, und sie fing an, sich wütend am Handgelenk zu kratzen. Doch plötzlich fiel ihr der Arm des Wanderers ein, und sie hielt abrupt inne. Was, wenn alles, was sie tat, wieder Auswirkungen auf ihn hätte? Sie stand auf, lief unruhig im Zimmer hin und her und schnappte sich schließlich ein Blatt Papier und einen Bleistift, um im Schreiben Erleichterung zu suchen.

Fehler

Sie verfolgen mich,
haften an meinen Fersen,
hartnäckig, zäh, wie beißende Zecken,
saugen die Freude aus mir;

sie schlagen mir ins Gesicht
wie ein unbarmherziger Wind,
schneiden mir eisig ins Herz
und rauben die Luft zum Atmen:

all die Fehler, die ich mache,
gestern, heute, immer wieder,
Fehler, die vermeidbar wären,
Fehler, die and're verletzen.

Sie heulen mir um die Ohren,
stechen mit brennenden Nadeln,
sie beißen sich in mein Leben,
zerfressen meine Gefühle,

und spielen auf meinem Herzen
in schrillen, kreischenden Tönen
das quälende, grausige Lied
vom Selbsthass.

Eliane ließ das Blatt sinken und seufzte. Es hatte auch nicht viel geholfen, das aufzuschreiben. Und selbst wenn sie nicht so viel falsch gemacht hätte, hatte Lukas ja deutlich gemacht, dass sie keine Chancen mehr bei ihm hatte.

„Lukas!" schluchzte sie. Sie liebte ihn immer noch genauso viel wie damals, als sie zusammen gewesen waren, vielleicht sogar mehr. Auch wenn sie versucht hatte, dagegen anzukämpfen, hatte sie nie aufgehört, ihn zu lieben. Wäre sie nur bei Lukas geblieben, dann wäre auch all das mit Sascha nicht passiert!

Lukas!' rief sie lautlos. ‚Wanderer! Lukas!'

Ihre Tränen nahmen ihr die Sicht, webten sich in ihrer Vorstellung um sie herum wie ein Schleier, der sie von der Welt trennte. Ein Schleier aus feuchtem Nebel … Sie konnte ihn förmlich riechen, wie er schwer in der Luft lag, wie er ihre Haare niederdrückte. Dichte grauweiße Schwaden bedeckten ihre Sicht, sie schienen kein Ende zu nehmen, selbst den Boden zu ihren Füßen konnte sie kaum erkennen, nur ein paar welke Blätter, unwirklich farb- und konturlos, direkt an ihren Socken. Blätter?

Diesmal war der Weiher kaum zu sehen, ein graues dunstiges Etwas irgendwo vor ihr, das nahtlos in den Nebel überging. Sie wusste trotzdem, dass er es war, genauso wie sie wusste, dass sie alleine hier war. Düster klaffte hinter ihr die formlose Öffnung der Höhle, kalt und feucht klebten die gefallenen Blätter an ihren Händen, gedämpft brach von weiter weg das Gekrächze von Krähen die Stille. Das war alles, was sie sah. Alles, was sie hörte oder fühlte.

Natürlich war er nicht da. Er hatte ihr ja ausdrücklich gesagt, dass er sie hier nicht mehr treffen wollte. Und sie war trotzdem gekommen, gegen seinen Willen. Und hatte ihn woanders nicht finden können. Ihre einzige Chance vertan. Sie hatte in allem versagt!

Wie betäubt blieb sie auf dem kalten Boden liegen, starrte resigniert und ratlos in das Grau vor sich. Es bewegte sich, bildete Muster in der Luft, zog umher wie Farbe, die man in ein Glas mit Flüssigkeit gegeben hatte. Hoch oben war der Nebel etwas heller, waberte gelblich – es war die Sonne, die begann, die dichten Schwaden aufzulösen. Unterhalb dieser Stelle ragten nun schon ein paar schemenhafte Umrisse von Bäumen aus dem formlosen Meer. Nun löste sich ein Schatten aus ihnen, wurde größer, kam näher. Eliane kauerte sich schutzsuchend tiefer in die welken Blätter.

Der Schatten trug einen langen dunklen Umhang, und steuerte direkt auf sie zu. Schwankend zwischen Hoffnung und Furcht stand sie auf. Was, wenn es der Andere war? Doch nun hatte er sie fast erreicht, und die Augen blickten direkt in ihre – graue Augen, offen und ehrlich, wenn auch diesmal ohne belustigten Ausdruck.

Im Bruchteil einer Sekunde war sie in seine Arme gestürzt und klammerte sich an ihn wie eine Ertrinkende, verbarg den Kopf an der Vorderseite seines Hemdes und machte sie ganz nass mit den Tränen, die gleichzeitig mit ihren Worten aus ihr hervorsprudelten.

„Es war alles so kompliziert, und dann warst du keiner von allen, und dann habe ich dich endlich gefunden und es nicht gemerkt, und dann warst du weg, und jetzt finde ich dich nie wieder!" endete sie etwas inkonsequent.

„Eliane." Er streichelte ihre Haare. „Beruhige dich. Das war doch nur eine von vielen Chancen. Denkst du, ich würde dir nicht immer wieder eine neue Chance geben?"

Stark und beschützend legte sich seine halb behandschuhte Hand an ihren Kopf, und seine warmen Finger streichelten vorsichtig über ihre Wange. Dann neigte er sich zu ihr herab und küsste ihr sanft die Tränen von der Haut. Seine Lippen waren zart wie eine Feder.

Sie schaute mit großen Augen zu ihm auf. „Du bist nicht böse auf mich, weil ich doch hierher gekommen bin?"

„Nein, nun ist es eben so. Eigentlich habe ich auch nie gesagt, du dürftest nicht hierherkommen, lediglich dass du nicht für immer ausschließlich hier sein solltest."

„Hmm…" Sie sah leicht berechnend zu ihm hoch, während Angst und Hoffnung in ihrer Stimme mitschwangen. „Darf ich dann jetzt also doch hier bleiben? … Oder wenigstens immer wieder herkommen?" fügte sie rasch hinzu, als er nicht antwortete.

Er schaute ihr ernst in die Augen. „Du weißt, was ich mir für dich wünsche."

Sie ließ geknickt den Kopf hängen. „Aber ich finde dich doch nicht. Dann sag mir, wer du bist!"

„Du wirst es erfahren, noch heute."

Eliane schaute ihn verwundert an. Damit hätte sie nicht gerechnet.

„Aber vorher möchte ich, dass du noch etwas tust, worum ich dich bitte."

Da kam schon der Haken. „Was denn?" Sie zog argwöhnisch die Augenbrauen zusammen.

„Ich möchte, um deinetwillen, dass du Lukas loslässt."

„Das will ich ja!" meinte sie verzweifelt. „Oder zumindest meistens…" Hoffentlich stimmte das. „Ich weiß nur nicht wie!"

Sein rechter Arm ließ sie los und zeigte auf den Weiher. Die Nachmittagssonne hatte inzwischen einen Teil des Nebels aufgelöst, und er stieg wie in einem langsamen Tanz in wirbelnden, spiralförmigen Mustern nach oben. Ruhig und glatt lag die dampfende Wasserfläche vor ihnen ausgebreitet, von Nebel beschlagen wie eine angehauchte Perle. In der Ferne waren undeutlich ein paar rauchig-blaue Hügelkuppen zu erkennen.

„Spring!"

„Was? Da hinein? Aber, aber … ich kann gar nicht gut schwimmen. Ich würde untergehen!"

„Du sollst untergehen." Er sah sie mitleidig an.

„Was ist das?" fragte sie gereizt. „Wieder so eine komische Magie dieses Ortes?"

Er nickte. „Du musst bis auf den Grund des Weihers sinken. Von dort wirst du in deine Welt gelangen, und deine Liebe für Lukas wird geläutert sein."

Eliane machte sich von ihm los und starrte ihn entsetzt an. Sie hatte sich selbst in ihren mutigsten Zeiten schon immer vor großen Gewässern gefürchtet, in denen man nicht mehr stehen konnte. Kaum etwas war schlimmer, als den Boden unter den Füßen zu verlieren, jeglicher Kontrolle beraubt zu sein. Was er nun von ihr verlangte, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. „Und wer garantiert mir, dass ich auch wirklich in meiner Welt herauskomme, und nicht einfach nur – ertrinke?"

„Niemand. Du hast nur mein Wort dafür."

Sie ging ein paar Schritte von ihm weg und starrte stumm auf die Welt um sie herum, diese fremde Welt, die ihr so wichtig geworden war, von der sie so wenig gesehen hatte. Die Bäume erhoben sich nun majestätisch gegen den milchigen Himmel, und zum ersten Mal sah Eliane die hellen gelben Blätter, die hier und da noch vereinzelt an manchen Zweigen hingen. Es musste sich um eine Sorte handeln, die es bei ihr zuhause nicht gab. Auch der Boden, auf dem sie saß, die ganze Fläche vor ihr, rechts und links von ihr, bis hin zum Ufer des Weihers, war inzwischen mit diesen Blättern bestreut, die sie vorher nie bemerkt hatte. Es wirkte warm und licht, wie ein Teppich aus Gold.

Weiter hinten, unter den Bäumen, konnte sie nun große Büsche von wilden Rosen ausmachen – das was sie vorher für Brombeeren gehalten hatte. In einem dunklen, fast schwarzen Braun hoben sich ihre verworrenen Ranken gegen den Nebel ab, die Dornen ragten lang und spitz in den Himmel wie die Architektur einer gotischen Kathedrale. Leuchtend blutrot hingen Hagebutten dazwischen.

Eliane seufzte. Langsam ging sie in Richtung des Weihers. Sollte sie ihre Kleider ausziehen? Aber es würde keinen Unterschied machen, wenn sie sowieso auf den Grund sinken sollte. Vorsichtig kniete sie sich nieder und ließ eine Hand ins Wasser gleiten. Es war bitterkalt und undurchsichtig.

„Es wird sofort sehr steil," meinte die Stimme des Wanderers hinter ihr. „Du musst in einem Zuge springen."

Eliane lief ein Schauder über den ganzen Körper. Nahezu betäubt vor Angst, spürte sie, wie ihr Begleiter ihre Hand ergriff und zärtlich über die Narben fuhr, die sich immer noch silbern über ihre Handfläche zogen – die Narben, die von seinem Messer stammten. „Du hast mir schon einmal vertraut," sagte er leise.

„Wirst du… wirst du mit mir springen?" flüsterte sie.

„Du musst alleine springen." Er sah sie bedauernd an. „Aber ich werde bei dir sein."

Was auch immer das bedeutet.' „Und … danach kann ich nie wieder hierher?"

„Nein. Du entsagst damit auch dem Weiher."

Sie drehte sich ganz zu ihm herum und sah ihm zum ersten Mal wieder vollständig ins Gesicht. „Ich tue das nur für dich."

Schweigend berührte er eine der Tränen, die langsam und glitzernd ihre Wange hinabglitten. Während sie überlegte, wie sie ihre nächste, ihre letzte Bitte formulieren sollte, hatte er sie schon aus ihren Augen abgelesen. Er beugte sich zu ihr herab und schenkte ihr einen langen, innigen Abschiedskuss.

Eisig schlugen die Wogen über Elianes Kopf zusammen, und ihr ganzer Körper fühlte sich an als würde er von Nadeln durchbohrt. Mit aller Kraft kämpfte sie gegen das Panikgefühl an, gegen das Bedürfnis zu atmen. Ihre Augen waren offen, und hoch über ihr versank der blasse gelbe Schimmer immer mehr in der Höhe, um sie herum wurde es dunkler, grüner. Es war ein angenehmes Grün, moosig und bergend, aber sie hatte wenig Muße, es zu würdigen. Ihre Lungen fühlten sich schon an, als würden sie bersten. ‚Gleich sterbe ich. Was ist, wenn er doch nicht Recht hatte?' Sie merkte, dass sie ihren Körper nicht mehr beherrschen konnte. Ohne ihr Zutun begann sie reflexartig tief einzuatmen – nun würde sie Wasser in ihre Lungen saugen und es wäre zu Ende. Ein tiefer Atemzug – und sie bekam wieder Luft. Sie konnte atmen, hier unter Wasser!

Zug um Zug schöpfte sie ihre Lungen voll und erholte sich langsam. Die Schmerzen in ihrem Körper waren auch verschwunden. Sie fühlte sich leicht und frei. Und dort unter ihr war nun auch schon der Boden. Je tiefer sie kam, desto heller wurde es. Hatte sie sich etwa gedreht und schwamm wieder der Oberfläche entgegen? Aber nein, sie konnte deutlich den sandigen Untergrund, die kleinen Kiesel und größeren Steine erkennen. Das Wasser war von einem goldenen Licht durchtränkt, direkt vor ihr noch weich und mild wie der Schein einer Kerze, doch je tiefer sie schaute, desto gleißender wurde es. Um sie herum war es auch gar nicht mehr kalt, oder sie spürte es nicht. Es fühlte sich samtig an, wie eine Liebkosung.

Plötzlich fühlte Eliane eine ungekannte Liebe in sich aufsteigen. Diese schien in sie hineinzusickern aus dem Wasser, ihre Haut osmotisch zu durchdringen, bis sie ihr Innerstes überflutete und sie ganz davon erfüllt war. Sie musste an Lukas denken, und segnete ihn unwillkürlich. Sie brauchte nicht mehr dagegen anzukämpfen, dass sie ihn liebte, nicht mehr zu versuchen, diese Liebe auszumerzen – es stand auch gar nicht in ihrer Macht. Sie war zu tief verwurzelt in ihr, ging bis auf den Grund ihrer Seele.

Aber sie brauchte ihn auch nicht zum Leben. Es spielte keine Rolle, wie er ihr gegenüber stand, sie konnte ihn trotzdem lieben. Auch wenn er ihre Liebe nicht mehr erwiderte, konnte sie für ihn beten, ihn segnen, ihm – auch ohne dass er es wusste – Gutes tun, dann würde diese Liebe nicht verloren gehen. Überrascht stellte sie fest, dass ihre Liebe für ihn allen Schmerz, alle Enttäuschung verloren hatte; sie hatte sich verwandelt von einer bedürftigen in eine selbstlose Liebe, war durchdrungen von Dankbarkeit für die Vergangenheit, von Akzeptanz der Gegenwart und Zukunft.

Aber auch all die anderen Menschen, die ihr wichtig waren, kamen ihr in den Sinn, all die Menschen, die sie kannte, alle Menschen überhaupt. Sie wollte ihnen die Liebe geben, die sie die ganze Zeit für Lukas reserviert hatte, ihre Liebe da schenken, wo sie gebraucht wurde, willkommen war. So würde diese Liebe auch nicht verloren gehen, brauchte nicht in diesem Weiher zu landen. Und selbst in diesem Weiher ging sie nicht wirklich verloren…

Nun hatte sie fast den Boden erreicht und schien genau auf die Lichtquelle zuzuschweben. Ihr Herz machte einen Sprung, als sie darin eine Gestalt erkannte. Es war der Wanderer. Er stand dort auf dem Boden, mitten im Zentrum dieses Lichts, lächelte sie an und hielt ihr seine Arme entgegen. Es dauerte einen Augenblick, bis Eliane klar wurde, dass das Licht von ihm selbst ausging. Es dauerte einen weiteren Moment, bis sie erkannte, dass all diese Liebe, die um sie herumschwamm, die nun in ihr war, ebenfalls von ihm ausging und mit diesem Licht identisch war. Seine Hände, die nun ihre ergriffen, trugen das erste Mal, seit sie mit ihm zu tun hatte, keine Halbhandschuhe, und deutlich traten neben den bekannten Narben, die ihren entsprachen, die groben, tiefen Wundmale von Nägeln an den sehnigen Handgelenken hervor. Wie als Nebengedanken bemerkte sie auch auf seinen Handflächen die silbrig glitzernden Folgen ihrer Episode mit der Blume des Todes.

„Jesus!" sagte sie lautlos, fast ohne Überraschung, in ihren Gedanken. „Du bist Jesus."


Die Luft roch nach Frühling, und hier und dort sprossen Schneeglöckchen und sogar schon ein paar Krokusse aus der Erde hervor. Normalerweise hätte Eliane diesen Sonntagsspaziergang, die ersten Strahlen der Sonne, den leichten Nieselregen, das neu erwachte Gezwitscher der Vögel sehr genossen, aber nun tigerte sie gedankenversunken unter den Bäumen umher und nahm nicht sehr viel von ihrer Umgebung wahr, es sei denn irgendein Vogel machte sie kurzzeitig auf sich aufmerksam, indem er von einem Ast aufflatterte.

Die Woche davor war sie noch so glücklich gewesen, aber nun wurde ihr die absurde Lage, in der sie sich befand, mehr und mehr bewusst. Wieder wog sie die Plus- und Minuspunkte in ihrem Kopf gegeneinander auf, um sich Klarheit zu verschaffen.

Plus: Sie wusste nun, dass weder Lukas noch Jonathan die Person waren, nach der sie sich am meisten sehnte. Klammer auf: Was nicht hieß, dass sie wusste, wie sie weiter mit Jonathan verfahren sollte, Klammer zu, Minus. Plus: Sie wusste nun, wen sie liebte, und musste nicht länger nach der unbekannten Person suchen. Minus: Sie liebte jemanden, den sie weder sehen noch dessen Stimme sie hören konnte, den sie nun doch wieder ‚suchen' musste, und von dem sie keine Ahnung hatte, wie sie ihn finden sollte. Sie liebte jemanden, den sie niemals würde berühren können, solange sie lebte. Eliane seufzte und brach ihre Aufrechnung ab. Genau das war der Punkt. Sie hatte ja schon früher, in ihrer ‚charismatischen Phase', nach all diesen ‚Berührungen' gedürstet, die andere angeblich verspürten, diejenigen beneidet, die behauptet hatten, Gottes Stimme zu hören, und sich wie ein Stiefkind gefühlt, weil ihr solche Dinge nicht zuteil wurden. Sollte nun all dieser Frust enttäuschter Erwartungen wieder anfangen, nachdem sie sich damals erst daraus hatte retten können, als ihr jemand gesagt hatte, es komme auf den Glauben an und nicht auf Gefühle? Was es ja auch tat.

Eigentlich war sie nun noch genauso auf der Suche wie vor einer Woche, nur auf einer anderen Ebene, die noch schwieriger zugänglich war. Und egal, wie diese Suche ausging, es würde nie mehr so sein wie am Weiher. Tränen traten ihr in die Augen.

Nun, es half alles nichts, er wollte es so, und damit musste sie sich abfinden. Sie zuckte mit den Schultern und blickte auf ihre Armbanduhr. Der Gottesdienst fing um 15 Uhr an – sie musste sich beeilen, wenn sie sich vorher noch umziehen wollte.

Sie hatte sich vorgenommen, nun wieder regelmäßig in die Gottesdienste zu gehen – was blieb ihr auch anderes übrig? Sie hatte sich über die letzten Tage sogar bei verschiedenen Gemeinden umgeschaut, blieb aber doch wieder in ihrer alten hängen, die ihr noch am meisten zusagte. Sie fand sie zwar immer noch zu laut, zu charismatisch und zu autoritär, aber es gab eben keine perfekten Gemeinden. Christen waren auch nur Menschen.

Zurück in ihrer Wohnung, wählte Eliane ein langes, weinrotes Kleid aus dünner, anschmiegsamer Baumwolle, das dezent mit kleinen weißen Lilien bedruckt war. Es passte gut zu ihren dunklen Haaren und grünen Augen und betonte ihre schlanke Figur. Früher hatte sie sich nie große Mühe mit ihrer Kleiderwahl für den Gottesdienst gegeben, aber nun wollte sie sich besonders hübsch machen – für ihn. ‚Was ja eigentlich paradox ist,' dachte sie. ‚Weil er gar nicht körperlich anwesend ist, und mich außerdem von innen betrachtet und nicht von außen.' Dennoch legte sie sorgsam ihren besten Schmuck an, ein Collier, passende Ohrringe und ein Armband aus Silber mit Granattropfen, die sie an Tränen oder Blutstropfen erinnerten. Sie hatte gerade noch Zeit, die Haare zu kämmen, da läutete Jonathan schon an der Tür, um sie abzuholen.

„Schau mal, was ich geschrieben habe!" begrüßte sie ihn fröhlich und zog ihn an der Hand mit sich ins Wohnzimmer. „Es ist an Lukas gerichtet und es wird dich freuen!" Sie hatte es immer noch nicht über sich gebracht, irgendjemandem von dem Weiher und ihrem letzten, einschneidenden Erlebnis in jener anderen Welt zu erzählen. Zu neu und wertvoll waren ihr diese Dinge noch immer, und gerade für einen rational geprägten Menschen wie Jonathan waren sie sicherlich auch zu schwer zu akzeptieren, geschweige denn nachzuvollziehen. Aber dass er nun nicht mehr in ihren Gefühlen ständig hinter Lukas zurückstehen musste, sollte er auf jeden Fall erfahren. Sie reichte ihm den Papierbogen.

Jonathan fing an zu lesen, wobei er den Text halblaut mitsprach, etwas, was Eliane eigentlich nicht mochte, aber bei ihm störte es sie kaum.

Das Wiedersehen

Ich stelle mir vor,
wie wir uns wieder begegnen;
dein Lächeln wie Sonne,
wie Engelsflügel,
wie früher.
Doch meine Liebe gestorben,
begraben, geläutert und
auferstanden.

Ich lächle
und lasse dich gehen."

„Das freut mich," sagte Jonathan ernst, als er das Blatt wieder sinken ließ. „Vor allem für dich." Er ging einen Schritt auf sie zu, nahm sie in die Arme und küsste zärtlich ihren nackten Hals. Eliane kuschelte sich an ihn und lächelte. Sie hätte noch lange so verharren können, wenn sie ihr Freund nicht mit einem lauten „Jetzt müssen wir aber los, sonst kommen wir zu spät!" gleich darauf wieder von sich geschoben hätte. Eliane seufzte, schnappte sich ihre Tasche und folgte ihm nach draußen.


Gleich beim Eintreten in das Gemeinschaftsgebäude schallte ihr die laute Musik entgegen und Eliane verzog schmerzlich das Gesicht. Sie suchte sich einen Platz weit hinten und schaute sich um. Es wimmelte von Kindern, und wie immer verspürte sie einen Stich der Eifersucht, weil ihr selbst dieser Wunsch unerfüllt zu bleiben schien. Sie hatte ja noch nicht einmal einen Mann. Und was die Erwachsenen hier betraf, so hatte sie auch da genug Grund zu Neid, wenn sie sich umsah. An keinem anderen Ort hatte sie bis jetzt so viele glücklich verheiratete Ehepaare getroffen – oder fiel es ihr nur woanders nicht so auf? Nein, es war ja schon des Öfteren thematisiert worden, dass es nur wenige Singles in dieser Gemeinde gab – jetzt nur noch Annika, Jonathan und sie. ‚Eigentlich dürfte ich die letzten beiden gar nicht mehr dazuzählen! Was sagt mir das, dass ich es irgendwie dennoch tue?'

Früher hatte noch Stefan die Reihen der Singles gestärkt, aber vor einem Jahr hatte er dann Andrea kennen gelernt, und den emsigen Vorbereitungen auf die baldige Verlobungsfeier der beiden hatte Eliane in den letzten Wochen kaum entkommen können. Wie würde es erst werden, wenn sie heirateten! Dort waren sie gerade wieder von einer Menschentraube umringt und strahlten glücklich in die Runde. Eliane zwang sich wegzusehen. Sie hatte Stefan immer sehr gut leiden können, und auch Andrea schien recht nett zu sein, aber in letzter Zeit fiel es ihr unendlich schwer, keine Antipathien gegen die beiden Turteltauben zu entwickeln.

Gerade unterhielt sich Florian mit ihnen, während er seine kleine Tochter von einem Arm auf den anderen bugsierte. Sein Anblick versetzte Eliane immer noch einen Stich ins Herz. Seit sie hier zum ersten Mal die Tür hereingekommen war, war sie in ihn verliebt gewesen. Sie hatte sich diese Gefühle – Ursache massiver Gewissensbisse, seit sie wusste, dass er verheiratet war – über die Jahre mühsam abtrainiert, aber etwas anfällig dafür war sie immer noch. Jedes Mal, wenn er zärtlich den Arm um seine Frau legte, war Eliane für die nächsten zehn Minuten wenig aufnahmefähig, und wenn er sie selbst freundschaftlich umarmte, versteifte sie sich unwillkürlich. Florian musste sich bestimmt wundern, warum sie ihn mied und in seiner Nähe unnatürlich angespannt und nervös war. Schade, sie hätte sich bestimmt gut mit ihm verstanden…

Der Gottesdienst begann, und Eliane war froh, nun endlich von all diesen unerfreulichen Gedanken abgelenkt zu werden. Die ersten beiden Lieder bekam sie kaum mit, weil sie heimlich versuchte, mit dem Wanderer – so nannte sie ihn unwillkürlich immer noch – Kontakt aufzunehmen. Er war doch angeblich hier, und sie wollte ihn endlich wieder sehen, spüren, ihm irgendwie begegnen. Nun las gerade jemand eine Passage aus der Bibel vor. Manche Leute erzählten begeistert davon, wie man Gott in seinem Wort begegnen könne, aber Eliane hatte davon noch nicht viel gemerkt.

Leicht gelangweilt blickte sie sich in dem großen Raum um. Das Dekorationsteam hatte wieder einmal ganze Arbeit geleistet: die Wände und der Altar waren auf eine geschmackvolle Art geschmückt, die doch nicht überladen wirkte. Stechpalmenzweige und Hagebuttenranken schlängelten sich über den cremefarbenen Verputz, als wären sie noch zuhause in ihrem windgewiegten Wald. Manche Leute sagten, man könne Gott in der Natur begegnen. Eliane liebte die Natur. Blätter anzusehen, jede ihrer feinziselierten Adern mit den Fingern nachzufahren, an zarten Blüten zu riechen, sanfte Regengischt auf ihrem Gesicht zu spüren – all das spendete ihr oft Trost und brachte sie auf andere Gedanken, wenn es ihr schlecht ging, half ihr, sich selbst für eine kurze Zeit zu vergessen. Aber ihre Sehnsucht konnte es nicht stillen. Nicht diese Sehnsucht, die in ihrem innersten Mark brannte wie ein geheimes Feuer. Tränen traten ihr in die Augen. ‚Bitte lass mich dich finden. Bitte … schenke mir noch einen Kuss.' Beschämt schaute sie sich um, als hätte sie Angst, jemand könnte um ihre Gedanken wissen, könnte an ihrem Gesicht ablesen, wie vermessen sie war.

Die Predigt zog sich hin, und Eliane fand es fast unmöglich, sich auf die Worte zu konzentrieren. Eine wohlbekannte, unwillkommene Traurigkeit, unter der sie oft litt, senkte sich wieder einmal auf ihr Herz. Nun war schon die Hälfte des Gottesdienstes um und nichts war geschehen. Alles, was sie fühlen konnte, war immer noch der dumpfe Neid auf die Eltern und Paare, der ihr heute besonders zuzusetzen schien. Nun kamen auch noch die beiden ‚Turteltäubchen' nach vorne – anscheinend war das heute eine Sonderveranstaltung angesichts der Verlobung, bei der extra für die beiden gebetet werden sollte. Das durfte doch nicht wahr sein! Eliane rang innerlich mit sich, und brachte schließlich ein stilles, weniger als halbherziges Gebet zustande. Was war nur los mit ihr heute? So schlimm war es doch meistens nicht.

Ein paar weitere, recht charismatische Lieder folgten, und einige der Besucher, darunter auch der Mann zu Elianes linker Seite, wurden nun in ihrer Gestik, Mimik und ihren Äußerungen sehr enthusiastisch. Elianes Konzentration war vollends gebrochen. Das hatte noch gefehlt, dass jetzt auch diese Art von Neid wieder hochkam, der Neid auf Gotteserfahrungen anderer. Plötzlich konnte sie sich selbst nicht mehr ertragen. Sie ging auf die Knie und brach in Tränen aus. Sie wollte diesen Neid loswerden, mehr als alles auf der Welt. Dies war wichtiger, wichtiger als jemals wieder eine Berührung von ihm zu erfahren, wichtiger als sein Kuss. Diese Stacheln, die sie innerlich aufspießten, die falsch waren, die ihm nicht gefallen konnten. Stacheln, die sie oft nicht wahrnahm, die aber in solchen Momenten schmerzlich zum Vorschein traten. Stacheln…

Wanderer!' schrie sie innerlich. ‚Hilf mir! Schneide den Neid aus mir heraus! Du darfst mir auch wehtun.'

Sie war so sündig, sie war so weit von ihm entfernt! Was musste er nur von ihr denken, dass sie sich so von Eifersucht zerfressen ließ und ihr gegenüber machtlos war? Kein anderer in diesem Raum hatte ihn wohl je so enttäuscht! ‚Hilf mir, diesen Neid loszulassen. Hilf mir, alles loszulassen, was dir nicht gefällt: Menschen, Dinge, Gefühle, alles. Mehr als alles erbitte ich das: Bringe mich dazu, deinen Willen zu tun.'

Ihre Zähne waren zusammengebissen, Tränen und Schweiß rannen ihr das Gesicht hinab, aber sie merkte es kaum. Sie rang mit Widerständen in sich, als würde sie einen reißenden Strom aufwärts schwimmen, als müsste sie sich durch Dornengestrüpp hindurch einen Weg einen steilen Berg hinauf bahnen.

Und wenn du mir alles nimmst,' flehte sie wie durch einen Orkan hindurch, „bitte gib mir das Eine: dass ich es schaffe, mich deinem Willen zu beugen.'

Eine Hand berührte sie zaghaft an der Schulter, dann etwas fester. Eliane zuckte zusammen und sah auf. Sie brauchte einen Moment, bis sie erkannte, dass Michael vor ihr stand und etwas in der Hand hielt. „Ich weiß nicht … kann sein, dass ich mich täusche", stammelte er. „Aber das hier hat mir Jesus gerade für dich gesagt. Wenn du nichts damit anfangen kannst, vergiss es."

Von den drei Personen in der Gemeinde, die sich als eine Art Prophet verstanden, also persönliche Botschaften von Gott zu empfangen schienen, war Michael nicht nur der Jüngste und Unsicherste, sondern Elianes Ansicht nach der Verlässlichste – wobei sie solchen Dingen generell eher skeptisch gegenüberstand.

Zögernd nahm sie den Zettel aus seiner Hand, den er ebenso zögernd losließ, als wolle er nichts falsch machen. Sie faltete ihn auf und las in Michaels krakeliger Schrift:

„Meine geliebte Kämpferin. Du bist bei mir, ganz nahe. Du bist mein und ich bin dein. Ich werde dich nie verlassen. Dein Wanderer."

Minutenlang starrte Eliane auf den Zettel, und erst als die Schrift vor ihr zur Unleserlichkeit verschwamm, merkte sie, dass ihr Tränen aus den Augen strömten. Sie hatte niemandem je von dem Wanderer erzählt, niemals in ihrer Welt diesen Namen je in den Mund genommen. Es gab keine noch so entlegene Möglichkeit, wie Michael hätte davon erfahren können. Diese Botschaft musste wirklich von ihm sein.

Ein bisher kaum gekanntes Glücksgefühl überkam sie, ungewohnt und doch seltsam vertraut wie die Erinnerung an einen Geruch aus der Kindheit, der seit langem in den Tiefen der Zeit vergraben war, ein Glücksgefühl, das sie kaum anzunehmen wagte. ‚Ich liebe dich,' wiederholte sie wieder und wieder, und konnte gar nicht mehr aufhören.

Plötzlich sah sie vor ihren geschlossenen Augen etwas Helles, Glänzendes, das die Form eines Kreuzes hatte. Sie versuchte den Eindruck festzuhalten und erkannte, dass es ein Schwert war. Es war wunderschön gearbeitet, mit einem starken und doch grazil geformten Griff aus Gold und eingelegten Granatsteinen. Die lange, biegsame Klinge schimmerte in einem goldenen Licht, das sie von irgendwoher reflektierte, und Eliane sah auf ihr Fragmente einer Inschrift. Sie konnte sie jedoch nicht entziffern.

Dies ist die Art, wie ich für dich kämpfen soll!' wurde es ihr auf einmal bewusst, während das Bild langsam verblasste. ‚Genau das, was eben passiert ist!'

Es war der härteste Kampf von allen, ein ‚Kampf gegen sich selbst'; aber er hatte keine Ähnlichkeit mit dem Selbsthass, mit dem sie sich früher, wörtlich und in metaphorischem Sinn, selbst zerfleischt hatte. Es war genau das Gegenteil, ein Ringen gegen die Versuchungen, gegen Dinge an ihr, die eigentlich gar nicht zu ihr gehörten, nicht zu ihrem innersten Wesen, nicht zu der Person, die sie sein sollte und sein wollte. Ein Ringen darum loszulassen, Dinge ihm zu überlassen, sie nicht länger festzuhalten, genau wie bei ihrem Sprung in den Weiher, als sie Lukas losließ. Es war ein Kampf der Befreiung, nicht der Unterdrückung.

„Ja, Wanderer, ich will für dich kämpfen," flüsterte sie so leise, dass es bei der lauten Musik niemand sonst hören konnte außer ihm.

Der Gottesdienst war vorbei, Stühle wurden weggerückt, ihre Knie schmerzten auf dem harten Boden und ihre Füße waren in der unbequemen Position eingeschlafen, als sie endlich aufstand. Sie hatte die Unannehmlichkeiten bis dahin nicht bemerkt.

„Eliane! Hey! Aufwachen!" Annika stupste sie an. „Wir wollten noch eine Pizza essen gehen – kommst du mit?"

„Ich weiß nicht…" Sie war noch ganz benommen.

„Bitte, Ellie," bettelte nun auch Jonathan.

„Nun gut," stimmte sie zu.

Die Gruppe war groß, und Elianes Schweigsamkeit fiel den meisten nicht auf, auch wenn Jonathan sie ab und zu verstohlen von der Seite ansah. Jonathan – wie es mit ihm weitergehen sollte, wusste sie immer noch nicht, aber sie wusste nun, dass sie auch bereit wäre, ihn loszulassen. Oder zu nehmen, je nachdem was Gottes Wille war. Es würde sich zeigen.

Die Pizzeria war laut und verraucht, die Gespräche drehten sich um Alltagsthemen, Eliane hatte zu viel gegessen, es war spät geworden, und als sie endlich vor ihrer Tür abgesetzt wurde und den Haustürschlüssel ins Schloss steckte, war viel von ihrem Hochgefühl verloren gegangen. Todmüde ging sie dann gleich zu Bett und fiel in tiefen, traumlosen Schlaf


Am nächsten Morgen griff sie nach dem Zettel, den sie nachts noch schnell aus ihrer Handtasche gefischt und sorgfältig auf den Nachttisch gelegt hatte. Sie las ihn noch einmal, aber er hatte schon etwas von seinem Glanz verloren, wie das bei solchen einmaligen Dingen üblich ist. Gähnend stand sie auf. Sie hatte starke Kopf- und Magenschmerzen, und brachte wieder nur eine Tasse schwarzen Tee hinunter.

Der Tag im Kindergarten zog sich endlos in die Länge. Sascha, der immer noch da war, bombardierte sie mit spitzen, gehässigen Bemerkungen, und als Jonathan in der Mittagspause vorbeikam, schnauzte sie ihn wegen einer Kleinigkeit an, weil ihre Nerven schon blank lagen. Jonathan – wie ihre Beziehung mit ihm in Zukunft aussehen sollte, dafür hatte sie auch noch keine Lösung gefunden, denn sie wusste einfach nicht, ob ihre Gefühle für ihn ausreichten, ob sie ihn wirklich liebte. Es lastete wie ein Zentnerstein auf ihr, sie hasste ungetroffene Entscheidungen, und noch mehr ihre Unfähigkeit sie zu treffen. Wie hatte es ihr nur gestern so egal sein können?

Sie schloss die Wohnungstür auf. Berge von Geschirr stapelten sich in der Spüle, und im Wohnzimmer sah es aus, als wäre ein Wirbelsturm auf der Durchreise gewesen. Es half alles nichts, sie musste Ordnung schaffen. Am besten würde sie mit dem Geschirrspülen anfangen. Während sie sich dieser mechanischen Tätigkeit widmete, dachte sie unwillkürlich an den vergangenen Tag, und nun begannen wieder Zweifel an ihr zu nagen. Es war ja nur ein Zettel, von einem Menschen geschrieben, und mit ihr selbst hatte er ja nicht geredet. Es war mehr als wahrscheinlich, dass sie im Eifer des Gefechts laut gesprochen hatte, das Wort ‚Wanderer' aus ihrem Mund gefallen war, und Michael, der direkt vor ihr gesessen hatte, sich den Rest leicht hatte zusammenreimen können. Und dass sie ein Schwert vor sich gesehen hatte, konnte sie sich auch nur eingebildet haben. Sie sah öfters irgendwelche Dinge vor ihrem inneren Auge, ohne dass diese viel Bedeutung gehabt hätten. Eliane wusste, dass sie undankbar war, und sie konnte sich selbst dafür nicht leiden, aber diese Gedanken begannen mehr und mehr von ihrer Freude abzusaugen, bis sie sich schließlich wieder ähnlich fühlte wie vor dem Gottesdienst.

Sie seufzte und machte den Staubsauger an. Das Geräusch ging ihr heute unsäglich auf die Nerven. Aber es half alles nichts, die Wohnung musste gereinigt werden.

Komm beiseite…'

Was hatte sie da eben gedacht?

Komm…'

Sie stockte. Sie hatte gerade das Gefühl gehabt, als wäre sie nicht alleine im Zimmer. Irgendetwas war da am Rande ihres Bewusstseins, wollte ihre Aufmerksamkeit. Aber sie musste noch fertig saugen, und dann das Geschirr einräumen.

Komm beiseite zu mir, meine Geliebte.'

Etwas zog sich in ihrem Innern zusammen, eine Art sehnsuchtsvolle Hoffnung. Aber sie wollte nicht schon wieder anfangen, sich in Gefühle und Einbildungen hineinzusteigern. Sie wollte doch stark sein. Vor allem aber wollte sie nicht wieder enttäuscht werden, wenn es sich als nichts erweisen würde.

Sie stellte den Staubsauger ab. Eigentlich hatte sie für heute genug getan. Das Geschirr ließ sie nun doch bis morgen abtrocknen, putzte sich die Zähne, zog sich um und sank in ihr Bett.

Ich sehne mich nach dir…'

Da war dieser Gedanke wieder. Sollte sie doch versuchen, ihn weiterzuverfolgen? Oder waren das ihre Wunschträume, die sie eigentlich gestern begraben hatte? Sie war zu müde, um das jetzt zu analysieren. Sie schob sich ihr Kissen unter dem Kopf zurecht, kuschelte sich in eine möglichst bequeme Seitenlage und war bald darauf eingeschlafen.

Als ihr penetranter Wecker sie unsanft aus dem Schlaf riss, dämmerte es draußen erst. Rasch griff sie nach dem Störenfried, drehte ihn eine halbe Stunde weiter, und vergrub sich wieder in ihre warmen Decken. Sie musste morgens immer erst stufenweise zu sich kommen. Mit geschlossenen Augen lag sie da und lauschte auf das beruhigende Geräusch des Regens, der sanft gegen die Fensterscheibe prasselte. Sie liebte es, bei Regenwetter im Bett zu liegen – sie fühlte sich dann so warm und geborgen wie eine Haselmaus in ihrem Nest. Sie seufzte und kuschelte sich tief in ihre Kissen, ließ ihre Seele baumeln und dachte an gar nichts.

Und da sah sie es auf einmal, sah es mit geschlossenen Augen, die in eine ganz andere Richtung gewandt waren; fühlte es mit einem Sinn, dessen Existenz ihr nicht bewusst war: Ein Herz war direkt an ihrem, ein lebendiges, warmes, sicheres, liebendes Herz. Sie spürte und sah – und doch war es weder Spüren noch Sehen – sein Pulsieren, sein Leuchten, seine feste, verlässliche Berührung. Mehr noch, es ging in ihr eigenes Herz über, die beiden Herzen waren ineinander, bildeten eine Schnittmenge mit weichen, fließenden, undefinierbaren Grenzen, so dass sie nicht feststellen konnte, wo welches Herz aufhörte, wo welches Herz anfing.

Noch nie in ihrem Leben hatte sie eine solche Nähe zu irgendeinem Wesen empfunden, nicht einmal als sie mit Lukas geschlafen hatte. Dies war näher als Haut an Haut, intimer als Körper an Körper. Kein trennendes Fleisch war dazwischen, im Kern der Schnittmenge kein Unterschied an Substanz vorhanden.

Es war kein ekstatisches Erlebnis, das ihr Tränen in die Augen getrieben oder intensive Glücksgefühle durch den Körper gejagt hätte. Es war eine Erkenntnis, ein klares Erkennen auf einer ganz tiefliegenden Seelenebene, das einen klaffenden Riss in ihr heilte.

Keine Berührung ist so intim wie deine, Jesus, keine so tief wie deine.'

Und keine Wahrheit war fester gegründet, unumstürzbarer nun in ihr verankert als diese, die sie mithilfe eines unbekannten Sinnes vernommen hatte, deren Erklärung trotz zahlloser Bemühungen ihren Verstand überstieg, die sie später, wenn sie vergeblich versuchte, sie jemandem mitzuteilen, nicht anders darstellen konnte als mit der einfachen Zeichnung einer geometrischen Figur, zweier Herzen, die, sich fast überlappend, eine Schnittmenge bildeten:

Er war immer bei ihr, direkt an ihrer Seite, war an, ja in ihrem Herzen. Sie brauchte nur die Augen zu schließen, oder noch nicht einmal das, und sich seine Gegenwart ins Bewusstsein zu rufen. Manchmal würde sie sie spüren, seine Liebe tief in ihrem Innern, süß wie Honig, so dass die Sehnsuchtsschmetterlinge in ihrem Bauch tanzten… innig wie ineinanderverschlungene Hände… sanft wie ein Frühlingsregen… beschützend wie ein warmer, kostbarer, wunderschöner Mantel. Manchmal, wahrscheinlich oft, würde sie aber auch gar nichts davon merken. Sie würde es trotzdem wissen, es war trotzdem Realität: Er würde sie niemals verlassen, er war immer bei ihr, bis ans Ende der Welt.