1. Dornen

„Sie müssen lernen, sich abzugrenzen."

Wie Eliane diesen Satz hasste, den sie vor einigen Jahren von einer Psychologin gesagt bekommen hatte und der ihr immer wieder in Situationen wie der momentanen im Kopf herumspukte! Sie hasste ihn deshalb, weil er leider wahr war, und weil sie es immer wieder, beziehungsweise immer noch, nicht schaffte, diesen Rat zu befolgen. Wie viele Male hätte ihr Leben eine andere Wendung bekommen, hätte sie sich vieles erspart, wäre sie eine ganz andere Person, wenn sie es geschafft hätte, irgendwie schaffen könnte, sich abzugrenzen, nein zu sagen, nicht mehr alles an sich heranzulassen. In manchen Bereichen, die sie beeinflussen konnte, hatte sie vielleicht inzwischen Fortschritte gemacht, aber es gab Bereiche – sie seufzte – die entzogen sich völlig ihrem Einfluss, ließen sie ratlos und hoffnungslos im Trüben fischen.

Angewidert warf sie den Kriminalroman auf den Boden, auf den sie sich die letzte halbe Stunde erfolglos versucht hatte zu konzentrieren. Nun las sie absichtlich schon keine Liebesromane mehr, da diese in letzter Zeit unweigerlich zu Frustgefühlen bei ihr führten, und hatte gehofft, sich mit einem spannenden Buch von ihrem Ärger ablenken zu können, doch die Zeilen waren vor ihren Augen verschwommen, und sie hatte sich durch die Seiten gequält wie durch die die trockensten Stellen des pädagogischen Aufbaufernstudiums, das sie zur Zeit absolvierte. Der Krimi war für ihre geistigen Geschmacksnerven im Moment so attraktiv wie Pappe.

Warum hatte immer sie solches Pech, und warum schien sich dies immer auf ihre Zahnbehandlungen besonders zu fokussieren? Schon wieder hatte ein Zahnarzt, diesmal unter Zeitdruck, Fehler gemacht, schon wieder hatte sie gegen besseres Wissen alles mit sich machen lassen. Das Ergebnis war eine Kieferfehlstellung, die schon die nächste Wurzelentzündung nach sich zog.

Eliane knirschte unbewusst mit den Zähnen und zuckte unter dem verstärkten Schmerz zusammen. Ihr war so übel vor Ärger über den Zahnarzt und vor allem über sich selbst, dass sie beinahe das Gefühl hatte, sich übergeben zu müssen. Eigentlich hatte sie gedacht, sie könnte sich mittlerweile durchsetzen – und nun war es schon wieder passiert! Eigentlich hatte sie auch gedacht, sie wäre über diese Selbstvorwürfe und Selbsthassattacken inzwischen hinweg – und gerade bewies sie sich das Gegenteil! Fehlte nur noch, dass sie wieder anfing sich selbst zu verletzen… Aber das besorgten schon andere, und sie indirekt durch ihre Entscheidungen, und den Ärger, der sie innerlich auffraß.

Lustlos stand sie auf, strich ihre Sofadecke gerade – wenigstens in den Dingen, die sie kontrollieren konnte, wollte sie alles richtig haben – und stellte ihren Wasserkocher an, um sich ihren fünften schwarzen Tee für diesen Nachmittag zu bereiten. Diese eine Sucht hatte sie sich noch nicht abgewöhnt, und gerade jetzt, wo sie sich am liebsten in ihr Bett verkrochen und geweint hätte, würde sie bestimmt nicht damit anfangen.

Vielleicht ist es gerade gut, dass ich keine Kinder habe und auch keine mehr bekommen werde, dann erben sie wenigstens nicht meine schlechten Zähne,' dachte sie zynisch. Sie lachte bitter auf. Dies war ein weiterer wunder Punkt, der mit der ungewöhnlichen Art ihrer Beziehung zusammenhing. Seit einem Jahr war sie nun schon mit Jonathan zusammen, nachdem sie endlich erkannt hatte, was sie für ihn empfand. Doch schon bald hatte sich herauskristallisiert, dass diese Beziehung unter einem genauso schlechten Stern zu stehen schien wie einige der anderen, die sie seit ihrer Teenagerzeit gehabt hatte. Eliane hatte ein extrem schlechtes Immunsystem, und hatte schon immer alle Infektionen, die durch die Gegend schwirrten, aufgefangen. Je intensiver sie mit Menschen zusammen war, desto wahrscheinlicher war es, dass sich deren Krankheiten auch bei ihr selbst manifestierten, vor allem wenn es dieselben Organe betraf, die Elianes Schwachpunkte darstellten. Bei manchen Menschen, zum Beispiel bei Lukas, hatte sie in dieser Hinsicht keine Probleme gehabt, aber andere Beziehungen waren nach langen tragischen Auseinandersetzungen schon an eben dieser Kuriosität gescheitert. Und genau dies schien bei Jonathan der Fall zu sein.

Schon als Kind war er mit einer Anzahl chronischer Krankheiten geschlagen gewesen, und all dies übertrug sich nun regelmäßig auf Eliane, wenn sie mit ihm zusammen war. Jedes Treffen kostete sie massive Verdauungsbeschwerden und diverse Entzündungen im ganzen Körper. Keine der Odysseen durch Arztpraxen, die sie diesbezüglich schon hinter sich hatte, hatte auch nur die geringste Veränderung bewirkt.

Elianes Herz zog sich zusammen bei dem Gedanken an Jonathans türkisfarbene Augen, an seine sanften Hände, und die Tatsache, dass sie nie wirklich zusammen sein konnten, solange sich keine Lösung für das verflixte Problem fand, das ihre Beziehung überschattete. Selbst die wenigen Momente an Intimität, die sie miteinander teilten, wurden noch zusätzlich dadurch vergällt, dass Jonathan seinen unangenehmen Körpergeruch – wahrscheinlich Folge einer Stoffwechselstörung – einfach nicht in den Griff zu bekommen schien. Eliane hätte heulen mögen bei dem Gedanken, wenn sie dazu nicht schon zu abgestumpft gewesen wäre. So fiel sie nur immer wieder neu in depressive Stimmung, wenn es ihr wieder einmal bewusst wurde, dass sie mit diesem Mann sowieso nicht würde zusammenleben können und sie sich deshalb emotional nicht zu sehr an ihn hängen durfte.

Früher einmal, bei ihrem ersten längeren Freund, bei dem ein ähnliches Phänomen ebenfalls aufgetaucht war, hatte sie noch gedacht, sie könnte die Gesundheitsschäden ignorieren, ihre Liebe könnte selbst solche Hindernisse überwinden, ein solches Opfer bringen. Doch es hatte nicht funktioniert. Nachdem sie beinahe daran zugrunde gegangen wäre, hatte sie sich damals geschworen, sich selbst nie wieder so herunterzuwirtschaften und ihr Leben an die erste Stelle zu setzen, und diesen Vorsatz konnten auch ihre Gefühle für Jonathan nicht mehr umwerfen.

Jonathan… wie automatisch nahm sie den Telefonhörer in die Hand und wählte seine Nummer, die sie inzwischen auswendig wusste. Hoffentlich war er jetzt endlich zu Hause, es war schon mindestens das fünfte Mal heute, dass sie versucht hatte, ihn zu erreichen.

Als er nach dem dritten Klingeln abnahm, war Eliane so erleichtert, dass sie sofort anfing, sich ihren Frust von der Seele zu reden, noch bevor ihr Freund die Frage „Wie geht es dir?" auch nur halb ausgesprochen hatte.

„Mein armer kleiner Schatz!" kam Jonathans Stimme weich und liebevoll durch die Leitung. „Das tut mir so Leid für dich. Ich werde für dich beten."

Eliane schnaubte verächtlich. „Man sieht ja, was das bringt!" stieß sie bitter hervor.

„Ich wollte, ich wäre jetzt bei dir und könnte dich im Arm halten und trösten," erwiderte Jonathan nach einem kurzen Moment der Stille. Eliane lächelte dankbar und etwas wehmütig. „Ich würde dir gerne über den Kopf streicheln und deine Hände küssen," fuhr Jonathan zärtlich fort. Auf den Mund küssten sie sich aufgrund von Elianes Reaktionen schon lange nicht mehr, deshalb war dies mittlerweile eine Art Tabuthema zwischen ihnen geworden.

„Soll ich bei dir vorbeikommen?" fragte Jonathan nun mit einer Spur Sehnsucht in der Stimme.

Eliane zögerte kurz, dann verneinte sie. Das Sodbrennen, das sie seit ihrem letzten Treffen wieder jede Nacht plagte, war noch zu stark, und auch ansonsten fühlte sie sich unwohl. Es dauerte oft Wochen, bis nach ihrem Zusammensein die Beschwerden einigermaßen zurückgingen.

„Schade." Eliane spürte, wie sie sich bei diesem Wort immer noch unweigerlich zurückzog, eine stumme Schuldzuweisung hineininterpretierte. Sie war zu sehr von Annika geschädigt, stellte sie zynisch fest. Als ob dieser Name in Jonathans Gedanken eingedrungen wäre und er nun ihre Rolle übernehmen wollte, lautete auch schon seine nächste Frage: „Kommst du übermorgen in den Gottesdienst?"

„Nein!" gab Eliane vehementer als beabsichtigt von sich. ‚Wenn sich Gott nicht mehr um mich kümmert, brauche ich mich auch nicht mehr um ihn zu kümmern,' schoss es ihr durch den Kopf, aber sie sprach den Gedanken nicht laut aus. Jonathan sollte sie nicht für ein bockiges kleines Kind halten. ‚Bitte sag jetzt nicht wieder Schade!' flehte sie ihn halb im Scherz in Gedanken an, bevor er genau dieses Wort erneut in den Mund nahm. Eliane seufzte. Ihr Leben war ihre Sache, und gerade jetzt war es ihr eigentlich egal, was die Anderen von ihr dachten. Sie war viel zu tief unten, um sich darum noch zu kümmern. Nur schade, dass Jonathan nicht bei ihr sein konnte, dass sie nie ungestraft seine Zärtlichkeiten empfangen durfte, nach denen sie doch so hungerte. Traurig verabschiedete sie sich schließlich von ihrem Freund und legte auf.

Ihr ganzes Leben war ein einziger Scherbenhaufen, war fast noch nie etwas Anderes gewesen, und einzig ihre Dichtkunst schien ihr irgendeinen Trost zu bieten. ‚Einen fadenscheinigen, trügerischen Trost,' dachte sie bitter. ‚Ich denke, dass Leute nur deshalb schreiben, weil ihnen all das, wovon sie schreiben, in ihrem Leben fehlt, oder weil sie sonst ihr Leben noch weniger bewältigen könnten. Aber es lohnt sich nicht. Niemand hat etwas davon, und außerdem interessiert sich eh niemand dafür. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich jederzeit ein gutes Leben einem guten Kunstprodukt vorziehen. Die Kunst ist nur ein billiger Abklatsch des Lebens, und ich hätte lieber das Echte statt des Imitats.'

Diesen Gedanken weiterzuspinnen half ihr etwas, sich von ihrer momentanen Stimmung abzulenken. Sinnierend blickte sie aus dem Fenster, kramte dann auf ihrem Schreibtisch ein Blatt Papier und einen Stift hervor und fing zögernd an, ihre Ideen in Worte umzusetzen – das einzige, was ihr bisher kein Mensch, kein Umstand, kein Schicksal wegnehmen konnte, was sie zu einem Individuum machte, was sie von anderen unterschied.

Der Dichter

Wie lebhaft er mit Worten malt!"
Die Bilder – so lebendig!"
Die Reime webt er ineinander und die Klänge,
spricht alle Sinne an und
kündet uns von Wahrem."
Er kennt mein Herz in seinen Zeilen – sieh,
er kennt die wahre Liebe,
kennt den echten Schmerz!"

So hört er sie sagen
und lächelt matt.

Lieber als die schönsten Wortgemälde
wäre ihm ein echter Blick von ihr;
lieber hätte er mit seinen Händen
ihre Haut liebkost als mit der Feder das Papier.
Er hätte ohne Zögern gern verzichtet
auf alle Wortkunst, Bildersprache, Reim und Zier;
und ewigen Ruhm gegeben
für einen Kuss von ihr.

Langsam kam Eliane zu sich und schlug die Augen auf. Zuerst konnte sie sich nicht erklären, was sie geweckt hatte, dann wurde ihr der Schmerz in ihrem linken Kiefer bewusst. Auch ihr Magen fühlte sich an, als hätte sie eine Packung Stecknadeln verschluckt. Stöhnend drehte sie sich auf die andere Seite und zog die Bettdecke fester um sich. Ein müder Blick auf den Wecker zeigte ihr, dass es gerade einmal Mitternacht vorbei war. Ganze zwei Stunden hatte sie geschlafen – und das, obwohl sie direkt vor dem Zubettgehen eine hohe Dosis Baldriantropfen eingenommen hatte! Ihr Tinnituspfeifen war ihr diese Nacht einmal wieder besonders präsent, es schien sogar ein neuer Ton zu der Kakophonie hinzugekommen zu sein, während von draußen wie als Ergänzung das an- und abschwellende Heulen von Flugzeugmotoren in der Start- oder Testphase vom nahegelegenen Militärflugplatz der Amerikaner durch das gekippte Fenster ins Zimmer drang.

Und wo ist Gott in alledem?' Wieder stieg eine Welle der Übelkeit in ihr hoch, ein Gefühl des Überdrusses, und plötzlich erkannte sie, womit es zusammenhing, was sie bei all ihrem Leiden am tiefsten verletzte: Gottes Rolle dabei konnte sie am allerwenigsten verstehen. Sie hatte sich ihm schon länger nicht mehr besonders nahe gefühlt, hatte dies aber auch kaum vermisst, oder zumindest sich wenig Mühe gegeben, seine Gegenwart zu suchen. Zu viele andere Dinge hatten sie umgetrieben. Doch gerade am Vorabend hatte sie längere Zeit im Gebet verbracht und auch den Eindruck gehabt, ihre Bitten seien nicht an der Decke abgeprallt. Sie hatte speziell für diesen Zahnarztbesuch gebetet, dass das Richtige passieren möge, und nun war es so ausgegangen! Sie fühlte sich hintergangen, auf den Arm genommen, absichtlich im Stich gelassen. ‚Entweder gibt es doch keinen Gott, oder er scheint mich nicht mehr zu mögen. Oder aber er ist grausam und nicht gut,' sinnierte sie bitter.

Für jemand anderen mochte dies alles keine weltbewegende Sache sein, die ihn oder sie in eine Glaubenskrise stürzen könnte, aber für Eliane war es der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Dem meisten Anderen, das ihr im Laufe ihres Lebens widerfahren war, hatte sie noch irgendwie einen wenn auch oft abstrusen Sinn und Nutzen abringen können, aber hier versagte die Theorie, dass alle Dinge denen, die Gott lieben, zum Besten dienen, einfach kläglich. Es kam ihr nun nur noch vor wie Spott, wie Hohn.

Warum, Gott, warum? Ich verstehe dich einfach nicht mehr!' schrie sie ihm innerlich entgegen. ‚Bist du ein Sadist, oder willst du mich damit für irgendetwas bestrafen?'

Sie hörte keine Antwort, und in der Leere ihres Herzens wütete immer noch kein anderes Gefühl als die Wut.

Oder soll ich daraus irgendetwas lernen? Dann zeige mir was, denn ich sehe absolut keinen Sinn darin!' Natürlich bezog sie sich gerade auf die Zahnsache, und doch wurde ihr auf einmal klar, dass sie Gott eigentlich viel mehr noch die unterschwellig immer vorhandene Qual der ausweglosen Situation mit Jonathan an den Kopf warf, für die sie beide schon so lange und vergebens gebetet hatten. ‚Warum?', war auch da die Frage. Es war alles einfach so sinnlos.

Kein Einfall schoss ihr durch den Kopf, kein Geistesblitz erhellte die Dunkelheit ihres Verstandes, ihres Herzens. Wo war Gott? Kalt kam er ihr vor, fern, grausam, unzuverlässig.

Wenn Gott nicht mehr für mich sorgt, muss ich nun eben selbst für mich sorgen.' Der Gedanke bedrückte sie nur noch mehr, denn darin war sie noch nie sehr gut gewesen. ‚Oder es sorgt eben niemand mehr für mich.' Wie eine eisige Klammer schloss sich diese Folgerung um ihr Herz. So weit durfte es nicht kommen! Auf einmal fühlte sie sich hilflos und schutzbedürftig wie ein kleines Kind, und all ihre Rebellion begann von ihr abzubröckeln. Sie war müde, nur noch müde.

„Dann sei mir doch wenigstens nahe! Berühre mich! Zeig mir doch irgendwie, dass du mich noch liebst," flüsterte sie schließlich mit kleinlauter, gebrochener Stimme und spürte, wie ihr eine Träne über die Wange rann.

Schweigen, Stille, Leere lag im Raum, schien sich mit jeder Minute weiter auszubreiten, jede Ecke einzunehmen, und drückte auf Eliane wie eine zentnerschwere Decke. Sie spüre, wie etwas in ihr zerbrach, etwas, das ihr mehr bedeutet hatte als ihr bis zu diesem Moment klar gewesen war.

Plötzlich hielt sie es in ihrem Bett nicht mehr aus. Sie schleuderte die zart geblümte, mit Spitzen versehene Decke von sich, deren vertrauter, gemütlicher Anblick sie nun wie eine Verhöhnung anmutete. Sie wusste, wo sie Ablenkung finden konnte: Freitags abends war Metal Night im Café Noir, und diese ging gewöhnlich die ganze Nacht hindurch bis zum Morgengrauen. Eigentlich bevorzugte Eliane langsamere, getragenere, melancholischere Musik, doch sie konnte es sich jetzt nicht leisten, wählerisch zu sein. Dass die Tonstärke ihrem Tinnitus nicht zuträglich sein würde, dass sie sich zudem wahrscheinlich wieder eine Erkältung aufschnappen würde, musste sie nun kalt lassen. ‚Wenn Gott nicht mehr für mich sorgt, brauche auch ich nicht mehr für mich zu sorgen,' variierte sie den vorherigen Gedanken nun schon auf die dritte Art.

Eliane schaltete das Licht an, öffnete den Kleiderschrank und entschied sich nach kurzem Überlegen für hautenge, geschnürte Jeans, ein spitzenverziertes Samttop, samtene Armstulpen und eine löcherige Häkeljacke mit ausgestellten Ärmeln – alles in Schwarz natürlich, und das nicht nur, weil es ihrer momentanen Stimmung entsprach. Sie hatte die Gothic-Szene erst relativ spät für sich entdeckt, wenn ihr auch im Nachhinein klar geworden war, dass deren Anschauungen – eine Auseinandersetzung mit den negativen Seiten des Lebens und den Abgründen des Menschen, eine melancholische Grundhaltung, eine Betonung der Vergänglichkeit alles Irdischen, eine Skepsis dem Fortschritt und der gesellschaftlichen Mehrheitsmeinung gegenüber sowie eine besondere Form von Ästhetik – schon immer in ihrer eigenen Weltsicht eine wichtige Rolle gespielt hatten. Ganz zu schweigen von ihren lyrischen Ergüssen, in denen Themen wie Tod, Trauer und die Zerbrechlichkeit des Lebens sowie alles Guten und Schönen seit jeher präsent gewesen waren.

Veilchen

Ich sehe
die Veilchen am Wegrand
violett
strahlend
duftend
klein
schutzlos
vergänglich –

und ich weine
um alle Schönheit
die niemand je beachtet

um alle Reinheit
die ungeschätzt verwelkt

um alle Liebesworte
die nie ein Herz erreichen

um alle Sehnsucht
die im Schmerz vertrocknet –

und dass wir einander alle
Fremde sind."

deklamierte Eliane halblaut vor sich hin. Es war eines ihrer neuesten Werke, weshalb sie es noch vollständig im Kopf hatte. ‚Das ist alles, was ich einmal erreicht haben werde im Leben: keinen Mann, keine Kinder, keine Freude, kein Glück – aber einen Haufen Gedichte, die nie irgendjemand lesen will und die nach meinem Tod auf der Müllkippe landen.' Sie schnaubte zynisch. Dann fluchte sie leise, weil sie in ihrer Unachtsamkeit mit dem Kajalstift abgeglitten war und sich ins Auge gestoßen hatte. Sie ließ den Stift sinken – eigentlich reichte es. Schnell noch etwas Wimperntusche und lila Lidschatten aufgelegt – fertig! Sie wollte sowieso niemanden aufreißen – das hatte noch nie ihrer Art entsprochen –, sondern sich einfach nur ablenken, betäuben.


Tagsüber ein geräumiges und dennoch gemütliches Café, mutierte das Noir nachts zu einer Art Alternativdisco, indem die ganzen Tische und Stühle weggeräumt wurden, auf diese Weise eine Tanzfläche entstand, und die große Musikanlage, die tagsüber hinter dem Tresen verhängt ein unscheinbares Dasein fristete, glorreich zum Einsatz kam. Die skurrilen Gemälde an den Wänden, die meist temporäre Ausstellungen ansässiger Künstler darstellten, flackerten nun gespenstisch im Schein einer Vielzahl bunter Scheinwerfer, deren gefiltertes, unstetes Licht die düstere Grundbeleuchtung des Raumes eher zu betonen als abzumildern schien.

Laut schlugen die Bässe an Elianes Trommelfell und ließen ihr Zwerchfell und ihre Lungen vibrieren, während sie im dissonanten Takt der Musik selbstvergessen ihren Körper bewegte und durch einen Schleier von Zigarettenrauch und buntem Neonlicht hindurch ihre Umgebung betrachtete. Es war recht voll heute Abend, wie nicht anders zu erwarten am Wochenende. Einige bekannte Gesichter hatte sie schon erspäht, aber noch niemand von ihnen schien sie entdeckt zu haben. Das machte nichts. Die ganze Atmosphäre hüllte sie dennoch irgendwie auf eine vertraute Weise ein, als würde sie sie willkommen heißen. Unter diesen Menschen mit ihren Nietenarm- und -halsbändern, ihrer schwarzen Samt- und Spitzenkleidung, die an vergangene Jahrhunderte erinnerte – zumindest wenn sie nicht allzu knapp und aufreizend war, was Eliane weniger zusagte – , ihrem sorgfältigen Make-up, das sie hier und da wie die Masken eines venezianischen Karnevals, aber auch wie sichtbar gemachte Tränen und Wehklagen anmutete, selbst unter den farbenfrohen Punks, die sich in ihrer rebellischen Kleidung und ihren auffälligen Frisuren ebenfalls unter die Menge gemischt hatten und mit ihrem Aussehen ihrem Unmut über die Missstände in der Gesellschaft Ausdruck zu verleihen suchten, fühlte Eliane sich schon lange wohler als zum Beispiel in ihrer Gemeinde unter all den glücklichen Paaren, auf deren Gesichtern ein Dauergrinsen festgefroren zu sein schien. Dass sie wahrscheinlich bei weitem die älteste Person im Raum war, störte sie ebenfalls nicht, denn anscheinend mokierte sich auch sonst niemand darüber. Nun kam es ihr endlich einmal zugute, dass sie schon ihr Leben lang immer viel jünger eingeschätzt worden war.

„Eliane!" Markus kam auf sie zu, und sie stockte und bewegte sich an den Rand der Tanzfläche, um niemandem im Weg zu sein. Sie kannte Markus nur flüchtig, doch er war jedes Mal sehr nett zu ihr.

„Hey, schön dich zu sehen!" rief er ihr nun über die laute Musik hinweg zu. Sie hatte dennoch Mühe, seine Worte zu verstehen. „Du kommst gerade richtig. Mein Bruder macht heute Nacht Party bei uns, und ich wollte grade mit ein paar Leuten hin. Hast du Lust?"

Eliane versuchte, ihre Gedanken zu sammeln. „Wo wohnst du denn?" fragte sie zurück, um Zeit zu gewinnen. Von spontanen Einladungen wie dieser fühlte sie sich gewöhnlich überrumpelt.

„Nicht weit. Wir laufen alle." Er grinste sie aufmunternd an. „Was ist, kommst du mit?"

„Okay," meinte Eliane zögernd. Vielleicht wäre es gar nicht schlecht, ein paar mehr Leute kennen zu lernen, sie hatte sich in letzter Zeit ziemlich in sich selbst zurückgezogen. Sie hielt sich an Markus' schwarzer Kapuzenjacke fest, damit sie ihm nach draußen folgen konnte, ohne ihn im Gewirr der Menge zu verlieren.

Laute Musik erfüllte das Wohnzimmer in der feudalen Eigentumswohnung, die Markus' Bruder gehörte, doch im Gegensatz zu der Metal-Beschallung im Café fühlten sich Elianes Ohren nicht davon bedrängt. Wehmütige Klänge von Geigen und Bässen bildeten den Hintergrund zu einer engelsgleichen Frauenstimme, deren Gesang fast einer Opernarie ähnelte.

Eliane stutzte und hörte genauer hin. „Du kennst Thorns of Life?" fragte sie dann freudig überrascht. Ihr Musikgeschmack war so individuell, dass es in ihrem Bekanntenkreis kaum Schnittmengen gab, was ihre Lieblingsbands anbelangte. Sie hörte zur Zeit zwar hauptsächlich Gothic Metal, war da aber sehr wählerisch was die Texte betraf. Allem was ihr zu destruktiv erschien oder gar ins Satanistische abglitt, wollte sie sich nicht aussetzen, nicht nur weil sie wusste, wie leicht sie für Einflüsse empfänglich war – sowohl körperlich als auch seelisch –, sondern auch, weil sie es als Verrat an ihrem Glauben empfunden hätte. Solche Texte erfüllten sie regelmäßig mit Abscheu. Allzu schnulzige Liebeslieder konnte sie sich momentan ebenfalls nicht antun. Übrig blieben daher hauptsächlich unbekanntere Bands, von denen ihren Freunden höchstens noch Virgin Black ein Begriff war.

Umso erstaunter war Eliane nun, dass Markus anscheinend eine ihrer Lieblingsgruppen kannte. Eliane war auf die deutsche Band schon ihres Namens wegen aufmerksam geworden, war dieser doch einem Gedicht des englischen Romantikers Percy Bysshe Shelley entlehnt, genauer genommen der Zeile „I fall upon the thorns of life! I bleed!" – „Ich falle auf die Dornen des Lebens! Ich blute!", mit der sich Eliane sehr gut identifizieren konnte. Der Musikstil – gleichzeitig hart und getragen, mit vielen Bässen und dennoch starken klassischen Elementen – sowie die lyrischen Texte – es gab Lieder sowohl in Englisch als auch in Deutsch – hatten das Trio bald zu Elianes derzeitiger Lieblingsband avancieren lassen. Es war die erste deutsche Gruppe, für die sich Eliane je hatte erwärmen können.

„Ja," beantwortete Markus ihre Frage. „Kennst du sie auch?"

„Und ob!" erwiderte Eliane mit leuchtenden Augen. „Woher kennst du sie?"

„Ach," wich Markus aus, „so gut kenne ich sie eigentlich gar nicht. Das hier ist die einzige CD, die ich von ihnen habe. Hannah hat sie mir gebrannt, sie fährt genauso auf die Gruppe ab wie du anscheinend." Er deutete vage auf eine kleine Gruppe, die in der Ecke des Saales auf einem Sofa saß – oder besser lag. Sie bestand aus zwei schwarzgekleideten Jungs in den Zwanzigern und einem Mädchen, das höchstens sechzehn Jahre alt sein konnte. Ihre Augen waren geschlossen und ihr Kopf lag auf dem Schoß eines der beiden Jungen, der locker den Arm um ihren Oberkörper geschlungen hatte. Die langen schwarzen Locken des Mädchens und die fließenden Samtbahnen ihres schwarzen Kleides flossen in einer Art über die Beine des jungen Mannes, die Eliane seltsam vertrauensvoll anmutete und in scharfem Kontrast zu dem auffälligen Nietenschmuck des Teenagers stand, der ihre Arme, ihren Hals, ihren Gürtel und sogar die Schäfte ihrer schweren Stiefel bedeckte wie die Stacheln eines Igels. Das ganze Bild erschien Eliane irgendwie so anrührend, dass sie es am liebsten wie ein Kunstwerk fotografiert hätte.

„Kennst du Hannah?" fragte Markus, der ihrem Blick gefolgt war.

Eliane schüttelte den Kopf.

„Ich kann sie dir später vorstellen. Ihr würdet euch bestimmt gut verstehen. Im Moment ist sie… nicht so ganz da."

Während Eliane noch über den Sinn dieser Aussage grübelte, fiel ihr der süßliche Geruch auf, der den Raum zu erfüllen schien. Gleichzeitig bemerkte sie, dass sie leichte Kopfschmerzen bekommen hatte und ihr auch etwas schwindlig war. Irgendwie kam ihr dieser Geruch bekannt vor, von Studentenparties, auf denen Hasch konsumiert worden war, auch wenn Eliane nie irgendwelche Drogen selbst ausprobiert hatte. Sie wurde etwas unruhig.

Wie um ihren Verdacht zu bestärken, rollte sich Markus neben ihr gerade eine Zigarette und bot sie ihr an.

„Nein danke, ich rauche nicht," leierte Eliane fast automatisch herunter.

„Solltest du aber!" meinte Markus augenzwinkernd. „Das ist echt das Erlebnis. Würde dir deine Laune schlagartig bessern. Zumindest das Zeug hier." Er sah sie vielsagend an.

Eliane nahm ihren Mut zusammen. Besser sie machte ihre Einstellung von vorneherein klar. „Ich nehme prinzipiell keine Drogen," brachte sie die Sache auf den Punkt.

Markus musterte sie abschätzig mit zusammengekniffenen Lidern. „Dann bist du hier aber bald die einzige," war sein Kommentar.

Eliane starrte ihn an. Plötzlich fühlte sie sich gar nicht mehr wohl in ihrer Haut. „Na und? Dann bin ich es eben," brachte sie leicht trotzig hervor.

Markus zuckte mit den Schultern und wandte sich ab, dann stand er auf und ging zu einer anderen Gruppe von Leuten.

Unwillkürlich verschränkte Eliane die Arme vor der Brust und vergrub sich etwas tiefer in ihrem Sessel. Sie fand es schade, dass sie hier niemanden kannte außer ihm und dass sie sich nun von der Gruppe abgegrenzt hatte, sich irgendwie zum Außenseiter gestempelt hatte. Dabei hatte sie sich unter ihnen noch vor einer Minute so wohl gefühlt. Alles hatte gestimmt, das Ambiente, die Stimmung, die Musik. Und nun lief auch noch eines ihrer Lieblingslieder, „Rabendämmerung"! Leise sang Eliane mit:

Stumm versammeln sich die Raben
Wenn des Todes Schwingen nahn
Lass uns allen Zwist begraben

Feuerrot am Himmel traben
Wolken durch der Sonne Bahn
Stumm versammeln sich die Raben

Rehe stehen scheu am Graben
So viel Schönheit die wir sahn
Lass uns allen Zwist begraben

Sieh die zarten Blüten haben
Ihre Kelche zugetan
Stumm versammeln sich die Raben

Einmal noch am Regen laben
An den Wundern die geschahn
Lass uns allen Zwist begraben

Zähl nun nur die guten Gaben
Sieh mich nur mit Liebe an
Stumm versammeln sich die Raben
Lass uns allen Zwist begraben"

Die gefühlvolle, melodische Stimme der Sängerin trieb Eliane die Tränen in die Augen. Plötzlich musste sie an Jonathan denken. Was, wenn sie starb, ohne jemals richtig mit ihm zusammen gewesen zu sein, die Zeit mit ihm wenigstens ansatzweise ausgekostet zu haben? Auf einmal fühlte sie sich unendlich traurig und einsam. Verstohlen holte sie ihr Handy aus der Tasche und gab seine Nummer ein. Er hatte einmal gesagt, sie könne ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen.

Es dauerte schier endlos, bis sich am anderen Ende seine verschlafene Stimme meldete. „Eliane, mein Schatz, was ist denn los?"

„Kann ich bei dir vorbeikommen? Jetzt? Bitte?"

„Ja, sicher."


Jonathan empfing sie im Schlafanzug mit verwuschelten Haaren an der Tür, und sie stürzte gleich an ihm vorbei in seine Wohnung. Er ging ihr nach und nahm sie vorsichtig in die Arme.

„Ich hab dich so vermisst," murmelte sie in seine Schulter.

„Ich dich auch. Was ist denn los?"

Gerade wollte Eliane zu einer Erklärung ansetzen, als der wohlvertraute, gefürchtete Schweißgeruch, der Jonathan fast immer umgab, penetrant in ihre Nase stieg – dieser leichenartige, süßliche Geruch, vor dem sie sich so ekelte, dessen Erinnerung sie nachts, wenn sie wachlag, wie ein Alptraum verfolgte. Gleichzeitig spürte sie schon, wie ihre Mundschleimhaut wieder zu kribbeln anfing und ihr Magen sich zusammenzog. Sie wich etwas zurück, doch der Gestank hing im ganzen Zimmer, schien in die Wände und Möbelstücke eingesickert zu sein. Wie hatte sie all das vergessen können! Es hatte alles keinen Zweck. Ein dumpfes Gefühl der Hoffnungslosigkeit machte sich in Eliane breit. Es gab für sie kein Zuhause, keinen Ort, an dem sie sich wohlfühlen durfte, fallen lassen. Vorsichtig befreite sie sich aus den Armen ihres Freundes und fing an, ihre Jacke wieder zuzuknöpfen, die sie noch nicht richtig ausgezogen hatte. „Es tut mir Leid, dass ich dich belästigt habe. Du kannst mir auch nicht helfen," sagte sie mit matter, tonloser Stimme.

„Ellie! Bleib doch da! Was ist denn los? Ich kann es wenigstens versuchen."

Stumm schüttelte sie den Kopf. „Ist schon okay. Ich ruf dich morgen an." Dann war sie zur Tür hinaus.