3. Die Blume des Todes und der Baum des Lebens

„Die Blume des Todes? Schon wieder?" Eliane war so enttäuscht, dass ihr Tränen in die Augen traten.

„Was hast du erwartet?" gab ihr Gegenüber kalt zurück.

„Aber … aber, du hast von einem Tor geredet, einem Ausgang aus diesem Land," stammelte Eliane weinerlich.

„Einen anderen Ausweg gibt es nicht." Das klang endgültig.

Eliane schwieg, zusammengesunken wie ein Häufchen Elend. Die schwache Hoffnung, die sie die letzten Momente über aufrechterhalten hatte, war nun völlig in sich zusammengefallen. Was sollte sie jetzt tun? Wie sollte sie hier je wieder weg kommen?

„Schau sie dir an," drang die leise Stimme des Verführers an ihre Ohren. „Du bist gewachsen, Eliane. Damals wolltest du sie nicht, oder vielmehr, du wurdest daran gehindert. Doch nun bist du gereift. Sieh her: Dies ist das Ende aller Schmerzen, die das Dornenland dir aufbürdet. Oder … möchtest du gerne leiden?"

Wider Willen wandte Eliane ihren Blick nun doch dem gefürchteten Gewächs zu. Der rötliche Schimmer, in dem es glomm, war so sanft, dass er ihre Augen eher streichelte als beunruhigte. Verwirrt nahm sie statt der erwarteten behaarten Tentakel, die sie noch zu gut in Erinnerung hatte, zum ersten Mal in diesem Land grüne, glänzende Blätter und rote Blüten wahr. Eine Rose! Die Blume des Todes war in Wirklichkeit eine Rose! Ihre Dornen streckten sich spitz von den mächtigen, armdicken Ästen weg Eliane entgegen, aber irgendwie fand sie sie schön, sie passten zu der Pflanze und erinnerten sie an die Ästhetik der Gothic-Szene. Hatte nicht sie selbst sich erst vor kurzem ein schwarzes Top mit roten Dornenranken bemalt, um damit ihrer Stimmung durch ihren Kleiderstil Ausdruck zu geben? Und hier war endlich einmal Farbe in dieser tristen Landschaft, Form, eine angenehme, weiche Substanz! Blutrot prangten ihr die samtigen Blütenblätter entgegen, sie schienen sogar in dieser trockenen Atmosphäre von irgendeiner Flüssigkeit benetzt zu sein! Unwillkürlich trat Eliane einen Schritt auf die Pflanze zu, doch dann stockte sie erneut. Die Rosenranken stellten nur die Ausläufer des Gewächses dar, die ihr am nächsten waren. Dahinter erkannte sie vage wieder die fleischfressenden Tentakelformen, die ihr schon am Weiher begegnet waren, und noch weiter hinter diesen versteckt wucherten hässliche, blumenkohlähnliche Gebilde, die Eliane an Krebsgeschwüre erinnerten. Sie schüttelte sich voller Ekel.

„Ist … ist das alles die Blume des Todes?" wandte sie sich unsicher an ihren Begleiter.

„Sie hat viele Erscheinungsformen. Aber du kannst dir deine eigene ja selbst aussuchen," sagte er sanft.

Eliane war hin- und hergerissen. Die Rosen faszinierten sie, und der Gedanke, ihr Leiden beenden zu können, zog sie geradezu magisch an. Andererseits – hätte der Wanderer sie damals so vehement davon abgehalten, die Blume zu pflücken, wenn diese Handlung nicht irgendeine noch größere Gefahr, irgendetwas Schlimmes oder Falsches in sich bergen würde? Der Wanderer… damals hatte er sich noch um sie gekümmert, damals war er ihr noch zu Hilfe geeilt. Eliane zog nachdenklich die Stirn kraus, während in ihrem Kopf ein bestimmter Plan mehr und mehr an Gestalt gewann…

„In Ordnung," wandte sie sich schließlich an ihren Begleiter. „Ich werde sie pflücken, oder was auch immer man damit macht. Zeig mir, was ich tun muss."

Er musterte sie spekulativ, so als versuche er ihre Motive einzuschätzen. Eliane vermeinte einen Funken des Triumphes in seinen Augen aufglimmen zu sehen.

„Du brauchst sie nur zu pflücken, einen Zweig davon, ganz wie beim letzten Mal," gab er dann zurück.

Ganz wie beim letzten Mal… Langsam ging Eliane auf die Pflanze zu, während sie ihr Herz immer lauter klopfen hörte. Ganz wie beim letzten Mal… Dies war ihr letzter, verzweifelter Versuch herauszufinden, ob der Wanderer sich noch um sie scherte. Sie wollte die Blume nicht pflücken, sie wollte eigentlich nicht sterben, selbst im Angesicht der vielen Schmerzen des Lebens nicht, aber sie musste es einfach wissen: ob er ihr wieder zu Hilfe eilen würde, ob er sie doch nicht verlassen hatte, ob er sie immer noch vor dem Tod erretten wollte.

Resolut fasste sie an den dornigen Stiel eines der Rosenzweige, wobei sie sich innerlich gegen den Schmerz der Berührung stählte, den sie noch in Erinnerung hatte. Doch nichts passierte. Sie hatte den glatten Stängel zwischen den Dornen angegriffen, so dass noch nicht einmal diese in ihre Finger stachen. Von den unzähligen kleinen Nadelstichen oder gar den elektrischen Stromschlägen der letzten Begegnung war absolut nichts zu spüren. War sie schon dermaßen abgestumpft, oder war diesmal einfach alles anders? Eliane griff mit beiden Händen zu und brach den Zweig durch. Keine festen, seilartigen, undurchdringlichen Fasern hinderten sie diesmal daran. Es ging leicht, viel zu leicht, die Pflanze war wie Butter unter ihren Fingern, und gleich würde es vorbei sein. Lediglich eine zähe Faser in der Mitte des Stängels leistete noch Widerstand. Eliane ruckte ein bisschen daran, um ihre Festigkeit zu prüfen, versuchte den endgültigen Moment der Entscheidung noch ein wenig hinauszuzögern, während sie verstohlen nach hinten blickte und ihre Ohren auf das kleinste Geräusch lauschten. Doch Totenstille erfüllte die triste Einöde, keine Bewegung unterbrach den schwachen roten Schein der unheimlichen, vielgestaltigen Pflanze. Kein Wanderer kam, um sie von ihrem Untergang abzuhalten, keine Stimme durchschnitt warnend die Luft, kein Schwert blitzte auf, um sie zu retten.

Mit einem abgrundtief verlorenen, kleinen Aufschluchzen nahm Eliane ihre ganze Kraft zusammen und schickte sich an, die letzte Faser des Stängels zu durchtrennen.

„Schau mal, der Schmetterling!" ertönte in diesem Moment eine glockenhelle Stimme direkt an ihrem Ohr.

Eliane zuckte heftig zusammen, ließ den fast vollständig abgerissenen Zweig aus ihren Händen fahren und schnellte herum.

Ein junges Mädchen stand vor ihr, das Eliane auf vierzehn oder fünfzehn Jahre schätzte. ‚Sie sieht aus wie ich!' fuhr es ihr durch den Kopf. Ungläubig überflogen ihre Augen die weichen Züge des schmalen Gesichtes‚ die verträumten grünen Augen, die rotbraunen, halblangen Haare. ‚Sie ist so alt wie ich damals, als ich … sexuell missbraucht wurde.' Sie zuckte innerlich zusammen bei dem Gedanken, doch ein Teil von ihr war stolz auf sich selbst, weil sie es inzwischen schaffte, die Sache bei ihrem Namen zu nennen, wenn auch nur in ihren Gedanken.

Ihr Blick glitt den Körper des Mädchens hinab. Die schlanken Gliedmaßen waren in ein seltsames, kurzärmeliges, knielanges und knallbuntes Gewand gehüllt, das eng anlag und unter dem ihre schmale Figur noch gut zu erkennen war. Stirnrunzelnd nahm Eliane den Stoff des Kleidchens näher in Augenschein. Er sah so unregelmäßig, knubbelig und trotzdem ganz leicht und luftig aus. Auf einmal wurde ihr klar, dass er aus lauter kleinen Blumen bestand, die mitsamt ihren Stielen und teilweise auch Blättern kunstvoll zu einem dünnen Blütenteppich verwoben waren. Eliane meinte das zarte Blaulila von Krokussen zu erkennen, das dunkle Violett von Veilchen, das Weiß und Rosa von Anemonen und Gänseblümchen, das strahlende Gelb von Schlüsselblumen und Scharbockskraut, blauviolette Küchenschellen, die hellblauen Himmelssterne und lackgrünen Blätter von Immergrün sowie die verschiedensten Grünschattierungen von Hell bis Dunkel – kurzum, all die Frühlingsblumen, die zur Zeit ihren Heimatwald schmückten, deren Anblick sie die letzten Wochen missachtet und nach denen sie sich bei ihrer Ankunft in diesem Schattenreich so vergeblich gesehnt hatte.

Ihr Blick wanderte weiter den Arm der Fremden entlang bis zu deren Hand, die sie ausgestreckt vor sich hielt. Darauf saß ein Schmetterling, wohl ein Pfauenauge, der in allen Farben schillerte und seine edelsteingleichen Flügel sachte wie zwei zarte Fächer auf und ab bewegte.

„Er ist so schön bunt," fuhr das Mädchen nun wie zur Erklärung ihres vorherigen Ausrufs fort. Sie lächelte Eliane honigsüß und gleichzeitig entschuldigend an.

Eliane wusste keine Antwort. Sie schielte um sich, um zu sehen, wo der Verführer abgeblieben war und wie er auf diese Unterbrechung reagierte. Zuerst konnte sie ihn nirgends entdecken, doch dann bemerkte sie einen dunklen Schatten hinter der Blume des Todes. Er sah aus, als hätte er sich in einen Winkel zurückgezogen und schmollte.

„Hier, willst du ihn mal halten?" Das Mädchen hielt Eliane seine Hand entgegen und blies sachte auf den Schmetterling, der daraufhin seine Flügel zusammenklappte, sich langsam erhob und auf Elianes ausgestreckten Finger flatterte, wo er sich wieder niederließ. Einige Minuten lang betrachtete sie schweigend das wunderschöne Geschöpf, während ihr erneut Tränen in die Augen traten, diesmal Tränen der Dankbarkeit. Dann reichte sie der Fremden das zarte Wesen vorsichtig wieder zurück.

„Wer bist du, und wie heißt du?" fragte sie neugierig. Die Blume des Todes und der Verführer waren angesichts dieser neuartigen Bekanntschaft, deren farbenfrohe Erscheinung in dieser Welt Eliane fast wie einen Sonnenaufgang anmutete, schon ziemlich in Vergessenheit geraten.

„Ich bin Elanor." Wieder strahlte das Mädchen sie an, diesmal noch herzlicher und leuchtender als zuvor. Ihre Augen erschienen Eliane wie zwei kleine Sonnen.

„Elanor?" Eliane hatte es lauter ausgerufen als beabsichtigt. Elanor war ihr eigener Name, ihr geheimer Name, den sie sich schon als Teenager, seit sie den Herrn der Ringe zum ersten Mal gelesen hatte, gegeben hatte – in Anlehnung an die gleichnamigen goldgelben Blumen, die in Mittelerde in den letzten Elbenzufluchten wuchsen.

„Elanor." Das Mädchen nickte. „Und du? Wie heißt du?"

„Eliane," gab diese immer noch ganz verdutzt zurück. Gleichzeitig fiel ihr auf, dass ihr Gegenüber die erste ihrer Fragen nicht direkt beantwortet hatte. Vielleicht war sie aber auch ungeschickt gestellt gewesen. Wie auch immer, jetzt hatte sie Wichtigeres auf dem Herzen.

„Äh, Elanor, hast du vielleicht Wasser dabei? Ich bin kurz vor dem Verdursten."

„Leider nein," meinte das Mädchen bedauernd. „Aber ich weiß, wo wir welches finden können. Es ist nicht so weit." Sie sah Eliane leicht besorgt an, so als wolle sie ihre Kraft, ihre Kondition und ihr Durchhaltevermögen abschätzen.

„Im Dornenland gibt es Wasser?" entfuhr es Eliane erstaunt. Der Verführer hatte ihr doch etwas Anderes erzählt, oder?

„Sicher, wenn man weiß, wo man es findet," gab Elanor zurück. „Komm, ich zeig es dir!" Sie zog Eliane an der Hand mit sich fort. Eliane warf rasch einen Blick auf ihren bisherigen Führer, doch dieser, noch immer mit den undurchdringlichen Schatten hinter der Blume des Todes verschmolzen, rührte sich nicht.

Sie gingen den engen, dornigen Weg in entgegengesetzter Richtung, den Eliane vor kurzem schon einmal zurückgelegt hatte, und sie bereitete sich gerade missmutig darauf vor, seine ganzen Strapazen noch einmal zu ertragen, als das fremde Mädchen plötzlich in ein kleines, mit gelben Grasbüscheln bewachsenes Seitental zur Rechten einbog, das Eliane vorher gar nicht bemerkt hatte. Die Erde war hier genauso staubig und trocken wie in dem Haupttal, und auch die Vegetation unterschied sich kaum. Wenn es hier wirklich Wasser gab, musste es in der Tat gut versteckt sein.

Der mühsame, kaum erkennbare Pfad wand sich nun stetig aufwärts, und Eliane merkte, dass sie auf die Klippen der Berge zusteuerten, die sich hier ja schon auf dem Hinweg ziemlich schroff und nahe am Haupttal in die Höhe gereckt hatten. Nun ragte bereits der erste steile Felsen vor Eliane auf. Wie eine Gemse kletterte Elanor vor ihr hoch und zeigte ihrer Begleiterin die sicheren Fußtritte. Die Luft war hier merklich kälter als unten im Tal, und doch war Eliane schweißgebadet, als sie endlich die Kuppe der Klippe erreicht hatten.

Sie zog überrascht den Atem ein, denn vor ihr bot sich ein überwältigender Anblick. Eine riesige, spiegelglatte Fläche, die einmal ein See gewesen sein musste, nun jedoch zu Eis erstarrt war, begann direkt zu ihren Füßen und zog sich endlos vor ihr hin, bis zu den fernen, schneebedeckten Bergen, die irgendwo vor ihr im Dunst und Nebel verschwanden. Die Eisfläche glitzerte und schillerte in der matten Höhensonne, die soeben durch die Wolken brach, in allen Regenbogenfarben. Dann schob sich wieder eine Wolkenbank vor die Sonne und Eliane schien auf ein graues, dräuendes arktisches Meer zu blicken.

„Ist das das Wasser, das du meintest?" Noch während sie fragte, ging sie durstig auf die Knie und leckte mit ihrer Zunge über das gefrorene Nass. Sofort zuckte sie zurück. Es stach wie mit tausend Nadeln, ihre Zunge schien fast an der Fläche festzukleben, und ihren Durst abmildern konnte das zu solchen Minusgraden erstarrte Wasser auch nicht.

„Nein," gab Elanor ruhig zurück. „Ich würde an deiner Stelle nicht meine Zeit mit dem Eis verschwenden. Das zu schmelzen, musst du der Sonne überlassen, mit der Zeit. Ganz tief unter dem Eis ist zwar fließendes Wasser, aber das könnten wir von hier aus nie erreichen. Komm lieber mit zur Quelle."

„Aber wo ist der Weg?" Eliane sah verunsichert um sich.

„Hier." Elanors dünne Hand wies auf die Eisfläche hinaus in Richtung der Berge. Dann tänzelte sie auf den glatten Spiegel hinaus und winkte Eliane nachzukommen.

Eliane trat einen vorsichtigen Schritt auf das Eis, dann noch einen. Schließlich wurde sie etwas mutiger und begann allmählich so zu gehen, wie sie es unter normalen Bedingungen getan hätte. „Und auf der anderen Seite, bei den Bergen, ist dort dann … au!" Einen Moment war sie unachtsam gewesen, und schon war sie ausgerutscht und der Länge nach auf das harte Eis geknallt. Mühsam rappelte sie sich wieder auf und rieb sich ihr schmerzendes Hinterteil.

Elanor war stehen geblieben und kam nun Eliane ein Stückchen entgegen. „Nimm meine Hand, dann geht es leichter," bot sie ihr an. Eliane ergriff die dargebotene Hand dankbar.

Langsam und mühevoll krochen sie Meter für Meter vorwärts. Hin und wieder kam ein kleiner Sonnenstrahl hervor, doch die dichte Wolkendecke und der diesige Nebel verschluckten ihn immer sofort wieder. Mehr als einmal glaubte Eliane gespenstische dunkle Schatten weiter vor sich auf der Eisfläche zu sehen. Diesen Eindruck hatte sie auch schon auf ihrem Rückweg durch das Tal selbst gehabt, weshalb sie nun Elanor danach fragte.

„Das sind andere Menschen, die hier herumirren," gab das Mädchen traurig zurück. „Und andere … andere Wesenheiten."

„Hier gibt es noch mehr Menschen außer mir?" Eliane war erstaunt.

„Viele. Aber ihr nehmt euch meistens gegenseitig nicht wahr."

Unwillkürlich musste Eliane an den Weiher der verlorenen Liebe denken und an das, was der Wanderer ihr damals zu dem gleichen Phänomen gesagt hatte.

„Aber wieso…" hob sie an, dann glitten ihre Turnschuhe erneut auf der glatten Eisfläche aus und sie stürzte zu Boden, wobei sie diesmal ihre Begleiterin mitriss. Elanor schien jedoch im Gegensatz zu Elianes heftigem Aufprall kaum den Boden zu berühren und war schon wieder auf den Füßen, bevor Eliane überhaupt die Kälte des Eises an ihren eigenen Handflächen richtig wahrgenommen hatte.

„Komm, steh auf!" Aufmunternd streckte ihr das Andersweltmädchen ihre zarten Finger entgegen.

Eliane war schon dabei, sie zu ergreifen, als sie plötzlich stutzte. „Warte! Da sind Gesichter im Eis!"

Elanor schwieg.

Eliane sah noch einmal auf die spiegelnde Fläche, doch die dunklen Schemen, die ihr für einen Moment einen Schreck eingejagt hatten, konnten genauso gut von Steinen, Pflanzen oder eingefrorenen Fischen stammen. Sie zuckte die Schultern, schob sich ein Stück auf dem Eis entlang und wollte sich aufrichten. Doch dann erstarrte sie mitten in der Bewegung. Das war definitiv ein Gesicht! Direkt unter ihr, keine zehn Zentimeter von ihrem eigenen entfernt, ein menschliches, lebendig anmutendes Gesicht im Eis! Große moosgrüne Augen starrten wie zwei tiefe, reglose, verwunschene Waldseen starr in ihre, blutrote Lippen schienen wie an einer Glasfläche festgefroren, schwarze Haare breiteten sich wie ein erstarrter Fächer um weiße Schultern, schwarze Haare mit kleinen geflochtenen Partien und lila Strähnchen darin…

„Hannah! Das ist Hannah!" rief Eliane erschrocken. „Ich muss ihr helfen! Ich muss sie befreien!" Hastig schaute sie um sich, ob sie irgendeinen Stein oder anderen harten Gegenstand erspähen konnte, um das Eis aufzuhacken. Doch ihre Augen trafen nur glatte, grauschimmernde Leere. Sie wühlte in ihren Taschen, fand schließlich ihre Schlüssel, nahm sie mit den Bärten nach unten fest in die Hand und hackte wie besessen auf das Eis ein.

Kleine, messerscharfe Splitter lösten sich unter ihren vehementen Versuchen und stachen ihr wie Pfeile in die Hände und ins Gesicht. Sie merkte kaum den Schmerz, schloss nur die Augen, um wenigstens da keine Splitter hinein zu bekommen. Schließlich ließ sie schweißüberströmt den Schlüsselbund sinken, um ihre Fortschritte in Augenschein zu nehmen. Eine unregelmäßig zerhackte und dennoch an jeder Stelle undurchdringlich dicke Eisschicht bedeckte immer noch das Mädchen. Eliane konnte ihr Gesicht durch die aufgeraute Oberfläche nun nicht mehr so deutlich erkennen, aber doch klar genug, um zu sehen, dass es ebenfalls blutige Stellen aufwies, die vorher nicht da gewesen waren – dass Elianes gutgemeinter Befreiungsversuch nicht nur ihr selbst, sondern auch Hannah kleine Wunden zugefügt hatte.

„Nein! Das tut mir so Leid!" Eliane traten die Tränen in die Augen. „Hannah, bitte verzeih mir! Das wollte ich nicht!" Resigniert sank sie auf dem kalten Boden zusammen.

„Wir müssen weiter," mahnte Elanors Stimme sanft. „Du kannst ihr nicht helfen, aber jemand anders wird es tun."

„Meinst du wirklich?" Eliane sah mit feuchten Augen zu ihr auf wie ein kleines Kind.

„Hast du nicht auch Hilfe von mir bekommen?"

Das stimmte. Vielleicht … „Wirst du ihr helfen?" fragte sie hoffnungsvoll.

„Ich bringe dich zur Quelle. Aber ich bin nicht die einzige hier, die Hilfe bringt."

Während Eliane noch stirnrunzelnd über diese Worte nachdachte, hielt Elanor ihr abermals die Hand hin. „Komm!"

Sie hatten schon den Rand des Eissees erreicht, aber Elianes Gedanken drehten sich immer noch um das eben Erlebte. „Warum ist sie eigentlich hier?" wandte sie sich schließlich erneut an ihre Begleiterin. „Ich meine, sonst sehe ich hier doch auch niemanden aus meiner Welt."

„Es sind viele Menschen hier, vielleicht auch einige, die du kennst. Aber sie kannst du sehen, weil du sie liebst."

Wieder musste Eliane an den Weiher denken. Auch das war ähnlich gewesen…

„Vorsicht!" unterbrach plötzlich Elanor ihre Gedanken. Sie blieb abrupt stehen und hielt Eliane am Ärmel fest, während sich der dreieckige Kopf einer Schlange unter einem Stein hervorschob, ein sich windender Körper lautlos folgte und schließlich von einem kleinen Felsspalt wieder verschluckt wurde. Eliane atmete erleichtert aus und setzte an Elanors Seite eine Spur konzentrierter und hastiger ihren Weg fort.

Sie arbeiteten sich nun mühsam über ein Geröllfeld, das stetig anstieg und direkt vor einer steilen Felswand endete. Zuerst konnte Eliane nicht begreifen, warum Elanor diese Strecke gewählt hatte, doch dann bemerkte sie die Felsspalte, die schwarz und zackig und mindestens zehn Meter hoch vor ihnen in dem undurchdringlichen Stein klaffte. ‚Dort kommt bestimmt das Wasser heraus,' schöpfte Eliane Hoffnung – doch von dem ersehnten Nass konnte sie weder etwas sehen noch hören, so angestrengt sie ihre Sinne auch auf die erwartete Richtung konzentrierte.

Das Geröllfeld wurde mittlerweile immer schwerer zu überqueren. Es bestand zunehmend aus flachen, locker aufeinander geschichteten Steinplatten mit unregelmäßigen, scharfen Kanten, deren trügerische Fläche unter den Füßen der Wanderer in sich zusammenrutschte. Eliane musste aufpassen, dass sie nicht stolperte und sich an den Steinen die Beine aufritzte, wo ein kleiner Spalt zwischen ihrer Jeans und ihren Socken ihr eine Blöße gab. Sie wäre wohl ein paar Mal gestürzt, hätte Elanor sie nicht fest an der Hand gehalten und ihren Schritt geduldig dem Elianes angepasst. Keuchend kam Eliane schließlich vor dem Einschnitt zum Stehen. Den Boden bedeckte nur graubrauner, feiner Staub, unter dem der nackte Stein durchschimmerte.

„Hier ist ja gar kein Wasser!" rief Eliane enttäuscht.

„Nein, wir sind noch nicht ganz da," gab ihre Begleiterin zurück. „Wir müssen durch die Felsspalte hindurchgehen."

Eliane seufzte auf. Sie war so müde, dass sie sich am liebsten hier in dem kalten Staub auf den Boden gelegt hätte, ohne jemals wieder aufzustehen, doch sie biss die Zähne zusammen und folgte dem leichtfüßigen Mädchen ins Dunkel des Berges hinein. Ganz dunkel war es allerdings gar nicht, denn hoch über ihnen konnte man durch einen kleinen Spalt noch den Himmel erkennen, und schon nach ein paar Metern tauchte auch vor ihnen ein schwacher Lichtschein auf, der kontinuierlich größer und heller wurde. Schließlich öffnete sich der Spalt und Eliane trat hinter ihrer Begleiterin auf eine Art Hochebene hinaus. Unwillkürlich entfuhr ihr ein leiser Ausruf des Erstaunens.

Vor ihren Augen lag ein grünes, kesselförmiges Tal, das ringsum von hohen, schneebedeckten Bergen umgeben wurde. Frisches, lebendiges, grünes Gras – das erste, das Eliane in diesem Land gesehen hatte – erstreckte sich über die gesamte Fläche hinweg, an manchen Stellen mit einigen kleinen Wildblumen durchsetzt. ‚Vielleicht hat hier Elanor den ‚Stoff' für ihre Kleidung her', schoss es Eliane durch den Kopf. Doch dann waren ihr sowohl das Gras als auch Elanors Kleidung gleichgültig, denn sie hatte erspäht, wonach sie sich schon die ganze Zeit vergebens gesehnt hatte: Ein graziler, weitverzweigter Baum stand mitten in diesem Meer aus Gras und Blumen, und an der Wurzel des Baumes sprudelte hell und glitzernd eine kleine Quelle hervor. Eliane rannte so hastig zu dem kostbaren Wasser, dass sie beinahe über ihre eigenen Füße gestolpert wäre, tauchte ihren ganzen Kopf hinein und trank und trank und trank…

Als sie mit einem zufriedenen Seufzer wieder auftauchte, sah sie sich genauer um und bemerkte, dass die Quelle zu ihren Füßen in einen munteren Bach überging, der sich über kleine Steine sprudelnd durch das ganze Bergtal hindurchwand und dann in einem Loch in der Erde leise gurgelnd verschwand.

„Wo fließt das Wasser eigentlich hin?" wandte sich Eliane neugierig an ihre Begleiterin.

„Es fließt unter dem Bergmassiv hindurch unter die tiefste Schicht des Eissees. Wohin es von dort weitergeht, weiß niemand."

Eliane nickte stumm und sah weiter um sich. Nun nahm sie zum ersten Mal den Baum näher in Augenschein, der über ihr seine Zweige wie ein durchlässiges, fein gewobenes Dach ausbreitete. Sein Stamm und seine Äste glänzten glatt und silbern. Eliane wurde von dem Impuls erfasst, sie zu berühren, und strich schüchtern mit einem Finger über den Stamm vor ihrem Gesicht. Der Baum trug keine Blätter, aber weit oben strahlten vereinzelte, weiße Blüten, die leise im Wind schwankten und Eliane entfernt an Magnolienblüten erinnerten. Sie meinte, einen zarten, flüchtigen Duft in der Luft zu vernehmen, der von diesen Blüten herrühren konnte.

„Ist das… ist das der Weiße Baum von Gondor?" wandte sie sich ehrfürchtig an Elanor.

Das Mädchen lachte sein glockenhelles Lachen. „Nein. Das ist der Baum des Lebens."

„Oh!" Eliane ließ erneut ihren Blick über die grazile Komposition von Ästen, Zweigen und Blüten schweifen. „Und warum heißt er so?"

„Das hat viele Gründe, die ich dir jetzt nicht alle erklären kann. Einer davon ist der, dass die Früchte dieses Baumes Heilung bringen."

„Aber er trägt doch gar keine Früchte," meinte Eliane verwirrt.

„Zur Zeit nicht, nein. Sie wachsen dann, wenn der Baum es so will."

„Und dann … kann jeder sich von diesen Früchten nehmen?"

„Sicher." Elanor sah sie an, als wäre ihr dieser Gedanke eben erst bewusst geworden. „Sicher, und du natürlich auch. Ich nehme an, du solltest es versuchen. Ja, wirklich, versuche es."

„Und wie mache ich das?" fragte Eliane, während eine aufgeregte Röte ihr Gesicht überzog.

„Du musst warten, bis der Baum dir seine Früchte von selbst darbietet. Das kann dauern. Aber du wirst es erkennen, wenn es so weit ist."

„Dann muss ich hier so lange sitzen und warten, bis irgendwann einmal eine Frucht an dem Baum erscheint?" Elianes Stimmung sank wieder.

„Entweder das, oder du gehst zwischendurch woanders hin und kommst ab und zu zurück. Wenn die Frucht für dich bestimmt ist, wird sie so lange an dem Baum hängen bleiben, bis du kommst und sie erntest."

Eliane starrte vor sich hin. Was sollte sie tun, hier warten oder wiederkommen? Immer diese Entscheidungen, von denen sie sich überfordert fühlte…

Elanor hüpfte neben ihr ein wenig auf der Stelle auf und ab, wobei die Blüten ihres Kleides aussahen, als würden sie von einem Wind hin- und herbewegt. „Hör zu, Eliane, ich habe jetzt noch eine Menge zu tun; aber wenn du die Frucht hast und wissen willst, wie es weitergeht, kannst du mich gerne rufen. Natürlich auch, wenn sonst irgendetwas ist." Bevor Eliane antworten konnte, war das Mädchen auf mysteriöse Weise ihrem Blick entschwunden.

Eliane kuschelte sich tiefer in ihre Jacke und trat von einem Bein auf das andere. Es war kalt hier oben, und wenn sie nur herumsitzen und warten würde, wäre das nicht nur langweilig, sondern sie würde auch zu sehr frieren. Lieber würde sie die Strecke noch einmal gehen, auch wenn sie so lange und mühsam war. Oder aber… Auf der anderen Seite des Bergtales, links von ihr, schien sich eine weitere Öffnung in der Felswand zu befinden. Es sah aus wie eine große Höhle, aber wenn sie Glück hatte, war es ein Gang, der durch den Berg hindurchführte.

Hastig lief sie über das aromatische, grüne Gras, an dem kleinen, munter sprudelnden Bach entlang. Für einen Moment erwog sie, ob sie vielleicht auch einfach dem Bach durch das Loch in der Erde folgen sollte, doch sie verwarf den Gedanken sofort wieder. Er führte unter das Eismeer, hatte Elanor gesagt – und wer weiß, ob sie von dort jemals wieder an die Oberfläche kam. Außerdem hatte die Öffnung auch viel zu klein für einen Menschen ausgesehen.

An der erspähten Stelle angelangt, untersuchte sie begierig die schwarze Öffnung. Sie sah nicht viel, deshalb tastete sie sich vorsichtig an einer Seite der Höhlenwand entlang, bis sich ihre Augen an das düstere Dämmerlicht im Höhleninnern gewöhnt hatten. Dort, ganz hinten etwas unter ihr, wurde es heller. Ein kleines, rundes, fahlgelbes Licht, so fahlgelb wie der Himmel über dem Dornental. Das bedeutete, dass dies ein Gang war, der durch das Bergmassiv hindurch ins Tal zurückführte, und dass sie sich die gefährliche Eiswüste sparen konnte! Sie brauchte noch nicht einmal eine Fackel oder Taschenlampe, sie konnte einfach dem Lichtschein der gegenüberliegenden Gangöffnung folgen! Eliane lachte leise auf und tastete sich mit neuem Elan auf dem unregelmäßigen, grob in den Fels gehauenen Boden voran.

Es war kalt hier in der Höhle, noch kälter aus draußen im Bergtal, und Eliane bemerkte, dass sie eine Gänsehaut an Armen und Beinen hatte und ihre Zähne unkontrolliert klapperten. Die Luft war stickig und dumpf, roch modrig, fast ein bisschen faulig. Eliane erschauerte. Wer weiß, was hier alles in der Finsternis verrottete. Dieser Gedanke zog einen neuen nach sich, der noch viel beunruhigender war: was, wenn sich hier irgendein Monster befand, das denjenigen auflauerte, die so unvorsichtig waren, seinen Bau zu betreten? So wie Kankra in dem Gangsystem bei Herr der Ringe… Eliane beschleunigte ihre Schritte so sehr, dass sie auf dem unebenen Boden ein paar Mal fast gestolpert wäre. Der Lichtschein kam immer näher, noch ein paar Schritte, nun hatte sie ihn fast erreicht, nun war sie gleich draußen. Der niedrige Gang öffnete sich in eine weite Höhle, die von einem fahlen Dämmerlicht erleuchtet wurde – doch nicht von der Seite, nicht durch einen Ausgang, sondern durch einen schmalen Spalt ganz weit oben an der Höhlendecke!

Stöhnend sank Eliane auf den kalten, modrigen Boden. Diese erneute Enttäuschung flutete wie eine Welle durch ihr Inneres und flüsterte ihr zu aufzugeben. Sie zwang sich, wieder aufzustehen, und nahm die gegenüberliegende Höhlenwand in Augenschein. Irgendwo musste es doch einen weiteren Ausgang geben, irgendwann musste dieser Weg doch ins Freie auf der anderen Seite des Berges führen! Tatsächlich, ein schmaler Durchgang, nur noch etwa halb so hoch wie der vorherige Gang, klaffte wie ein dunkles Loch in dem klammen Stein. Er sah so eng aus, so niedrig… Eliane spürte Panik in sich aufsteigen, eine Welle von Klaustrophobie. Ihr blieb nichts anderes übrig als hier durchzugehen oder zurückzugehen, und eins von beiden würde sie tun; aber momentan war sie zu entkräftet, um diese Entscheidung sofort zu treffen. Sie musste erst ein wenig ruhen. Erschöpft lehnte sie sich an einen großen Stein und schloss für einen Moment die Augen.

Mit einem Schrei fuhr sie auf. Etwas hatte ihre Hand berührt, es kribbelte wie von vielen kleinen Ameisen. Panisch hielt sie sich in dem dumpfen Licht ihre Hand vor die Augen und sah, wie unzählige Tiere, entweder kleine Spinnen oder zu groß geratene Zecken, ihre Finger entlang rannten, ihren Arm hinaufliefen und ihr schon unter den Ärmel gekrabbelt waren. Mit hastigen, unkordinierten Bewegungen versuchte sie die Tiere abzuschütteln. Sie klebten an ihr wie zähe kleine Klettenstückchen, und sie musste sie fast mit den Fingernägeln von ihrer Haut abschaben. Als sie endlich das Gefühl hatte, die meisten von ihnen entfernt zu haben, war sie so entkräftet, dass sie sich im Stehen gegen die Höhlenwand lehnte – sich noch einmal hinzusetzen wagte sie nun nicht mehr – und erneut die Augen schloss. Entspannen konnte sie sich nicht wirklich, denn sie meinte immer noch am ganzen Körper ein Kribbeln zu verspüren und stellte sich gegen ihren Willen vor, wie das ihr entkommene Ungeziefer nun ihren Körper auskundschaftete. Sie schüttelte sich vor Ekel.

„Jetzt wo die Göre weg ist, können wir beide endlich zur Abrechnung kommen," erklang plötzlich hinter ihr die aalglatte Stimme des Verführers.

Eliane wirbelte herum. Ihn hatte sie vollständig vergessen und nicht damit gerechnet, dass er ihr überhaupt noch weiter gefolgt war. Am allerwenigsten hätte sie erwartet, ihn gerade hier anzutreffen. „Wie meinst du das?" fragte sie alarmiert.

„Genau so, wie ich es gesagt habe. Ich habe dir zwei Dienste erwiesen, auch wenn sie mir schlecht gedankt wurden. Ich habe dir das Schattental gezeigt, und ich habe dich zur Blume des Todes geführt. Dafür fordere ich nun den mir zustehenden Lohn."

„Du hast aber doch gesagt, du würdest nichts verlangen!" protestierte Eliane schockiert.

„Das habe ich damals gesagt, und damals habe ich in der Tat nichts verlangt," antwortete er mit ruhiger Stimme. „Du hättest fragen müssen, ob ich etwas verlangen werde, irgendwann einmal. Futur Eins. Aber zu solchen Feinheiten seid ihr Sterblichen selten fähig." Er grinste sie herablassend an.

Eliane starrte sprachlos zurück, angewidert von so viel Falschheit, während sie gleichzeitig von zunehmender Panik ergriffen wurde.

„Die Sightseeingtour dieses schönen Reiches," fuhr der Verführer spöttisch fort, „kostet dich einen Kuss." Eliane zuckte zusammen. „Für die Blume des Todes allerdings, ein wahres Kleinod, halte ich es für angemessen…" Er machte eine kleine Kunstpause. „… dass du mit mir ins Bett gehst, wie ihr Sterbliche das auszudrücken pflegt."

Eliane schnappte nach Luft. Ihr wurde ganz übel, ihre Knie zitterten und sie sah sich verzweifelt nach einer Fluchtmöglichkeit um.

„So, du zierst dich? Dabei stehst du doch in einer guten alten Tradition. Denk an all die Mythen deiner Welt, in denen Unsterbliche mit Menschen verkehrten. Ich erinnere nur an Circe und Odysseus, oder – mein absoluter Favorit – die vielen netten Liebschaften des Jupiter."

„Hör auf!" schrie Eliane. „Das werde ich niemals tun!"

„Leider hast du keine Wahl, meine Süße," erwiderte er mit seidenglatter Stimme. „Nun denn!" Er schob sich die Kapuze zurück, und Eliane sah mit einem weiteren kleinen Stich des Entsetzens, dass die dunkle lockige Haarpracht, die sie bei ihrer ersten Begegnung so bewundert hatte, an dem schwarzen Stoff des Mantels befestigt war und nun mit ihm nach hinten fiel. Seine Haare waren nicht echter als seine falschen Wimpern, und wer weiß was noch alles an seiner Erscheinung! Der kahlköpfige, glatte, glänzende Schädel mit den großen, schwarzen, toten Augen erinnerte Eliane auf gruselige Art an die Figur des Voldemort aus den Harry Potter-Verfilmungen. Lieber wäre sie gestorben, hätte hier und jetzt die Blume des Todes gepflückt, als mit diesem Wesen intim zu werden! Sie stöhnte unkontrolliert auf vor Angst und Abscheu und sah sich panisch nach einer Fluchtmöglichkeit um. Doch noch im selben Moment wurde ihr klar, dass sie zu Fuß, oder auch irgendwie sonst, keine noch so geringe Chance hatte, einem überirdischen Wesen zu entkommen, das so behände über alle Hindernisse hinwegschweben konnte, wie er es auf ihrer ganzen Wegstrecke getan hatte.

Was sollte sie nur tun? Wer konnte ihr jetzt noch helfen? Der Wanderer sicher nicht, er war nicht einmal bei der Blume des Todes zu ihr gekommen! „Elanor!" schrie Eliane aus Leibeskräften. „Elanor! Komm und hilf mir! Bitte!" Ihr Schreien ging in ein Schluchzen über.

Sie hatte noch nicht geendet, da erfüllte schon ein fernes Rauschen die Luft, das rasch lauter wurde. Sie spürte einen Windhauch und roch den zarten Duft von Waldblumen, dann stand das Mädchen auf einmal neben ihr.

„Verdammte Göre, hau ab!" zischte der Verführer giftig.

„Hau du doch ab!" kam Elanors selbstsichere Stimme zurück. „Lass sie jedenfalls in Ruhe!" Sie spuckte ihm die Worte regelrecht ins Gesicht. Eliane nahm mit einem Blick wahr, dass Elanors dunkle Haare nach allen Richtungen abstanden wie elektrisiert. Sie war von Kopf bis Fuß in eine Art Rüstung gehüllt, die aussah, als wäre sie aus zusammengenähten Brombeerblättern gefertigt, deren Innenseiten mit den spitzen Stacheln nach außen gedreht waren. Selbst Elanors Füße und die Hälfte ihrer Handrücken waren mit dieser vegetativen Schutzkleidung bedeckt.

„Sie ist einen Pakt mit mir eingegangen und muss nun ihren Teil halten," beschwerte sich der Verführer mit näselnder, quengeliger Intonation.

„Du hast kein Anrecht auf sie," fuhr ihn Elanor mit einer schneidenden Stimme an, die Eliane ihr gar nicht zugetraut hätte. Mit einer ruckartigen Kopfbewegung schüttelte sich das Andersweltmädchen die Haarsträhnen zurück, die ihr ins Gesicht gerutscht waren und starrte ihren Gegner herausfordernd an. „Außerdem hast du deine Bedingungen nicht vorher genannt, sondern ihr weisgemacht, du würdest nichts verlangen. Daher kannst du sie nun nicht zur Verantwortung ziehen. Sie wurde getäuscht."

„Ich werde mich beim König beschweren und mein Recht einfordern!" zischte der Verführer giftig.

„Das wird dir nichts bringen," erwiderte das Mädchen kalt. „Es gibt Gesetze, selbst hier, denen sich jeder zu beugen hat. Auch du. Selbst der König."

Der Verführer erdolchte sie fast mit seinem toten, hasserfüllten Blick, aber er hielt die Lippen fest zu einer weißen Linie zusammengepresst.

„Komm," wandte sich Elanor immer noch leicht herrisch an Eliane. „Ich bringe dich jetzt in deine eigene Welt zurück."

Langsam kam Eliane zu sich. Ihr Kopf dröhnte, ihre Augen fühlten sich an, als hätte jemand Sandpapier zwischen die Lider geschoben, und ihr Mund war so trocken und von einem solch unangenehmen Geschmack erfüllt, dass sie den Impuls hatte, alles was darin war auszuspucken, bevor ihr bewusst wurde, dass sich darin nichts anderes als ihre Zunge befand, die sich riesengroß anfühlte und am Gaumen festklebte. „Anscheinend habe ich doch nicht genug getrunken. Hoffentlich finde ich noch einmal zur Quelle," war ihr erster Gedanke, dann schlug sie die Augen auf und starrte auf eine weißgetünchte Zimmerwand, die einige schwarze Flecke von Fliegenkacke aufwies. Orientierungslos wandte Eliane den Kopf zur Seite, wo ein gläsernes Tischchen und eine große hellgrüne Topfpflanze ihr Sichtfeld bestimmten. Wo war sie? Sie lag auf einer fremden Couch… Allmählich kehrten Erinnerungsfetzen in ihr Bewusstsein zurück: Markus, die Party, das Haschisch…

„Wo ist Hannah?" fragte sie benommen und setzte sich alarmiert auf.

„Oh, hallo Eliane, du bist zurück unter den Lebenden!" Nun erst bemerkte sie, dass sie laut gesprochen haben musste, und vor allem, dass jemand neben ihr auf der Couch lag, der sich als Markus herausstellte. Seine schwarzgefärbten Haare waren ganz verwuschelt und plattgedrückt, was komisch aussah, da er sie sonst immer mit Gel zu kleinen Stacheln um den Kopf drapierte. Seine braunen Augen hatten tiefe Ringe und anscheinend Schwierigkeiten, Eliane zu fixieren – oder war es umgekehrt? Er richtete sich mit einem Gähnen auf und grinste sie schief an.

„Wo ist Hannah?" wiederholte Eliane ihre Frage.

„Oh, sie ist nebenan. Sie wollte nicht … hier bleiben. Ich schau mal, ob sie inzwischen wach ist."

Er stand auf, Schritte entfernten sich, eine Tür wurde geöffnet, geschlossen, eine weitere geöffnet, und dann hörte sie gedämpfte Wortfetzen aus dem Nebenzimmer. Zuerst achtete sie nicht sonderlich darauf und konnte auch keine Worte verstehen, doch dann wurde eine der Stimmen auf einmal laut: „Ich will sie nicht sehen! Sie kann mir gestohlen bleiben!"

Elianes Herz zog sich zusammen. Sie strengte ihre Ohren an, um kein Wort des Gesprächs zu verpassen, obwohl sie schon erahnte, dass sie sich damit nur selbst quälen würde.

„Sie will dir doch nur helfen." versuchte Markus gerade einzulenken.

„Sie kann sich ja selbst nicht helfen! Oder warum hat sie sich sonst zugedröhnt? Sie ist auch nicht besser als ich!" Die junge Stimme troff vor Verachtung.

Eliane stöhnte auf. Das Mädchen hatte Recht. Hätte sie keine Drogen genommen, hätte sie ihren depressiven Gefühlen so weit widerstanden, wäre sie stark für Hannah gewesen, hätte das Mädchen jetzt nicht das Vertrauen in sie verloren! Gerade weil sie sich Hannahs Schicksal so zu Herzen genommen hatte und sich nicht hatte abgrenzen können – wieder das altbekannte Thema – , hatte sie im Endeffekt falsch gehandelt. Sofort fiel ihr die Szene auf dem Eissee ein, wie ihre verzweifelten Versuche, Hannah zu befreien, dieser im Gegenteil noch mehr Wunden zugefügt hatten. Schon wieder hatte sie, Eliane, mit ihren dummen Fehlern alles kaputtgemacht, und nun mussten auch noch andere darunter leiden! Sie spürte förmlich, wie der Ärger über sich selbst ihr den Magen zerfraß. Fahrig sah sie um sich. Neben ihr auf einem Beistelltisch standen mehrere benutzte Gläser und leere Bierflaschen. Mit zusammengebissener Miene zog Eliane ihre Kapuzenjacke aus, griff nach einer der Flaschen, wickelte sie in das Kleidungsstück und zerschmetterte sie, auf diese Weise abgedämpft, auf dem Boden. Mit fieberhafter Hast wühlte sie eine große Scherbe aus dem Durcheinander und tat etwas, was sie schon lange nicht mehr getan hatte. Dunkelrot quoll das Blut aus ihrem Arm und tropfte auf ihre Jeans und die zerknüllte Jacke am Boden.

Dann erst wurde ihr klar, dass Hannah dies auf keinen Fall sehen durfte, sonst hätte sie, Eliane, noch zehnmal mehr Grund, sich zu hassen. Mit wachsender Panik sammelte sie die Glasscherben zusammen, versteckte sie in einem Blumentopf, wickelte sich dann ihre Jacke um den Arm und stand auf, um möglichst ungesehen das Haus zu verlassen.

So miserabel wie an diesem Tag hatte sich Eliane schon lange nicht mehr gefühlt, und das nicht nur, weil sie unter den Nachwirkungen des Drogenrauschs litt. Obwohl es helllichter Tag war, als sie sich in ihre Wohnung zurückgeschleppt hatte, ließ sie die Rollläden herunter, warf ihre schmutzigen Kleider achtlos auf den Boden und fiel sofort in ihrer Unterwäsche ins Bett. Bevor sie einschlief, tat sie jedoch noch etwas, was sie schon lange nicht mehr getan hatte: zum ersten Mal seit Monaten betete Eliane wieder ernsthaft, verzweifelt, auf den Knien: für Hannah.