Die Wüstenreiterin

„Lia! Hilf mir! Liiiiaaaa!" So panisch hatte sie Margrets Stimme noch nie erlebt. Mit zitternden Fingern zog sich Liane an, betätigte die Toilettenspülung und hastete aus dem Badezimmer ohne sich die Hände zu waschen oder auch nur die Tür hinter sich zu schließen. Als sie das Zimmer ihrer abwesenden Freundin Veronika betrat, bei der sie zu Gast waren, erstarrte sie auf der Türschwelle. Dort neben dem Fenster, dessen schwere schwarze Samtvorhänge so weit zugezogen waren, dass kaum mehr als Dämmerlicht den Raum erhellte, stand mit dem Rücken zu ihr ein großer, grobschlächtiger Mann, hinter dem sie nur mit Mühe ihr Patenkind ausmachen konnte, das sich so verängstigt in die Ecke kauerte, als wolle es mit seinem schmalen Körper durch die Wand des zweistöckigen Hauses brechen.

„Margret." Lianes Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. Dann erwachte sie aus ihrer Erstarrung, trat vollends in den Raum und war mit ein paar Schritten direkt hinter dem Mann, der, wie sie nun sah, das Mädchen gepackt hielt. Ihr Herz setzte fast aus, als sie Margrets Kleid halb zerrissen sah. Instinktiv wusste sie, dass der Eindringling eine Vergewaltigung im Sinn hatte. „Lassen Sie sie los!" Ihre Stimme überschlug sich fast vor Zorn.

Der Fremde wirbelte herum, und am Rande ihrer Wahrnehmung stieg Liane eine Fahne billigen Männerparfüms gemischt mit dem Geruch von Haargel in die Nase. Entsetzt fuhr sie zurück, als sie das gezückte Sprungmesser in seiner Hand sah, mit dem er nun auf sie zukam.

Zu spät der Gedanke, dass sie sich einen Waffenersatz im Zimmer hätte greifen sollen, eine Lampe, einen Stock, irgendetwas. Verzweifelt sah sie in dem plüschig eingerichteten Raum um sich, suchte mit den Augen und tastete mit den Händen nach etwas zur Verteidigung Geeignetem, wich dabei gleichzeitig zurück und bemühte sich ihren Feind im Sichtfeld zu behalten. Margret wimmerte nur leise und drückte sich noch tiefer in ihre Ecke, wobei der Gedanke Lianes Kopf durchzuckte, dass dem Mädchen im Gegensatz zu ihr selbst der Fluchtweg zur Tür ja immer noch abgeschnitten war.

Hastig wich Liane immer noch rückwärts vor dem Mann zurück, drehte sich schließlich auf der Türschwelle um, flüchtete den Gang entlang und die Treppe hinunter ins Erdgeschoß. Dass der Mann, solange er sie mit seinem Messer verfolgte, zumindest Margret nichts antun konnte, beruhigte ihre Sorge um letztere nur wenig.

Mit fliegenden Fingern riss sie die Tür zum Wohnzimmer auf, in dem Veronikas greise Eltern saßen. Veronikas Mutter, direkt neben dem elektrischen Feuer, hielt gerade den Telefonhörer in der Hand, in den sie, ganz in ihrem Element, einen Redeschwall ablud, den selbst Lianes Erscheinen und atemlose Bitte um Hilfe nicht unterbrechen konnte. Die schwerhörige alte Frau blickte sie kaum an und fuhr dann in ihrem animierten Gespräch fort, das sie mit Gesten ihrer Hände begleitete. Veronikas krebskranker Vater, der in einem tiefen Ledersessel sitzend gerade seine nachmittägliche Zigarre genoss, bedachte Liane mit einem derart verständnislos-kritisch-rügenden Blick, dass sie sich instinktiv duckte, bevor er ihr mit einer barschen Handbewegung bedeutete, die Tür zu schließen. Nachdem sie all dies innerhalb einiger Sekunden aufgenommen hatte, stürzte Liane kurzentschlossen am Wohnzimmer vorbei Richtung Haustür, die sie erleichtert aufriss. Endlich – sie war draußen!

Ihr Blick glitt rasch den Fahrweg des Wochenendhausgebiets hinauf und hinunter. Sie wagte es nicht sich umzudrehen, meinte aber den Atem des Mannes hinter sich zu hören. Sie wusste, dass sie ohne Auto, noch dazu nur mit Socken an den Füßen, so wie sie aus dem Badezimmer gerannt war, nicht weit kommen konnte. Da – hinter einer niedrigen Betonmauer auf der gegenüberliegenden Straßenseite sah sie einen Nachbarn im Garten arbeiten. Sie rannte ein paar Schritte auf den Mann zu, bis ein spitzer Schotterstein in ihrem Fußballen sie abrupt zum Stehen brachte. „He, Sie da! Bitte helfen sie mir!" Ihre Stimme klang heiser und sie musste zweimal ansetzen, bis der Nachbar sich umdrehte. Er sah sie verständnislos, fast stupide an und ging dann wortlos durch die offene Tür in sein Haus hinein.

Mit einem wütenden kleinen Aufschrei wandte sich Liane ab, sah dann eine Frau mit einem Jungen in etwas Entfernung auf sie zukommen, gefolgt von einem älteren Mann mit Hut und Spazierstock. Während sich ihre Gedanken noch fieberhaft um den günstigsten Fluchtweg beziehungsweise eine glaubwürdige Formulierung um Hilfe drehten, spürte sie, wie ihr rechter Arm von hinten gepackt und brutal verdreht wurde, bis sie sich nicht mehr rühren konnte, ohne ihn selbst zu brechen. Sie keuchte entsetzt auf.

„Bitte helfen Sie mir!" rief sie laut. „Ich werde bedroht! Von einem Vergewaltiger!"

Die Frau drehte sofort um und riss den Jungen mit sich, wobei sie etwas von „unverschämt" und „Belästigung" vor sich hin zu murmeln schien. Der Mann, auf der gegenüberliegenden Wegseite nun auf ihrer Höhe, sagte mit beißendem Spott: „Darauf fällt keiner rein. Treiben Sie Ihre Spielchen unter sich, oder Ihre Streitigkeiten, und lassen sie ehrbare Leute in Ruhe!" Er spuckte auf dem Boden und eilte vorbei.

„Genug damit," zischte eine Stimme in ihrem Rücken, während ihr Arm, versteckt hinter Falten ihrer weiten Jacke, einen schmerzhaften Ruck erfuhr. „Du kommst jetzt besser mit, Kleine, bevor mein Messer in deinem Rücken steckt."

Liane stiegen die Tränen in die Augen. Mit einem verlorenen kleinen Schulterzucken drehte sie auf der kiesig gepflasterten Einfahrt und ging, von der Hand an ihrem Arm grob geführt, die Betonstufen hinauf wieder in das Haus zurück, die dunkel gemaserte, hölzerne Treppe hinauf zu Veronikas Zimmer.


Mit einem Ruck riss Liane die Augen auf und stützte sich auf einem Ellenbogen halb auf. Ihr Kissen war ganz zerwühlt, ihre Decke an einer Seite bis auf den Boden gerutscht, und auf ihrer Oberlippe standen Schweißperlen, die sie im ersten Moment für Tränen hielt. Sie seufzte tief auf, als der Horror der Eindrücke allmählich abklang und ihr mit einem unendlichen Gefühl der Erleichterung bewusst wurde, dass es nur ein Albtraum gewesen war.

Liane drehte sich auf die Seite, zog ihre Decke wieder hoch, fast bis über ihre Augen, und rollte sich zusammen wie ein Embryo.

„Dass ich schon wieder etwas dieser Art geträumt habe, wundert mich nicht, auch nicht dass es Veronikas Elternhaus war. Aber warum war Margret dabei? Wieso überhaupt jemand anders, und warum gerade sie?" grübelte sie vor sich hin.

„Vielleicht steht sie für deine jugendliche Persönlichkeitsschicht, die traumatisierte Altersstufe, die auf der Zeit stehenblieb, als dir das widerfuhr?" gab sie sich eine mögliche Antwort in der Art Zwiegespräch mit sich selbst, das sie sich als Einzelkind schon in ihrer Kindheit angewöhnt hatte. „Das könnte bedeuten, dass dein erwachsener Persönlichkeitsteil sich Vorwürfe macht, das Kind in dir nicht besser beschützt und verteidigt zu haben, für das du dich verantwortlich fühlst, wie für Margret."

Liane versuchte das leichte Stechen in der Herzgegend und Gefühl der Schwere, das ihr dieser Gedanke verursachte, zu ignorieren. „Was auch immer von der Handlung echte Erinnerungen im wörtlichen Sinn oder aber Traumverzerrungen waren – wie zum Beispiel das Detail, dass in dem Traum die Bedrohung von einem Fremden ausging und nicht einem scheinbaren Bekannten, der dann zu einem fremden Monster mutiert – wird mir daran jedenfalls Folgendes klar:" sinnierte sie weiter. „Als ich damals... sexuell missbraucht wurde," – sie verzog ein wenig das Gesicht, war aber gleichzeitig stolz auf sich, die Ereignisse beim Namen genannt zu haben, was sie bereits Mut kostete, auch wenn es nur in einem inneren Dialog mit sich selbst war – „war ich allein, meine Verteidigung war mir selbst überlassen, was für das Mädchen, das ich war, eine Überforderung darstellte. Meine eigenen Eltern waren weit weg, Veronikas Eltern – falls sie in der Nähe waren – waren keine Ansprechpartner und Hilfemöglichkeit, und ich hatte keine Fahrtmittel oder sonstige Möglichkeit zu entkommen. Aber ich bin es satt, immer wieder diese Träume zu haben!" Mit einem entschiedenen Ruck setzte sie sich im Bett auf und schleuderte ihre Decke ans Fußende. „Wir werden jetzt all unseren Mut zusammennehmen" – das „wir" war an ihre jüngere Persönlichkeitsschicht gerichtet – und zu diesem Haus des Übels fahren. Ich weiß, dass dort inzwischen niemand mehr wohnt, und ob wir es betreten oder nur von außen durch die Fenster schauen, wenn wir sehen, dass es ein ganz normales Haus ist – inzwischen vermutlich sogar nur noch eine Ruine – mit ganz normalen Räumen, in denen niemand lauert und nichts Schlimmes geschieht, werden wir auf diese Art diesem Ort seinen Schrecken nehmen."

Liane summte leise vor sich hin, während sie sich die Zähne putzte, nicht zuletzt um das stärker werdende Gefühl der Angst und Abneigung in ihrer Bauchgegend zu beruhigen oder zu übertönen. Gerade die Tatsache, dass diese Idee nicht auf ihrem Mist gewachsen war, sondern aus einem der unzähligen Bücher über Verarbeitung traumatischer Erfahrungen stammte, die sie in den letzten Jahren gelesen hatte, bestärkte sie in der Richtigkeit ihres Entschlusses. Als sie sich schließlich auf ihr Fahrrad geschwungen hatte, den Hang in Richtung des Wochenendhausgebiets hinaufgekeucht war und nun klopfenden Herzens vor der heruntergekommenen Hausfront ihrer ehemaligen Folterstätte stand, den Blick auf die teilweise nur noch an einer Angel herabhängenden, verwitterten Fensterläden des zweiten Stockwerks gerichtet, war sie trotz des warmen Wetters froh, ihre schwarze, geschnürte Bikerhose mit aufgenähten Flügeln in Leopardenmuster, die dazugehörige Kapuzenjacke mit der schildähnlichen Frontapplikation sowie ihre schweren schwarzen Lederstiefel zu tragen. Sie lachte laut auf, als sie sich selbst durchschaute.

„Wie in alten Zeiten, als wir uns die Haare kurz schnitten und uns als Ritter stilisierten, nicht wahr?" sagte sie laut. Ihre Stimme hallte unnatürlich hoch in der Stille wieder, und sie bemerkte plötzlich, dass kein einziger Vogel sang. Obwohl die Sonne hell vom Himmel strahlte, wickelte Liane unwillkürlich den Kragen ihrer Jacke fester um ihren Hals und zog den Reißverschluss bis oben hin zu. Fast hätte sie sich noch die Kapuze über den Kopf gezogen wie einen Helm.

„War das in Ihren Tagträumen?"

Mit einem leisen Aufschrei schnellte sie herum wie von der Tarantel gestochen.

Ein paar Meter hinter ihr stand ein schlanker Mann mittleren Alters und mittlerer Größe. Er trug rotbraune Stiefel, schwarze Hosen, ein türkisfarbenes, mittelalterlich anmutendes Leinenhemd und war in einen weiten nachtblauen Umhang gehüllt, eine Aufmachung, die sie passenderweise ritterähnlich anmutete und die zusammen mit seinen halblangen dunklen Haaren, einem kurzen dunklen Bart, ebenmäßigen, freundlichen Gesichtszügen und großen, offenen, blaugrauen Augen zwar nicht gerade in das Schema der Männer passte, deren Attraktivität ihr dem Atem raubte, ihn jedoch ungefährlich, verlässlich und vertrauenswürdig auf sie wirken ließ, so dass sie sich ein wenig für ihre heftige Reaktion schämte.

„Es tut mir Leid, ich wollte Sie nicht erschrecken," meinte der Mann mitfühlend.

Liane atmete laut aus und merkte, dass sie am ganzen Leib zitterte. Unbewusst hatte sie wohl mit einer schrecklichen Realisierung ihres Albtraums gerechnet. „Nein, ist schon in Ordnung," beeilte sie sich zu sagen. „Ich hatte Sie nur nicht herankommen hören."

Er lächelte. „Das ist nicht verwunderlich, ich nähere mich meist sehr leise."

Liane wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte.

„Wie war Ihre Äußerung von vorher zu verstehen?" fuhr ihr Gegenüber fort. „Haben Sie Bedarf an ritterlicher Unterstützung?"

Liane spürte, wie sie rot wurde angesichts dieser Direktheit. „Ja, nein, ich weiß nicht." Sie holte tief Luft und setzte noch einmal an. „Ich habe in diesem Haus etwas zu erledigen und... bin mir nicht sicher, was ich darin vorfinden werde." Sie war erstaunt über ihre Offenheit, selbst wenn er nicht wissen konnte, wovon genau sie redete.

„Ich kann für Sie nachschauen, was darin ist, wenn Sie möchten. Dass sich kein Geist in irgendeiner Ecke verbirgt und so, Sie wissen schon." Er lächelte sie an, aber es kam ihr eher verschwörerisch als herablassend vor.

„Ich... wollte schon zuerst hinein," erwiderte sie. Warum ihr das plötzlich wichtig war, konnte sie selbst nicht erklären. „Aber es wäre nett, wenn Sie hier warten könnten, bis ich wieder draußen bin." Auf diese Art konnte sie ungestört und in ihren möglichen emotionalen Reaktionen unbeobachtet das Innere des Hauses anschauen und brauchte dennoch nicht völlig allein in dieser für sie prekären Gegend zu sein.

„Geht in Ordnung," erwiderte der Mann freundlich.

Liane atmete tief durch, ging die paar Schritte über die efeu-überwucherte Einfahrt bis zu der Haustür, legte ihre Hand so vorsichtig auf die Klinke, als wecke sie eine schlafende Schlange, schloss kurz die Augen und drückte dann entschlossen die Klinke herunter. Nichts passierte. Sie drückte noch einmal fester, seufzte dann enttäuscht und wandte sich ab. Wieso war ihr nicht früher der Gedanke gekommen, dass das Gebäude selbst in dem verlotterten Zustand, in dem es sich inzwischen befand, verschlossen sein würde? Was nun? Mit etwas Mühe könnte sie vielleicht einen der Fensterläden aufdrücken und versuchen, durch ein Fenster einzusteigen, falls wider Erwarten eines offen war. Irgendetwas in ihr sperrte sich jedoch gegen den Gedanken, widerrechtlich in das Gebäude einzudringen, Sachbeschädigung zu begehen oder auch nur mehr als nötig davon anzufassen – zumal sie von mindestens einer Person gesehen wurde, wenn man weitere möglicherweise vorbeikommende Passanten oder in einem vielleicht noch bewohnten der anderen Wochenendhäuser versteckte potentielle Beobachter außer Betracht ließ.

„Ich kann für Sie nachschauen, wenn Sie möchten," wiederholte ihr Begleiter, der ein Stück an sie herangetreten war, sein Angebot. „Sie müssen mir nur genau sagen, was Sie wissen wollen."

„Haben Sie einen Schlüssel?" fragte Liane verblüfft.

„Nein, aber ich komme auch so durch die Tür – ohne Sachbeschädigung, keine Sorge."

Liane runzelte verwirrt die Stirn."Sie könnten nachschauen, ob in dem Zimmer im zweiten Stock, das hinter diesem Fensterladen liegt" – sie zeigte rasch auf das obere Fenster zu ihrer Linken – „naja, ob da alles normal aussieht... oder irgendetwas Ungewöhnliches ist... ich weiß nicht, ein Mensch wird ja wohl nicht drin sein" – sie lachte nervös – „vielleicht könnten Sie mir einfach das Zimmer beschreiben, so wie Sie es sehen." Obwohl er sie bestimmt für verrückt halten musste, atmete ein Teil von ihr erleichtert auf, weil sie es sich auf diese Weise auch ersparte, selbst hineingehen zu müssen. „Hoffentlich reicht das aber auch, um die Erinnerung zu entschärfen, und ist nicht ungültig wegen Schummelei," wandte ihr perfektionistischer Teil besorgt ein.

„Alles klar." Mit diesen Worten ging der Mann auf die Tür zu, wickelte seinen blauen Wollumhang ein wenig fester um seine Schultern und schritt weiter, als wäre die massive, immer noch stabile Holztür nichts weiter als ein nebliger grauer Seidenvorhang.

Liane entfuhr ein kleiner Laut der Überraschung, als sie zuerst den rechten, blau-ummantelten Arm, dann die Schulter, dann den dunkelhaarigen Kopf, schließlich den Rücken und den Rest des männlichen Körpers in dem Holz verschwinden sah. Ungläubig starrte sie auf die leere schwarzbraun gemaserte Tür.

Sie hatte sich noch nicht von ihrem Schreck erholt, da tauchte auch schon erneut ein Arm durch das Holz auf, binnen einer Sekunde gefolgt von dem restlichen Körper des Fremden, bis sich der letzte Zipfel seines Umhangs vor ihren Augen vervollständigte.

„Alles leer außer Staub, noch nicht einmal mehr Möbel zu sehen, oder Vorhänge, und erst recht keine Lebewesen," meldete er knapp.

„Lebewesen," wiederholte Liane stupide. „Sie sind ein Geist!"

Er lächelte ein wenig. „Jeder Mensch ist ein Geistwesen, wenn man es so definieren möchte. Oder hat zumindest die Anlage dazu."

„Das meine ich nicht... die Tür..."

„Ich weiß. Sie meinen die Tatsache, dass ich einen transzendenten Körper habe." Er schwieg kurz, als überlege er. „Ich bin ein Bote," sagte er schließlich. „Auf Befehl eines Höheren hier."

„Ihr... Ihr seid ein Engel?" flüsterte sie mit plötzlich leuchtenden Augen, wobei sie unwillkürlich in eine mittelalterliche beziehungsweise Mittelerde-ähnliche Sprache verfiel. Ob er wusste, dass seit ihrer Kindheit Engel ihre Tagträume bevölkerten, die Helden ihrer insgeheim vor dem Schlafengehen ausgedachten Geschichten waren, Hauptmotive ihrer Zeichnungen, Stoff ihrer Lieblingssendungen und -bücher, weshalb sie auch die engelähnlichen Elben in ihrem Lieblingswerk Herr der Ringe so faszinierten?

Er nickte als Antwort auf ihre Frage. „Man nennt mich den Wüstenreiter."

Liane starrte ihn mit aufgerissenen Augen an. Es klang so majestätisch. So edel. So... anders als dieser gewöhnliche Mann mittlerer Größe und unscheinbaren Aussehens, der sie gerade warmherzig, forschend, fast ein wenig befangen, anlächelte.

„Verwirrt Sie das sehr?"

„Ne-nein," stotterte sie unaufrichtig. „Ich hatte mir nur immer vorgestellt, dass Engel... nun ja... irgendwie anders wären, also ich meine, dass ein Engel..." Ihre Stimme verlief sich unsicher.

„...attraktiver aussehen müsste," vollendete er ihren Satz trocken.

Liane spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss.

„Inwiefern meine Schönheit und Anziehungskraft meinem Gegenüber offenbart wird oder verborgen ist, liegt nicht in meiner Hand. Oder vielmehr ist es ein Recht, auf das ich verzichtet habe, und das ich nun nicht an mich reiße."

Liane nickte stumm und schwieg dann längere Zeit, während derer sie den Mann vor sich skeptisch musterte und gleichzeitig bemüht war, die soeben erhaltenen Informationen zu prozessieren.

„Aber... hier ist keine Wüste," sagte sie schließlich lahm.

„Wüste ist überall da, wo jemand Mangel leidet. Wo kein Wasser ist, kein Brot, keine Hilfe. Wüste ist da, wo jemand eine Prüfung erlebt. Wo jemand leidet. Wüste ist jeder Ort, den jemand gerne schnellstmöglich wieder verlassen würde."

Lianes Gesicht verhärtete sich. Ob er wusste, dass sie sich in genau diesem Haus, vor dem sie nun standen, sehnsüchtig die Hilfe eines Engels erhofft hatte – umsonst?

„Zu dieser Bezeichnung gehört die Tatsache, dass ich derjenige war, der vor dem Volk Israel durch die Wüste zog." Er sah sie kurz an, wie um sich ihres Allgemeinwissensstandes zu versichern. „Du weißt schon, der Engel Gottes, der bei dem Auszug Israels aus der ägyptischen Sklaverei vor seinem Volk herzog durch die Wüste, bei Tag als Rauchsäule und bei Nacht als Feuersäule."

„Dann... könntet Ihr euch also auch in eine Rauch- oder Feuersäule verwandeln, oder sonst irgendetwas... Abstraktes?" Liane sah ihn leicht ängstlich an, da er ihr in der momentan dargebotenen Gestalt trotz ihrer vorherigen Enttäuschung plötzlich viel besser gefiel.

„Nein." Er schüttelte den Kopf. „Diese Möglichkeiten habe ich inzwischen abgelegt."

Liane atmete unwillkürlich auf. „Und... was ist mit Flügeln?" Sie verrenkte sich fast den Nacken, um einen Blick hinter den Rücken ihres Gegenübers zu erhaschen, und versuchte an den Konturen seines Umhangs zu erkennen, ob darunter das von ihr als integralen Bestandteil eines Engels so heiß ersehnte Flügelpaar versteckt sein könnte.

„Auch diese Erscheinungsform steht mir, zumindest in der erwarteten Art, zur Zeit nicht offen," meinte dieser zu ihrer Enttäuschung. „Aber genug über mich. Mich schickt der Vater der Vaterlosen, der Verteidiger der Frauen ohne Mann."

Liane sah ihn stumm an, während widersprüchliche Gefühle unter der Oberfläche der verhältnismäßig ruhigen Erscheinung ihres Gesichtes brodelten, von der tiefen Sehnsucht, die diese Worte hervorriefen, bis zu der Frage, die immer noch in ihr Herz einschnitt wie ein Messer – der Frage, wo dieser angebliche Verteidiger damals war. „Und was ist die Botschaft?" meinte sie schließlich leise.

„Du brauchst nicht deine eigene Verteidigerin zu sein, Liane. Du brauchst dir keine falsche Verantwortung dafür aufzuerlegen."

Liane spürte, wie ihr, ohne dass sie es kontrollieren konnte, die Tränen in die Augen stiegen.

„Das ist ein Teil der Botschaft," sagte der Engel behutsam. „Sie kommt in der Du-Form, deshalb habe ich diese verwendet," kommentierte er korrekterweise. „Aber wenn du einverstanden bist, wäre es mir recht, wenn wir beide auch per du wären."

Sie nickte nur. All diese Förmlichkeiten kamen ihr nun nebensächlich vor. „Was noch?" Auch wenn sie es nicht eingestand, war Liane froh, dass die Informationen stückweise portioniert kamen.

„Er schickt dir jemanden zu Hilfe." Die Augen ihres Gegenübers bohrten sich in ihre, wie in einer stummen Bitte, trotz all ihrer Einwände, Bitterkeit und Vorwürfe des Im-Stich-Gelassenwordenseins diesen Worten den Ansatz einer Chance zu geben. „Mich."

Liane lachte kurz und freudlos auf. Fast war es ihr egal, ob man den ironischen Unterton dabei heraushören konnte. „Und wie sollte mir jemand jetzt noch helfen können, nachdem es schon vorbei ist? Außer, dass Sie – du für mich durch die Tür gehen kannst und nachschauen – als ob das jetzt noch so wichtig wäre."

„Du hast verschiedene Möglichkeiten, den Horror dieses Hauses zu entschärfen, Liane," fuhr ihr Gegenüber ungerührt fort. „Eine davon ist die, die du vorhattest: Du kannst in diese Ruine hineingehen und dich vergewissern, dass sie leer und harmlos ist, wie du es durch mich soeben indirekt getan hast. Indirekte Wege gibt es übrigens noch mehr, zum Beispiel auch indem du darüber schreibst, und wenn es nur in einer verschlüsselten Form geschieht." Er machte eine kleine Pause. „Dir steht aber auch die Möglichkeit offen, mit mir zusammen hier hineinzugehen, nicht heute, sondern damals, in die Erinnerung – ob du das Haus dabei körperlich betrittst oder nicht, ist Nebensache – und dir in dem, was dort geschah, die Wahrheit zeigen zu lassen."

Liane zuckte zusammen. „Was meinst du mit der Wahrheit?" fragte sie schließlich, auch um Zeit für ihre Entscheidung zu gewinnen.

„Die Wahrheit über dich – soweit du es wissen möchtest, über deinen Peiniger – und vor allem über Gott."

Liane bemerkte, dass ihre Arme zitterten, als sie Seite an Seite mit ihrem Begleiter dicht unter den verschlossenen Fensterläden des ominösen Raumes stand. Unwillkürlich bewegte sie ein wenig ihre Finger, um die feste, sichere Hand des Engels zu spüren, der im Gegenzug ihre beruhigend ein wenig drückte. Sie wusste nicht, wer wessen Hand zuerst ergriffen hatte, und konnte sich auch logisch nicht erklären, wie sie die Finger eines transzendenten Wesens so real und lebendig an ihren spüren konnte, aber sie war zutiefst dankbar für diese Geste der Verbundenheit.

„Ich kann dich leider mit deinem irdischen Körper nicht durch diese verschlossene Tür hindurch mitnehmen," meinte ihr Gegenüber bedauernd. „Aber du kannst das Haus in deiner Erinnerung betreten."

Sie zuckte ein wenig zusammen.

„Nicht indem du es forcierst, Liane, und nicht wenn du dich schutzlos fühlst. Wir können hier unverrichteter Dinge weggehen und ein andermal wiederkommen, wenn dir das lieber ist, oder auch für immer wegbleiben, ohne dass du dich deswegen schlecht zu fühlen bräuchtest. Ich weiß, dass dich oft Rückblenden dessen, was geschah, heimsuchen, und es dir vorkommt, als könntest du diesen Erinnerungsfetzen nicht entrinnen. Es gibt eine Zeit, sie abzublocken, vor ihnen davonzulaufen, und das ist richtig so; aber es gibt auch eine Zeit, sie zuzulassen, sich ihnen zu stellen und ihnen die Macht zu nehmen. Diese Zeit ist jetzt gekommen, wenn du dich dafür entscheidest. Aber nicht, indem du dich unvorbereitet ins kalte Wasser stürzt. Schau mir in die Augen."

Liane drehte ihr Gesicht zu ihm hin und sah stumm in die blaugrauen Seen, die sich ihr offen und ehrlich darboten. Sie las Reinheit geläuterter Weisheit darin, Treue, kein Falsch. Je länger sie diesen Anblick in sich aufsog, desto mehr erschien es ihr als bildeten die schillernden, ineinanderwechselnden Blau- und Grüntöne seiner Iris einen Erdball, das Ozeanblau und Landgrün von Wasser und Kontinenten, die Schwärze seiner glänzenden Pupillen das sternenschimmernde, unendliche Universum. Nichts wünschte sie mehr, als sich in seinen Tiefen zu verlieren, sein Mysterium zu ergründen. Einfach wie ein Sonnenstrahl, glasklar wie ein schimmernder Regenbogen, wusste sie plötzlich, dass er alles war, was sie brauchte, und dass dies für alles genügte.

„Darf ich dir meinen Schutz anbieten?" Seine Stimme wehte in ihre Gedanken wie ein zarter Windhauch in die leise wispernden Blätter eines Baumes, ließ ihr Herz erklingen wie die Saiten einer Harfe.

Sie nickte unter Tränen.

Er nahm seinen Mantel ab und breitete ihn behutsam um Lianes Schultern, bevor er sanft seinen linken Arm über dem samtigen, dunkelblauen Stoff um sie legte, während der rechte zum Handeln freiblieb. „Die Flügel, die ich noch habe, sind meine Arme," sagte er leise. „Sie reichen aus, um dich vollständig zu umfangen und zu verteidigen."

Liane spürte, wie seine Rechte sachte über ihre Wange strich, leicht und weich wie eine Feder. Dann neigte er sich ein wenig herab und küsste sie ganz sanft auf die Stirn. Vorsichtig nahm er schließlich wieder ihre Hand in seine, während sein anderer Arm ihre Schulter immer noch schützend umgab.

„Was auch immer geschieht, Liane, wenn wir beide zusammen durch diese Tür treten: Auch wenn du mich nicht wahrnimmst, auch wenn du den Weg nicht weißt, ich bin bei dir, ich bin immer bei dir und lasse dich nie los."

Er grinste ihr verschwörerisch zu und wickelte noch etwas mehr von seinem Umhang um ihren Körper. Für einen Moment schien es Liane, als schimmerte der Stoff in allen Farben des Regenbogens, wie ein Versprechen. Dann wandte sie ihren Blick entschlossen nach vorne, auf die verwitterte Hausfront und die schief in ihren verrosteten Angeln hängenden Fensterläden des zweiten Stockwerks.


Liane fühlte sich, als würde sie von den hölzernen Planken eines zerbrechlichen kleinen Bootes in die eiskalte, wogende, bodenlose Tiefsee springen, als sie ihre Augen schloss und die Erinnerungen zuließ, die schon seit ihrer Ankunft an diesem Ort, seit ihrem ersten erneuten Anblick dieses Hauses, wie bedrohliche Wasserschlangen aus der Tiefe an die Oberfläche ihres Bewusstseins hervorzubrechen versuchten, sie in eine andere Zeit zurückzutransportieren.

Beruhigend spürte sie die feste Hand in ihrer, die sie behutsam drückte. „Hab keine Angst, Lia – darf ich dich so nennen?" Sie nickte schnell. „Du wandelst mit dem Wüstenreiter. Ich bin der, der das Meer zerteilt. Der auf den Wolken und dem Wind einherzieht. Mir ist Macht gegeben über alle Elemente." Er lächelte sie aufmunternd an.

Wie am Rande bemerkte Liane, dass sein Mantel nun das tiefe Rot von warmen, unauslöschbaren Feuerflammen hatte, pulsierend wie ein schlagendes Herz. Doch was ihre Aufmerksamkeit noch viel stärker fesselte, waren seine Augen, die nun – da das Blau von Wasser durch den in ihrer Vorstellung vollzogenen Vergleich für sie eher eine bedrohliche Dimension angenommen hatte – in einem warmen Braun erstrahlten, durchsetzt von kleinen goldenen Fünkchen. Die Haare, die sein Gesicht umrahmten, hatten ebenfalls einen helleren, warmen Braunton angenommen, mit fast blonden Strähnen durchsetzt, die in orangegoldenen Lichtreflexen schimmerten.

Ein leiser Laut des Erstaunens entfuhr ihr, bevor sie sich erinnerte, dass Engel ja ihre Gestalt verändern konnten, beziehungsweise die Art, wie sie Sterblichen erschienen und diese sie wahrnahmen. Auch wenn dieser Engel keine Flügel mehr hatte und laut eigener Aussage nur noch wenig Einfluss auf seine äußere Erscheinungsform haben konnte, so schien diese Einschränkung doch nicht absolut zu sein.

„Wenn du durchs Wasser gehst, bin ich bei dir, es wird dich nicht ertränken." hörte sie die Stimme ihres Beschützers wie zur Erklärung seines veränderten Aussehens.

Liane atmete auf. „Mit dir an meiner Seite habe ich keine Angst – jedenfalls viel weniger als sonst," fügte sie ehrlich hinzu. Mit einem großen Schritt in ihren Gedanken schickte sie sich an, die Tür zu Veronikas Zimmer zu öffnen und den Raum des Schreckens zu betreten.

„Warte noch einen Moment."

Sie spürte, wie ihr Begleiter ihre Hand kurz losließ, und drehte sich leicht alarmiert herum. Mit einer raschen, schwungvollen Bewegung legte er seinen Umhang ab. Die Kleider, die er vorher darunter angehabt hatte, waren nicht mehr vorhanden, so dass er nur noch eine Art Lendenschurz trug, der gerade soviel seines Körpers verbarg, dass Eliane sich nicht unwohl zu fühlen brauchte. Ihre Augen sogen sich für ein paar Sekunden am Anblick seiner muskulösen Brust und Arme fest, die bisher vor ihr verborgen gewesen waren. Dann drehte er sich mit taktvollem Anstand um, etwas von ihr weg, und hob beide Arme hoch in die Luft, wie in einer Geste der Bitte oder Hingabe. Zu Elianes Erstaunen legte sich ein weißrot schimmerndes Kleidungsstück um seinen Körper, so als wäre es ihm mitten aus der Luft von unsichtbarer Hand gereicht und übergestreift worden. Als er sich wieder zu ihr hindrehte, erkannte Eliane, dass er nun in ein kurzärmeliges, etwa knielanges Leinenhemd gekleidet war, das ihr aus irgendwelchen Historienfilmen aus biblischer Zeit vage bekannt vorkam. Sie konnte nur immer noch nicht entscheiden, ob seine Farbe weiß oder rot war, da es zwischen diesen beiden Alternativen zu fluktuieren schien, so als seien sie beide wahr – weiße Reinheit und blutiges Leiden.

„Es ist ein Kampfhemd," sagte der Engel mit fester, entschlossener Stimme. „Unser Kampfhemd, für das, was nun auf uns zukommt. Es ist gleichzeitig ein Leidenshemd und eine Königsrobe, wie bei der Kreuzigung des Gottessohnes. Du hast gekämpft, Lia, so gut du unter all den Begleitumständen konntest, Widerstand geleistet, auf deine Weise, wenn nicht äußerlich dann innerlich, in jeder Sekunde deines Lebens wo du etwas nicht wirklich mit deinem Herzen wolltest, und du hast keine Schuld an den Dingen, die passiert sind. Aber nun darfst du mich für dich kämpfen lassen, für uns beide. Meinem starken Arm vertrauen. Alles, was du zu tun brauchst, ist dich anzulehnen an mich."

Liane nickte stumm. Vorsichtig, zaghaft, wie wenn man eine Brücke betritt und sich nicht sicher ist, ob sie einen tragen kann, ob sie nicht unter dem schweren Gewicht zusammenbricht, lehnte sie ihren Kopf an die breite Schulter ihres Beschützers, ihre Schultern, ihren ganzen Körper, und fühlte, wie sich ihre Muskeln entspannten. Sie seufzte tief.

Warm und weich spürte sie seinen Umhang um sich, bemerkte wie am Rande, dass er ihn völlig ihr überlassen hatte, selbst schutzlos bis auf das dünne Leinenhemd. Sie kuschelte ihre Wange in den Stoff, der nun dick wie Samt in einem dunklen Schwarz schimmerte, benetzt von silbernen Tauperlentränen wie Sterne am nächtlichen Firmament. Es war, als wäre in diesem Mantel das ganze Universum eingewoben – ein gutes, nicht gefallenes, ein ihr wohlgesonnenes Universum, von dem Schutz ausging, nicht Bedrohung. Liane betrachtete fasziniert die Struktur des Stoffes direkt vor ihren Augen und stutzte plötzlich. Für einen Moment hatte es ausgesehen, als bestünden die Fasern direkt an ihrer Haut aus kleinen, unendlich zarten Federfläumchen. Sie versuchte sie zu greifen – ihre Finger strichen über die weichen Fäden samtiger Wolle. Gleichzeitig blitzten etwas weiter entfernt, gerade außerhalb ihrer Griffweite, die dunklen Konturen fester Flugfedern für eine Sekunde ein wenig aus dem nachthimmelähnlichen Material hervor.

Ein Verdacht stieg in Liane auf. Sie löste ihr Gesicht leicht bedauernd aus der Kuhle zwischen seiner Schulter und seinem Hals, um in seines schauen zu können. „Hast du...?" Ihre Stimme verlief sich unsicher, bevor sie erneut ansetzte. „Dein Mantel – waren das vorher deine Flügel?" Sie lachte nervös, weil ihr ihre Vermutung auf einmal selbst absurd vorkam. „Ich meine, du sagtest, du hättest deine Flügel aufgegeben oder ablegen müssen oder so etwas. Also jedenfalls hast du keine mehr, und der Mantel... ist irgendwie etwas Ähnliches wie Flügel? So als ob sie zu einem Mantel verarbeitet worden seien oder so?"

Er nickte ihr lächelnd zu. „Du brauchst deiner Intuition nicht zu misstrauen, Liane," sagte er freundlich. „Noch deiner Intelligenz."

Liane starrte ihn minutenlang an, als sich Möglichkeiten in ihrem Kopf überschlugen, die sie sich noch viel weniger traute zu äußern, aus Angst, sie würde damit doch falsch liegen.

„Warum?" war schließlich alles, was sie hervorbrachte.

„Du weißt die Antwort, Liane." Er lächelte sie erneut sanft an. „Meine Flügel – mein Mantel – sind dein."


Ungebeten und ohne dass sie sie länger zurückdrängen konnte, brachen nun Erinnerungen auf Eliane ein. Sie brauchte sich gar nicht vorzustellen, durch die Tür zu treten, tat es vielleicht als Nachgedanke, aber ihr Bewusstsein war schon längst in dem gefürchteten Raum, im Machtbann der voll Schrecken erwarteten Person, deren jedes Detail sich in ihre Netzhaut eingebrannt hatte, in ihre Haut, in ihren Geruchssinn, in ihre Emotionen, in ihre Seele.

„Ich bin bei dir," hörte sie wie durch Watte hindurch aus der Ferne, während sie innerlich strampelte und kämpfte, nicht unterzugehen in den Fluten abgrundtiefer Angst, den übermächtigen, erstickenden Wogen des Ekels, der Scham, der zentnerschweren Last des Schuldgefühls, der Erniedrigung abgrundtiefen Versagens. Irgendwo am Rande ihres Bewusstseins schwebte die Ecke eines roten Mantels wie die äußerste Feder eines mächtigen Flügels, und sie griff danach, klammerte sich verzweifelt daran fest.

Allmählich beruhigte sie sich etwas, ihr Atem verlangsamte sich wieder. Vorsichtig sah sie um sich, registrierte die beigegelbe Tapete, die kalten Metallmöbel, die schwarzen Tüllvorhänge des breiten Bettes, die ganze Einrichtung dieses Raumes zu einer Zeit, in die sie die Wahrnehmungsfetzen unverarbeiteter Geschehnisse zurücktransportiert hatten. Noch hielt sie ihren Blick krampfhaft auf die Wand zu ihrer Linken gerichtet, verzweifelt darum bemüht, die Anwesenheit des ihr verhassten Mannes so lange wie möglich auszublenden – und blinzelte plötzlich überrascht.

„Engel! Es sind Engel im Raum!" Sie rief es laut aus vor Erstaunen. „Der ganze Raum ist angefüllt mit Engeln, so viele, ich kann sie gar nicht zählen! Ich bin nicht hier alleingelassen, wie ich immer dachte, verlassen und allem ausgesetzt, während Gott sich nicht um mich kümmert. Er ist da, mit ganz vielen seiner Engel bei mir, während ich gequält werde und leide!"

„Er befiehlt seinen Engeln deinetwegen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen,"1 hörte sie die Stimme ihres Beschützers neben sich.

Liane zuckte unwillkürlich zusammen und drehte sich rasch um. Ihn hatte sie für einen Augenblick ganz vergessen.

„Sie sind bei uns, während wir gequält werden und leiden," änderte er ihren letzten Ausruf mit sanfter, doch fester Stimme ab.

Liane starrte ihn an und versteifte sich. Sie wandte ihre Augen zurück in den Raum, auf die immer noch klar sichtbare Erscheinung, blickte eine Zeitlang stumm auf die ätherischen, andersweltlich anmutenden, in dem Lichtstrahl wie in einem Windhauch schwebenden und sich dabei doch nicht von der Stelle bewegenden, schwerelosen geflügelten Gestalten, deren Ausstrahlung gelassener Anmut so fremdartig, unbekannt und weitgehend unkennbar auf sie wirkte, dass sie an ihrer Existenz gezweifelt hätte, wenn sie sie nicht mit ihren eigenen Augen vor sich sähe. Schließlich drehte sie langsam den Kopf, wie in einem Traum, bis ihr Begleiter ihr gesamtes Sichtfeld ausfüllte, ließ schweigend ihren Blick über seine verwuschelten, an der Stirn leicht verschwitzten Haare gleiten, seine feucht schimmernden, emotionsgeladenen Augen unter den langen dunklen Wimpern, nahm den rosigen Schimmer auf seinen gebräunten Wangen wahr, die vor Eifer um ihre Befreiung glühten, während sich die Sehnen seiner Muskeln an seinem Oberarm unruhig unter dem dünnen Leinenstoff bewegten, so als könnten sie vor Tatendrang kaum den nächsten Schritt abwarten. Sie brauchte kein weiteres Mal zu den Wesen zurückzuschauen, kein weiteres Mal zu ihm.

„Du bist kein Engel."

Sie sagte es nüchtern, sachlich, fast emotionslos. In irgendeiner Ecke ihrer Selbst spürte sie den kleinen Luftzug der Enttäuschung, als dieser Traum, zu Staub zerfallen, hinausgeweht wurde. Doch gleichzeitig regte sich eine wilde Hoffnung, ungeahnte Möglichkeiten, endlose neue Träume, die Realität werden könnten, aus der Erkenntnis heraus geboren, ein warmes, atmendes Wesen aus Fleisch und Blut neben sich zu haben – ein Wesen wie sie.

Ihr Gegenüber sah sie für einen Moment schweigend an, bevor er den Mantel, der durch ihre heftige Reaktion verrutscht war, wieder behutsam über ihre Schulter zog. „Nein, ich bin kein Engel," sagte er dann leise. „Nicht in dem Sinn, wie du es dir vorgestellt hast, als du dieses Wort vorhin als erste in den Mund nahmst." 'Vorhin' – es kam ihr vor wie ein anderes Leben, in Anbetracht dessen, was sich seither alles abgespielt hatte!

Die goldbraunen Augen sahen sie offen an, nicht auf den Boden. Sie las immer noch kein Falsch darin.

„Ich bin ein Gesandter. Dein Diener, von vor deiner Geburt bis über das Ende deines Lebens hinaus, dein Wächter und Befreier. Vorherbestimmt, dein Gefährte zu sein, wenn du einwilligst. Dein Mann, wenn du dazu ja sagst – so wie ich." Er schluckte, machte eine kleine Pause, wandte seine Augen ab von ihr in die Ferne. „Und alles, was ich gesagt habe, ist wahr."

„Nein." Liane schüttelte verwirrt den Kopf, wie um ihn freizubekommen. Sie dachte an die Feuersäule, die Rauchsäule, den Auszug der Israeliten aus Ägypten... „Wüstenreiter", „der auf den Wolken und dem Wind einherzieht"...

„Sieh sie dir an, Liane," unterbrach ihr Begleiter ihre Gedanken. Er wies mit einer kleinen Bewegung seines Kinns in Richtung der fast durchsichtig erscheinenden Lichtgestalten. „Sie sind rein transzendente Geistwesen. Eine völlig andere Daseinsform als du. Unsterblich, wie die Elben in Herr der Ringe. Sie haben nie den Tod geschmeckt, kennen das Geheimnis der Sterblichen nicht. Wissen nicht, wie Fleisch und Blut sich anfühlt. Wie es ist, in einem menschlichen Körper gefangen zu sein, den man nicht verlassen kann, was auch immer mit ihm getan wird. Sie können nicht ahnen, was man empfindet, wenn man seine Flügel verliert."

Liane bemerkte mit Erschrecken, wie eine kleine, silbern schimmernde Träne seine Wange herabrann, gefolgt von weiteren, größeren, glitzernd wie Tautropfen. Sie konnte dem Impuls nicht widerstehen, sie mit ihrem Zeigefinger vorsichtig von seiner Haut zu streicheln, auch wenn sie instinktiv wusste, dass sie um ihretwillen fielen, für sie, dass es ihre eigenen waren, die er für sie weinte.

„Wenn Engel dir ihre Tränen schenken könnten," fuhr er mit einem kleinen, traurigen Lächeln fort, „dann könnten sie es höchstens aus Mitleid tun, weil sie deinen Schmerz aus deinem Gesicht ablesen, oder weil Gott ein Stück weit sein Herz für dich mit ihnen teilt. Sie könnten nicht deinen Schmerz teilen, dein ganzes Leben teilen, alles, was du durchlebst, genauso empfinden wie du, sogar noch stärker. Sie könnten dein Leid nicht teilen, es mit dir tragen, es für dich tragen. Sie könnten nicht den Tod mit dir teilen, deinen Tod sterben – weder deinen körperlichen noch die tausendfachen Tode deiner Seele."

Liane rückte ein Stück von ihm ab, fast überfordert von der Fülle der widersprüchlichen Gefühle, die in ihr durcheinanderwirbelten: den Wunden, die seine Worte anrührten, der Linderung, die sein offensichtliches Verstehen, ja Kennen, darauf goss, dem Impuls, sich in seine Arme zu werfen, die erbarmungsvolle Liebe auszukosten, die sie von seiner Person sowie jeder seiner Handlungen und Worte ausstrahlen spürte – und den vielen ungelösten, misstrauisch von ihr umhergewälzten Fragezeichen, die sie davon abhielten. Ohne Überlegung, ohne verbrämende Floskeln oder sinnvolle Überleitung, brach es aus ihr heraus, heftig, fast anklagend:

„Wer bist du?"

Knapp, fast barsch, wies sein Arm auf den gleißenden, undeutlichen Lichtkegel, der die Engel umgab, dessen Konturen sich undefinierbar im Raum verflüchtigten.

„Frag Ihn. Frag Gott – deinen Vater."

Unsicher, schüchtern, fast ängstlich und doch von der Dringlichkeit ihres Anliegens mit plötzlichem Mut erfüllt, starrte Liane suchend das immaterielle Lichtfeld hinauf, das sich ihren Augen zu entziehen schien.

„Ich bin dein Vater," schwebte plötzlich der Gedanke durch ihren Kopf, sanft und doch klar wie ein Lichtstrahl, so deutlich, dass sie wusste, dass er mehr war als nur ihre eigene Überlegung. „Ich beschütze und verteidige dich, überall da, wo du 'vaterlos' warst, wo dein irdischer Vater nicht für dich da war oder versagte."

Liane wurde still unter der Gewichtigkeit dieser Worte. Wie hatte der Engel – der keiner war – es ausgedrückt? „Ein Vater der Vaterlosen, ein Verteidiger der Frauen ohne Mann."2

„Engel sind meine Diener," fuhr die sanfte Stimme in ihrem Kopf fort. „Sie tun, was ich sage. Sie sind um dich her auf all deinen Wegen, denn ich dein Vater habe mich verpflichtet als dein Beschützer. Sie umgeben dich täglich zu Tausenden, Himmelsheere, die unsichtbar eure Welt durchdringen. Erzengel sind ihre Anführer, betraut mit besonderen Ehrenämtern, alle Vollstrecker meines Willens."

Liane spürte eine kleine, bedeutungsschwere Pause, bevor die Stimme in ihren Gedanken erneut anhob: „Ich aber schicke dir meinen einzigen Sohn. Er wollte es selbst tun."

Lianes Kopf fuhr mit einem Ruck zu dem Mann neben ihr zurück, der sie leicht befangen anlächelte. In den goldenen Augen – majestätisch flammend wie die eines Adlers oder einer edlen Großkatze, und doch weich schimmernd vor bangender Sehnsucht wie eine verletzliche, warmgelbe Kerzenflamme – las sie die stumme Frage: 'Bin ich dir genug? Nun, da du weißt, wer der ist, der sich dir schenkt – möchtest du mich haben?'

Tränen schossen ihr in die Augen. „Du bist wunderschön," flüsterte sie aus ehrlichem Herzen. „In allem, was du für mich gelitten, für mich getan hast. In allem, was ich bis jetzt von dir kenne."

Die Freude in den goldenen Seen, die sich nun ebenfalls mit Tränen füllten, floss über Lianes Herz wie Honigbalsam, zeigte ihr spätestens jetzt unmissverständlich, dass sie wertvoll, dass sie gewollt war – gewollt von dem Einzigen, der sie nie verletzen würde.

Dann erst wurde sie sich wieder ihrer Umgebung bewusst.


So als sei sie nun endgültig gerüstet, dem Schlimmsten ins Auge zu sehen, brachen die Abwehrdämme in ihrem Inneren, die bisher, durch die krampfhaften Fluchtreflexe ihrer Angst immer wieder notdürftig befestigt, noch zwischen ihr und dem Geschehenen zitterten wie halb zerrissene Spinnfäden. Die Erinnerung – immer wieder vergessen und doch in solchen Momenten wohlbekannt, ihr Ablauf nach Beginn mit Bangen erwartet und doch immer wieder wie eine ständig nachgerüstete Folterkammer mit neuen, bisher verdrängten Überraschungen bestückt – spulte sich nun unbarmherzig vor Elianes inneren Augen ab wie der grausamste Horrorfilm – nur dass es hier keine Fernbedienung gab zum Umschalten – und überschlug sich fast, als sie der meistgefürchteten Stelle entgegenbrandete, vor der Eliane jedes Mal zurückzuweichen versuchte wie ein mittelalterlicher Stadtbewohner vor der Pest, meist mit der gleichen Erfolgschance.

Plötzlich, mitten in der schutzlosesten, ohnmächtigsten, schrecklichsten Situation ihres bisherigen Lebens, sah sie eine Hand zwischen sich und ihrem Bedränger – eine lebendige, warme, reale Hand, genau an der Stelle ihres Körpers, wo sie am dringendsten irgendeine Grenze, irgendeinen Schild, irgendeinen Schutzwall gebraucht hätte. Blut floss aus dieser Hand, legte sich wie eine Schutzschicht zwischen sie und die Bedrängung, wusch noch im gleichen Moment jede Stelle ihres Körpers, die usurpiert wurde, um alle empfundene Beschmutzung aufzusaugen, auszulöschen, fortzuspülen, sie noch im Moment der Besudelung zeitgleich zu reinigen.

„Ich bin immer zwischen dir und ihm," hörte sie die ruhige, souveräne Stimme des Gottessohnes neben sich, dessen Gegenwart ihr nun sehr deutlich bewusst war. „Er hat mich zuerst missbraucht."

Sie saugte ihren Blick an seiner Erscheinung fest, folgte mit ihren Augen mitten in dieser Situation seiner Gestalt, sah, dass er seine andere, seine linke Hand beschützend direkt über ihr Herz gelegt hatte, spürte seine Nähe, die sie umgab, seinen roten Schutzmantel – der sein Blut war, der er selbst war – wie eine zweite Haut um sich, wusste sich geborgen in ihm. Wie Wogen wärmender Sonne das Eis des Winters schmelzen, durchflutete sie die Erkenntnis, dass sie nie ohne eine Grenze war, dass es immer irgendwo eine Stelle ihrer Seele, ja ihres Körpers gab, wo sich ein unpassierbarer Schutzwall zwischen ihr und ihrem Feind befand, ab dem niemand mehr weiterkonnte. Sie spürte, wie die Lüge, sie sei völlig überrannt, restlos beschmutzt, vollends zerstört, ihr Herz bis ins Innerste zerbrochen und wertlos gemacht worden, zu Asche zerfiel, zu Staub, der weggeweht wurde von einem frischen Frühlingswind. Mit einem halb erstickten, undefinierbaren Laut kuschelte sie sich tief in die Arme ihres Beschützers.

Beruhigend strich er ihr über die Wange, streichelte ihre Haare, barg ihren Kopf in seinen Händen, während sie selbst seinen Mantel noch fester um sich wickelte, der sie umfing wie die mächtigen Schwingen eines Adlers.

„Ich bin immer zwischen dir und dem Bösen, dem Feind, der Gefahr. Was wäre das für ein Schutz, der dich im Moment der Gefahr allein ließe und weg wäre, und nur danach oder zwischen den Gefahrenmomenten in der Sicherheit eines Rückzugsortes da wäre?!"

Wie recht er damit hatte – wie konnte ihr die Logik dieses Gedankens so lange entgangen sein?! Dankbar, fast lachend, sah sie zu ihm auf – und schreckte für einen Moment zurück, als sie seine Augen in einem grimmigen Feuer lodern sah, gegen das sich seine Pupillen schwarz wie Kohlestücke abhoben. Gleichzeitig standen Tränen an den Rändern seiner Lider.

Für den Bruchteil eines Moments schrak sie zurück, bis ihr klar wurde, dass dieses Feuer gerechten Zorns ihrem Peiniger galt. Alles, was sie aus Jesu Augenwinkel erreichte, war mitleidsvolles Verstehen und Erbarmen.

Mit einer Stimme, die sie wie das Fauchen eines Löwen anmutete, wandte er sich an den Missbraucher: „Du kommst hier nicht vorbei!"

Ließe es sich mit irgendetwas ihr bisher Bekanntem vergleichen, so erinnerte sie die Situation, erinnerten sie seine Worte, seine Geste der Endgültigkeit, seine unanfechtbare Autorität am ehesten noch an Gandalf im Herrn der Ringe, als er auf der Brücke von Khazad Dum den Balrog den Weg verwehrte, den Dämon der Tiefe in seine Schranken verwies.

Immer noch direkt in der Rückblende gefangen, stellte Liane mit Erstaunen fest, dass sie völlig ruhig war, fast eine Art Frieden in sich verspürte. Jegliche Angst war von ihr gewichen: die Anwesenheit dieser machtvollen Hände – wie Gandalfs Stab auf der schmalen Brücke zwischen dem Angreifer und ihrem Körper, zwischen dem Angreifer und ihrem Herzen – hatte der vorher alptraumartigen Situation ihren Schrecken genommen, sie ihrer Macht beraubt.

„Ich schütze dich immer." Es klang triumphierend trotz der Umstände, in denen sie sich befanden. „Ich selbst bin dein Schutz."

„Du bist mein Schutz." Sie wusste, es war die Wahrheit. Wusste es nun...

Verletzlich sah sie zu ihm auf, Tränen an ihren Wimpern. „Du wusstest es damals auch nicht, nicht wahr? Dass Gott bei dir ist? Am Kreuz, als sie dich missbrauchten? Du dachtest auch, du wärst alleine, von jeder Hilfe verlassen?"

Ein Schatten überwölkte sein Gesicht, wie wenn eine tiefe, verheilte und doch empfindliche Narbe berührt wird. „Du kennst die Antwort, nicht wahr? Du weißt, was ich schrie, am Kreuz. Du hast es gelesen..."3

Es gab keinen Kelch in ihrem Leben, den er nicht auch geleert hatte. „Danke."

Er lächelte zugleich traurig und innig. Dann wurde sein Ausdruck vorsichtig, prüfend. „Bist du bereit, diesen Ort zu verlassen, Geliebte?"

Liane sah einmal kurz um sich, wie zur Vergewisserung, bevor sie nickte. „Ich möchte es verlassen, das alles hier, ich möchte es als erledigt, bereinigt loslassen. Aber vorher will ich..." sie zögerte, weil sie sich genau mit diesem Thema schon viel unnötigen Druck gemacht hatte, den sie nun erst, als sie den freiwilligen Wunsch dazu verspürte, als falsch erkannte. „... ihm vergeben. Hilfst du mir dabei – bitte?"

Er lächelte. „Lehn' dich einfach an mich, so wie vorhin. Du brauchst nichts aus eigener Anstrengung zu tun."

Warm und stark spürte sie seine Nähe, als er direkt hinter ihr mit ausgestreckten Armen ihre stützte. Halb fühlte, halb erkannte sie plötzlich, dass sein Herz, direkt an ihrem, das Blut seiner Vergebung durch sie hindurchfließen ließ, ihr schenkte, so dass sie weiterfließen lassen konnte, was sie von sich aus nicht hätte geben können, und all die Reste von Bitterkeit aus ihr herausspülen.

Liane fühlte sich unendlich erleichtert, als die roten Fluten ihres gemeinsamen, vereinigten Blutes auf ihren Peiniger flossen – auf den, der es rücksichtslos und selbstsüchtig vergossen hatte –, ihn wegtrieben, ihn endgültig fortspülten von den Ufern ihrer Seele.

Während sie noch diesem neuen Gefühl der Freiheit nachspürte, sah sie mit einem kleinen Schreck, dass um sie herum die ganze Einrichtung Feuer gefangen hatte, der ganze Raum zunehmend von lodernden Flammen ergriffen wurde. Instinktiv griff sie nach der Hand ihres Retters, drückte sich an ihn. Sein Mantel hatte nun die Farbe türkisfarbenen Wassers, das seidig um ihre Schultern floss.

„Wenn dein Feind dich mit Meeresfluten überwältigt, bin ich unauslöschliches Feuer. Wenn dein Feind dich mit Feuer umzingelt, bin ich lebensspendendes Wasser. „Wenn du durchs Wasser gehst, bin ich bei dir, und durch Ströme, sie werden dicht nicht überfluten. Wenn du durchs Feuer gehst, wird es dich nicht verbrennen, die Flamme wird dich nicht versengen."4 Und nun – steig auf, Lia – wenn du möchtest."

Fasziniert beobachtete sie, wie sich die weißen Wellenkronen am Saum seines türkisblauen Gewandes mit rasanter Schnelligkeit ausdehnten, bis sie die Form eines Pferdes angenommen hatten. Er saß schon im Sattel und reichte ihr die Hand, um sie zu sich hoch zu ziehen.

„Es ist wie der Auszug der Israeliten aus Ägypten, wie der Weg durchs Rote Meer," sagte sie mit großen Augen, als die beiden wie von einem geisterhaften Wagen getragen durch das Flammenmeer davonfuhren, in das ihre einstige Folterstätte nun aufging.

Er lächelte. „Deshalb nennt man mich den Wüstenreiter. Der auf den Wolken einherfährt. Ich war die Feuersäule in der Wüste bei Tag, die Nebelsäule bei Nacht. „Gott, als du vor deinem Volk herzogst, als du einhergingst durch die Wüste, bebte die Erde, und die Himmel troffen vor Gott, dem vom Sinai.5" Nun grinste er fast schelmisch. „Nicht viele wissen, dass dieser Engel ich selbst war."

Liane musste lachen, als sie an den Anfang dieses Nachmittags zurückdachte. Keine Frage, er war ein Meister im Verhüllen und Versteckspiel.

Sein Gesicht wurde wieder ernst. „Lass uns hier ein wenig halten."


Liane blickte um sich. Sie hatten das Haus verlassen, standen nun wieder – nein, immer noch – vor der alten, jetzigen Halbruine, doch ein wenig seitlich davon mit dem Rücken zu ihr. Es musste genau die Stelle sein, wo sie vorhin unschlüssig gestanden und ihren Gedanken nachgehangen hatte, wo der Fremde – der vermeintliche Engel – sie zuerst angesprochen hatte. Brombeerranken zu ihren Füßen, von orangerotem, welkem Laub durchsetzt, bildeten so etwas wie eine kleine Insel um sie beide herum. Darin halb verborgen entdeckte Liane einen verwitterten Stein, vielleicht einen alten Grenzstein. Er war ihr noch nie aufgefallen.

„Der Berg Sinai?" Halb war es ein Scherz, halb eine ernstgemeinte Frage, auch wenn sie ihr gleichzeitig verrückt vorkam.

„Vielleicht. Deiner. Ein Symbol dafür."

Mit ein paar raschen Schritten war er bei dem halb im Boden vergrabenen Felsbrocken und nahm vorsichtig ein loses Gesteinsstück von der Oberkante ab.

„Schau."

Der unregelmäßig zerklüftete, runde Steinbrocken bestand aus zwei fast symmetrischen Teilen und offenbarte feine, milchigweiße bis kristallklare Strukturen in seinem Innern.

„Eine Druse!" rief Liane und beugte sich neugierig über Jesu Handfläche. „Sie ist schön."

„Bei weitem nicht so exquisit wie das wofür sie steht, nämlich dich."

Sie sah ihn überrascht an, als er ihr vorsichtig die beiden Stücke reichte.

„Was auch immer mit ihr geschehen ist, auch wenn sie meint auseinandergebrochen worden zu sein, sie hat immer noch das Recht sich zu verschließen, wem sie will, und sich zu öffnen, wem sie will. Sie darf entscheiden, wie viel von sich selbst, von ihrem wunderschönen Innern sie wem wann schenkt." Er sah sie ernst an. „Kennst du das Gleichnis vom Schatz im Acker?"

Sie nickte.

„Wie verstehst du es?"

Sie überlegte kurz. „Naja, ich dachte immer, es bedeutet, dass Gott dieser Schatz ist, den wir irgendwann entdecken und für den wir alles andere hergeben. Also du." Sie lachte etwas verlegen.

„Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker,"6 zitierte er leise sich selbst. „Was du sagst, ist richtig, aber von meiner Perspektive aus bist in erster Linie du dieser Schatz, und ich gebe alles andere her, um ihn zu gewinnen: auch wenn es bedeutet, dass ich meine Herrlichkeit im Himmel ablegen muss – meine Flügel, wenn du es so möchtest, die ätherische Schönheit, die dich an den Engeln so faszinierte – meine Reinheit," – wieder kreuzte ein schmerzhafter Schatten seine Züge – „mein Leben. Der Mann in dem Gleichnis kauft nicht nur den Schatz, sondern den ganzen Acker: er will sich nicht kurzfristig und sofort nur das Süße herauspicken, sondern er nimmt die ganze Person, ihr ganzes Leben, mit allem Guten und Schlechten, mit allen Verwundungen und deren Folgen, mit allen Unzulänglichkeiten und Fehlern. Als ich das Kreuz auf mich nahm, tat ich es „um der vor mir liegenden Freude willen"7: diese Freude bist du." Er strahlte sie so warmherzig an, dass ihr Herz unter diesem Blick unwillkürlich einen kleinen Sprung machte.

„Aber beachte, welch wichtige Rolle die Freiwilligkeit dieses Schatzes dabei spielt: Er nimmt den Schatz nicht einfach widerrechtlich an sich, sobald er ihn entdeckt hat. Vielmehr verbirgt er ihn wieder, belässt und erneuert ihm seinen Schutz, weil er ihn erst kaufen muss, weil Liebe niemals nötigt. Das Kaufen bedeutet, dass er auf deine Einwilligung wartet."

Liane konnte sich gerade noch beherrschen, ihm nicht vor Dankbarkeit spontan um den Hals zu fallen. Stattdessen sah sie ihn weiter mit großen Augen an.

„Was ich jetzt sage, Lia, ist sehr wichtig."

'Als ob es das vorher nicht gewesen wäre.'

„Setz dich – wenn du möchtest."

Etwas überrascht nahm sie auf dem halb verwitterten Grenzstein Platz, dessen abgeflachte Oberseite eine bequemere Sitzgelegenheit bot als sie vermutet hätte.

„Ich weiß nicht, wie eng du mit mir kommunizieren wirst, wenn du irgendwann einmal einen Freund hast, deshalb sage ich es dir jetzt."

Ihre Augenbrauen zogen sich ängstlich zusammen.

„Viele Männer, vor allem wenn sie noch unreife Jungen sind, vermitteln Frauen das Gefühl, dadurch, dass man mit jemandem eine Beziehung eingegangen ist, wäre man dazu verpflichtet, mit ihm intim zu werden, bis zum Äußersten, und wenn man es nicht täte, sei man keine richtige Freundin und würde ihm damit ein Unrecht zufügen, würde ihn am Ende verlieren und sei dann für diesen Verlust selbst verantwortlich, und jede Menge ähnlicher bewusster oder unbewusster Manipulationsmethoden. Die Wahrheit jedoch ist, dass es dein völliges Recht ist und vollkommen richtig – aus meiner Sicht sowieso, weil ich dieses Ausmaß an Hingabe nur für den heiligen Schutzraum eines Ehebundes vorgesehen habe – dich zu verschließen wie diese Druse, und mit keiner sexuellen Handlung konfrontiert werden zu müssen, wenn du sie nicht willst, ohne deswegen in irgendeiner Form ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Es steht dir rechtmäßig zu, dass dein Nein akzeptiert wird, wie lange auch immer es besteht – Jahre, Jahrzehnte, ein ganzes Leben."

Es war Liane, als fiele ein Zentnerstein von ihren Schultern.

„Diese deine Druse ist wie der Sinai, der Berg Gottes – ein Symbol für mein Inneres. Nur wer reine Hände hat, und ein reines Herz – lautere Absichten – darf ihn betreten8, nur der, dem ich den Zutritt gestatte. Wenn du in 2. Mose die Kapitel über den Bundesschluss der Israeliten mit mir am Sinai liest, wirst du sehen, dass jeder Mensch, ja jedes Tier, die unbefugt auch nur die Flanke des Berges bestiegen, den Tod verdienten.9 Dieser heilige Berg bist auch du, geschaffen in meinem Ebenbild."

Liane wusste nicht, was sie erwidern sollte. Die Worte waren Balsamströme für ihr Herz.

„Aber noch etwas möchte ich dir jetzt schon sagen, für den Fall, dass du es einmal brauchen solltest. Wenn du selbst im sexuellen Bereich Fehlentscheidungen triffst, Dinge tust, von denen du erkennst, dass sie nicht richtig waren, dann weißt du hoffentlich, dass auch für diesen Bereich meine Vergebung, Reinigung und Wiederherstellung da ist. Vor allem aber bedeutet das nicht, dass du doch auf irgendeine Weise an dem, was dir angetan wurde, eine Mitschuld hättest. Es besteht keine Verbindung zu den traumatischen Ereignissen deiner Vergangenheit, etwa in der Art, dass du es dann verdient hättest, es eine Strafe für eigenes Fehlverhalten wäre, oder gar dir als Strafe nun wieder so etwas zustoßen würde. Solche falschen Verknüpfungen, die stattfinden könnten, sollen dich nicht noch zusätzlich quälen, daher möchte ich sie jetzt schon als Lügen entlarven."

Liane wusste, dass sein grimmiger Gesichtsausdruck nicht ihr galt. Nachdenklich strich sie mit der Fingerkuppe über die Bruchstelle einer der Drusenhälften, zog ein Stück weit die weißbraune Maserung der Randschichten nach, die sie an Wolle erinnerten, oder Schnee, vielleicht auch die Jahresringe eines Baumes. Da erschien es ihr plötzlich, als schimmerten sie in den Farben eines Regenbogens, wie vorher kurz Jesu Mantel. Fragend sah sie ihn an. „Hast du das eben gemacht?"

Er nickte. „Es ist ein Versprechen. Mein Versprechen, dass ich dein Innerstes, deine Reinheit immer schütze. Dein Schutz ist nicht von dir abhängig."

Sie seufzte erleichtert auf.

Die Sonne stand mittlerweile schon tief am Himmel, dessen Wolkenbänder über den Häuserdächern und Baumwipfeln eine rötlich violette Färbung anzunehmen begannen. Liane streckte sich wie eine Katze und schickte sich an aufzustehen.

Plötzlich reckte sich ihr Weggefährte zu seiner vollen Größe empor, richtete seinen linken Arm in die Höhe aus und reichte seine Rechte zu ihr hinab, wie eine Brücke zwischen Himmel und Erde. Erstaunt bemerkte sie einen kleinen, glitzernden Gegenstand auf seiner ausgestreckten Handfläche. Er entpuppte sich als ein silberner Ring mit einem vielkantigen, leuchtendroten Edelstein in der Mitte.

„Ich fungiere nun wieder als Engel – als Bote." Er grinste leicht, was seiner ehrfurchtsgebietenden Pose etwas von ihrer majestätischen Unnahbarkeit nahm. „Dies ist Gottes Siegelring. Er als dein eigentlicher Vater bietet dir die Adoption an. Er wünscht sich dich als seine Tochter. Aber er möchte dich selbst entscheiden lassen."

Liane traten die Tränen in die Augen. Stumm nahm sie den Ring aus der Hand Jesu und ließ ihn sich von ihm anlegen. Er ging dazu neben ihr auf die Knie nieder und nahm sie sogleich tröstend, liebevoll, wortlos in die Arme. Hin und wieder streichelte er ihr über die Haare.

Es dauerte lange, bis sie sich allmählich ein wenig aus seiner Umarmung löste und er wieder aufstand.

„Darf ich dich noch etwas Persönliches fragen?" äußerte sie dann etwas schüchtern. 'Als ob ich das nicht vorher auch schon getan hätte.'

„Sicher." Er lächelte sie ermutigend an.

„Was Gott vorhin sagte...," Sie zögerte befangen, sah unsicher zu ihm auf, nahm dann all ihren Mut zusammen, zugleich verletzlich und neugierig: „Warum wolltest du es selbst tun?"

„Brauchst du das wirklich noch zu fragen, Lia?" Die Intensität der Sehnsucht in den dunklen Seen seiner Augen war fast zu viel für Liane – aber nur fast. „Du hast mein Herz geraubt, mit einem Blick aus deinen Augen!"10

Wie in einem Traum beobachtete sie, wie er sich wieder hinkniete, diesmal auf ein Knie niederließ, direkt vor ihr, so dass ihre Blicke sich berührten, sich verschränkten, und ihr erneut einen Ring auf seiner Handfläche hinhielt, diesmal einen breiteren, goldenen.

„Lege mich wie ein Siegel an dein Herz, wie ein Siegel an deinen Arm. Denn stark wie der Tod ist die Liebe."11 Seine Stimme entfaltete die Worte vor ihr wie Blütenblatt um Blütenblatt einer unsichtbaren roten Rose. „Ich möchte dein sein, Lia, Liane – möchtest du mein sein? Bräutigam und Braut, Mann und Frau, jetzt und dein ganzes Leben, bis der Tod uns für immer vereint?"

„Ja." Es war nicht mehr als ein Flüstern.

Das Strahlen in seinen Augen mutete sie an wie ein Sonnenaufgang, wie der Schöpfungsmorgen.

Unendlich bedachtsam, unendlich vorsichtig, legte er den Ring an ihren Finger, so als wolle er sie beide den unvergleichlichen Moment so lange wie möglich auskosten lassen. Fasziniert beobachtete Liane, wie sich die beiden Ringe an ihrem Finger ineinander verflochten und miteinander verwoben.

Dann stand ihr Verlobter auf und zog sie unendlich zärtlich in seine Arme. Sie lächelte glücklich und kuschelte sich an ihn.

Es dauerte eine Weile, bis ihr auffiel, wie weich der Saum seines Umhangs an ihrer Wange kitzelte, wie feine Härchen. Sie blinzelte ein wenig, öffnete ihre Augen und riss sie noch ein wenig weiter auf: Federn umhüllten ihre Schultern, starke, feste und doch flauschige, weiße Federn mit golden schimmernden Rändern. Starke Schwingen breiteten sich um ihren Körper, Schwingen, die von seinem Rücken auszugehen schienen, vor deren hellem Hintergrund sich sein dunkler, ihr zugeneigter Kopf deutlich abhob, seine Haare mit einzelnen Diamanten geschmückt wie ein samtiger Nachthimmel mit unzähligen Sternen. Liane vergrub sich mit einem lauten Seufzer noch tiefer in die warme, weiche Umarmung, sog seinen unvergleichlichen Geruch ein.

Schließlich trat sie einen Schritt zurück, als die Deutlichkeit seiner Nähe allmählich verblasste.

„War das eben echt?" fragte sie verwirrt. „Dann hast du doch Flügel?"

„Ich bin der Schönste aller Menschenkinder, und der Herr der Himmlischen Heerscharen. Ich habe jedes Wesen erdacht und erschaffen, in seiner ursprünglichen, guten Form, und jeglichen Schauplatz jeglichen Lebens. Alle Schönheit dieses Universums hat ihren Ursprung und ihr Ziel in mir. Wenn es im Jenseits immer noch dein Begehren sein sollte, meine Flügel zärtlich an deiner Wange zu spüren, Geliebte, dann wird es so sein. Keiner deiner heißersehnten Wünsche wird unerfüllt bleiben, wenn du für immer in meinen Armen liegst, meine Braut. In meiner Gegenwart, an meiner Seite, in meiner Liebkosung ist Fülle der Freude."

Wie in einer Geste des Schwures griff er an seine Seite, direkt über seinem Herzen. Ruckartig schien er plötzlich etwas auszureißen, und als er es Liane auf seiner geöffneten Handfläche hinhielt, erkannte sie es als eine kleine weiße Adlerfeder, nur aus Flaumhärchen bestehend, deren Spitzen in Gold übergingen.

„Ein Unterpfand," flüsterte er und schloss ihre Finger zärtlich darum. Dann war er verschwunden.


Nachdenklich trottete Liane den Weg entlang nach Hause, zog ihre Kapuze fester um ihre Ohren, betrachtete ihre leeren Hände, wühlte sie in ihre Jackentaschen, kickte frustriert ein Steinchen auf dem Weg vor sich her, lief mechanisch weiter, die Augen auf den staubigen Boden gerichtet. Die Sehnsucht, die in ihrem Herzen brannte, tat so weh, dass sie sie fast körperlich zu spüren vermeinte, wie ein Feuer in ihrer Seite. 'Wer einmal wahre Schönheit gekostet hat, kann sich mit nichts anderem mehr zufriedengeben,' fuhr es ihr wehmütig durch den Kopf. 'Ich bin verwundet, so oder so. Und doch – war das alles wirklich echt? Oder nur mein eigener, eingebildeter Wunschtraum?'

Der letzte Gedanke tat weh, schlimmer als die Sehnsucht, kälter. Es war, als würde der Himmel auf sie herunterfallen wie bröckeliger Mörtel, durchlöchert wie ein Sieb.

Sie schloss ihre Finger in der linken Jackentasche um den ungleichmäßig runden, rauen Stein, der vor einigen Minuten von einer Böschung herabgerollt war, direkt vor ihre Füße. Es war nicht dasselbe. Bis sie ihn zuhause aufgeklopft hatte, wusste sie noch nicht einmal, ob es überhaupt eine Druse war, und selbst wenn, konnte sie durch Zufall in ihren Weg geraten sein. Die Gegenstände, die er ihr direkt gegeben hatte, waren nicht mehr für sie sichtbar – so wenig fühlbar wie sein Mantel... wie seine Arme... wie seine Hände... wie sein Gesicht...

„Gott!" rief sie schließlich mit einem kleinen Schluchzer. „Werde ich dich jemals wirklich treffen? So wie vorhin – es kam mir so echt vor – aber es war doch nur in meinem Innern, irgendwie, und nun bist du 'weg'. Ich meine in echt, zum Anfassen, du weißt schon. So wie meine Freundin, die ich heute abend besuche, der ich das erzählen möchte, obwohl ich nicht weiß wie? So wie... meinen Partner, wenn ich einen hätte?"

Gerade wollte sie das nächste Steinchen mit der Stiefelspitze ein Stück weiter befördern, als ihr just in diesem Moment ein weißes Etwas mitten auf ihrem Weg ins Auge sprang. Sie bückte sich und hob es rasch auf, hätte noch nicht einmal zu sagen vermocht warum. Weich schmiegte sich eine Bussardfeder in ihre Finger, wie eine Antwort, wie ein Versprechen: flaumig, unendlich zart, weiß mit kleinen goldenen Rändern.

„Mut, Wüstenreiterin!" hallte es durch ihre Gedanken. „Alles, was mein ist, ist dein. Dies war nicht unsere letzte Begegnung."


Fußnoten:

1 Psalm 91: 11.

2 Psalm 68:5

3 Vgl. Markus 15:34.

4 Jesaja 43:2

5 Psalm 68:8-9.

6 Matthäus 13:44

7 Hebräer 12:2

8 Vgl. Psalm 24

9 Vgl. 2. Mose 12-13.

10 Hohelied 4:9.

11 Hohelied 8:6.