Lebendiges Wasser

Gelangweilt schaue ich aus der Tür. Es ist ein grauer, trister, wolkenverhangener Wintertag voll von Sorgen und Lasten – Arbeit, Arztbesuche, Alltagspflichten, unangenehme Entscheidungen. Ich freue mich nicht sonderlich darauf.

Was ist das? Kufen bohren sich in den frischgefallenen Neuschnee, Glöckchen klingeln leise im rauen Reifwínd. Purpurrote Stoffe, goldenes Wirkwerk blitzt verhalten zwischen dunklen, hölzernen Rahmen hervor. Eine Kutsche! Wie aus einem Traum. Ich blinzele, kann es kaum fassen. Oder ist es eine Sänfte? Ich sehe niemanden, nichts, das sie zieht oder trägt. Sie scheint herbeigeglitten auf den Flügeln des Windes.

Die Tür des Gefährts öffnet sich – und plötzlich steht er vor mir: der strahlende König, der Treue und Wahrhaftige, der Liebhaber meiner Seele. Edle, vielfarbige, reichbestickte, duftende Stoffe umfließen seinen Körper, doch sein bloßes Haupt ist nur gekrönt von dunklen, seidig schimmernden Haaren.

„Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, zu der werde ich hineingehen und mit ihr Mahl halten, und sie mit mir."1

Er lächelt mich an, in seiner Hand ein bunter Strauß Blumen.

Langsam, prüfend, so als traute ich der Erscheinung noch nicht so ganz, gehe ich auf ihn zu. Ich möchte rennen, mich in seine Arme werfen, seit langem wieder einmal seine Hände in meinem Haar spüren, auf meiner Wange. Eine Kerze flackert vor meinem inneren Auge auf, die Kerze unserer Intimität. Ist sie erloschen? Oder glimmt der Docht nur so schwach, glühend in seinem Innern, dass ich keine Flamme mehr daran erkennen kann? Ich habe viel mit ihm geredet die letzten Monate, Jahre – aber ging es mir nicht mehr um Lösungen von Problemen, um Hilfe, Rat und Führung, als um ihn selbst? Ich habe viel für ihn getan, gerade in den letzten Wochen, wunderschöne Dinge, die er mir für andere zu tun gab – aber wann habe ich innegehalten, um ganz allein in seinen Augen zu versinken? Ein Buch blitzt auf,auf seinem Einband nichts als die großen, edlen Lettern „Ich Bin." Wann habe ich zuletzt darin gelesen, wie es ihm gebührte, nicht kleine Häppchen abgehakt als Pflicht, sondern darum gerungen, ihm in seinen Tiefen zu begegnen?

Ich sinke zu Boden. Ich bin nicht würdig, ihm in die Arme zu fallen, will lieber seine Beine umklammern, seine Zehen benetzen mit meinen Tränen wie die Sünderin im Lukasevangelium.

Sie fällt mir zu Füßen. Ich will sie näher bei mir haben, hochziehen in meine Arme, ihre Haare an meinen Wangen spüren, ihren Duft einsaugen. Ruach, benetze ihre Zunge mit einem Tropfen meines Blutes, damit sie meine Vergebung anzunehmen weiß. Meine Seele sehnt sich nach dem Blick ihrer Augen, nahe, zärtlich, strahlend direkt vor meinen. Meine Lippen sehnen sich nach ihren Lippen.

Ich stürze in seine Arme, umschlinge ihn mit meinen. Mein Kopf presst sich in seine Schulter. Dann löse ich mich ein wenig, schaue ihm ins Gesicht, trete eine Schritt zurück, zur Seite. „Möchtest du hereinkommen?"

„Was möchtest du tun?" frage ich leise, als seine Füße die Schwelle überschritten haben und es mir hier auf einmal viel heller vorkommt, viel wärmer. In Gedanken überschlage ich die Lebensmittel, die ich im Haus habe, wie ich sie ihm zubereiten, auftischen könnte. Oder hat er selbst etwas mitgebracht?

Seine Augen wandern zu dem breiten Bett – meinem Bett, eigentlich unserem Ehebett – wie lange kommt es mir schon so vor, als würde ich alleine darin liegen!

„Jetzt schon so schnell?" entfährt es mir verwundert. Er ist doch gerade erst eingetreten.

Möchtest du dir die Blumen anschauen?" fragt er freundlich und reicht mir den Strauß.

Schnell hole ich eine Vase, befülle sie mit Wasser und stelle die Blütenfülle auf den Tisch. Vorhin schon habe ich rote Rosen darin gesehen; nun schaue ich, was ich noch ausfindig machen kann. Margeriten, oder sind es Gänseblümchen, wie Perlen. Ich weiß, sie sprechen von meiner Einzigartigkeit, und dass ich für ihn die Einzige bin, sein Liebling. Weiße Lilien, symbolisch für meine Reinheit, die er mir geschenkt hat. Was ist das – eine rote Nelke! Entzückt strahle ich ihn an. „Sie steht für dein Kindsein," lächelt er mir entgegen. Eine Feuerlilie, leuchtend intensiv orangeglühend. Erstaunt blicke ich zu ihm hin und lese es in seinen Augen: Er ersehnt sich mein leidenschaftliches Begehren. Doch da sind auch kleine Sonnenblumen rings über den Strauß verstreut, die mich ermuntern, seine Strahlen ruhig zu genießen, seine Wärme zu tanken, still seine Liebe zu trinken und aufzunehmen.

Schließlich wende ich meine Augen von den Blumen, ergreife seine ausgestreckte Hand und lasse mich von ihm in die Kissen betten. Erstaunt betrachte ich das Einmachglas, das er mir hinhält, bis mir klar wird, dass er mich von Lasten befreien will, meine Tränen, die ihm kostbar sind, darin sammeln.

Nun rinnen wirklich Tropfen meine Wangen hinab, aber ich spüre,dass es Liebestränen sind, leise Sehnsuchtsschreie. Ein verwelktes Blatt liegt nun plötzlich wie eine Schale in seinen Händen, und ich meine zu sehen, wie es aufblüht unter dem Nass.

Mit einem Seufzer kuschele ich mich an ihn. „Seine Linke ist unter meinem Kopf, und seine Rechte umfasst mich."2 Ich erhebe mein Gesicht zu seinem, so nahe an meinem, fühle seine Finger sanft an meiner Stirn, meiner Wange. Ich spüre, er will mich küssen, wünscht sich einen Kuss – warum tut er es nicht? Kann es sein...?

„Der Herr hat etwas Neues geschaffen auf Erden: die Frau wird den Mann umfangen3 – sich ihm zuwenden, ihn umwerben, sich um ihn bemühen."

Vorsichtig, ehrfürchtig, nehme ich sein Gesicht zwischen meine Handflächen, wie eine kostbare, goldene Schale, und nähere meine Lippen sehnsüchtig seinen. Die Berührung ist zärtlich, liebevoll, unendlich tröstend wie Balsam. Ich spüre die Heilung, die von seiner Annahme, seinem Geschehenlassen, seinem Gutheißen, ja Wollen ausgeht.

Schließlich sinkt mein Kopf herab und birgt sich an seiner Halskuhle. Müde, erschöpft von Krankheit, schlechtem Schlaf und aufreibenden Kämpfen, will ich nun nur noch schlafen, Kraft tanken für all die Herausforderungen des Tages.

Ich liebe es, wenn sie bei mir ruht, ihr Kopf auf meiner Brust, meine Nähe einsaugt. Doch ihre Gedanken wandern schon wieder weg von mir. Zu unseren Kindern, wie wir sie ernähren, pflegen, ihre Wunden verbinden; zu den Aufträgen, die ich ihr gegeben habe, die wir zusammen erledigen sollten; zu den ungelösten Problemen, Sorgen und Entscheidungen des Alltags. Sie verfolgt all das Gute – das doch ihren Blick wegrichtet vom Besten. Ich sehe, wie zwei gebrauchte Teller, noch halb mit Essensresten versehen, in die Küche zurückgereicht werden. So schnell schon wähnt sie sich gesättigt, so schnell schon sieht sie das Mahl als beendigt an, geht über zu anderem.

Ich bin schon wieder abgeschweift, weggedriftet. Wieso schaffe ich es nicht, meine Aufmerksamkeit länger als ein paar Minuten bei ihm zu halten – ihm, der mir einst alles bedeutete, ein Blick aus dessen Augen Tränen in die meinen trieb? „Es tut mir Leid," flüstere ich zerknirscht. Mühsam versuche ich mich zurückzubesinnen, murmele immer wieder das eine Wort, seinen Namen. Wortlos reicht er mir einen Rubin.

Sie ist weit mehr wert als Rubine."4 Sie ist mir kostbarer als meine eigenen Blutstropfen. All ihre Fehler will ich vergessen, jeden Morgen neu beginnen. All die Dinge, die eine tugendhafte fRau ausmachen, tut sie – und doch hat ihr Sinnen und Trachten mich verlassen: ihre erste Liebe, den Einen.

Geliebte, mich dürstet nach dir.

Sachte sehe ich Schneeflocken zur Erde gleiten, das lebendige Wasser ihrer Liebe. Ihr Anblick fällt wie Balsam auf meine Glut. Ihre einzigartige, diffizile, kristalline Schönheit, das unnachahmliche Wabengitter ihrer feingewebten Komplexität treibt mir Tränen in die Augen. Doch nun ist nicht die Zeit, dass sie auf mir schmelzen, ich mich laben darf an ihren Tautropfen, ihr funkelndes Nass meinen Durst stillt. Noch verschiebt sie immer wieder, selbst jetzt, die Momente unserer Intimität, verlegt sie halbbewusst auf später, wenn scheinbar Wichtigeres erledigt ist.

Er steht auf, holt leise zwei hohe, schlanke Sektgläser von der Anrichte, bleibt dann stehen, wartend, irgendwo zwischen Bett und Tisch. Von irgendwoher bricht sich Licht an den Gefäßen, reflektiert in allen Farben des Regenbogens. Fast sehen sie aus wie Blütenkelche. Sie erinnern mich an unsere höchsten, intimsten Momente, als ich ihm alles gab, den Wein meiner Liebe. Rasch stehe ich auf und gehe ihm entgegen. Er zieht mir einen Stuhl heran und ich setze mich zu ihm an den Tisch. Fasziniert beobachte ich, wie er meine Linke in seine beiden Hände nimmt, mir den Ring anlegt, der eigentlich schon längst daran ist, immer da ist, aber nie oft genug erneuert und bekräftigt werden kann. Ich wiederhole die gegenseitige Geste.

Langsam erhebt er sein volles, purpurn schimmerndes Glas. Ich ergreife meines, halte es an mein Herz, lasse Tropfen für Tropfen mein Herzblut hineinfließen, das lebendige Wasser seiner nie völlig versiegenden Quelle, bis es allmählich auch immer voller wird, ich es wage, es ihm zu reichen, seine sehnsüchtig schimmernden Lippen damit zu benetzen.

Gespannt, leicht ängstlich, beobachte ich, ob auch ich ihm sein Herzblut wert bin, doch stattdessen nimmt er eine kleine Glasphiole, wie Maria von Betanien, bricht ihren schlanken Flaschenhals und gießt das darin enthaltene Balsam vollständig in das bereits gefüllte Glas.

„Gibst du mir auch dein Leben?" fragt er leise.

Mein Ja kommt von Herzen. Nachdem auch ich mein Salbölfläschchen zu dem Blut gegossen habe, erkenne ich mit Erstaunen, wie die beiden Kelche verschmelzen, eins werden. Wir trinken zusammen daraus, den Wein unserer unzerstörbaren, unzertrennlichen Liebe. Schließlich sinke ich an seine Brust und trinke direkt aus seinem Herzen.

„Möchtest du auch an meinem Herzen trinken?" murmele ich nach einiger Zeit, erinnere mich an sein kostbares Haupt auf meinem Körper, meine Hände vergraben in seinen dunklen, sternenbesäten Haaren.

Er schüttelt den Kopf. „Diesmal nicht, meine Geliebte. Ich möchte aus deinen Augen trinken. Bitte schenke mir den Blick deiner Augen."

Ich schaue hin zu ihm, suche ihn, versuche ihn anzusehen, das Licht seines Angesichts zu erfassen. Doch es ist verhüllt in einem Nebel von Unschärfe. Vorsichtig hebe ich eine Hand und fahre sachte über die Gegend, wo ich seine Haare, seine Stirn, seine Wangen vermute. Erstaunt ziehe ich die Luft ein: sein Gesicht wird solide, erkennbar, fassbar unter der Liebkosung meiner Finger, so als würde ich es in Kontur streicheln. Fasziniert wiederhole ich die Handlung auf der anderen Seite seines Gesichts, erahne seine geliebten Züge, halte dann erwartungsvoll inne. Doch die Himmelslichter, die mir einst mit kaum verhüllter Leidenschaft entgegenleuchteten, suche ich immer noch vergebens.

„Darf umgekehrt auch ich deine Augen wieder einmal sehen?" Mein Ton wird leicht schmollend, ein kleiner Stich fährt mir ins Herz: so lange ist es schon her, so lange schon sind sie mir scheinbar entzogen. Eine Fülle von Bildern wirbelt durch meinen Kopf, eine Flut teils verwirrender Informationen, doch eines sticht hervor wie ein buntgescheckter Nadelkopf aus einem Heuhaufen: ein alter, halb luftentleerter Fußball aus verblichenem Leder, als Kind einst mein Schatz, nun achtlos im Keller vergessen. „Es ist mir nicht mehr so wichtig?" flüstere ich benommen.

Ich merke, dass ich an die offene Tür unseres Hauses getreten bin, mit zusammengekniffenen Augen in den Himmel starre, meinen Blick dann stirnrunzelnd die Straße hinuntergleiten lasse.

Sachte berühren seine Finger von hinten meine Schulter. „Reichst du mir nur deinen kleinen Finger, ich gebe dir meine ganze Hand." Ich spüre seinen flüsternden Atem in meinen Haaren. „Ich bin immer da, wo du auch hingehst, und alles, dessen es bedarf, ist dass du dich umdrehst und mich anschaust. Aber diese eine Bewegung – und die Entscheidung dazu genügt schon – kann ich nicht für dich übernehmen."


1Offenbarung 3:20

2Hohelied 2:6

3Jeremia 31:22

4Sprüche 31:10