1. Hirschheim

Laura hatte die Bahnhofsuhr im Blick, deren Minutenzeiger sich unerbittlich der zwölf näherte. Der Reisebus würde in zwei Minuten abfahren. Doch, wenn sie ehrlich war, hatte sie nicht die geringste Lust an dieser Gruppenreise teilzunehmen. Ihre Mutter hatte sie gebucht, lag aber leider mit Grippe im Bett und hatte Laura dazu überredet, für sie einzuspringen. Allein der Treffpunkt auf dem hektischen Kölner Bahnhof wäre schon Grund genug gewesen, das Angebot abzulehnen.

Vielleicht war diese Signalstörung in Bonn ein Wink des Schicksals, um sich doch noch vor der bestimmt langweiligen Reise zu drücken. Aber Lauras Beine schienen ein Eigenleben zu haben und schritten schnell aus. Nur noch den letzten Teil der Bahnhofshalle durchqueren und durch den Seiteneingang ins Freie treten. Schon hatte der Minutenzeiger die drei erreicht. Vielleicht fährt der Bus ja tatsächlich pünktlich um vierzehn Uhr ab, wie in den Unterlagen angedroht wird, hoffte Laura bei sich. Doch als sie ins Freie trat sah sie im fahlen Licht dieses trüben Tages an der Bushaltestelle einen giftgrünen Reisebus mit der Inschrift Kunstfreunde stehen, der sicherlich den öffentlichen Verkehr behinderte. Die Fahrt dauert nur eine Woche versuchte sie sich zu trösten, als sie, ihren Koffer hinter sich herziehend, auf den Bus zuschritt. Außerdem konnte sie nach dem abrupten Ende einer kurzen Beziehung wirklich etwas Ablenkung gebrauchen.

Der Busfahrer, ein vierschrötiger Mann in den Dreißigern mit gegeeltem kurzen Haar stieg aus und schaute demonstrativ auf die Armbanduhr, bevor er Lauras Koffer mit verdrießlicher Miene in Empfang nahm und ihn durch die offen stehende Klappe der Ladezone warf. Es war unter Lauras Würde sich bei einem Busfahrer zu entschuldigen, weshalb sie sein rüpelhaftes Verhalten einfach ignorierte und einstieg. Erfreut bemerkte sie, dass nur ein Drittel der Plätze belegt waren.

Eine elegant gekleidete Dame in der dritten Reihe ließ eine Bemerkung über unverschämte Menschen fallen, die überhaupt keine Rücksicht auf andere kennen. Vielleicht war Bemerkung nicht für Laura bestimmt, doch sie unterschätzte ihr Gehör.

Auf dem Beifahrersitz saß eine hagere Brünette unbestimmbaren Alters mit schmaler Nase und kleinem Mund, wohl die Reiseleiterin Silke Vogelbauer.

"Frau Inge Winter?", vergewisserte sie sich mit dem Finger auf der Teilnehmerliste, ohne Laura zu grüßen.

"Ich bin Laura Winter, ihre Tochter. Meine Mutter hat dem Reiseveranstalter mitgeteilt, dass ich statt ihrer an der Studienfahrt teilnehme", korrigierte sie und schenkte der Frau auf dem Beifahrersitz ihr strahlendstes Lächeln. "Es tut mir leid, dass ich jetzt erst komme, aber mein Zug hatte eine halbe Stunde Verspätung."

"Dann sind wir ja endlich vollzählig", sagte die Reiseleiterin mit hoher, leicht näselnder Stimme und machte einen Haken hinter dem Namen Inge Winter.

Ängstlich bemüht, keine weitere Aufmerksamkeit zu erregen nahm Laura auf dem einzigen unbelegten Doppelsitz Platz. Kein Wunder, denn er befand sich über dem Rad. Kaum hatte sie sich niedergelassen, startete der Bus so vehement, dass er fast auf einen schwarzen BMW aufgefahren wäre, der aus einer Seitenstraße einbog. Der Fahrer des Pkws, ein junger Mann im Trainingsanzug fluchte durch das offene Fenster und drohte mit der Faust. Aber der Busfahrer ignorierte ihn, sondern überholte ohne abzubremsen und bretterte weiter, bis er an der nächsten Ampel halten musste.

"So eilig haben wir es nun auch nicht", hörte Laura die Reiseleiterin in einem erschrockenen Tonfall sagen, bevor sie aus ihrem kleinen Rucksack eine Brille kramte, die ihr überhaupt nicht stand. Sie zog das Mikrophon aus der Halterung, schaltete es ein und pustete hinein, um die Lautstärke zu überprüfen. Dann griff sie nach einem Stoß Papier auf der Ablage und setzte ein Willkommenslächeln auf. "Wie Sie wohl bereits wissen, ist mein Name Silke Vogelbauer. Sie können mich aber gern einfach Silke nennen. Ich stamme aus Bayern, wohne aber schon seit vielen Jahren mit meinem Mann in Hamburg", verkündete sie und zählte mit leicht monotoner Stimme die wichtigsten Stationen der Studienreise auf. "Diese Route ermöglicht uns, die Entwicklung der Romanik nachzuvollziehen."

"Der Romanik? Ich dachte, unser Thema ist die Romantik! Vielleicht sollte ich mir doch eine neue Brille verschreiben lassen", entfuhr es einer alte Frau mit Omafrisur, die mit ihrer dunkelgrünen Weste auf einer weißen Nylonbluse, ihrem sackförmigen Rock und ihren Gesundheitsschuhen besser in eine Butterfahrt gepasst hätte.

Silke überging diese Bemerkung. Entweder sie war bereits etwas schwerhörig oder sie hatte es aufgegeben, auf die Kommentare der Gäste zu reagieren. Sie teilte Fotokopien mit der Auflistung des exakten Reiseverlaufs aus und begann dann den Baustil der Romanik zu charakterisieren.

Laura nutzte diese Erläuterungen, um sich dezent umzuschauen. Die Gruppe bestand aus gesetzten Ehepaare und alleinstehenden älteren Damen. Es gab nur einen alleinreisenden Mann, der aber überhaupt nicht Lauras Typ war. Er war zwar groß und schlank. Doch sein Gesicht wurde zur Hälfte von einem akkurat gestutzten, langen Vollbart verdeckt. Ohne sein zu einem Knoten hochgesteckten schwarzen Haar und seine Hornbrille hätte er wie ein Holzfäller ausgesehen. Laura schätzte ihn auf Ende Dreißig, viel zu alt für diese Aufmachung.

Nach einer Stunde ermüdender Schüttelei wurde an einer Autobahnraststätte mit schlechtem Essen zu überteuerten Preisen eine Pause eingelegt. Bezeichnenderweise begnügten sich die meisten Teilnehmer damit, einen Kaffee in sich hineinzuschlürfen. Am späten Nachmittag folgte eine weiter Rast. Dann erreichten sie endlich Hirschheim, einen winzigen Weinort in Rheinhessen, der nur aus einer Straße zu bestehen schien, die vor einem Kirchturm mit welscher Haube dominiert wurde. Das Hotel lag am Ortseingang und hatte einen hübschen Garten. Doch vor der Tür stand ein rostiger Volkswagen, der in dieser gepflegten Umgebung deplatziert wirkte. Außerdem hatte sich Laura die im Prospekt genannte Unterkunft bei Mainz stadtnäher vorgestellt.

Während die Reiseleiterin das Hotel betrat warteten die Reiseteilnehmer draußen auf das Ausladen ihres Gepäcks. Am Himmel hingen schwarze Wolken und Laura verlagerte ihr Gewicht ungeduldig von einem Fuß auf den anderen, denn sie hatte keine Lust durch den Regen zu laufen. Erstaunt stellte sie fest, dass sich unter den Teilnehmern auch ein Ehepaar mit einem etwa sechsjährigen Jungen befand, der bisher keinen Mucks von sich gegeben hatte. Als Laura Koffer endlich an der Reihe kehrte Silke Vogelbauer bereits mit den Zimmerschlüsseln aus dem Hotel zurück, die sie so feierlich trug wie ein Bürgermeister die Stadtschlüssel.

"Wir treffen uns um punkt neunzehn Uhr in der Bar. Wenn Sie bitte die Formalitäten an der Rezeption erledigen könnten, bevor sie auf ihr Zimmer gehen", verkündete sie, bevor sie die Schlüssel austeilte.

"Zum Abendessen?", vergewisserte sich Laura, freudig gestimmt.

"Nein, zum gegenseitigen Kennenlernen", gab ihr Gegenüber humorlos zurück, was Laura gar nicht gefiel. Sie wollte eigentlich den anderen so weit wie möglich auf dem Weg gehen.

Silke begann die Namen der Reisenden vorzulesen und händigte ihnen nacheinander die Zimmerschlüssel aus.

"Inge Winter?", flötete sie bald und blickte sich suchend um.

"Laura Winter!", verbesserte deren Tochter und hob eine Augenbraue.

"Sie möchten ein Einzelzimmer?", fragte Silke als ob das ein ungebührliches Begehren sei.

"Darauf lege ich den größten Wert", gab Laura alarmiert zurück. Nicht, dass sie mit einer der alten Tanten zusammen einquartiert wurde.

"Ihre Mutter hat sich immer ein Zimmer mit Frau Keller geteilt", wandte eine damenhaft gekleidete Frau von Ende Fünfzig ein, die trotz der sommerlichen Temperatur eine teuer aussehende Daunenjacke trug. Sie hatte einen leichten schwäbischen Dialekteinschlag, der nicht zu ihrer eleganten Aufmachung passen wollte. Irgendwo hatte Laura sie schon gesehen, erinnerte sich aber nicht an die genaueren Umstände.

"Auf meiner Teilnehmerliste ist keine Frau Keller", stellte die Reiseleiterin fest, die wohl nur mit halbem Ohr mitgehört hatte.

Der Eingangsbereich des Hotels erweckte den Eindruck, als ob es früher eine Jugendherberge gewesen sei. Die Möbel waren rustikal und an den Wänden hingen alte Ansichten des Dorfs. Laura hätte nicht gedacht, dass es noch schmale Wandvasen mit verstaubten Plastikblumen gab. Aber die Wirtin begrüßte sich mit von Herzen kommender Freundlichkeit.

Die Treppe knarrte entsetzlich, doch die Zimmer waren akzeptabel. Laura packte ihre Garderobe aus dem Koffer und stellte dabei fest, dass es nicht genug Kleiderbügel gab. Als sie alles untergebracht hatte, verblieben ihr noch fünfzehn Minuten bis zum nächsten Termin, viel zu wenig um sich die Füße zu vertreten. Erschöpft ließ sie sich auf das Bett fallen und überlegte, warum ihre Mutter wohl diesmal ein Einzelzimmer gebucht hatte. Leider hatte sie beim etwas überstürzten Aufbruch ihr Handy vergessen. Daher würde sie sich mit dieser Frage bis zu ihrer Rückkehr gedulden müssen. Schwere Regentropfen schlugen gegen das Fester, was endgültig jeden Gedanken an einen Spaziergang obsolet machte.

"Schade, dass es nur ein Hotel ist und kein Weingut, da wir doch auf dem Lande untergebracht sind", sagte ein älterer Mann mit Halbglatze, der zusammen mit Laura die Treppe herunterstieg und wohl ebenfalls zur Reisegruppe der Kunstfreunde gehörte.

Die Bar war ein enger, dunkler Raum mit mittelgrauen Möbeln und dunkelbraunem Teppichboden, wo für jeden Gast ein Glas Sekt bereit stand. Laura nahm ohne groß Nachzudenken am erstbesten Tisch Platz. Ihr gegenüber saß eine Frau mit dunkelblondem Haar, neben ihr ein etwa fünfzehn Jahre altes Mädchen und ein Mann in zweckmäßiger, aber unvorteilhafter Kleidung, der mit aggressiver Körperhaltung und vorgestrecktem Kinn der ganzen Welt zu grollen schien. Seine Frau hingegen war ausgesprochen hübsch und obendrein elegant gekleidet: Das Kostüm war von Prada, die Handtasche von Gucci und die Armbanduhr von Patek Philippe. Sie trug mehrere Monatsgehälter eines Angestellten am Leib wie Laura nicht ohne Neid bemerkte. Die Tochter war größer als ihre Eltern, düster und eckig. Sie hatte die feinen Gesichtszüge der Mutter, jedoch auch die große Nase des Vaters geerbt. Ihre Aufmachung bestand aus einer hautengen Jeans, die über den Knien zerrissen war und einem bauchfreiem T-Shirt mit der Aufschrift Hollister, das den Blick auf den gepiercten Nabel freigab. Das Mädchen war mitten in der Pubertät und schien mit Erwachsenen höchstens herablassendes Mitleid zu empfinden.

Links neben Laura hatte der bärtige Mann Platz genommen und recht saß die ältliche Dame mit der Daunenjacke, die sie allerdings inzwischen abgelegt hatte. Nun trug sie ein cremfarbenes Kostüm mit passender Tasche und hatte ihr halblanges weißblondes Haar frisch frisiert. Obwohl ihr Gesicht von feinen Falten durchzogen war bewegte sie sich, als ob sie noch jung und hübsch wäre.

Silke Vogelbauer hatte sich zwischen den Tischen aufgebaut und begrüßte nochmals die Gäste im Namen des Hamburger Reiseveranstalters.

"Ich bin der Florian", stellte sich dann der Busfahrer vor, der offenbar keinen Nachnamen hatte. Selbst mit dunkler Hose und weißem Polohemd wirkte er leicht unordentlich. Mit einem gequälten Lächeln grüßte er in die Runde und zog sich sogleich wieder zum Rauchen ins Freie zurück.

"Er hat uns heute morgen nicht begrüßt", beschwerte sich die Frau, die für die Romantik geschwärmt hatte, doch niemand schloss sich dieser Klage an.

"Mein Name ist Renate von Schiller. Ich komme aus Esslingen und war früher in der Hotelbranche tätig. Mein Hobbys sind die Fotografie und das Gärtnern, auch wenn ich mich inzwischen mit den Blumenkübeln auf dem Balkon und meinen Zimmerpflanzen begnügen muss", stellte sich Lauras Nachbarin recht ausführlich vor. Sie war einer dieser Menschen, von denen man annahm, sie hätten keine Verwandte und wären niemals jung gewesen.

"Sie heißen Schiller, wie der Dichter?", fragte Laura nach, da ihre Platznachbarin wie viele Schwaben leicht genuschelt hatte.

"Mein Vater ist der zweite Sohn Heinrich von Schillers, der wiederum der dritten Sohn von Fritz von Schiller ist ... "

"So genau möchte ich es eigentlich gar nicht wissen", unterbrach Laura lachend.

"Hören Sie mir bitte zu", wurde sie mit so scharfer Stimme aufgefordert, dass sie leicht zusammenschrak. Dann zählte Frau von Schiller gnadenlos ihre gesamten Vorfahren bis zum Verfasser der Glocke auf. Ganz plötzlich erinnerte Laura sich, wo sie ihre Platznachbarin schon einmal gesehen hatte. Sie war ihr bei der Eröffnung einer Kunstausstellung durch ihre Geschwätzigkeit unangenehm aufgefallen.

"Ich glaube wir kennen uns aus Köln", sagte sie daher, als die ältere Frau endlich geendet hatte.

"Nein, wir sind uns noch nie begegnet. Da bin ich mir ganz sicher, denn ich vergesse niemals ein Gesicht", widersprach diese so vehement, als ob das eine ungeheuerliche Behauptung sei.

Laura insistierte nicht, denn wahrscheinlich hatte die ältere Dame sie schlicht übersehen. Das passierte ihr leider häufig.

"Mein Name ist übrigens Laura Winter", stellte sie sich kurz und schmerzlos vor.

"Ich bin Bernd Herrmann. Das sind meine Frau Angelika und meine Tochter Sara. Wir kommen aus Düsseldorf", sagte daraufhin ihr Gegenüber und berichtete, dass er in der deutschen Niederlassung einer Schweizer Firma arbeitete, deren Geschäftsbereich so weit gestreut war, dass Laura nicht verstand, was genau sein Aufgabengebiet war.

"Was machen Sie eigentlich beruflich, Frau Winter?", wollte Frau von Schiller unvermittelt wissen.

"Ich bin Beamtin", entgegnete sie vage. Wenn sie zugab, dass sie Standesbeamtin war würde sie unweigerlich gefragt, warum sie selbst noch nicht verheiratet war.

Viel lieber wäre sie zur Polizei gegangen, doch man hatte sie abgelehnt, da sie einen Zentimeter zu klein sie. Leider mussten ausgerechnet in Nordrhein-Westfalen weibliche Bewerber mindestens 1, 62cm groß, während in den meisten anderen Bundesländern einmetersechzig reichte.

"Ich bin ebenfalls im Staatsdienst tätig. Ich arbeite beim Finanzamt", verkündete der Bartträger lächelnd und stellte sich dann als Kai Sonntag, wohnhaft in Koblenz vor.

Laura stellte sich vor, wie erstaunt sie reagieren würde, wenn sie ihn im heimischen Finanzamt begegnet wäre. Aber inzwischen konnte man ja nur noch mit den Mitarbeitern des so genannten Service-Centers persönlich sprechen. Die meisten Beamten hatten keinen Kundenkontakt und konnten herumlaufen wie sie wollten. Nicht einmal im Urlaub ist man vor denen sicher, dachte Laura vergrätzt und leerte ihr Sektglas, an dem sie bisher nur kurz genippt hatte. Auch bei den anderen rief die Nennung der unbeliebten Behörde sichtbares Befremden hervor, was Herrn Sonntag jedoch nicht zu bekümmern schien.

"Ist Hirschheim nicht ein entzückender kleiner Ort?", brach Frau von Schiller endlich das peinliche Schweigen.

Es ist ein elendes Kuhkaff, hätte Laura am liebsten betont, begnügte sich aber mit einem knappen: "Ich mache mir nicht besonders viel aus dem Landleben."

"Ist das Ihre erste Reise mit den Kunstfreunden?", wollte Frau von Schiller daraufhin wissen und Laura fragte sich, ob man ihr das ansah. Sie erwog, mit dem Rauchen zu beginnen, um sich wie der Busfahrer einfach verdrücken zu können.

"Man macht alles irgendwann zum ersten Mal", sagte sie dann ausweichend und begann gedankenverloren ein Schiffchen aus dem Ticket zu falten, das sie in der Straßenbahn zum Bahnhof gelöst hatte.

In diesem Augenblick betrat ein italienisch aussehender Kellner die Bar und forderte die Reisenden auf, sich in den Speisesaal zu begeben. Alle erhoben sich und Silke dirigierte sie den hinteren Bereich des Raumes. Doch sie bewies bei der Platzverteilung keine glückliche Hand, denn Lauras neue Nachbarn waren noch unangenehmer als die alten. Sie saß gegenüber einem weißhaarigen älteren Mann mit markantem Gesicht, der zu einer dunkelblauen Anzughose ein fein blau-weiß gestreiftes Hemd trug. Das passende Jackett hatte er sich über die Lehne des Stuhls gelegt. Seine neben ihm sitzende Frau war mit einer hautengen dunkelbraunen Hose mit rosa Blumendekor und einer grauen Bluse bekleidet, was ihr mausgraues, abstehendes Haar unvorteilhaft betonte. Für ihre schicke Brille hatte sie viel Geld ausgegeben, weshalb sie offenbar bei den ausgetretenen Sandalen sparen musste.

"Wir kennen uns noch nicht. Mein Name ist Carla Steinmetz und das ist mein Mann Dr. Andreas Steinmetz. Wir kommen aus Aachen", stellte sie sich vor.

Laura musste nicht nachfragen, ob ihr Gegenüber Arzt war, denn er schildert sogleich seine berufliche Laufbahn von der ersten Vorlesung bis zu seiner Pensionierung. Dabei geizte er nicht mit detaillierten Schilderungen der harmlos erscheinenden Symptome, mit denen unweigerlich tödlich verlaufende Krankheiten meist begannen.

Der Kellner trug den ersten Gang aus, Kürbissuppe zu der Körbe mit Weißbrot gereicht wurden. Doch das veranlasste den Arzt nicht seinen Monolog zu beenden.

"Und was machen Sie heute?", unterbrach Laura irgendwann, da ihr jedes andere Thema lieber war.

"Ich mache die Buchführung des Antiquitätenladens meiner Gemahlin", sagte ihr Gegenüber in einem Tonfall, der vermuten ließ, dass es sich um einen Trödelladen handelte. Dann berichtete er, wie er in den Besitz einer Madonnenstatue gelangt sei, die früher in einer sizilianischen Dorfkirche gestanden habe. Wie gut, dass er nicht wusste, dass am übernächsten Tisch das Finanzamt mithörte.

"So etwas finde ich empörend", kommentierte plötzlich der Kellner die Anekdote. Offenbar war er tatsächlich Italiener.

Am liebsten hätte Laura zugestimmt, unterließ es aber um des lieben Friedens zuliebe. Als Hauptgang folgte Spargel mit holländischer Soße und Schinken.

"Bitte keinen Schinken. Ich bin Vegetarierin!", protestierte am Nachbartisch eine magere Frau mit kastanienbraun gefärbten Haar.

"Man hat Ihnen doch allen einen Fragebogen zugesandt, auf dem nach Lebensmittelunverträglichkeiten und Diätwünschen gefragt wird", entgegnete die Reiseleiterin mit gerunzelter Stirn.

Die Vegetarierin schaute empört ihren Gatten an, einen Mann um die Vierzig mit Bürstenhaarschnitt. Unter seinem quergestreiften Hemd wölbte sich ein Bauchansatz. Seine großen Schneidezähne erinnerten Laura an ein Karnickel. Doch die Brille mit Metallrand milderte diesen Eindruck ein wenig.

"Ich habe ganz vergessen, ihn auszufüllen", gab er unumwunden zu und zuckte entschuldigend mit den Achsen.

"Ich werde Ihre Wünsche an die Wirtsleute weiterleiten", versprach Silke schlecht gelaunt und zwang sich dann zu einem Lächeln. "In Rheinhessen trinkt man dazu traditionell Silvaner", verkündete sie in die Runde, ein Ratschlag, den Laura gern beherzigte.

Trotzdem konnte sie das an und für sich köstliche Essen nicht genießen, da sie ständig den Arzt vom Fachsimpeln abhalten musste. Seine Gattin hingegen berichtete von den zahlreichen Reisen, die sie bereits mit den Kunstfreunden unternommen hatte und erteilte ungebeten gute Ratschläge, wie: "Wenn Sie nach Afrika reisen, versäumen Sie nicht eine Kreuzfahrt auf dem Niger zu buchen."

Als endlich das Geschirr abgeräumt wurde verkündete Silke, dass man am nächsten Morgen um punkt acht nach Speyer aufbrechen würde. Laura fragte sich, ob sie im richtigen Reisebus gelandet war. Im Reiseprospekt stand doch etwas vom Bonifatiusweg von Mainz nach Fulda. Andererseits stimmten der Termin und der Name der Reiseleiterin. Also war es wohl die richtige Reisegruppe.

Im Hotelzimmer packte sie das Informationsmaterial aus, das ihre Mutter ihr geliehen hatte und das noch im Koffer lag. Neugierig breitete sie eine Karte von Westdeutschland vor sich auf dem Bett aus und verfolgte mit dem Finger die auf der Fotokopie aufgeführte Reiseroute. Das durfte doch wohl nicht wahr sein. Der Reiseweg führte Zickzack durch Rheinland-Pfalz und Hessen. Jeden Tag fanden längere Busfahrten bevor. Wahrscheinlich war das dem recht hohen Durchschnittsalter der Teilnehmer geschuldet.

FP_540253_ / 23.10.2017 / Seite 5