11.

Laura hoffte nach der Aufregung des vergangenen Tages auf eine ruhige Fahrt und möglichst wenig Führungen. Doch Florian fuhr so schnell los, dass die Insassen gegen ihre Sitze geschleudert wurden. Erschrocken wirbelte Laura herum und verrenkte sich dabei fast den Hals, nur um festzustellen, dass ein schwarzer BMW gegenüber dem Hotel stand, der aber keine Anstalten machte, den Bus zu verfolgen. Auch hatte er ein Frankfurter Kennzeichen.

"Achtung, da ist ein Lastwagen", rief Silke. Ihre Stimme war leicht schrill und sie klammerte sich mit beiden Händen am Sitz fest.

Der Busfahrer riss das Steuer herum und schrammte geradeso an einem entgegenkommenden Lieferwagen für Tiefkühlkühlkost vorbei, dessen Fahrer hupte. Obwohl er selbst fast einen Unfall verursacht hätte, fluchte Florian laut vor sich hin und überschritt weiterhin die zulässige Höchstgeschwindigkeit. Vor der nächsten Ampel hielt er erst im letzten Augenblick an, was Silke auf den Plan rief.

"Fahren Sie doch bittet etwas langsamer. Wir wollen schließlich nicht auch noch verunglückten", rügte sie ihn.

Zu Lauras Überraschung fuhr Florian von nun an tatsächlich vorsichtiger.

Während des Ausflugs vermieden die Reiseleiterin und ihre Gruppe bewusst, über den Todesfall zu reden. Laura konnte sich später kaum an Einzelheiten erinnern. Sie war derart in Gedanken versunken, dass sie nicht einmal mitbekam, welche Kirche sie besuchte, nur, dass sie etwas mit dem heiligen Bonifatius zu tun hatte. Gegen fünfzehn Uhr behauptete Florian, seine Kaffeepause nehmen zu müssen. Silke wollte schon Einspruch erheben, aber die alten Damen hatten schon ein altmodisches Café am Ende der Straße gesichtet und so gab die Reiseleiterin mit beleidigter Miene nach.

Laura murmelte etwas von einem natürlichen Bedürfnis und verschwand in einer Seitengasse neben dem Café. Sie schaute sich um, ob sie jemand belauschen konnte und wählte dann Frau Eichenauers Nummer, die sie bereits in ihr Handy einprogrammiert hatte.

"Agathe Eichenauer", meldete sich sogleich eine energische Stimme, die für eine Frau erstaunlich tief war.

Laura hatte sich bereits eine Geschichte zurechtgelegt.

"Hier ist die Alte Augsburger Lebensversicherung, Petra Niederegger am Apparat", meldete sie sich. "Ich bin doch richtig informiert, dass Sie schon mehrfach mit Frau von Schiller in Urlaub gefahren sind?"

"Ja, das bin ich. Warum fragen Sie mich das?"

"Wir bearbeiten gerade die Akte zu ihrem Unfall."

"Welchem Unfall?"

Auch das noch, fluchte Laura innerlich vor sich hin. Sie war davon ausgegangen, dass ihre Gesprächspartnerin die Hiobsbotschaft bereits vernommen hatte. Bei der bloßen Vorstellung, das nachzuholen legte sie fast wieder auf. Panisch suchte sie nach einer beschönigenden Formulierung, aber es fiel ihr nichts ein.

"Frau von Schiller ist tot", verkündete sie schließlich ohne Umschweife.

"Das ist ja schrecklich. Was ist geschehen?", entfuhr es ihrer Gesprächspartnerin.

"Sie ist eine Treppe hinuntergestürzt und hat sich das Genick gebrochen."

"Wie entsetzlich!"

"Um Klarheit in diese undurchsichtige Angelegenheit zu bringen habe ich eine kurze Frage", fuhr Laura fort. "Frau von Schiller ist am ersten Tag ihrer Urlaubsreise nochmals in ihre Wohnung zurückgekehrt, da sie etwas vergessen hatte. Wissen Sie zufällig, was das war?"

"Wie soll ich das von Königstein aus beobachtet haben?", fragte Frau Eichenauer. "Da müssen Sie schon ihre neugierige Nachbarin fragen."

Ihr Ton war so arrogant, als würde sie gewöhnlich ein Heer von Lakaien herumkommandieren.

"Es hätte ja sein können, dass Frau von Schiller ihnen das am Telefon erzählt hat",

"Sie hielt nicht viel von Telefonen und anderen neumodischen Schnickschnack", erwiderte die Frau am anderen Ende der Leitung. "Darf ich fragen vielleicht, zu wessen Gunsten Renate eine Lebensversicherung abgeschlossen hat?"

Mit dieser indiskreten Frage hatte Laura wirklich nicht gerechnet. Ob Frau Eichenauer sich selbst Hoffnungen auf das Erbe machte?

"Darüber darf ich natürlich keine Auskunft geben", verkündete sie empört, als ihr plötzlich eine - wie sie selbst fand - geniale Idee kam. "Aber ich will kein Prinzipienreiter sein. Wenn Sie mir einen Namen nennen, werde ich mit ja oder nein antworten."

Einige Sekunden lang herrschte Schweigen am anderen Ende der Leitung.

"Eigentlich kommt nur ihre Nichte Beate in Frage."

Wenn man schon die Glückliche hieß, dachte Laura.

"Mit der älteren Schwester hatte Frau von Schiller sich ja zerstritten, die jüngere ist bei einem Schiffsunglück gestorben und hat eine Tochter hinterlassen."

"Beate?", vergewisserte sich Laura.

"Mit vollem Nachen Beate Hartmann-Rohr. Sie bekommt nun das Geld?"

"Wenn Sie es sagen", entgegnete Laura ausweichend. "Aber Sie erwähnten eben Frau von Schillers Nachbarin. Wissen Sie zufällig wie sie heißt?"

Wieder herrschte eisiges Schweigen und Laura versuchte ihren Charme spielen zu lassen.

"Es wäre wirklich etwas aufwändig jemanden von Augsburg nach Wiesbaden zu schicken, um den Namen vom Klingelschild abzulesen", sagte sie im freundlichsten Tonfall, den sie zustande brachte.

"Sie heißt Frau Reese und hat nichts Besseres zu tun als den ganzen Tag mit dem Ohr an der Sprechanlage zu hängen. Leider ist es eines dieser altmodischen Exemplare, mit denen man fremde Gespräche mithören kann. Die Dinger gehören schon aus Gründen des Datenschutzes verboten", ereiferte sich Frau Eichenauer. "Auch sonst ist die Nachbarin recht neugierig. Ständig beäugte sie Renates Fotoalbem."

"Sehr interessant", murmelte Laura vor sich hin.

"Aber was hat Frau Reese mit dem Unfall zu tun?", fauchte Frau Eichenauer sie an.

Höchste Zeit, das Gespräch zu beenden.

"Wahrscheinlich nicht das geringste, aber vielleicht kann sie und weiterhelfen", sagte Laura und wollte schon das rote Telefonsymbol berühren, als am anderen Ende der Leitung leises Schluchzen erklang.

"Aber eins muss man Frau Reese lassen. Sie hat sich immer gut um Renates Pflanzen gekümmert", presste Frau Eichenauer heraus, die wohl erst in diesem Augenblick tatsächlich begriff, dass ihre Freundin tot war. Sie sprach ganz leise und Laura sah ihr bekümmertes Gesicht vor ihrem inneren Auge.

"Vielen Dank, Frau Eichenauer", sagte sie und verabschiedete sich hastig von ihrer noch immer hörbar erschütterten Gesprächspartnerin.

Einige Sekunden lang stand Laura am ganzen Körper zitternd vor einer Hauswand herum, von der der Putz abzubröckeln bekann. Schwer atmend fragte sie sich, ob sie nicht zu weit gegangen war. Sie hatte am Telefon gelogen und sich in die Arbeit der Polizei eingemischt. Es wird schon nicht herauskommen, versuchte sie sich zu beruhigen. Ich habe meinen wirklichen Namen nicht genannt und diese Frau Eichenauer machte nicht den Eindruck, als ob sie die Nummern in der Chronik ihres Telefons speichert.

Als sie sich etwas beruhigt hatte, schlug Laura die Nummer von Frau Reese nach und wählte sie, doch es war besetzt. Schweren Herzens beschloss Laura, sich zu den anderen zu gesellen. Nicht, dass sie ohne sie abfuhren.

In dem Café schlug ihr wohlige Wärme entgegen, aber die gemusterten Tapeten, die Rüschen an den Vorhängen und die geblümten Kissen riefen in Laura geradezu körperliches Unbehagen hervor.

"Sie hat bestimmt mit ihrem Freund telefoniert", hörte sie Sara Herrmann sagen, als sie sich auf einer Eckbank niederließ.

Fast hätte Laura widersprochen. Doch das hätte die Frage provoziert, mit wem sie so dringend sprechen musste.

"Sie wünschen bitte?", fragte eine hagere, ältliche Bedienung und Laura bestellte einen Capuccino.

Bevor ein weiteres Wort gefallen war holte Frau Steinmetz eine Porzellanfigur aus der Tasche ihres Mannes, stellte sie auf den Tisch und lehnte sich auf ihrem mit Blümchenmuster bespannten Stuhl zurück. Das Figürchen stellen einen Hirtenknabe im Rokoko-Kostüm dar, der auf einem Baumstumpf saß und Flöte spielte. Frau Steinmetz nahm die Figur wieder vom Tisch und hielt sie hoch.

"Das hat mein Mann für mich in der Porzellanmanufaktur gekauft. Ist sie nicht wunderschön?", fragte sie.

Laura schaute die Figur an, um dem Blick von Dr. Steinmetz auszuweichen.

"Sie sieht fast wie ein altes Stück aus", sagte sie, da sie das Gefühl hatte, dass eine Reaktion von ihr erwartete wurde. In Frau Steinmetzens Antiquitätenladen stand der Figur sicher eine wundersame Verwandlung in ein Original aus dem 18. Jahrhundert bevor.

"Sie ist wirklich zauberhaft", sagte Frau Herrmann und warf ihrem Gatten einen vielsagenden Blick zu, während dieser wiederum die Statuette wie ein feindliches Objekt beäugte.

Auch die anderen Damen geizten nicht mit bewundernden Bemerkungen.

In diesem Augenblick kam die Bedienung und brachte den Capuccino, den Laura gleich bezahlte. Gedankenverloren fing sie an, ein Schiffchen aus der Rechnung falten. Erst als plötzlich alle Augen auf sie gerichtet waren, wurde ihr bewusst, was sie gerade tat. Erschrocken hielt sie in der Bewegung inne. Das würde Frau von Schiller gefallen, dass ich tatsächlich damit aufhöre, durchfuhr es sie. Im gleichen Augenblick konnte sie es gar nicht fassen, dass ihre Reisegefährtin tot war.

"Ich komme gleich wieder", sagte Laura, nachdem sie den Capuccino so hastig in sich hineingeschüttet hatte, dass sie sich dabei den Mund verbrannt hatte.

"Ich sieben Minuten fahren wir los!", rief Silke ihr mit scharfer Stimme nach und Laura versprach, pünktlich zu sein.

Auf dem Weg in die Seitenstraße erwog sie, sich eine andere Lügen-Geschichte auszudenken, denn sie war alles andere als zufrieden mit dem Verlauf des letzten Gespräches. Doch sie verwarf diese Idee, denn sie konnte nicht ausschließen, dass die beiden Frauen sich über ihre Anrufe unterhalten würden. Angespannt auf dem Kopfsteinpflaster stehend wählte sie Frau Reeses Nummer. Diesmal war nicht besetzt. Schon nach dem zweiten Klingelton ging Frau von Schillers Nachbarin ans Telefon.

"Therese Reese am Apparat."

Das klang ja als ob sie stotterte. Sie hatte wohl einen Herrn Reese geheiratet.

"Guten Tag, Frau Reese! Hier ist die Alte Augsburger Lebensversicherung. Sie sind doch die Dame, die Frau von Schillers Pflanzen während ihres Urlaubs gegossen hat", fragte Laura hoch erfreut.

"Nicht schon wieder", wurde sie von einer unerwartet harschen Stimme angefaucht.

Dabei hatte Laura sich die Blumenfreundin als verhuschte alte Jungfer oder warmherzige Witwe vorgestellt.

"Ich habe eine kurze Frage ..."

"Alles, was ich weiß habe ich bereits der Polizei gesagt."

Frau Reese schien ja ein regelrechter Drache zu sein, noch viel schlimmer als Frau Eichenauer. Außerdem war ihre Stimme erstaunlich jugendlich.

"Haben Sie zufällig mitbekommen, was Frau von Schiller während ihres Urlaubs aus ihrer Wohnung geholt hat?", erkundigte sich Laura nach einer Schrecksekunde.

"Darf ich vielleicht fragen, was Sie das kümmert?", wurde sie gefragt, wobei ihre Gesprächspartnerin das Sie dehnte.

"Wir von der Lebensversicherung möchten ganz sicher sein, ob es wirklich ein Unfall war oder ob jemand nachgeholfen hat", erklärte Laura, um einen sachlichen Tonfall bemüht. "Bei der Klärung dieser wichtigen Frage könnte der Gegenstand eine Rolle spielen."

"Ich bin ihr ja zufällig im Treppenhaus begegnet, aber es schien ihr peinlich zu sein", sagte Frau Reese verärgert. "Sie hat mir nur knapp zugenickt und es nicht einmal für nötig befunden, mir zu sagen, warum sie überraschenderweise zurückgekehrt ist. Da habe ich mir gesagt: So sind nun mal die Leute. Wenn Sie einen brauchen sind sie freundlich, sonst kennen sie einen kaum ..."

"Und was hat nun Frau von Schiller aus der Wohnung geholt?", unterbrach Laura die Tiraden, die sie schon ganz schwindlig machten.

"Sie hatte eine Plastiktüte in der Hand. Keine Ahnung, was darin gesteckt hat, jedenfalls nichts Schweres."

Hatte Frau von Schiller am Ende nur einen Reiseführer geholt? Selbst einer derartigen Pedantin war das wohl nicht zuzutrauen.

"Könnte es vielleicht ein Fotoalbum gewesen sein?", fragte Laura, einer plötzlichen Eingebung folgend.

"Durchaus möglich", stimmte ihre Gesprächspartnerin zu. "In ihrer Wohnung gibt es ja zwei komplette Schränke damit."

"Dann müsste man doch eigentlich feststellen können, ob es eine Lücke zwischen den Bänden gibt."

"Die Polizei hat die Wohnung versiegelt, da kommt keiner rein. Dabei habe ich extra darauf hingewiesen, dass die Blumen gegossen werden müssten", schmollte Rau Reese. "Aber ich glaube, das war denen völlig gleichgültig."

Mehr war wohl aus der Frau nicht herauszubekommen. Laura bedankte und verabschiedete sich und beendete das Gespräch.

Was nun? Laura wusste, dass Sie eigentlich die Polizei auf die Fotoalben hinweisen müsste. Aber dann hätte sie zugeben müsse, dass sie Frau Eichenauer und Frau Reese am Telefon angelogen hatte. Außerdem wollte sie sich die Früchte ihrer Arbeit nicht einfach wegnehmen lassen. Um ihr schlechtes Gewissen etwas zu besänftigen, rang sie sich dazu durch, wenigstens Kai Sonntag auf dem neuesten Stand zu setzen. Doch noch dringender war es, schleunigst zum Reisebus zu gehen, denn die sieben Minuten waren längst verstrichen.

FP_540253_ / 06.12.2017 / Seite 4