15.

Auch nach dem dritten Drink konnte Laura an nichts anderes denken als an die Vorladung bei der Polizei. Sie schlief daher miserabel und wurde von Alpträumen und Schreckensvisionen geplagt. Schon bei Tagesanbruch war sie wieder auf den Beinen. Ein Erholungsurlaub sah wirklich anders aus. Laura wusch sich das Gesicht, schlüpfte in die Kleidung, die sie bereits am Vortag getragen hatte und verließ den Raum. Draußen im Flur zog ein schwarzhaariges Zimmermädchen ihren Putzwagen hinter sich her. Vor einer Zimmertür sammelte sie mit missbilligender Miene einen Kronkorken vom Teppichboden auf. Dann starrte sie Laura ins Gesicht, als habe die Polizei sie gebeten es bei einer Gegenüberstellung zu identifizieren. Laura fragte sich, ob das Mädchen sie für die Mörderin ihrer Kollegin hielt. Bei dieser Vorstellung hätte sie sich am liebsten gleich wieder in ihr Bett verkrochen.

Das erste, was sie im Frühstücksraum erblickte war Kai Sonntag, der sie neugierig anblickte. Ihr Reisegefährte saß an dem kleinen quadratischen Tisch direkt hinter der Tür, an dem jeder Eintretende passieren musste. Dabei war der Raum so spärlich gefüllt, dass Kai Sonntag auch einen weniger exponierten Platz hätte wählen können.

"Sie sehen schrecklich aus", sagte er ohne Umschweife und biss dann herzhaft in einen Muffin.

Erstaunlich, was es in heutzutage so zum Frühstück gab.

"Ich muss noch einmal zur Polizei", informierte ihn Laura, bevor sie zur Kaffeemaschine ging und ungeduldig zusah, wie das heiße Getränk in die Tasse plätscherte.

Da ihr das Müsli nicht geschmeckt hatte holte sie diesmal ein Brötchen aus dem riesigen Korb auf der Anrichte und schnitt es mit einem ebenfalls überdimensionierten, gezackten Messer in zwei Hälften. Das wäre eine ideale Mordwaffe, durchfuhr es Laura, während sie das Brötchen auf einem Teller an den Tisch trug, an dem ihr Reisegefährte saß. Dann füllte sie Himbeer-Marmelade in ein winziges Glasschälchen und sah sich nach der Butter um, die sie in einem Kühlfach fand.

Auf seinem Stuhl zurückgelehnt hatte Kai Sonntag beobachtet, wie Laura ihr Frühstück zusammenstellte.

"Und was wollen die von Ihnen?", erkundigte er sich, als sie ihm gegenüber Platz genommen hatte.

Es war genau diese Frage, die Laura in der vergangene Nacht den Schlaf geraubt hatte. Die Tatsache, dass man offenbar nur sie ins Polizeirevier zitiert hatte, verhieß jedenfalls nichts Gutes. Es konnte eigentlich nur etwas mit dem Tod des schönen blonden Zimmermädchens zu tun haben.

"Wenn ich das wüsste", seufzte Laura, während sie ihr Brötchen bestrich.

Vor ihrem inneren Augen erschien die Leiche des Zimmermädchens.

"Sie hätten nicht nach Wiesbaden fahren sollen", entgegnete Kai Sonntag und drehte seine leere Kaffeetasse in den Händen.

"Irgendwer musste doch etwas unternehmen", brummte Laura und stopfte missmutig ihr Brötchen in sich hinein.

"Das ist die Aufgabe der Polizei."

Laura legte das angebissenes Brötchen auf den Teller, nahm einen Schluck Kaffee und war schon im Begriff, ihren Standpunkt nochmals darzulegen, verzichtete aber schweren Herzens darauf, denn die anderen Mitglieder der Kunstfreunde-Reisetruppe trudelten langsam ein.

"Es ist schon seltsam, was manche Leute so wegwerfen", hörte sie den Busfahrer im Vorbeigehen zu Thorsten Berger, dem Klempner sagen, maß dieser Bemerkung aber keine besondere Bedeutung bei, sondern überlegte erneut, was Kommissar Bock wohl von ihr wollte.

Nachdem sie den letzten Bissen vertilgt und ihren restlichen Kaffee hinterher geschüttet hatte, erhob sie sich widerwillig.

"Sollte ich nicht rechtzeitig zum Ausflug zurück sein, entschuldigen Sie mich doch bitte bei Silke. Sagen Sie ihr aber nicht, dass ich nochmals ins Kommissariat musste", bat sie ihren Reisegefährten.

"Selbstverständlich", versprach Kai Sonntag, der sich ebenfalls erhoben hatte. "Ich fahre dann auch nicht mit, sondern warte im Hotel auf Sie."

Laura war selbst erstaunt als sie das Kinn hochreckte und ihm einen Kuss auf die haarige Wange drückte.

Dann begab sie sich aufs Schlimmste gefasst zum Revier und fuhr dort mit dem lahmen Aufzug in den dritten Stock. Oben angelangt überkam sie bei der bloßen Vorstellung, was sie erwartete ein Anfall von Übelkeit, aber zum Glück bemerkte sie am Ende des Korridors Toiletten.

Beim Betreten der Toilettenanlage schaute sie unvermittelt in einen riesigen Spiegel. Ihr leichenblasses, längliches Gesicht, das im grellen Neonlicht noch fahler wirkte starrte zurück. Warum hingen hier nur so große Spiegel? Wahrscheinlich gehörten sie zur psychologischen Kriegsführung. Laura rief sich ins Bewusstsein, dass sie keine Tatverdächtigte war. Aber ihr grauste trotzdem vor dem bevorstehenden Gespräch. Um sich etwas zu beruhigen, benetzte sie ihre Stirn mit kaltem Wasser und trocknete sich dann mit einem Papierhandtuch ab. Schließlich kehrte sie in den Flur zurück, ging zu Zimmer 318 und klopfte zaghaft an.

"Herein", erscholl Kommissar Becks barsche Stimme zurück und Laura trat ein.

"Ach, Sie sind es", sagte der Kommissar und starrte zu ihr hoch, als sei sie sein Todfeind. Als Laura vor ihm stand bedauerte sie sich mit Jeans und Pullover salopp gekleidet zu haben.

Die Familienfotos waren vom Schreibtisch des Kommissars verschwunden. Dafür hing an der Wand ein Foto, das in hellblauen Farben eine Gruppe von Hochhäusern zeigte.

"Sie wollten mich sprechen", sagte Laura mit argloser Miene und zog sich einen Stuhl vor den Tisch.

"Ich habe gestern Abend noch mal mit Frau Reese telefoniert. Und was musste ich hören?", verkündete ihr Gegenüber und machte dann eine dramatische Pause, um seinen Worten mehr Gewicht zu geben.

Einen Moment lang war Laura erleichtert, dass sie nicht auf den Tod des Zimmermädchens angesprochen wurde. Doch beim Anblick des finster dreinblickenden Kommissars rutschte ihr sogleich das Herz in die Hose. Sollte sie behaupten den Namen Reese noch nie gehört zu haben? Es zu leugnen war wohl keine gute Idee, denn wenn die Polizei der Sache einmal nachging, war Laura schnell entlarvt. Sie konnte noch nicht einmal ausschließen, ob der Mann, der sie in Wiesbaden verfolgt hatte nicht ein verdeckter Ermittler war.

"Frau Reese sagt, dass eine Frau besucht hat, deren Beschreibung auf Sie zutrifft", präzisierte der Kommissar seinen Vorwurf.

"Das habe ich nur gemacht, weil ich das Gefühl hatte, dass Sie mich verdächtigen", platzte es aus Laura heraus. Sie hatte selbst den Eindruck, dass ihr trotziger Tonfall besser zu einem kleinen Mädchen gepasst hätte.

"Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht? Man hat Ihnen doch gesagt, dass bis auf weiteres niemand von Ihrer Reisegruppe die Stadt verlassen darf! Und dann noch eigenmächtig Zeugen befragen! Was glauben Sie eigentlich wer sie sind?", fuhr der Kommissar sie an.

Lauras fragte sich, was ihr Arbeitgeber wohl zu diesem gesetzeswidrigen Verhalten sagen würde? Wie gut, dass du noch den Job im Bistro hast, durchfuhr es sie in einem Anfall von Galgenhumor.

"Ich dachte, dass heißt, dass ich nicht nach Hause fahren darf", stammelte sie hilflos.

Kommissar Bock sprang von seinem Stuhl auf, marschierte einige Sekunden lang im Büro auf und ab und schleuderte Laura abwechselnd Vorwürfe und Drohungen entgegen. Sie hätte nicht vermutet, dass dieser sportliche Mann ein übler Choleriker war.

"Und jetzt berichten Sie mir gefälligst ganz minutiös, was Sie mit Frau Reese besprochen haben", forderte der Kommissar sie auf, als er sich etwas beruhigt hatte.

Mit knappen Worten schilderte Laura ihren Besuch bei Frau von Schillers Vermieterin, erwähnte aber nicht, dass sie sich als Freundin der Nichte ausgegeben hatte.

"Ich nehme an, Sie haben das fehlende Fotoalbum in Frau von Schillers Hotelzimmer gefunden", schloss sie ihren Bericht.

Falls der Kommissar von ihren Ergebnissen und Schlussfolgerungen beeindruckt sein sollte, so ließ er es sich zumindest nicht anmerken.

"Es geht Sie zwar nichts an, aber wir haben dort kein Album gefunden, nur ein Foto von Frau von Schillers ausgesprochen hübscher Nichte", brummte er nur. Laura schluckte den Ärger darüber herunter, dass sie dem Kommissar offenbar weniger gut gefiel. Es war nicht der Zeitpunkt für derartige Eitelkeiten. "Vielleicht war das Fotoalbum in der Handtasche, die wir noch immer nicht gefunden haben", überlegte er dann.

Laura musste zugeben, dass ihr diese Idee nicht gekommen war, doch sie verwarf sie sogleich.

"Das glaube ich nicht. Die Alben sind zu groß dafür. Frau von Schillers hatte immer eine teuer aussehende Handtasche aus beigefarbenem Leder dieser Größe bei sich", widersprach sie und zeigte in der Luft die Breite einer zusammengefalteten Zeitung.

"Sie kann das Album auch wieder in eine Plastiktüte gesteckt haben."

Kommissar Bocks Stimme schwankte zwischen Ärger und Belustigung. Er schieb ein paar Worte auf einem dicken Block, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag und sah dann Laura einen Augenblick lang nachdenklich an.

"Sie glauben also, man hat Frau von Schiller wegen irgendwelchen alten Fotos umgebracht?", fragte er skeptisch.

"Ich dachte bisher, dass es ein Unglückfall war?", entfuhr es Laura. Obwohl sie ganze Zeit vom Gegenteil ausgegangen war, verblüffte sie diese Wendung.

"Mittlerweile liegt das pathologische Gutachten vor", erläuterte der Kommissar. "Darin steht, dass die Art der Verletzungen vermuten lässt, dass Frau von Schiller mit dem Rücken zur Treppe gestanden hatte. Das spricht dafür, dass sie hinunter gestoßen wurde. Wenn das der Fall sein sollte, ist jeder verdächtig, denn er bedarf keiner besonderen Kraft um einer alten Frau von hinten einen Stoß zu versetzen."

Er sagte das in einem Tonfall, als ob Laura die Allerverdächtigste sei.

"Also was mich betrifft, so hatte ich nicht die geringste Veranlassung Frau von Schiller etwas anzutun", betonte sie empört und versuchte dann das Gespräch in sachlichere Bahnen zu lenken. "Warum sollte es eigentlich ein Mitglied der Reisegruppe gewesen sein? Lässt das Fehlen der Handtasche nicht eher auf einen Raubüberfall schließen, der aus dem Ruder gelaufen ist?"

"Nur weil wir das nicht ausschließen können, lassen wir ihre Gruppe weiterhin das Programm absolvieren", sagte Kommissar Bock, was Laura als Erlaubnis, sich zurückzuziehen interpretierte.

"Es tut mir leid, dass ich nicht weiterhelfen konnte", sagte sie vergrätzt und erhob sich von ihrem unbequemen Stuhl.

Zu ihrer Erleichterung versuchte der Kommissar nicht, sie zurückzuhalten, sondern schärfte ihr nur nochmals ein, dass sie sich in Zukunft aus den Polizeiermittlungen heraushalten solle.

Frau von Schiller war nicht verunglückt, sondern man hatte sie ermordet! Laura war darüber so aufgewühlt, dass sie alle drei Stockwerke die Treppen hinunterrannte. Als sie endlich wieder im Freien stand atmete sie tief durch und beschloss dann zu Fuß zum Hotel zu marschieren, um in der kühlen Herbstluft etwas Ordnung in ihre Gedanken zu bringen. Wie vor den Kopf gestoßen setzte sie einen Fuß vor den anderen und achtete dabei kaum darauf, was um sie herum vorging. Gedankenlos wählte sie an Kreuzungen irgendeine Richtung und stellte irgendwann fest, dass sie sich verlaufen hatte. Es gab nur eine Möglichkeit, diesen Alptraum zu beenden und das war, Frau von Schillers Mörder zu finden. An das tote Zimmermädchen wollte sie lieber gar nicht denken.

Die für diesen Tag geplante Exkursion und Kai Sonntag hatte Laura vor Aufregung völlig vergessen. Doch ganz als sie an einem Reisebüro vorbeikam erinnerte sie sich schlagartig daran, dass ihr Reisegefährte auf sie wartete. Ich sollte ihn schleunigst anrufen, dachte sie und steuerte den nächsten Handy-Laden an, von denen es in Frankfurt mehr als genug gab. Dort kaufte sie bei einem pickligen Jüngling ein Ladegerät.

"Darf ich im Geschäft kurz telefonieren?", fragte sie, nachdem sie ihren Obulus entrichtet hatte.

Wortlos deutete der Verkäufer auf eine Steckdose. Laura riss die Verpackung auf und zerrte ihre Neuerwerbung heraus. Ungeduldig stellte sie eine Verbindung zwischen ihrem Handy und der Steckdose her. Ihre Finger zitterten und sie brauchte zwei Anläufe, um die Geheimzahl einzugeben. Kaum war es ihr gelungen erschien schon auf dem Display ein gelber Briefumschlag. Jemand hatte sie angerufen und eine Nachricht hinterlassen. Kai Sonntag hat seinem Unmut Luft gemacht, weil ich ihn versetzt habe, durchfuhr es sie. Tatsächlich fand sie den Namen ihres Reisegefährten an erster Stelle der Anrufsliste.

Schuldbewusst tippte Laura auf die Kurzwahl der Mailbox.

"Ich bin es, Kai Sonntag", meldete sich ihr Reisegefährte mit gedämpfter Stimme und Laura war erleichtert, dass er ihr offenbar nicht böse war. "Ich hoffe, der Besuch bei der Polizei war nicht allzu unerfreulich. Ich habe doch nicht auf Sie gewartet, weil ich ein interessantes Gespräch mitbekommen habe, das ich weiterverfolgen wollte." Seine Stimme nahm wieder normale Lautstärke an. "Sie können mich ja kurz anrufen, wie es gelaufen ist."

Wider Willen stieg Enttäuschung in Laura auf, weil Kai Sonntag nicht auf sie gewartet hatte. Verärgert beendete sie das Gespräch und lugte möglichst unauffällig über die Schulter. Der picklige Verkäufer stand nur einen Meter von ihr entfernt und sortierte Handy-Hüllen. Es war ihr nun doch peinlich vor ihm zu telefonieren und sie beschloss, lieber eine SMS zu schicken.

"Inspektor Bock hat herausbekommen, dass ich gestern Frau Reese besucht habe. Außerdem glaubt die Polizei inzwischen, dass es Mord war. Viele Grüße Laura Winter", tippte sie ein, bevor sie die Verbindung zu Steckdose löste und den Laden verließ.

Draußen suchte sie das nächste Straßenschild und zog dann den Stadtplan aus der Jackentasche, um sich zu orientieren. Sie wollte in ihr Zimmer zurückkehren und ihr Handy aufladen. Vielleicht hatte Kai Sonntag ja ihre SMS beantwortet. Erstaunt stellte Laura fest, dass sie nur der vor ihr liegenden Hauptstraße folgen und an der dritten Querstraße abbiegen musste, um zum Hotel zu gelangen. Für einen Ortsfremden sahen alle Straßen im Viertel gleich aus.

Unterwegs trat Laura jeden Stein zur Seite, der auf dem Bürgersteig lag. Zum wiederholten Mal bereute sie ihren Entschluss, für ihre Mutter eingesprungen zu sein. Bei jeden langen Erläuterungen, die sie sich hatte anhören müsse und bei jedem Kilometer, den sie im Reisebus durchgeschüttelt worden war hatte sie an ihr gemütliches Zuhause gedacht.

Der Anblick des Hotels mit seinen ungemütlichen Einzelzimmern war auch nicht gerade dazu angetan, ihre Stimmung zu heben. Laura war schon im Begriff, die Glastür am Einganb aufzuziehen, als sie ein lautes Poltern hörte und sie schaute sich um. Ein Müllwagen schob sich langsam um die Ecke. Es war ein großes, weißes Fahrzeug, das Altpapier einsammelte. Zwei Müllmänner in ihrer orangefarbenen Kleidung gingen voran, um die Tonnen auf die Straße zu schieben und die Deckel zu öffnen. Seit ihrer Ankunft in Frankfurt hatte Laura nicht mehr bewusst aus dem Fenster ihres Zimmers geschaut, so unwirtlich war die Aussicht. Doch in ihrem Unterbewusstsein hatte sie das Bild der Müllcontainer im Hinterhof gespeichert, das in diesem Augenblick jäh in ihr hochstieg. Hatte sich nicht der Busfahrer darüber gewundert, was manche Leute so wegwarfen? Bei diesem Gedanken lösten sich Lauras Finger wie von selbst vom Türgriff. Sie trat zurück und hastete um das Hotel herum. Sie musste sich beeilen. Wenn die Müllabfuhr die Papiertonnen ausleerte waren Tatsachen geschaffen. Falls sich Beweismaterial darin befand war es dann für immer verloren.

Im Hof angelangt hob Laura den Deckel der ersten Tonne. Sie enthielt aber nur alte Zeitungen und Stapel von Pizzakartons. Offenbar war manchen Gästen das Hotelrestaurant zu teuer. Die Polizei hätte bestimmt auch die tieferen Schichten sondiert. Aber Laura schreckte davor zurück, in den halbvollen Container zu steigen, zumal sie nicht wusste, ob sie vom Hotel aus beobachtet wurde. So begnügte sie sich damit, mit einer demonstrativ ausholenden Geste ein Tempotaschentuch hineinzuwerfen. Die zweite Tonne war bis zum Rand gefüllt, doch ansonsten bot sich das gleiche Bild: Zeitungen, Werbehefte und Pizzakartons.

Ohne große Erwartungen nahm sich Laura den dritten Papiermüll-Container vor und erblickte im Inneren große Mengen von Computerausdrucken. Laura wollte schon den Deckel wieder schließen, als sie etwas Gelbes zwischen dem weißen Schreibmaschinen-Papier aufblitzen sah. In ihrem Magen machte sich ein Kribbeln bemerkbar. Neugierig beugte sie sich weit über den Rand der Tonne und hätte es trotzdem fast nicht geschafft den Gegenstand zu ergreifen. Jetzt weiß ich, warum mich die Polizei nicht nehmen wollte, dachte sie verärgert. Schließlich gelang es ihr doch und sie zog einen mittelgroßen Gegenstand heraus. Ihr Herz machte vor Aufregung einen Sprung als sie realisierte, dass es sich um ein Fotoalbum handelte. Sie versuchte es in ihrer Tasche zu verstauen, die aber nicht geräumig genug für das Album war. Es ließ sich nicht vermeiden, dass der Rücken herausragte.

Laura schärfte sich ein, dass die Hotelangestellten sich bestimmt nicht für ihre Handtasche interessierten. Sie musste nur möglichst beiläufig die Halle durchqueren und schon hatte sie ihr Fundstück in Sicherheit gebracht. Doch das war leichter gesagt als getan. Als Laura die Tür hinter sich gelassen hatte zog sich ihre Schultern automatisch hoch und sie hatte den Eindruck, dass alle sie anstarrten. Bei meinem Glück betätigt die dunkelhaarige Rezeptionistin gerade einen Knopf unter der Theke und informiert damit die Polizei, dass sie etwas Verdächtiges bemerkt hat, dachte sie schlecht gelaunt. Mühsam zwang sie sich, jeden Blickkontakt zu meiden, damit sie niemand ansprach.

Doch sie erreichte ohne Zwischenfälle den muffig riechenden Korridor, der den Nebenflügel mit dem Haupttrakt verband und eilte in ihr Zimmer. Das Bett war noch immer nicht gemacht, weshalb Laura das "Bitte nicht stören"-Schild an die Tür hängte. Auf dem kleinen Schreibtisch in der Ecke war kaum Platz für ihre Tasche. Mit klopfendem Herzen zog sie das Fotoalbum heraus und blätterte es durch. Wie erwartet enthielt es Fotos aus Schottland. Laura bemerkte, dass die letzte Seite fehlte. Sie war mit einem scharfen Objekt, wie einem Teppichschneider herausgetrennt worden. Die Schnittkante schien jüngeren Datums zu sein. Laura fühlte schwärzeste Enttäuschung in sich aufsteigen. Es war alles umsonst. Der Mörder hatte bereits das Beweismittel vernichtet.

FP_540253_ / 06.02.2018 / Seite 5