Ein Neuanfang

Es ist ein recht kühler Abend für August, aber der Sternenhimmel ist sichtbar und die Luft lässt sich leicht ein- und ausatmen. Ich bin auf dem Weg zum Philosophenweg, der zu einer Anhöhe auf halber Strecke führt, von der die Heidelberger Innenstadt sowie der Neckar mit den vielen Brücken zu sehen ist. Meine großen Kopfhörer habe ich noch auf meinem Kopf, während ich langsam dem Philosophenweg mit der Straßenbahn näher komme. In letzter Zeit bin ich wie besessen von BTS. Meistens ist es egal, welcher Song gerade läuft, aber für Tage, an denen ich in den Himmel schaue, höre ich mir immer „Spring Day" an.

In der Bahn sind feierwütige Jugendliche, viele mit einer Flasche Sekt oder Bier in der Hand, die Mädchen stark geschminkt und spärlich bekleidet, die Jungs meist grölend und sehr besoffen. Dazwischen sitzen genervte Menschen, die gerade Feierabend haben und auf dem Weg nach Hause sind. Menschen, die auf ihr Handy starren, in der Verzweiflung, so dem Alltag und dem Lärm zu entkommen.

Die Brücke zur Innenstadt ist gut beleuchtet, aber heute möchte ich nicht in die Innenstadt. Ich steige eine Station davor aus, raus aus dem Trubel und an die frische Luft, weg von der Menschenmenge.

An sich ist der Philosophenweg gut gekennzeichnet, dennoch brauche ich mehrere Minuten, bis ich den richtigen Aufstieg finde. Mein Orientierungssinn ist nicht gut und wird nachts auch nicht besser. Der Weg ist nicht mehr gut beleuchtet und es sind nur wenige Menschen unterwegs. Immer wieder begegne ich Pärchen, aber auch Anwohner, die sich ein Haus am Philosophenweg leisten können, denn Aussicht von diesem Hang aus ist unbeschreiblich. Ich bin bisher nur einmal den Weg hochgelaufen und immer wieder sieht man die großen Villen und schicken Autos in den geräumigen Garagen.

Das letzte und bisher einzige Mal, als ich oben war, war, als meine Großeltern zu Besuch kamen. Es war nicht das letzte Mal, dass ich meinen Großvater gesehen habe, aber es war sein letztes Mal in Deutschland.

Man braucht schon ein wenig Zeit und auch Ausdauer, um es bis zum Aussichtsplateau zu schaffen. In meinem Tempo brauche ich ungefähr eine halbe bis dreiviertel Stunde. Ich bin untrainiert und sehr leicht außer Atem, aber ich möchte auch nicht langsam nach oben schlendern, ich möchte so schnell wie möglich oben sein.

I miss you

When I say that, I miss you more

I'm looking at your photo

But I still miss you

Time is so cruel

I hate us

Now it's hard to even see each other's faces

Endlich angekommen, sehe ich viele Pärchen auf der Mauer sitzen. Die meisten sind miteinander beschäftigt, doch ein Pärchen beobachtet mich neugierig. Ich ignoriere ihre Blicke so gut es geht und suche mir einen Platz weit entfernt von den Pärchen. Die Aussicht ist nicht so schön wie direkt in der Mitte, aber da sind einfach zu viele Menschen.

Die Luft hier oben ist noch kühler und ich atme tief ein. Sie schmeckt klar und nach dem Wald hinter mir. Die Lichter auf den Brücken sind wunderschön und spiegeln sich flackernd im Flusswasser, die Innenstadt ist in einem warmen Rotorange getaucht. Es ist ruhig und die Sterne strahlen nur so um die Wette. Der Mond ist nur als schmaler Sichel zu sehen. In welches Zeitalter würde so ein Gemälde passen? Impressionismus?

Ich nehme meine Kopfhörer ab und mache die Musik aus. Ich bin hierher gekommen, um nachzudenken. Und zwar in Ruhe. Die Pärchen reden, aber leise genug um mich nicht zu stören.

Ich lasse meine alten Freunde hinter mir. Warum hat das so lange gedauert? Sie waren eine Zeitlang gute Freunde, aber die allermeisten waren nicht mehr als Schulfreunde. Eben nur Freunde, mit denen man befreundet ist, weil man in der gleichen Klasse war und sechs oder mehr Stunden täglich aufeinander hockte. Wenn es dann darum ging, mir zur Seite zu stehen, waren sie alle nicht mehr da. Und ich habe sie die ganze Zeit für gute Freunde gehalten. Warum eigentlich? Vermutlich weil ich Angst hatte, alleine dazustehen.

Ich vergebe ihnen. Sie können ja nichts dafür, dass sie meine Erwartungen nicht erfüllt haben. Stattdessen sollte ich meine Erwartungen, was Freunde angeht, herunterschrauben. Auch wenn ich ihnen vergeben habe, möchte ich sie nicht mehr in meinem Leben haben. Ich sehe auch nicht, wozu das führen sollte. Sie haben mich in der Vergangenheit, und auch in der Gegenwart, zu oft verletzt. Und ich habe einfach auch nicht die Geduld, mich mit solchen Menschen auseinanderzusetzen. Freunde muss man reevaluieren. Das habe ich nun gelernt.

Ich habe neue Freunde in Heidelberg gefunden und viele davon auch wieder verloren. Was seine guten und schlechten Seiten hat. Ich habe gelernt, dass ich auf einige Themen sehr empfindlich reagiere, weil mir diese Themen oder auch Menschen wichtig sind. Nur weil jemand mit mir befreundet ist, heißt das noch lange nicht, dass er meine anderen Freunde beleidigen kann. Das ist ein ganz großes No-Go.

Und Typen mit Freundin sind auch ein ganz großes No-Go, sei es wegen der Freundin oder den Typen selbst. Super anstrengend und super nervig.

Bonzenkinder sind zur Hälfte auch zu vermeiden. Ich verstehe nicht, warum sie ein Anrecht darauf haben sollen, andere von oben herab zu behandeln, nur weil ihre Eltern etwas erreicht haben. Die Errungenschaften der Eltern haben nichts mit dem Erfolg der Bonzenkinder zu tun. Solange sie selbst nichts erreicht haben (und ein Medizinstudium in Heidelberg zu beginnen ist kein großer Erfolg), sollen sie ihren Mund halten.

Die meisten Kommilitoninnen sind jedoch sehr nett und zuvorkommend. Es ist schon fast absurd, dass ich früher fest davon überzeugt war, dass es leichter war, mit Typen abzuhängen. Ha.

„Entschuldigen Sie."

Ich drehe den Kopf in die Richtung, wo die Stimme hergekommen ist. Etwas entfernt steht ein Pärchen und beide machen einen unschlüssigen Eindruck. Ich bin mir nicht sicher, ob sie mich meinen. Wer spricht auch mitten in der Nacht fremde Menschen an?

„Alles in Ordnung bei Ihnen?", fragt mich die Frau. Sie ist mittleren Alters und hat ihren Schal fest um sich geschlungen. Sie ist schick angezogen, in einem eleganten Cocktailkleid und schwarzen Pumps. Sie trägt viel Schmuck, ihre goldene Halskette blitzt auf sowie ihre Perlenohrringe. Sie macht einen Schritt auf mich zu, während ihr Begleiter stehen bleibt und uns beobachtet. Auch er im mittleren Alter und gut gekleidet, in einem blaugrauen Anzug.

„Sie wollen sich nichts antun, oder?"

Ich schau nach unten und starre mehr oder weniger in die Tiefe. Es ist fast vollkommen schwarz.

Ob ich sterben würde, wenn ich mich jetzt von der Mauer abstoßen würde?

Nein, es ist nicht hoch genug. Du wirst dir etwas brechen, aber mehr nicht.

Ich lächle und sehe wieder zu der Frau, die mittlerweile wirklich besorgt aussieht.

„Nein, alles in Ordnung. Ich werde mir nichts antun, ich möchte nur nachdenken." Ich nicke ihr noch zu, während sie erleichtert aufatmet und zu ihrem Begleiter zurückkehrt.

Ich erinnere mich wieder an die Person, die das damals zu mir gesagt hat. Es war eine ähnliche Situation. Wir waren auf einem Aussichtsplateau, mit vielen Pärchen um uns herum, auch wenn es tagsüber und nicht in Heidelberg war.

I miss you

I miss you

How much more do I have to wait?

How many more nights do I have to stay up?

Until I can see you?

Until I can meet you?

Ich weiß nicht einmal mehr, warum ich ihn gefragt habe, ob ich sterben würde, wenn ich dort runterspringen würde. Es war mir rausgerutscht. Er dachte bestimmt, dass ich verrückt sei, was ich vermutlich auch war. Wer fragt denn sowas, wenn man gerade einen schönen Tag hat und ein leckeres Zitroneneis in der Hand hält?

Yeah I hate you

Although you left

There hasn't been a day that I have forgotten you

Honestly, I miss you

But now I'll erase you

Because that will hurt less than resenting you

Es ist wohl an der Zeit, mich von dieser Person zu verabschieden. Auch wenn ich ihn nicht vergessen kann, nicht einmal für einen einzigen Tag. Ich habe es versucht, aber er ist immer da. Und was am meisten wehtut? Dass ich ihn nie wieder zurückbekommen kann, weil es viel zu spät ist. Es gab schon eine zweite, ja, sogar eine dritte Chance. Aber mehr Chancen bekommt man im Leben nicht.

Did you change?

Or did I change?

I hate even this moment that is passing

I guess we changed

I guess that's how everything is

Ich lächle wieder zurück in die Dunkelheit hinein. Ich setze meine Kopfhörer wieder auf, mache die Musik an und gehe langsam wieder Richtung Straßenbahnhaltestelle.

Es ist Zeit für einen Neuanfang.