Die Texte dieser Geschichte basieren auf einem Projekt, bei dem man zu jeder Liedzeile eines Liedes ein Drabble schreibt. Ich musste es natürlich übertreiben und gleich ein ganzes Album nehmen ...

Die Überschriften sämtlicher Kapitel sind demnach copyrighted von Within Temptation. Ich entnahm sie des Booklets zum Album The Hearth of Everything.


The Howling: We've been seeing what you wanted, got us cornered right now

Wahrscheinlich war es eine sehr dumme Idee gewesen, das Tor zur Hölle aus nächster Nähe inspizieren zu wollen. Anfänglich war es ihnen natürlich als das Schlaueste der Welt erschienen, mit einigen anderen Dunkelelfen ihres Clans hierher zu gehen, um den Feind aus nächster Nähe zu sehen. Judas hatte vorgeschlagen, die Teufelsbrut an der Wurzel auszubrennen, danach hätten sie endlich Ruhe vor ihr.

Dumme Idee, ganz dumme Idee … Judas und Gabriel waren Dämonen- und Kopfgeldjäger ihres Clans der Dunkelelfen, die die etwas speziellere Herausforderung liebten und keine Gefahren scheuten. Doch jetzt sahen sie sich von ihrer Beute in die Enge getrieben.

The Howling: Fallen asleep from our vanity, might cost us our lives

Sie hatten sich stark gefühlt, so stark und unbesiegbar. Gabriel und Judas waren eine Einheit, unzertrennliche Weggefährten und so erfolgreich wie kein zweiter auf der Jagd nach Dämonen und anderem Gesindel. War es da nicht nachvollziehbar, dass sie diesen Coup landen wollten? Den Ursprung dieser Plage anzugreifen?

Nur mit wenigen anderen Jägern waren sie ausgezogen, um allen zu beweisen, wie talentiert sie tatsächlich waren. Der Reiz der Gefahr erregte sie ungemein und entflammte immer wieder die Leidenschaft der Jagd. Ja, sie hätten das Höllentor angreifen müssen.

Doch nun mussten sie erkennen, dass ihre Eitelkeit sie wohl das Leben kosten könnte.

The Howling: I hear they're getting closer

Gabriel und Judas, die großen Jäger, hatten sich verspielt wie noch nie zuvor. Hatten sie wirklich geglaubt, gegen die Höllenmacht bestehen zu können? Und dann waren sie auch noch mit so geringer Verstärkung losgezogen!

Das Höllentor war zu stark bewacht. Aufgrund ihrer geringen Zahl hatten sie die Umgebung nicht genügend beobachten können. Die Kreaturen hatten sie rasch ausgemacht und die Jagd eröffnet. Die Jäger waren zu Gejagten geworden.

Dicht gedrängt wartete die Gruppe in der Nacht, die Waffen bereit. Gabriel sah seine Feinde nicht, doch er konnte ihr Heulen hören. Sie waren da, im Dunkeln, ganz nah.

Konnten sie bestehen?

The Howling: Their howls are sending chills down my spine

Es lief Gabriel eiskalt den Rücken hinab. Dieses Heulen, es war grässlich, ein Kreischen und Knirschen ohnegleichen. Er konnte nicht bestreiten, dass er Angst hatte, doch weniger um ihn selbst als um Judas. Noch nie hatte er seinem Gefährten etwas abschlagen können, zu sehr war er ihm verbunden. Nicht einmal diese verrückte Idee hier.

Gabriel musste seinen Gefährten schützen, die anderen waren egal. Nur Judas musste davon kommen, sein Herz, sein geliebter Judas.

Er stellte sich an seine Seite und ergriff seine Hand. Judas drückte die seine beruhigend, doch Gabriel war in keinster Weise beruhigt.

Ein erneutes Heulen, näher nun …

The Howling: And time is running out now

Wo war der Ausweg aus dieser Situation? Wie sah dieser Weg aus? Es musste doch einen geben!

„Judas", wisperte Gabriel, damit die anderen Jäger ihn nicht hörten. „Wir müssen fliehen!"

„Nein!" Das Jagdfieber schien Judas aus seinen dunklen, violetten Augen. „Schon lange hatten wir keine solche Jagd mehr."

„Es wird noch unsere letzte …"

Judas ging nicht darauf ein. Er leckte sich über die Lippen. Gabriel folgte der Bewegung seiner Zunge. Diese Lippen nicht mehr küssen zu können … Sein Herz schmerzte bei diesem Gedanken.

„Uns läuft die Zeit davon!", drängte er.

„Ich will diesen Kampf!" Tiefe Begierde sprach aus Judas' Stimme.

The Howling: They're comming down the hills from behind

„Sie kommen!", rief einer der anderen Jäger aus.

Schweflige Augen leuchteten in der Nacht.

„Dort, die Hügel dort drüben hinab!"

„Gebt Acht, zeigt keine Blöße, sie nutzen jede Schwäche sofort aus!"

Gabriel sah mit Sorge zu seinem Geliebten. Sie beide waren kampferprobt wie niemand sonst, doch nun machte er sich Sorgen, ob sie sich nicht vielleicht übernommen hatten.

Judas … Gabriel kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er nicht mehr immer rational zu denken vermochte, hatte ihn das Jagdfieber erst einmal gepackt. Er musste auf ihn Acht geben! Entschlossen packte er seinen Scimitar fester.

„Kommt nur, ihr elenden Bestien!"

The Howling: When we start killing

Dieser Kampf würde der herausforderndste seines Lebens werden, das erkannte Gabriel schon sehr bald. Unzählige gelbe Punkte glommen in der Nacht auf, Flammen loderten hoch hinauf in den Himmel. Wie viele mochten es sein? Zehn, zwanzig? Fünfzig? Gar hundert? Auf jeden Fall waren es weitaus mehr Dämonen als Jäger der kleinen Gemeinschaft.

Rasch waren die Jäger umkreist, ein Ausweg nicht mehr gegeben. Gabriel suchte nach ihm, wollte das Offensichtliche noch nicht sehen, doch er musste es sehen. Nun denn, dann würde das Töten eben beginnen müssen. Sie würden schon Wergeld zahlen müssen, wenn sie ihn stellten.

Sollten sie nur kommen!

The Howling: It's all coming down right now

Doch wer würde tatsächlich Wergeld zahlen müssen? Die Dämonen oder ihre eigentlichen Jäger? Wer würde sich als stärker erweisen? Überzahl und rohe Gewalt oder List und Waffengeschick?

Es würde sich zeigen.

Mit Gebrüll stürzte sich Gabriel auf die Dämonen. Angriff war schon immer die beste Verteidigung, immer wieder auf's Neue konnte man diese scheußlichen Bestien damit erschrecken; sie rechneten nie damit, dass ein vermeintlich schwacher Bewohner der mittleren Welt ihnen die Stirn bot, und immer wieder konnte man sie damit verwirren.

Dumme Kreaturen! Elend und hirnlos.

Einen Urschrei ausstoßend schwang Gabriel seinen Scimitar. Mit brutaler Wucht traf er sein Ziel.

The Howling: From the nightmare we've created

Die anderen Jäger waren Gabriels Beispiel gefolgt. Ein wildes Handgemenge entbrannte. Von überall stürzten die Dämonen ohne Sinn und Verstand auf ihre Beute, selbst aus der Luft griffen sie an.

Gabriel sah sich allen möglichen Scheußlichkeiten und Fratzen gegenüber, doch sie schrecken ihn nicht mehr. Erstaunlich, an was man sich alles gewöhnen konnte …

Jeder der Verteidiger sah sich gleich mehreren Angreifern gegenüber, nur wenige waren so geschickt wie Gabriel oder Judas, um sich dem zu erwehren.

Dieser Kampf war mehr ein blutiges Gemetzel denn ein wirklicher Kampf. Die wenigsten hielten lange durch und überlebten die ersten Angriffe.

Doch dann …

Judas!

The Howling: I want to be awakened somehow

„JUDAS!", schrie Gabriel panisch. Gerade war Judas doch noch an seiner Seite gewesen. Wo war er hin? Gabriel sah sich hektisch um. Alles war so durcheinander, er konnte ja gar nichts erkennen! Es machte ihn rasend, wie wild schlug er um sich.

Er wusste: Er sollte sich nicht so gehen lassen, und doch konnte er nicht anders. Noch nie war er in einem Kampf so außer sich geraten, doch dieser hier war anders. Stets hatte er sich sicher sein können, dass weder ihm noch Judas etwas Ernstes zustoßen würde, zu groß war ihr Können.

Doch dieses Mal war alles anders.

The Howling: When we start killing it all will be falling down

Er konnte sich nichts gewiss sein. Gabriel und Judas würden ihr Bestes geben müssen, sie würden wachsam wie nie sein müssen. Doch Gabriel wusste zu gut, wie gern sich Judas im Kampf gehen ließ, wie sehr er sich vom Gefühl des unter seiner Klinge reißenden Fleisches berauschen ließ, vom sein Gesicht hinabrinnenden warmen Blut, vom metallischen Geschmack auf seiner Zunge.

Nicht, dass es Gabriel nicht auch so ginge, doch Judas steigerte sich allzu rasch in seinen Rausch hinein.

Vielleicht mochten sie entartet sein, doch so waren sie.

Nun jedoch könnte alles allzu rasch vorbei sein, wenn sie nicht Acht gaben.

The Howling: From the hell that we're in

Da hatten sie all die Jahre die Höllenbrut bekämpft und nun doch den Zorn der Hölle auf sich herabbeschworen. Beinahe konnte Gabriel darüber lachen, doch nur beinahe.

Judas! Da! Inmitten einer Gruppe gehörnter Ungeheuer stand er. Mit seinem mächtigen Bastardschwert schlug er beidhändig um sich. Das Blut spritzte von der Klinge.

Gabriel musste einen Moment innehalten und weidete sich an diesem Anblick. Kaum etwas erregte ihn mehr, als Judas im Kampf zu sehen. So elegant, so geschmeidig, so aufreizend.

Doch dann riss er sich zusammen. Er musste kämpfen, er musste seinem Geliebten zur Seite stehen! Ihm durfte einfach nichts geschehen!

The Howling: All we are is fading away

Die Erregung des Kampfes glitzerte in Judas' Augen, Gabriel konnte es von weitem sehen. Doch gleichzeitig konnte er erkennen, wie sein Geliebter bereits aus zahlreichen Wunden blutete. Nicht, dass es Gabriel in irgendeiner Weise besser ergangen wäre, doch im Angesicht des Blutes seines Gefährten waren sein Schmerz und seine Schwäche vergessen.

Es machte ihn rasend, Judas verwundet zu sehen. All seine Vorsätze, mit Verstand in den Kampf zu gehen, waren wie weggefegt. Brüllend stürzte er sich auf die Peiniger. Bluten würden sie, büßen!

„Du hattest Recht!", hörte er Judas durch seinen Kampfrausch rufen. „Es sind zu viele. Komm, wir fliehen!"

The Howling: We've been searching all night long but there's no trace to be found

Gabriel und Judas kämpften wie wild geworden, um ihren Feinden zu entkommen. Hinter ihnen schrien ihre Gefährten in Pein und Todesschmerz, doch es kümmerte sie nicht, ob jemand von ihnen überlebte.

„Verräter!"

Ihr Fluchtversuch war bemerkt worden.

„Ihr führtest uns in den Tod!"

Der Dunkelelf endete mit Judas' Messer zwischen den Augen.

Sie entkamen irgendwie, den Dämonen entgingen sie jedoch nicht. Eine lange Hatz durch die Nacht entbrannte, die Hügel hinauf und hinab. Das Heulen saß ihnen stets im Nacken. Doch plötzlich war Ruhe. Sie suchten lange, doch mit einem Male schienen alle Spuren wie weggefegt.

Waren sie doch entkommen?

The Howling: It's like they all have just vanished but I know they're around

Es war, als seien die Dämonen wie vom Erdboden verschluckt. Aber das konnte doch nicht sein, oder? Gabriel konnte einfach nicht glauben, dass dem so sein sollte. Doch das war vorerst nicht wichtig.

„Wie geht es dir?", fragte er besorgt.

Judas lächelte amüsiert. „Kaum besser als dir, wie's scheint." Er zog ihn zu sich heran. „Was für ein Abenteuer! Das können wir öfters machen, oder?" Überschwänglich küsste er seinen Gefährten.

Dann konnte es Judas nicht allzu schlecht gehen. Gabriel war erleichtert und erwiderte den Kuss mit leidenschaftlichem Feuer. Sein Judas, sein Geliebter!

Ein Heulen in der Nacht riss sie auseinander.

The Howling: I feel they're around

„Sie sind noch da."

„Wir hätten es wissen müssen", wisperte Judas. „So leicht hat man es uns noch nie gemacht."

Sie waren da, das fühlte Gabriel, irgendwo. Wachsam spähte er in die Nacht, die Waffe fest im Griff, jede Nervenfaser, jeder Muskel seines Körpers zum Zerreißen gespannt. Doch er spürte, wie seine Kräfte schwanden. Der Kampf war kurz, doch heftig gewesen. Gabriel war bei weitem nicht ungeschoren davongekommen. Aus zahlreichen Wunden floss das Blut, sein ganzer Körper brannte vor Schmerz, jetzt, wo die Euphorie des Kampfes abgeflaut war.

Ein Schnüffeln und Knurren war ringsumher in der Nacht.

„Sie sind nah."

The Howling: The sun is rising

Ein letztes Mal entbrannte der Kampf. Doch ein letztes Mal für wen? Viele Dämonen schienen im Handgemenge erschlagen worden zu sein, doch hatten sie schließlich die verbliebenen Jäger abgeschlachtet und die Verfolgung Gabriels und Judas' aufgenommen.

Da waren sie, immer noch ein Dutzend dieser Ausgeburten der Hölle. Allmählich ging die Sonne auf, der Tag brach an. Wie erstaunlich, dass die Bestien nicht flohen. Aber vielleicht würde das Sonnenlicht sie schwächen …

Einer der Dämonen stürzte sich auf Gabriel. Er schlug mit seinem Scimitar zu und zerschmetterte den Schädel des Untieres.

Eine Welle von Zorn und Heulen brach über die Dunkelelfen herein.

The Howling: The screams have gone

Der Kampf war kurz und heftig. Von allen Seiten stürmten die Unholde auf Gabriel und Judas ein, wild und unkontrolliert und mit brachialer Gewalt. Selbst den beiden Jägern, die doch so talentiert auf ihrem Fachgebiet waren, fiel es schwer, der Lage Herr zu werden.

Doch sie wären nicht sie selbst, wenn sie nicht auch im geschwächten Zustand obsiegen würden. Und schließlich, als die Sonne über den Horizont gestiegen war, war alles vorbei. Gabriel hatte ein Stück seines Ohres eingebüßt, Judas einen Finger, doch sie lebten.

Mit einem Male kehrte Stille ein und das unentwegte Heulen der letzten Stunden verstummte.

Endgültig.

The Howling: Too many have fallen

Nur ihr Keuchen und Stöhnen zerriss die Stille.

„Das war vielleicht doch nicht ganz ohne", räumte Judas ein. Er hielt sich den Bauch. Sein zerschrammtes Gesicht war schmerzverzerrt und doch grinste er verwegen, wie so oft. Gabriel konnte nicht anders, als dieses Grinsen zu erwidern, während er auf die Knie sank und schwer atmend nach Luft schnappte.

„Die anderen, die uns begleitet haben, sind alle tot, oder?", sagte er. Es war keine Frage.

Judas zuckte mitleidlos mit den Schultern. „Die Dämonen aber auch."

„Meinst du nicht, dass der Preis vielleicht nicht doch zu hoch dafür gewesen wäre?"

„Wieso sollte er?"

The Howling: Few still stand tall

„Mit zehn weiteren zogen wir aus, nur wir kommen zurück", gab Gabriel zu bedenken. „Man wird reden, man wird fragen."

Judas winkte ab. „Du solltest mich kennen, mein Lieber", sagte er, sein Blick war mahnend. „Seit wann interessiert mich, was man redet? Wir machen allein unser Ding." Er richtete sich auf und trat zu Gabriel. „Und jetzt lass uns von etwas Anderem reden und uns um deine Wunden kümmern. Ich kann ja nicht zulassen, dass so ein hübsches Gesicht wie deines geschunden wird."

Er drückte Gabriel einen Kuss auf die Lippen und machte sich dann daran, seine Wunden zu versorgen.

The Howling: Is this the end of what we've begun?

Sie pflegten gegenseitig ihre Wunden, denn es war nötig, dass sie es sogleich taten, an Ort und Stelle. Die Dämonen lagen tot um sie herum, nur noch wenige zuckten schwach, doch verendeten auch sie bald. Stille kehrte in der kahlen Landschaft um sie herum ein.

„Glaubst du, dass das alles war?", fragte Gabriel.

Judas schüttelte den Kopf. „Nein, bei weitem nicht. Ich glaube, dass die Jagd nun erst begonnen hat."

„Das schlimmste kann uns also noch bevorstehen …"

„Womöglich. Die Hölle wird es wohl kaum auf sich beruhen lassen, dass wir sie so direkt angriffen."

Der Jäger war zum Gejagten geworden …

The Howling: Will we remember what we've done wrong?

„Wir sollten davon ausgehen, dass unsere Aktion hier ein übles Nachspiel haben könnte", schloss Gabriel.

„Denkbar wäre es", bestätigte Judas. „Wir sollten uns auf alles gefasst machen."

„Und zusehen, dass wir so schnell wie möglich von hier verschwinden."

„Doch nicht sofort. Du brauchst Ruhe, ich ebenso. Dummerweise hatte dieser kleine Tanz hier doch einige unangenehme Spuren hinterlassen."

Stille. Schweigend ihre Wunden leckend saßen sie da und sahen in die Morgendämmerung. Judas holte aus seinem Packen etwas zu Essen heraus.

„Meinst du, wir haben einen Fehler begangen, als wir diesen Schritt wagten?", fragte Gabriel.

„Nein. Wir machen niemals Fehler." Mehr nicht.


Kleine Randnotiz: In der Kurzgeschichte Twilight of the Gods (zu finden auf meinem Profil) wird angedeutet, dass die Aktion mit dem Höllentor hier bedeutend weitreichendere Folgen hat als das persönliche Drama Gabriels und Judas', mit welchem sich dieser Text hier befasst.