Und so sitze ich hier und lese.

Es ist das dritte Buch diese Woche.

Ich beginne sie alle. Weniger mit der Absicht tatsächlich bis zur letzten Seite zu gelangen. Mehr um die Wandlung von Buchstaben zu Worten zu beobachten, sie lautlos in Form von Sätzen vorbeigleiten zu sehen.

Es sind keine Geschichten, in die es sich einzutauchen lohnt. Kein Vordringen bis zum letzten Punkt, um qualvoll in die Realität zurückgeworfen zu werden.

Es bestand keine Notwendigkeit das Diesseits zu verlassen. Allerdings kann ich auch nicht behaupten, dass es sich lohnte zu verweilen.

Jeder einzelne Schluck, der meinen Hals hinunterglitt schien meinen Magen Stück für Stück zu zerfressen.

Ich fühlte, wie sich etwas innerlich in mir zusammenzog.

Gerne hätte ich mir eine Zigarette angesteckt.

Weniger, wegen des Genusses und mehr wegen des Bildes, das ich davon hatte.

Lässig zurückgelehnt am Küchentisch. Die Füße hochgelegt.

Raucher war ich nicht, und trug doch stets mindestens ein Päckchen Zigaretten in meiner Brusttasche.

20 kurze Gespräche.

Eine kurze, freundliche Geste.

Freunde des Moments.

Es ging mir mehr um die Vorstellung einer Sache, als um die Sache selbst.

Mein Blick fiel auf die Adventskerzen.

Bald würden es drei sein.

Und schon die Zweite hing nicht unbedenklich schief am Kranz.

Es war mir egal.

Hätte ich mir etwas daraus gemacht, hätte ich die Zweite Kerze nicht vielleicht erst heute angezündet.

Immerhin schon Freitag. Zumindest für die nächsten 23 Minuten.

Ein weiterer Schluck.

22.

Diese 22 Minuten sollten mir gehören.

Es galt nichts mehr zu erledigen.

Die Welt hatte sich bereits zu Bett begeben.

Niemanden mehr, den ich hätte anrufen können.

Keine scheinbar wichtigen Termine mehr.

Nur die sanfte Ruhe der Nacht, die sich auf ihre beruhigende Art über einen legte und trotz ihrer Dunkelheit klarer sehen, erkennen lies.

Je weniger das Visuelle, die Form, einen Rolle zu spielen schien. Umso mehr rückten die Gedanken, das Innere, in den Vordergrund.

Als wollte es nicht gesehen, nicht erkannt, nicht berührt werden.

Still und heimlich.

Längst verschwunden, noch lange bevor die ersten Sonnenstrahlen über die Erde herfielen. Sie vereinnahmten und zum Tage läuteten.

Ich sollte den Heizkörper entlüften.

Doch wirkte das stetige Plätschern auf mich, wie eine harmonische Melodie des baldigen Eintrittes in mein ganz persönliches Land.

Das Land der Träume.

Keine Niedergeschriebenen Regeln, denen es zu folgen galt.

Und doch keine Grenzüberschreitungen.

Nicht diejenigen der unangenehmen Art, die ihre Spuren tief im Inneren hinterließen und auf die man immer dann traf, wenn man am wenigsten damit rechnete.

Aus dem Nichts auftauchend. Alles Gute auslöschend. Nur dieses Gefühl, das heran kroch.

„Sag Stopp."

Unaufhaltsam. Und einen festhielt, so sehr man auch versuchte ihm zu entkommen. Sein selbst abzulenken.

Es hatte einen entdeckt.

Es gab kein Entrinnen.

Nicht heute.

13.

Alles wird unsichtbar.

Selten treffen Vorstellungen, Erwartungen auf zukünftige Realitäten und entpuppen sich als zwei kongruente Teile eines Puzzles.

Wieso?

Die Frage lautete vielmehr:

Wieso nicht?

Mich fröstelte.

Trug ich auch immer noch meine Stiefel.

Es widerstrebte mir noch vor der Schwelle die Schnürsenkel zu öffnen.

Wer konnte denn sagen, ob ich bleiben wollte.

Einen Gedanken voraus. Eine Entscheidung hinterher.

Jede Hintertür, jeder Notausgang gesichtet.

Alle standen sie offen. Zur Flucht bereit.

Und nicht selten griff ich nach der Klinke.

Und ganz ohne mich umzudrehen. Zurückzublicken.

In keines der Gesichter. Hätten sie mich doch nicht wiedererkannt.

Verlies ich den Augenblick.

Überließ ihn seiner selbst.

War nun nicht länger Teil meiner Geschichte. Er war deren.

Und würde es immer sein.

Verloren war er nicht. Nicht solange jemand anderes ihn aufbewahrte.

Und doch würde er niemals wieder voll zu Tage treten.

Nicht in unseren dunkelsten Stunden.

Dem Leben beraubt.

Eingesperrt. In den Käfig der Erinnerung.

Lediglich hervorgeholt in unseren wildesten Momenten, um sie allen vorzuführen, wie eine Attraktion, im Kreise gedreht, desjenigen, der in der Mitte steht. Für einen kurzen Moment.

Mit unzähligen Worten beschrieben und erklärt. Doch nie wirklich verstanden.

Geht sie unter. In johlendem Gelächter.

Ein letztes Kopfnicken.

Ein letzter Applaus.

Die Bühne, sie liegt längst verlassen da.

Als müssen wir uns gegenseitig beweisen, das wir am Leben waren.

1.

Ein letzter Schluck.

Zerreißend. Unausweichliches hinauszögernd.

Erwachen. Und doch nur geträumt.