Brocéliande

Brocéliande. Elanor nahm einen tiefen Atemzug und sog den würzigen Duft in ihre Lungen, den die Bärlauchteppiche zu ihren Füßen verströmten. Ihre Augen schweiften über das weiße Blütenmeer, die unzähligen Sterne an ihren langen Stielen zwischen dem satten Grün der lanzettförmigen Blattheere, die sich nach allen Seiten hin um die Stämme der dicken, knorrigen Eichen und Buchen ergossen. Vögel zwitscherten ihre Frühlingsmelodien in den Bäumen, wechselten hin und wieder ihre Plätze, waren an manchen Stellen auch schon mit dem Versorgen ihrer Jungen in den Nestern beschäftigt. Elanor hörte das Summen von Bienen und Hummeln, hier und da sah sie auch einige der fleißigen Sammler zwischen den stark duftenden Blüten. Sie war froh, dass die Bäume wieder ihr Sommerkleid trugen, dass der Mai das zarte Grün der betagten Buchen und Eichen auf die weit ausladenden, winterkahlen Äste zurückgezaubert hatte. Mai – der Monat der Liebe. Mai – der Monat der Weißdornblüte. Mai – der Monat von Brocéliande.

Brocéliande. Elanor seufzte. Zu gerne hätte sie diesen mythischen Merlin-Wald, den größten Wald der Bretagne, einmal gesehen, all die Orte darin, die seit ihrer Beschäftigung mit dem Artus-Sagenkreis ihre Fantasie beflügelten. So wie zum Beispiel die Geheimnisbrücke, auf der Nimue, Niniane, Viviane oder wie auch immer die junge Frau in verschiedenen Varianten der Geschichte sonst noch genannt wurde, dem Zauberer Merlin ihre Liebe gestand und dann in einer Wolke verschwand. Oder eine der heiligen Quellen rund um Merlins Grab herum, die angeblich zu Regen verhelfen konnten. Selbst das berüchtigte Tal ohne Wiederkehr, in dem der Sage nach die Fee Morgaine untreu gewordene Liebhaber gefangenhielt. Vor allem aber reizte es Elanor, nach dem Weißdornbusch zu suchen, in den Nimue Merlin, nachdem er ihr seine Geheimnisse preisgegeben hatte, als ewigen Gefangenen verbannte. Elanor mochte die Versionen nicht, die Nimue als übelwollende Verführerin und Verräterin entwarfen, die den erfahrenen Zauberer nur ausnutzen wollte; ihr sagten Deutungen wie die Mary Stewarts mehr zu, in denen Nimue und Merlin sich wahrhaft liebten, er ihr freiwillig seine Macht überließ und sich in beiderseitigem Einvernehmen von der Öffentlichkeit zurückzog. Weshalb genau ihn seine Geliebte dennoch für immer in einem Busch gefangenhielt, konnte eigentlich trotzdem nicht zufriedenstellend gelöst werden, aber wenn Elanor es sich auch kaum eingestand, so faszinierte sie dieses tragisch-intensiv-extreme Ende doch irgendwie.

Brocéliande. Jener Wald musste Elanors Träumen und ihrer Vorstellungskraft überlassen bleiben, ohne dass sie ihn je in echt gesehen hatte, denn reisen konnte sie in ihrem schlechten Gesundheitszustand leider nicht mehr. Dieser Auwald, durch den sie nun schlenderte, lag in der Nähe der Arztpraxis, die sie vierteljährlich zu einer Spezialuntersuchung und Behandlung aufzusuchen hatte. Er war Teil eines Naturschutzgebietes und hätte mit seinen teils verwilderten Pfaden, den jahrhundertealten Bäumen und dem umgestürzten Altholz zwischen der urwüchsigen Flora leicht für einen Wald des Mittelalters gehalten werden können, wenn er nicht in der Abflug- und Anflugschneise eines der größten Flughäfen des Landes liegen würde. Gerade donnerte wieder eine dröhnende Maschine über die erhabenen Wipfel hinweg, so dass Elanor mit zugehaltenen Ohren stehenblieb, bis der Lärm etwas abgeebbt war.

Rasch legte sie dann die wenigen Meter bis zum nächsten quer verlaufenden Seitenpfad zurück, in den sie neugierig abbog. Diesen Teil des Waldes hatte sie bis jetzt kaum erkundet. Der breitere Hauptweg führte wie die Begrenzungen eines Quadrats einmal um das ganze Gelände herum, wobei kleinere Pfade eine Art Parallellinien dazu bildeten, die hier und da an breiten, schwer zugänglichen Bächen, oder wohl eher Entwässerungsgräben, endeten. Ins Zentrum des geschützten Gebietes schien kein Zugang möglich zu sein, es sei denn man missachtete das Gebot, auf den Wegen zu bleiben. Elanor vermutete daher, dass dieser Schleichweg, anfangs nur mit welkem Laub bedeckt, nun schon mit Gras und seltenerer Vegetation überwuchert, auch bald im Dickicht verlaufen würde. Immerhin stellte er eine angenehme Abwechslung dar, denn er wand sich geheimnisvoll zwischen wuchtigen Laubbäumen und verstreut wachsendem stacheligem Gestrüpp hindurch, anstatt wie die restlichen Wege kerzengerade menschengemacht die Landschaft zu durchschneiden. Dennoch schien er hier schon zu enden.

Etwas enttäuscht hielt Elanor vor einer kleinen Baumgruppe an, auf die der Pfad zugesteuert hatte und die ihr nun den Weg versperrte. Es waren die ersten Birken, die sie in diesem Wald je gesehen hatte. Die schlanken, weiß-silbrig glänzenden Stämme der noch recht jung erscheinenden Bäume, mindestens an die zehn Stück, entsprangen aus einigen wenigen Wurzelballen, vielleicht sogar nur zwei verschiedenen, so dass sie wie Hände ihre einzelnen Finger in den Himmel zu recken schienen. Unten zusammengewachsen, bildeten sie zwei etwa einen Meter hohe Mauern aus lebendigem Holz. Wenn die dichtstehende Gruppe irgendeinen Durchlass bot, dann nur direkt zwischen den beiden 'Handgelenken'.

Interessiert trat Elanor näher und fuhr sachte über die pergamentartige Rinde des ihr am nächsten stehenden Stämmchens. Wie als Antwort auf diese Berührung kam eine leichte Brise auf, die die herabhängenden Zweige mit ihren unzähligen feinen hellgrünen Blättchen wie Haare im Wind erzittern ließ. Es war, als würde für einen Moment ein Vorhang in eine andere Welt beiseitegeweht. Elanor erhaschte einen kurzen Blick auf ein weiß-gelb-grünes Licht- und Schattenspiel hinter dem geheimnisvollen Baumtor, dann war es wieder windstill.

Entschlossen schob sie vorsichtig die Zweige beiseite, kletterte über ein paar kleine Schösslinge in dem Spalt zwischen den beiden Baumgrüppchen und trat hinaus oder hinein auf eine grasbewachsene Lichtung, die von allen Seiten von Bäumen und Büschen umgeben, fast abgeriegelt zu sein schien. Elanor blieb nicht viel Zeit, sich umzusehen, denn ihre Aufmerksamkeit wurde sofort von einem riesigen Baum im Zentrum der Lichtung gefangengenommen. Mit massivem, ungewöhnlich breitem und mehrfach verwachsenem Stamm, armdicken Ästen und weit ausladender Krone, sah er aus wie ein riesiger, knorriger Weißdorn, jahrhundertealt, über und über besät mit weißen, duftenden Blüten. Elanors Herz machte unwillkürlich einen Sprung, als sie an die alten Legenden erinnert wurde und sich für einen Moment wirklich in Brocéliande wähnte, für ein paar Sekunden gar glaubte, Merlins ominösen Schicksalsbaum gefunden zu haben.

Dann fing sie sich wieder, lachte kurz laut über sich selbst und ging dennoch fasziniert näher an das Prachtexemplar heran. Von seinem Wuchs her musste es ein richtiger Baum sein, keine noch so hohe und alte Weißdornhecke. Die großen, hellen Blüten waren hier und da rosa angehaucht, ihre runden Blütenblätter und volle Form ließen es ziemlich sicher erscheinen, dass es sich um einen Apfelbaum handelte. „Höchstens vielleicht noch ein Birnbaum," murmelte Elanor zu sich selbst. „Aber dazu ist er zu sehr in die Breite gewachsen statt in die Höhe."

Vorsichtig näherte sie sich und blickte an den stämmigen, blütenbehauchten Ästen entlang in die majestätische Krone. Ein sanfter Wind bewegte die dünnen Zweige weit oben, so dass das Blau des Himmels an stets wechselnden Stellen wie Edelsteine dazwischen aufblitzte.

Plötzlich stutzte Elanor. Der von weitem noch einheitlich aussehende Stamm wies direkt vor ihrem Gesicht, ein wenig über ihr, einen Spalt oder eine große, wieder vernarbte Wunde auf, wie sie öfter von Blitzeinschlägen verursacht werden. Diese Öffnung jedoch schien bis tief ins Innere des Baumes zu gehen, da man keine Rückwand aus hellem Holz, sondern nur mysteriöses Dunkel erkennen konnte. Trotzdem wuchsen irgendwelche Vernarbungen der Rinde oder des Baumfleisches aus der entstandenen Höhle heraus, die sogar ein Stück vor dem restlichen Stamm hervorzustehen schienen und bizarre Formen bildeten. 'Fast menschenähnlich, oder tierähnlich,' dachte Elanor. Sie liebte es, Gestalten in Wolken, Steinen oder sonstigen Landschaftsmerkmalen auszumachen und hatte dabei meist eine große Fantasie und Entdeckergabe. Gespannt trat sie noch einen Schritt näher und streckte ihre Hand aus, zog sie jedoch mit einem jähen Aufschrei wieder zurück.

Ein Gesicht! Ein lebendiges Gesicht, ein lebendiger Oberkörper, ein Mensch gefangen im Baum, denn wenn es kein Trick des Lichtes war, so schimmerte rosafarbene Haut in dieser Baumöffnung, kein helles Holz, kein brauner Bast, keine silbrige Rinde, keine knorpelige Verwachsung. Rosa-olivbraune Haut, schwarzbraunes Haar, das qualvoll geschlossene Augen halb überdeckte, und plastisch daraus hervorstechend eine dunkle, nass glänzende Krone aus Dornen!

Elanor blieb wie angewurzelt stehen.

„Kann ich Ihnen helfen, junge Frau?"

Elanor zuckte vehement zusammen, auch wenn ihr ein erneuter Schrei diesmal vor Schreck im Hals stecken blieb. Rasch wirbelte sie herum.

Einige Meter von ihr entfernt stand ein älterer Mann, gekleidet in Hose und Wams in gedeckten Grüntönen. Seine kurzen grauen Haare waren halb unter einer dunkelgrünen Wollmütze versteckt, sein kurzer weißgrauer Bart gab ihm zusammen mit den hohen Stiefeln und einer großen braune Schultertasche, die er trug, ein leicht abenteuerliches Aussehen. In seinem runzligen Gesicht las Elanor einen freundlichen, wenn auch gleichzeitig besorgten Ausdruck.

„Sie brauchen vor mir keine Angst zu haben," fuhr der Alte nun fort, als sie ihn stumm musterte. „Ich bin nur der hiesige Förster. Sonst hätte ich auch keine Befugnis, in diesem Gebiet Vegetation zu beschneiden." Er kramte umständlich eine Baumschere aus seiner Umhängetasche, die er Elanor wie einen Ausweis hinhielt.

Ihr Hände entkrampften sich etwas, so dass ihre Rechte den Griff um das Mobiltelefon und ihre Linke um das Gasspray in der jeweiligen Jackentasche langsam wieder lockerte.

„Ich hatte Sie schreien hören und wollte nachsehen, was los ist," fuhr ihr Gegenüber fort.

„Ja, das ist nett, und das tut mir leid," stammelte Elanor. „Dass ich geschrien habe, meine ich. Ich war nur überrascht, ich hatte etwas Überraschendes gesehen, auf das ich nicht gefasst war." Irgendwo an Rande registrierte sie, wie verwirrend ihre Worte klingen mussten, so verwirrt wie sie sich gerade fühlte.

„Wenn es die Wildschweinrotte war, die hier die letzten Tage gewütet hat," – der Fremde wies etwas ärgerlich auf den aufgewühlten Boden zu ihren Füßen – „so brauchen Sie vor denen eigentlich keine Angst zu haben, wenn keine Frischlinge dabei sind."

„Nein, es waren keine Wildschweine. Fällt Ihnen an dem Baum etwas auf?" fragte Elanor recht atemlos, wobei sie mit ihrem Kinn vage in die Lichtung deutete.

„Sie meinen die alte Weidbuche? Nun, wahrscheinlich ist an ihr eben dies ungewöhnlich, dass es eine Weidbuche ist, und zwar ein Prachtexemplar davon. Sie wissen wohl nicht, was dieser Begriff bezeichnet, oder?" fügte er nach einem Blick auf Elanors verständnislos-skeptisch dreinblickende Miene hinzu.

„Nein," erwiderte diese. „Allerdings dachte ich, es sei ein Apfelbaum, wegen seines Wuchses und vor allem wegen seiner weißen..." Sie verstummte abrupt, als ihr Blick zwischen satten grünen Blättern an hochragenden Ästen kein einziges Blütenblatt mehr entdecken konnte.

„Wegen der weißen Rinde?" fuhr der Alte hilfreich fort. „Ich würde sie eher als silbern bezeichnen, und auch nicht als ausschlaggebend für einen Apfelbaum ansehen. Aber mit dem Wuchs haben Sie recht, solch dicke, verwachsene, breite Stämme findet man bei Buchen selten. Wenn Sie genau hinschauen, sehen Sie, dass dieser eine Baum aus mehreren verschiedenen Einzelbäumen zusammengewachsen ist, daher die Längsrillen, die sich fast bis ganz nach oben hinziehen. Dieses Phänomen entsteht bei Weidbäumen, das heißt Schösslingen, die von Tieren immer wieder abgefressen werden, in der Regel am Rande von Viehweiden. In Baden-Württemberg, wo ich herkomme und den größten Teil meines Lebens verbrachte, findet man viele solcher Bäume, und oft sind es Buchen." Er nickte ein paarmal behäbig, als würde er sich selbst zustimmen und Beifall spenden, oder in Erinnerungen an seine Kindheit versinken.

Auch wenn Elanor Wichtigeres unter den Nägeln brannte als die Definition eines Phänomens namens „Weidbuche", war ein Teil von ihr froh um eine kleine Verschnaufspause mit weniger brisantem Gesprächsstoff, so dass sie bereit war, sich auf die Redseligkeit ihres Gegenübers weiter einzulassen. „Ich verstehe aber nicht ganz..." wandte sie schüchtern ein, „weshalb die Bäumchen, wenn sie abgefressen werden, zu einem einzigen dicken Baum zusammenwachsen?"

„Es ist ein einziger Baum, von Anfang an." Der Alte wedelte mit den Armen in der Luft, so dass er Elanor beinahe mit seiner Baumschere, die er immer noch in der Hand hielt, getroffen hätte, wenn sie nicht ausgewichen wäre. „Dadurch, dass die Triebe Jahr für Jahr abgefressen werden, bildet er immer wieder neue Paralleltriebe aus, zehn oder zwanzig Stück vielleicht. Irgendwann ist dieses Gestrüpp dann so dicht, dass das Vieh nur noch an den äußeren Stämmchen nagen kann und nicht mehr die in der Mitte erreicht. Dann hat es der Weidbaum geschafft und kann in der Mitte in die Höhe wachsen. Werden die aus einem Wurzelstock entspringenden Stämmchen dicker, wird der Platz zwischen ihnen immer enger, bis sie schließlich zusammenwachsen, wenn es lange genug dauert zu einem einzigen Stamm. Diese Buche hier" – erneut fuchtelte er mit einem Arm in Richtung des besagten Baumes – „ist schätzungsweise dreihundert Jahre alt. Ich kenne nur einen Baum, der ähnlich imposant ist wie sie, und der steht im südlichen Schwarzwald."

Elanor musste lächeln, da seine letzten Worte so klangen, als würde er Beziehungen zu 'seinen' Bäumen aufbauen wie zu Menschen, was ihn ihr auf einen Schlag noch ein gutes Stück sympathischer machte als er es eh schon war. Sie dachte kurz nach.

„Die Birken am Eingang dieser Lichtung, sind das dann auch... Weidbirken?"

„Sehr gut, junges Fräulein, denen sieht man es auch gut an. Soweit ich mich hier auskenne, sind das auch die einzigen nennenswerten Weidbäume in diesem Wald, die es geschafft haben, ein ansehnliches Alter zu erreichen und über den Buschwuchs hinauszukommen." Mit einer endgültigen Geste beförderte er seine Schere wieder in die Umhängetasche zurück.

Elanor musterte den Förster nachdenklich. Sollte sie es wagen, die Frage zu stellen, die ihr schon die ganze Zeit auf der Zunge brannte? Aus dieser Entfernung war sie sich nicht sicher, ob die dunkle Öffnung im Stamm des imposanten Baumes im Zentrum der Lichtung das beherbergte, was sie vermeinte darin gesehen zu haben, oder ob es sich wie bei den Blütenblättern um eine optische Täuschung, einen Trick des Lichtes, gar eine Halluzination oder was auch immer gehandelt hatte.

„Der Stamm der Buche," nahm sie schließlich ihren Mut zusammen, „da ist doch eine Öffnung drin, oder?"

„Ja, das ist ein weiteres typisches Merkmal von Weidbäumen, solche Spalte, auch wenn man sie in vielen normalen Bäumen ebenfalls findet. Durch Blitzeinschlag zum Beispiel..."

„Vorhin..." unterbrach ihn Elanor etwas unhöflich aufgrund ihrer Dringlichkeit, wobei sie ihn gleichzeitig entschuldigend ansah. Er verstummte, als er ihren gequälten Gesichtsausdruck wahrnahm.

Elanor spürte das Blut in ihre Wangen schießen. „Es sah für mich vorhin, als ich näher dran war, so aus, als wäre ein Gesicht darin... und ein Oberkörper... als wäre eine Person darin gefangen – ich meine natürlich, eine Skulptur einer Person." Sie lachte nervös, während sie sich gleichzeitig der gerade geäußerten Unehrlichkeit bewusst wurde. Aus Scham für ihre Feigheit gab sie sich einen Ruck und fügte als mutigen Wiedergutmachungsversuch hinzu: „Um genauer zu sein, Jesus Christus. Mit Dornenkrone. Sehen Sie das auch?" Am liebsten hätte sie hinzugefügt: „Ist es also echt, oder nicht?"

Der Mann gab einen Laut des Erstaunens von sich und sah Elanor forschend in die Augen. Sie las Überraschung, wenn nicht gar Erschrecken in seinem Gesicht. Dann huschte plötzlich ein Grinsen über seine Züge und seine Miene wurde berechnend. „Sie waren in Gütenbach und haben den Balzer Herrgott gesehen, nicht wahr? Und nun wollen sie ein Spielchen mit mir treiben, weil ich Ihnen erzählt habe, dass ich aus Baden-Württemberg stamme."

„Ne-nein," stammelte Elanor verwirrt. „Ich war noch nie in Gütenbach, ich weiß nicht einmal, wo das ist, und ich würde auch keine Spielchen mit jemandem treiben. Ganz sicher nicht mit jemandem, den ich kaum kenne." Sie fuhr sich verlegen durch die Haare und sah den alten Mann ängstlich an.

„Dann haben Sie vom Balzer Herrgott gehört oder gelesen und wollen mein Wissen darüber austesten." Seine Augen bohrten sich in ihre wie in einer stummen Bitte, sie möge seine Vermutung bestätigen.

Elanor schüttelte den Kopf und riss ihren Blick von seinem intensiven Starren los, wandte ihn stattdessen wieder dem ominösen Baum zu. „Ich versichere Ihnen, dass mir noch nie in meinem Leben das Wort „Balzer Herrgott" begegnet ist und ich keine Ahnung habe, wovon Sie reden."

„Erstaunlich." Der Alte schüttelte mehrmals den Kopf. „Wenn ich Ihnen das wirklich glauben kann, ist das äußerst erstaunlich." Mit energischen Schritten ging er unerwartet rasch bis direkt vor den diskutierten Baumstamm und starrte auf dessen Vertiefung in etwa zwei Meter Höhe. Dann drehte er sich erneut zu Elanor um, die ihm behutsam gefolgt war. Seine Augen leuchteten vor Freude wie die eines Kindes vor dem Weihnachtsbaum an Heiligabend.

„Nun, da Sie mich darauf gebracht haben, kann ich nachvollziehen, was Sie meinen. Diese Rindenwulste" – er drehte sich wieder der Buche zu und fuhr ein paar Erhebungen vorsichtig mit einem schwieligen Finger nach – „formen fast ein Gesicht, von Haaren umrahmt, hier die Nase, hier Augen, wenn man so will, und hier lässt sich sogar ein allerdings kaum ausgeformter Mund erahnen. Und diese Einschnitte – sie stammen wohl von Stacheldraht, als hier Weideland war und der Baum vielleicht als Zaunpfosten verwendet wurde – sie könnten in der Tat eine Art Dornenkrone darstellen." Er wandte sich wieder zu Elanor zurück, eine neue Art von Respekt in seinem ganzen Ausdruck. „Das haben Sie sehr gut erkannt, und ich werde diesen Baum nie wieder mit denselben Augen betrachten." Ehrfürchtig zog er seine Mütze ab. „Die Alte Weidbuche wird mich von nun an immer an den Balzer Herrgott erinnern, wie ein Stück Heimat im Exil."

Elanor schluckte mühsam die Einwände hinunter, die in ihrem Innern brodelten, die schreien wollten, dass sie zwar die Erhebungen unter seinen Händen sah und mit etwas Fantasie zu dem machen konnte, was er beschrieben hatte, dies jedoch bei weitem nicht das war, was sich ihr beim ersten Anblick des Baumes dargeboten hatte. Stattdessen äußerte sie etwas abrupt mit leicht heiserer Stimme: „Was bitte ist der Balzer Herrgott?"

„Der Balzer Herrgott..." Der Alte ließ den Ausdruck auf der Zunge zergehen, als könnte er nicht genug davon bekommen, ihn zu sagen und zu hören. „Im südlichen Schwarzwald, bei Gütenbach, steht eine 300 Jahre alte Weidbuche, die dieser hier sehr ähnlich ist, wie aus dem Gesicht geschnitten, könnte man fast sagen, und jetzt wird mir ihre Ähnlichkeit noch viel stärker bewusst. In der Nähe lag ein Hof, der Königenhof, der Mitte des 19. Jahrhunderts bei einer Schneelawine zerstört wurde. Und auf diesem Hof stand ein Kruzifix aus Sandstein. Dieses, ein Stück weit beschädigt durch die Lawine, wurde von irgendjemandem gegen die Buche gelehnt oder angeheftet, angenagelt, in eine Spalte zwischen zwei Einzelstämmen geklemmt, das weiß niemand so genau. Und als die Buche wuchs und ihre Stämme immer mehr zu einem wurden, hat sie diese Skulptur mit umwachsen, sozusagen umarmt und in sich hineingenommen. Überwallung nennt man diesen Vorgang in der Förstersprache." Er lächelte sie stolz an, bevor er fortfuhr. „Zuerst sah man noch Arme und Beinansätze des Gekreuzigten – die Beine waren abgeschlagen – doch dann umschloss ihn die Buche immer mehr, so dass nur noch Brust und Gesicht herausschauten. Irgendwann wäre auch das überwuchert worden, also hat man den Kallus – das Narbengewebe des Baumes – ein Stück weit zurückgeschnitten und so fixiert, dass es an dieser Stelle nicht mehr weiterwächst." Er lächelte erneut. „So bildet es gerade einen schönen Rahmen um die eingewachsene Christusfigur, der sogar eine Herzform bildet."

Fasziniert starrte Elanor ihn an, während sie diese Informationen verarbeitete und sich die Möglichkeiten symbolischer Deutungen dieses Naturphänomens in ihrem Kopf überschlugen. Sie hätte gerne so vieles gesagt und wusste doch nicht, wie sie es ausdrücken sollte. „Das ist wirklich erstaunlich," brachte sie schließlich nur lahm hervor. „Was bedeutet eigentlich das 'Balzer'?"

Es war ihr nicht so wichtig, das zu wissen, aber sie wollte sich irgendwie von ihrer Bestürzung und Verwirrung über die Parallelität des Geschilderten zu dem von ihr kurz vorher Erlebten ablenken.

„Ah..." Der alte Mann nickte bedächtig. „Dafür gibt es verschiedene Erklärungen, niemand weiß es sicher. Manche sagen, der Name stamme von einem Bauern namens Balthasar, dem vielleicht einmal der Hof gehörte. Andere wiederum sagen, dass der Ort, an dem die Buche steht, ein Balzplatz für Auerhähne war."

Elanor lächelte. Der Gedanke gefiel ihr.

„Es ist jedenfalls wunderschön, dass es so etwas gibt," meinte sie schließlich. „Ich kann verstehen, dass es Ihnen viel bedeutet." Deutlicher wollte sie nicht preisgeben, wie sehr sie das Ganze persönlich berührt hatte.

Der Förster nickte stumm und zog sich sorgfältig seine Mütze wieder über die schütteren Haare. Es schien als hätte er seine gesamte Energie auf die letzten Erklärungen verwendet und wisse nun selbst nicht mehr, was er sagen sollte. Er richtete sich etwas auf und ergriff den Gurt seiner Schultertasche, so als bereite er sich darauf vor, weiterzugehen.

„Vielen herzlichen Dank für Ihre Hilfe und die interessanten Erklärungen," beeilte sich Elanor zu sagen.

„Es war schön, Sie kennengelernt zu haben. Vielen Dank für Ihre Inspiration." Er wies mit dem Kinn in Richtung der Alten Weidbuche.

„Gern geschehen." Elanor lächelte. „Es war ebenfalls schön, Sie kennengelernt zu haben."

Sie blickte ihm nach, bis er am Rand der Lichtung durch genau den Durchschlupf verschwand, durch den sie hineingekommen war. Kurz bevor er über die Schösslinge stieg, drehte er sich noch einmal um und winkte ihr fast schüchtern Lebewohl. Ein kleiner Kloß bildete sich in Elanors Hals, und sie wünschte sich plötzlich, einen ihrer Großväter wieder bei sich zu haben.

Sie blinzelte die unbemerkt hervorgequollenen Tränen aus ihren Augen und wandte sich energisch zurück zu der mysteriösen Buche. Ihr erster Blick galt dem Wipfel, der zu ihrer leichten Enttäuschung immer noch nur grünes Blattwerk zeigte. Mit einigen raschen Schritten erreichte sie den Stamm und legte ihre Wange an die raue Rinde.

„Jesus," flüsterte sie. „Es gibt nur eine Erklärung für das alles, nämlich dass Du das vorhin gemacht hast. Sowohl die Blüten des Baumes, als auch vor allem – dass Du im Stamm erschienen bist!"

Wieder stand ihr lebhaft das leidende Antlitz des Erlösers vor Augen, eingebunden in das Holz, und sie presste impulsiv ihre Lippen an die graue, flechtenbewachsene Stelle neben ihrem Gesicht. Ihr war als erzitterte der Baum unter dieser Berührung bis in seinen Wipfel.

Elanor schloss die Augen. Ein leiser, unaufdringlicher, süßer Duft erreichte ihre Nase. Vorsichtig öffnete sie ihre Lider und nahm wogende weiße Blüten wahr, die sich rechts und links von ihr um den Stamm schmiegten.

„Hatte ich doch Recht, dass es ein Apfelbaum ist und keine Buche!" rief sie triumphierend.

„Unter dem Apfelbaum weckte ich dich auf; dort litt deine Mutter Wehen für dich, dort litt sie Wehen, die dich gebar,"1 wehte es durch ihre Gedanken.

„Wie ein Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes, so ist mein Geliebter unter den Söhnen,"2 gab Elanor zurück. Es war lange her, seit sie diese beiden Bibelstellen gelesen hatte, und die Worte klangen fremd in ihren Ohren. Sie bemerkte nun, dass die Blütenfülle nach außen hin größere, rosa angehauchte Einzelblüten aufwies, der Baumstamm jedoch von kleineren, reinweißen Blüten umrahmt war, die intensiver dufteten. Auch wenn sie unnachgiebig alle Aufmerksamkeit an sich zogen, registrierte Elanor doch am Rande, dass ihre gewundenen, verschlungenen Zweige lange dunkle Stacheln trugen.

Sie hielt den Atem an. Weißdorn. Nimues Weißdorn. Merlins Gefängnis. Brocéliande in diesem kleinen Auwald. Der Mythos zum Leben erwacht.

An einer Stelle, direkt vor ihr, direkt dort, wo sich der Spalt in der vermeintlichen Buche befand, ließen die dornigen, blühenden Zweige einen Freiraum, der grob die Form eines Herzens hatte.

Elanor zuckte zusammen. So irreal es ihr in einer Ecke ihres Gehirns erschien, durch einen noch nicht einmal einen Meter tiefen Spalt in fast zwei Meter Höhe einen lebenden Baum von kaum anderthalb Meter Durchmesser zu 'betreten', so irrational es ihr vorkam, nur aufgrund zweier Blütenranken in Herzform eine solche Schlussfolgerung zu ziehen, so war ihr doch auf einer anderen Ebene ihres Bewusstseins schlagartig klar, was all dies zu bedeuten hatte.

„Du lädst mich ein hinein in den Weißdorn, nicht wahr?" Ihre Stimme klang heiser. „Wie Nimue Merlin. Wenn ich einmal darin bin, komme ich nie wieder heraus, bin ich fortan von der Welt abgeschottet und existiere nur noch in der Zweisamkeit mit dir, in der Liebesbeziehung, die dann mein einziger Daseinsgrund ist." Ihr Herz schlug schneller vor Sehnsucht bei dieser Vorstellung, doch durchzuckte sie gleichzeitig Furcht.

„Bitte lass mich nicht wie Nimue allein darin zurück! Bitte verzaubere mich nicht mit deinen Worten um mich dann zu verraten! Lass es wahre Liebe sein und bleiben, kein Ausnutzen und kaltherziges Verlassen wie in dem Mythos!"

Ein unbestimmter Windstoß ließ die Blätter des Wipfels erzittern. Elanor konnte ihm keine Bedeutung entnehmen, die ihr hätte Gewissheit verschaffen können. Einige Momente verharrte sie stumm und lauschte angestrengt in die Weite. Dann ergriff sie einen der Äste oberhalb der Öffnung, setzte einen Fuß auf eine knorpelige Verdickung im Stamm, wo einmal ein weiterer Ast gewesen sein musste, zog und stemmte sich gleichzeitig hoch und war dann mit einem entschlossenen Schritt im Innern des Baumes.

Rasch sah sie um sich. Sie befand sich in einer Art Höhle, die von innen viel geräumiger erschien, als es von außen realistisch sein konnte. Auch war sie nicht in Dunkelheit gehüllt, bestand auch nicht aus moderndem Holz. Vielmehr stand Elanor am Rande einer weiteren kleinen Lichtung, grasbewachsen, von grünenden jungen Baumtrieben rundum umsäumt, die sogar in ihrem Rücken eine Art lebenden, wenn auch durchlässig aussehenden Wall bildeten. Elanor hatte nicht lange Zeit, ihr Umfeld in Augenschein zu nehmen, denn vor ihr erschien nun vage die Gestalt ihres Geliebten. Ihr entfuhr ein kleiner Aufschrei der Entzückung, und sie ergriff rasch seine ihr dargebotene Rechte mit ihren beiden Händen. Sie seufzte tief, als er seine Linke fest um den lebendigen Verbund ihrer Finger schloss. Seine Augen, nun relativ deutlich sichtbar, trafen auf ihre, und sie erschauerte bis ins Mark, wie kurz zuvor der Apfelbaum unter der Berührung ihrer Lippen.

„Hast du Angst davor, gefangen zu sein?" fragte er leise.

Elanor fasste sich und überlegte kurz. „Es kommt darauf an," erwiderte sie dann vorsichtig. „Nicht, wenn du die ganze Zeit bei mir bist. Wenn ich irgendwie in dir gefangen bin. Ich meine, wenn wir zusammen sind, wie in diesem Baumstamm zum Beispiel – der ja irgendwie nur ein Symbol ist – und wenn ich weiß, dass du mich liebst und nicht im Stich lässt."

Als ihr Gegenüber auf diese Ausführungen schwieg, senkte Elanor schließlich ein wenig beschämt ihren Blick. „Vielleicht stimmt das so auch nicht," korrigierte sie ehrlich. „Wenn es ein bedrohlicher Ort ist, an dem wir uns befinden, fürchte ich mich trotzdem, vor allem wenn ich dich nicht wahrnehme, obwohl ich weiß, dass du eigentlich bei mir bist. Ich habe auch Angst vor Dingen, die auf mich einstürmen von außen, selbst wenn ich mit dir an einem weniger unangenehmen Ort zusammen bin."

Er lächelte wehmütig. „Mitten in der Gefahr sich gegenseitig genießen; an dem Tisch bleiben, den ich dir im Angesicht unserer Feinde bereitet habe – nicht ständig aufzuspringen, um die Feinde bekämpfen oder auch nur ausspionieren zu wollen – das ist das Schwierige."

Elanor nickte traurig. „Es tut mir Leid. Bitte hilf mir, das besser zu machen."

Er lächelte. „Vor einem brauchst du jedenfalls keine Angst zu haben: dem, was du vorhin befürchtet hast, dass ich dich erst gefangennehmen würde wie Niniane und dann verlassen. Hier."

Auf ausgestreckten Händen hielt er ihr einen Gegenstand hin, den Elanor leicht befremdet beäugte. „Ein Fisch? Du schenkst mir einen Fisch?"

„Ich schenke dir mich. Ganz. Ich wusste nicht, was für ein Symbol es dir hätte deutlicher machen können. Ein Herz ginge auch, aber das Motiv ist ein wenig ausgelutscht, oder?" Er zwinkerte ihr schelmisch zu.

Elanor traten Tränen in die Augen. „Danke," flüsterte sie. „Darf ich dir im Gegenzug mich schenken?"

Das Aufleuchten seiner Miene ließ keinen Zweifel über seine Einstellung zu dieser auch eher rhetorisch gemeinten Frage. Ohne zu wissen, was sie oder er in ihnen vorfinden würde, hielt Elanor ihrem Geliebten ihre ausgestreckten Hände hin, ebenfalls mit den Handflächen nach oben. Weißer, hauchzarter, feinstgearbeiteter Spitzenstoff tauchte darin auf, über und über mit kleinen bunten Blumen bestickt, darunter auch zart hellblaue Hasenglöckchen und gelbe Schlüsselblumen.

„Das hat Ruach eben gemacht, nicht wahr?" meinte Elanor erstaunt. „Es ist mein Brautschleier; das bedeutet, ich gab dir eben mich als deine Braut, dass es mir wieder um die Brautbeziehung geht und nicht nur darum, Probleme zu lösen und den Alltag zu überleben." Sie sah ein wenig traurig zu Boden.

Ihr Bräutigam lächelte sie warmherzig an. „Danke."

Erfreut nahm Elanor wahr, wie er ihr in einer Erneuerung ihres Bundes den Ring ansteckte, den sie eigentlich schon seit Jahren, inzwischen unsichtbar, an ihrem Finger trug, und ihr nun das Gegenstück reichte, so dass sie es ihm anlegen konnte.

Ein Teppich von blauen Blüten erschien zu ihren Füßen, Hasenglöckchen, wie sie Elanor im Frühling in den englischen Wäldern so oft bewundert hatte und sie sich insgeheim auch für Brocéliande vorstellte. Sie gab einen Laut des Entzückens von sich und fing unwillkürlich an, ein wenig zwischen den Blumen herumzutanzen, streckte dann ihren Arm nach ihrem Bräutigam aus, um ihn in den Tanz einzubeziehen. Nach ein paar Walzerschritten hielt sie erneut inne, als ein weißer Schimmer vor ihr sich zu der Silhouette eines Blütenbaumes verfestigte, eines riesigen Apfelbaumes mit dunkelbraunem, breit verwachsenem Stamm und weit ausladenden, massiven Ästen. Die Landschaft um sie herum war wie eine Kopie der Lichtung, auf der die Weidbuche gestanden hatte, nur viel schöner, weitläufiger, urwüchsiger, geheimnisvoller, echter – wie das Original zur Kopie. Ein Stück weit kam es Elanor vor wie bei diesen russischen Schachtelpuppen, bei der in jeder jeweils eine kleinere, ungefähr identische steckte, nur wurde hier alles, was sich in dem vorherigen befand, größer statt kleiner, denn nun konnte sie keinen Rand der Lichtung mehr ausmachen, das blaugrüne Blütenmeer auf dem Boden ergoss sich um kleinere Bäume, Büsche und moosbewachsene Hügelchen herum bis an den Rand ihres Sichtfeldes, und auch der imposante Hauptbaum schien endloses Potential zu haben, in die Breite und Höhe zu wachsen.

„Der Baum ist wunderschön!" rief Elanor begeistert. „So stattlich und majestätisch, er sieht so reich aus mit all seinen Blättern und Blüten und zahlreichen Ästen und sogar mit dem dicken, knorrigen, vielfach ineinander verschlungen aussehenden Stamm. Wie... wie ein Olivenbaum irgendwie."

„Es ist der Baum des Lebens," erwiderte ihr Begleiter voll Zuneigung. „Deines und meines gemeinsamen Lebens."

Elanor wandte sich mit strahlenden Augen zu ihm um. „Das ist der Weißdorn, in dem wir beide Gefangene der Liebe sind, nicht wahr?"

Er lächelte. „Wenn du so willst, ja, obwohl es kein Weißdorn ist."

„Das weiß ich doch," protestierte Elanor. „Ich sagte das ja nur wegen der Merlin-Legende." Ein Schatten huschte über ihre Miene. „Warum hast du eigentlich diesmal gerade diese Metapher für uns verwendet? Ich meine, natürlich fasziniert mich der Artus-Sagenkreis, und dieser Wald erinnert an Brocéliande, aber trotzdem... Niniane hat Merlin nicht gerade so behandelt, wie ich es mir wünsche und eigentlich denke, dass du mit mir umgehst."

Ihr Gegenüber schwieg für einen Moment. „Dir schwebt vor allem das Gemälde von Burne-Jones zu dieser Geschichte vor Augen, nicht wahr?" meinte er dann mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck. „'Die Verzauberung Merlins.'"

Elanor nickte.

„Hier." Er schien irgendwo in die Zweige eines buschwüchsigen Baumes neben sich zu greifen, den Elanor wie am Rande als gerade nicht blühenden Weißdorn identifizierte, und reichte ihr ein großes, zusammengerolltes Stück Papier. Beim Öffnen entpuppte es sich als ein leicht verblichener Farbdruck des erwähnten Gemäldes. Elanor studierte eifrig die ihr bereits mehrfach bekannte Darstellung, den willenlos herabgesunkenen Körper des ehemals mächtigen Magiers, dessen von dunklen Ringen umschattete Augen mit letzter Kraft unnachgiebig ihren Blick auf die von ihm halb abgewandte Schöne gerichtet hielten. Diese, Schlangen im Haar und ein aufgeschlagenes Buch in der Hand – mit dem sie ihr Opfer gerade verzaubert haben musste, wenn es nicht gar seine durch sie erbeuteten Zaubersprüche repräsentierte – wandte ihm fast vollständig den Rücken zu, als sei sie im Gehen begriffen. Ihr Blick zurück in die Augen ihres ehemaligen oder auch nur angeblichen Geliebten mutete an wie ein letztes nachdenkliches, bedauerndes Lebewohl. Elanor runzelte verwirrt die Stirn.

„Was sagt dir der Weißdorn?" hörte sie ihren Begleiter nachhelfen. „Ich meine, die Zweige über dem Paar. Kannst du darin etwas erkennen?"

„Über Merlin formen sie deutlich ein 'Y'," bemerkte Elanor sofort. „"Und über Viviane sieht es aus wie ein spiegelverkehrtes 'E', also vielmehr ein richtiges, wenn es dem 'Y' zugewandt ist." Sie stutzte. „'Y' wie 'Yeshua'... 'E' wie... 'Elanor'?!" Schlagartig traten ihr Tränen in die Augen. „Du bist Merlin, nicht ich! Ich bin Viviane, nicht du! Ich habe dich behandelt wie eine Verräterin, als ich all die letzten Monate, sogar Jahre, nur etwas von dir wollte und nicht dich selbst!"

„Es gibt Varianten der Sage, in denen sie ihn nicht verlassen will und durch äußere Zwänge gegen ihren Willen dazu gebracht wird," meinte er sanft.

„Trotzdem. Es tut mir Leid." Sie sah mit feuchten Augen scheu zu ihm auf. „Stimmt das? Du bist irgendwie wegen mir in diesem Baum gefangen?" Sie starrte erneut auf das Bild und zuckte zusammen. "Der schlaffe Körper von Burne-Jones' Merlin sieht sogar aus wie deiner auf manchen Pietà-Darstellungen, oder Bilder von der Kreuzabnahme. In der Weidbuche bist du ja vorhin auch mit Dornenkrone erschienen, und die Skulptur in diesem 'Balzer Herrgott' bist du ebenfalls als Gekreuzigter. Also ist der Weißdornbusch sogar irgendwie das Kreuz! " Sie stöhnte auf. „Da bist du für mich freiwillig hineingegangen, und trotzdem habe ich dich dann alleingelassen, sowohl in all den Dornen als auch in den duftenden Blüten? Beziehungsweise ich lasse dich alleine, immer wenn ich mich nicht um dich kümmere und anderen Dingen nachgehe? Sogar wenn ich meine Sorgen mit dir berede, du mir als Person aber nicht wichtig bist? Dann wartest du in irgendeinem Baum gefangen, bis ich wieder zu dir komme?" Sie verzog gequält das Gesicht. „War ich wirklich die letzte Zeit zu dir wie Niniane die Verräterin?"

„'Nivaine die Jägerin', so wurde sie genannt." Er strich ihr eine Träne von der Wange und sah ihr tief in die Augen. „Sie hat ihn erlegt, Merlin, mit den Bogensehnen ihrer Augen, aus denen sie Pfeile tief in sein Herz schoss. So wie auch du einmal hinter mir her warst, als deine schmachtenden Blicke mein Innerstes durchbohrten und mich in diesen Weißdornbusch bannten." Seine Hand wies nicht auf den eindrucksvollen Apfelbaum vor ihnen, sondern berührte kurz ihre Brust.

Nun weinte Elanor offen. „Es tut mir Leid. Du sollst nicht gefangen sein in meinem Herzen, während ich dich vernachlässige und außerhalb beschäftigt bin! Und ich will dich auch nicht nur ausnutzen, um Zaubersprüche zu erfahren, mit denen ich mein Leben gut bewältigen kann."

Sachte streichelte er ihr mit sanften Fingern die neu hervorgequollenen Tränen von den Wangen. „Schau auf den Baum unserer Beziehung."

Ein lautes, dröhnend-knatterndes Geräusch ließ Elanor in diesem Moment heftig zusammenzucken. Es schien noch lauter zu werden, näher zu kommen, und differenzierte sich schließlich in das Heulen mehrerer Motoren. Diese verstummten abrupt, wodurch lautes Gerede und Gelächter hörbar wurde, das sie zuvor wahrscheinlich überdeckt hatten.

Elanor schlich sich vorsichtig im Schutz der kleineren Bäume an den Rand der Lichtung, wo sie durch das Loch in der alten Buche zwischen den Schösslingen hindurch in den Auwald lugte. Mittlerweile ertönte schlagzeuglastige Musik von draußen.

„Jugendliche," murmelte sie zu sich selbst. „Mit Motorrädern. Sie haben sie direkt vor der Lichtung geparkt und sind durch die Birkenabgrenzung hindurch eingedrungen." Es kam ihr wie eine Grenzüberschreitung vor, und sie war traurig, dass außer dem netten, alten Förster und ihr noch mehr Menschen – noch dazu uneinfühlsamere – dieses Geheimnis entdeckt hatten. Der Duft von Bärlauch hing so intensiv in der Luft, dass Elanor sich lebhaft vorstellen konnte, wie die Pflanzen achtlos zerquetscht und zertrampelt wurden. 'Nun wollen sie anscheinend ein Picknick machen,' dachte sie, 'ausgerechnet vor unserer Buche. Sie werden mir zwar wohl hoffentlich nicht gefährlich werden, wie ich zuerst befürchtete, aber so ganz wohl kann ich mich hier nun auch nicht mehr fühlen. Ich frage mich, ob sie mich sehen können.'

Schuldbewusst wandte sie sich zurück zu der inneren Lichtung und blieb kurz darauf wieder vor ihrem Begleiter stehen.

„Es tut mir leid!" Sie sah ihn flehend an. „Bitte hilf mir, mich nicht mehr so leicht ablenken zu lassen. Hilf mir, jetzt nicht auf die Geräusche von draußen zu achten, sondern auf uns. Wo waren wir stehengeblieben?"

„Bei unserem Baum. Du wolltest ihn dir genauer betrachten."

Elanor ging ein Stück näher an den Brennpunkt der ganzen Lichtung heran, der nun deutlich sichtbar vor ihr aufragte.

„Er ist so groß und majestätisch," sagte sie erstaunt. „Als wäre er schon hunderte von Jahren alt."

„Wir haben schon viel zusammen durchgemacht, du und ich, und nicht nur breit gefächerte Äste, sondern auch tiefe Wurzeln ausgebildet. Wir haben schon viel geliebt."

Elanor sah wieder ein wenig schuldbewusst an dem imposanten Stamm hinauf bis in die Krone. Plötzlich stutzte sie. „Da sind Risse im Stamm!" brachte sie alarmiert hervor. „Regelrechte Querspalte, als hätte jemand versucht ihn zu fällen, oder zumindest die Krone abzusägen. Siehst du, was ich meine, dort oben wo sich der Stamm kurz darauf in die Äste verzweigt? Es ist eine Art Doppel-Bruchstelle. Hoffentlich geht die nicht bis ins Innere!" Sie sah ihren Begleiter fragend an. „Was hat das zu bedeuten?"

„Der untere Riss," erklärte er schmerzvoll, „wurde vor einigen Jahren verursacht, als du in jener Extremsituation um dein Überleben kämpftest."

„Und alles, was danach folgte." Sie verzog das Gesicht und erschauderte unwillkürlich. „Das mit der Kuckucksuhr. Bitte lass mich nicht wieder dahinein zurückverfallen!" fügte sie leicht panisch hinzu.

Er strich ihr beruhigend über die Wange.

Plötzliche versteifte sich Elanor und wandte ihren Kopf weg von dem Apfelbaum in die entgegengesetzte Richtung. Sie sog prüfend die Luft ein.

„Es riecht nach Zigarettenrauch. Die Jugendlichen auf der Lichtung! Aber wie kann das hier eindringen? Du weißt, dass ich dagegen allergisch bin, wieso lässt du zu, dass es hereindringt?" Ihre Stimme klang zugleich vorwurfsvoll und panisch. „Dabei steht weiter vorne sogar ein Schild, dass man in dem gesamten Naturschutzgebiet nicht rauchen darf, wegen Waldbrandgefahr! Und bestimmt darf man hier auch nicht mit dem Motorrad hineinfahren!" fiel ihr verspätet auf. Gehetzt sah sie um sich und machte ein paar fahrige Bewegungen bald in diese Richtung, bald in jene, so als suche sie etwas in oder unter den Bäumen. „Gibt es nichts, womit wir das Loch in der Buche zustopfen könnten?" rief sie schließlich frustriert.

„Gib es mir ab und lass mich Gerechtigkeit wirken. Du bist sicher hier, weil ich bei dir bin. Was auch immer von außen herandringt, kann uns nichts anhaben, auch wenn du es mit deinen Sinnen wahrnimmst, noch nicht einmal wenn du seine Folgen spüren musst. Ich werde dich darauf aufmerksam machen, wenn es nötig ist, dass du irgendwo eingreifst und handelst."

Es tut mir Leid," meinte sie zerknirscht. „Anscheinend schaffe ich es immer noch nicht, meine Aufmerksamkeit bei Störungen auf dich gerichtet zu lassen. Wo waren wir stehengeblieben?"

„Der zweite Riss... Er wurde verursacht durch die Scham, wo Menschen unsere Art der Beziehung verurteilt haben."

„Ein solcher Riss? Größer noch als der durch jene persönliche Sintflut? Das kann doch nicht sein!" protestierte Elanor ungläubig. „Ich meine, es war doch nur eine Person, die unsere körperliche Nähe 'verteufelte', und sie schien ihre Meinung sogar später dann doch wieder zu ändern."

„Es war eine Person, die du liebtest, und deren Urteil du, vielleicht auch nur unterbewusst, vertrautest. Ihre Kritik hat eine tiefe Narbe in dir hinterlassen."

Sie runzelte die Stirn. „Denkst du nicht, es war eher der Schmerz, dass sie mich verließ, und dann, nachdem sie kurz zurückkam, sich wieder von mir abwandte?"

Er schüttelte den Kopf. „Das hat uns nicht voneinander entfremdet. Im Gegenteil. Es war schmerzlich, aber du hast dich umso fester an mich geklammert."

„Ihre bloßen Worte, mit denen sie unsere Küsse als fehlgeleitete Illusion abstempelte," – sie verzog ein wenig das Gesicht – „Naja, sogar als vom Feind fehlgeleitete Illusion, und ja, es waren heftige Worte, aber trotzdem: Worte allein sollen solchen Schaden hinterlassen haben?"

Er nickte traurig. „Im tiefsten Innern deines Herzens hast du seither die Intimität mit mir gemieden. Du kannst dich nicht mehr so auf meine Nähe einlassen und mir deine schenken wie früher, nicht einmal jetzt."

Tränen stiegen in Elanors Augen. „Das ist deshalb, weil ich nicht weiß, war dir noch recht ist, dass ich es tue, oder womit ich mich möglicherweise gegen dich vergehe. Vor allem weil ich dachte, du hättest mir danach selbst irgendwie gezeigt, dass die Art, wie wir uns vorher begegneten, nicht mehr so wichtig oder nicht mehr erwünscht oder irgend so etwas sei, dass wir über diese Stufe hinausgewachsen seien und es eine Art Rückschritt wäre."

„Denkst du wirklich, ich würde irgendeinen Ausdruck echter Liebe deines Herzens zurückweisen?" Erschreckt bemerkte sie, dass sich seine Augen nun ebenfalls mit Tränen füllten. „Geliebte... Meine Jägerin... Ich vermisse deine Spontaneität. Die Einfachheit deiner impulsiven Zuneigung. Dass du mir Liebe schenken kannst, so wie es gerade natürlich aus deinem Herzen sprudelt, ohne dir den Kopf und das Herz darüber zerbrechen zu müssen, ob du ein Sakrileg begehst oder nicht."

Elanor sah ihn stumm an, wahrend Tränen über ihr Gesicht rannen.

„Wir sind ein Brautpaar, Geliebte." Er packte sie sachte an der Schulter, um die Eindringlichkeit seiner Worte zu unterstreichen. „Alles, was im Geist und in der Wahrheit aus Liebe zwischen uns geschieht, in beiderseitigem Einvernehmen natürlich, ist unsere Sache, und geht keinen anderen Menschen etwas an."

„Vielleicht liegt es an dem beiderseitigen Einvernehmen," erwiderte sie kläglich. „Vielleicht müsstest du mir das wieder deutlicher machen." Sie blickte auf die beschädigte Rinde, den narbig unterbrochenen Fluss des Baumstammes, die beiden klaffenden Einkerbungen, und nickte langsam. „Du hattest Recht. Ich spüre nun so stark diese Barriere der Scham und Schuldgefühle, dass ich es noch nicht einmal schaffe, dir das, was du eben sagtest, vollständig zu glauben. Ich bin gelähmt von Angst, an vergangenen, nur metaphorisch gemeinten Vorstufen festzuhalten, wenn du mich geistlich reifer und weiter haben willst, und damit eine Sünde zu begehen. Ich wage es zum Beispiel nicht mehr, dich zu küssen." Resigniert zuckte sie mit den Schultern, schüttelte dabei unwillkürlich seinen Arm von sich und wandte sich zur Seite hin von ihm ab.

„Du hast die Hoffnung schon lange aufgegeben, dass es zwischen uns wieder so werden würde wie am Anfang, nicht wahr? Dass es eine Lösung geben würde, diese Risse zu beseitigen?" Sachte legte sich seine Hand unter ihr Kinn und hob ihren Kopf wieder in seine Richtung und zu ihm auf Augenhöhe. „Bitte gib nicht auf, Elanor! Lass sie mich wiederbeleben: deine Hoffnung, und unsere Intimität. Vergiss nicht: Für mich ist nichts unmöglich."

Ein lauter Knall ließ Elanor in diesem Moment zusammenzucken. Er kam wieder von der Bruchwaldlichtung her, diesmal so nahe, als sei direkt unter der vernarbten Weidbuche ein Feuerwerkskörper gezündet worden. Impulsiv riss Elanor sich los und hechtete zu dem Durchlass in die Außenwelt. Sie nahm gerade noch die Rückseiten der davonbrausenden Motorräder und ihrer Fahrer wahr. Im Gras um den Fuss des Stammes, das sie rasch mit ihren Blicken durchkämmte, konnte sie jedoch keinen Fremdkörper entdecken. Sie seufzte zugleich erleichtert und frustriert.

Schnell wandte sie sich zurück ins Innere der Buche – nein, des Apfelbaumes – und atmete laut aus vor Erleichterung, als sie noch vage das Blau der Glockenblumen und die unscharfen Umrisse des inneren Baumes ausmachen konnte.

„Ich hätte es verdient, wenn sie weg wären." Resolut schluckte sie ihre Wut auf sich selbst hinunter, die sie noch mehr auf etwas anderes als ihren Geliebten fixieren würde, und beeilte sich, näher zum Zentrum der inneren Lichtung zurückzukehren.

„Tut mir Leid," murmelte sie frustriert, als sie wieder ihrem wartenden Freund gegenüberstand. „Ich schaffe ja noch nicht einmal, diesen anderen Riss zu überwinden: nicht ständig Bedrohungen in meiner Umwelt unseren Austausch stören zu lassen. Bitte hilf mir auch da," wiederholte sie sich ohne viel Hoffnung. „Auch wenn ich das im Laufe dieses Treffens schon ein paarmal wieder neu sagen musste." Sie verzog das Gesicht.

Ein leichter Windstoß fuhr durch die Blätter und irgendwo sang eine Meise. Elanor nahm das sanfte Rauschen und muntere Plätschern von Wasser wahr. Ihr war noch gar nicht aufgefallen, dass sich anscheinend ein kleiner Wildbach durch die Lichtung schlängelte.

„Warum sagst du nichts?" fuhr sie leicht ängstlich fort, als für einige Minuten keine Stimme mehr die Naturgeräusche unterbrach. „Es tut mir wirklich Leid, vor allem dass ich dir damit immer wieder wehtue. Was meinst du zu der ganzen Ablenkungssache?"

Ihr Bräutigam bückte sich, nahm rasch mit einer Hand etwas Wasser aus dem Bach auf und spritzte es Elanor unerwartet ins Gesicht.

Sie musste lachen. Sie liebte es, wenn er es schaffte, ihre kindlich-unbekümmerte Seite zum Vorschein zu bringen. Sofort war ihr leichter ums Herz, zumal sie diese Geste als versöhnlich anmutete. „Das heißt wohl, du findest es nicht toll, wie ich dich behandele, aber du möchtest mich davon reinigen."

Plötzlich wurde sie wieder ernst. Mit einigen wenigen Schritten stand sie vor ihm, so nah, dass sich ihre Oberkörper fast berührten. „Bitte reinige mein Gesicht," flüsterte sie leidenschaftlich intensiv. „Es braucht dein Wasser, um erneut nur noch dich anzuschauen."

Diesmal schöpfte er aus dem Bach mit beiden Händen, direkt unter einem kleinen Wasserfall, so dass die Schale, die seine Finger und Handflächen formten, randvoll war. Dann richtete er sich auf, um ihr das glitzernde Nass auf Kopfhöhe anzubieten. Elanors Herz setzte einen kleinen Schlag aus, als sie bemerkte, dass die Schale eine Herzform bildete. Sehnsüchtig tauchte sie ihr Gesicht in das kühle Nass, immer tiefer, bis ihre Lippen die geliebte, ersehnte, lange vermisste Haut seiner Hände berührten. Weinend presste sie ihre Küsse darauf.

Wie von selbst legten sich seine Finger vorsichtig und unendlich zärtlich um ihr Gesicht. Sie bemerkte, dass sie ihre Hände um seine geschlungen hatte, wohl um ihn näher zu sich heranzuziehen, und ließ sie schnell sinken. Doch sein lebendiger Schutz um ihre Wangen blieb. Wie Scheuklappen mutete es sie an, die sie rechts und links begrenzten und ihre Augen, ihre Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet hielten, wie lebende Mauern, die sie einschränkten, und doch hätte nichts willkommener, ersehnter, wohltuender sein können als die Anwesenheit dieser Schranken, als ihre unvergleichliche, erfüllende Berührung. Lange sog Elanor die Nähe ihre Geliebten auf diese Weise ein, und lange gewährte er ihr diese Nähe, bis sie schließlich ihre Augen öffnete, bewusst zu ihm aufsah und versonnen lächelte. Bewegt bemerkte sie, dass Tränen an seinen Wimpern glitzerten.

„Nun bist du wie eines dieser Hasenglöckchen, wie eine Blume, die ihre Blüte zur Sonne richtet und deren Wärme und Licht eintrinkt," flüsterte er. „Du raubst mir das Herz, wenn du stille hältst und die Strahlen meiner Liebe aufnimmst."

Elanor wusste nicht, was sie sagen sollte.

Nun lächelte auch er plötzlich, durch seine Tränen hindurch, gleichzeitig versonnen und verschmitzt. „Du weißt ja, was uns betrifft, wie ich meine Frau von Untreue kuriere, nicht wahr?"

Sie lachte laut. „Ja! Mit deiner Unwiderstehlichkeit... besonders deiner Berührung." Ihr Ausdruck wurde erneut ernst. „Du dürftest es auch anders tun. Hauptsache, meine Fokus auf dich hält nicht wieder nur für ein paar Minuten an." Sie seufzte.

„Sei beruhigt, Elanor." Er lächelte triumphierend. „Ruach wird es schaffen. Schließlich kann niemand bestreiten, dass ich eine ebenbürtige Partnerin verdient habe, oder?"

Fußnoten:

1Hohelied 8:5

2Hohelied 2:3