Bald ist wieder mein Geburtstag. Da ich nicht weiß, ob ich an dem genauen Tag zum Schreiben komme (oder an dem Tag davor), schreibe ich meinen (Vor-)Geburtstagsbericht jetzt schon mal.

Ich hatte vor knapp drei Wochen schon einen Bericht verfasst, der aber aus dem Ruder lief und den ich auch nicht mehr vollenden wollte. Er war sogar ziemlich lang, aber naja. Jetzt schreibe ich nochmal eine aktuellere Version, hoffentlich nicht so durcheinander wie zuvor, und vielleicht auch etwas kürzer. Viel geändert hat sich in meinem Leben seither sowieso nicht, denke ich.

Zweites Staatsexamen mehr schlecht als recht bestanden…aber bestanden. Die Vorbereitungszeit war die Hölle. Ich denke immer: „Schlimmer kanns nicht werden!", aber es wird jedes Mal schlimmer. PJ ist auch schlimm, auf eine eigene Art und Weise. Wie das Arbeitsleben wohl wird? Momentan freue ich mich nicht darauf.

Ich habe mich auf die 4 Wochen in der Notaufnahme total gefreut, weil ich gute Erfahrungen in der unfallchirurgischen Notaufnahme (anderes Krankenhaus) gemacht habe. Aber die ersten zwei Wochen waren schlimm. Wirklich schlimm. Ich wurde angeschrien, runtergemacht und habe mich echt schlecht gefühlt. Ich wollte einen guten Eindruck machen, viel arbeiten und lernen. Aber mittlerweile…es ist die dritte Woche, und ich denke, dass ich es überleben werde. Aber ich kann nicht sagen, dass es mir sonderlich gut gefällt. Ich weiß auch nicht warum. Ich habe schon einiges gelernt, ich darf manchmal schallen, eine BGA machen und ich kann mit den Patienten reden. Aber es gibt manchmal keine Patienten und manche Ärzte vertrauen nicht darauf, dass man selber etwas schafft. Ich würde auch nicht behaupten, dass ich alles könnte. Dafür ist das PJ doch da. Um zu lernen. Aber man fühlt sich einfach dumm, wenn die Patienten schon vom Arzt gesehen wurden und man selber nur noch hingeht, um zu „üben". Man trägt einfach überhaupt keine Verantwortung. Ich glaube, das hat mich in den ersten zwei Wochen genervt, aber jetzt ist es mir auch egal. Ich sitze meine Zeit einfach dort ab und unterhalte mich ausgiebig mit den Patienten. Schließlich ist ein guter Patientenumgang auch wichtig. Und wenn man keine Verantwortung trägt, kann man das auch machen.

Was ich vielleicht letzte Woche neu dazugelernt habe, ist Demut. Ich bin mir nicht sicher, ob das das richtige Wort ist, weil „demütigen" und „gedemütigt" eine eher negative Bedeutung haben. Aber mit „Demut" meine ich nichts Negatives. Das englische Wort („humbling") würde es wohl eher treffen. Ich weiß nicht. Ich habe eben letztens gelernt, was das Wort bedeutet, oder zumindest, was das Wort für mich bedeutet. Als Arzt macht man letztendlich nichts anderes, als anderen Menschen zu dienen. Oder? Man hat nicht von oben auf andere herabzusehen. Es gab letzten Freitag viele Situationen, in denen mir die Patienten für die einfachsten Dinge gedankt haben, z.B. für ein Glas Wasser oder dass ich ihnen zugehört habe. Oder die Tochter angerufen habe, damit sie ins Krankenhaus kommt. Aber der Anblick eines Patienten hat mir wirklich das Herz gebrochen: ich war auf der Suche nach einem Ultraschallgerät und lief die ganze Notaufnahme ab. Zufällig sah ich eine Handbewegung aus dem Augenwinkel und eigentlich wollte ich schon wieder gehen, aber ich überlegte es mir doch nochmal anders und ging zu dem Pat. Er konnte sich nicht aufrichten, lag nur im Bett rum und konnte sich auch nicht richtig verständigen (Demenz). Da es aber ein wahnsinnig heißer Tag war, konnte ich herausfinden, dass er nur ein Glas Wasser wollte. Also sagte ich ihm, dass ich ihm das Wasser bringen würde. Ich brachte ihm noch einen Strohhalm, weil er wie erwähnt sich nicht aufrichten konnte und ich nicht wollte, dass er das Wasser verschüttete. Er war wirklich durstig und er war danach so dankbar dafür, dass er mich anlächelte und sich (so gut es ging) bei mir bedankte. Ich habe ihm nur ein Glas Wasser gebracht. Es hat mich irgendwie tief getroffen. Und dann ist mir klar geworden, dass man wirklich alle, alle Menschen gleich behandeln sollte (am Anfang zumindest…wenn sie arschig sind, kann man entweder versuchen zu verstehen, warum sie arschig sind…oder man behandelt sie sonst einfach nicht mehr nett). Der Gedanke ist nicht neu, aber was das wirklich bedeutete, war mir nie so ganz klar, denke ich. Menschen sind Menschen. Und man behandelt Menschen nicht wie Scheiße, egal welchen sozialen Stand sie haben o.Ä. Und man sollte sich selbst nicht zu wichtig nehmen. Ich denke, das habe ich gelernt.

Es sind noch nicht einmal zwei Monate rum, und mir geht es psychisch zumindest schon richtig dreckig. Auch körperlich: ich habe letzte Woche mein Abendessen einmal mit zwei Keksen und etwas Soju mit Erdbeergeschmack ersetzt. Hab in sechs Wochen zwei Kilo abgenommen. Ich war noch nie so gestresst, dass ich so schnell so viel abgenommen habe. Vor allem hatte ich auch in den letzten Wochen wenig Appetit und habe deshalb die ein oder andere Mahlzeit ausgelassen. Ich hatte schon Hunger, bekam aber nichts runter. Manchmal zwang ich mich zum Essen, damit ich zumindest eine Mahlzeit am Tag aß, aber ich schmeckte nichts und musste Essen wegschmeißen (in der Mensa gibt es immer riesige Portionen und selbst wenn man sagt, dass man eine kleinere Portion will, kriegt man eine normalgroße Portion). Diese Woche hat es sich endlich gebessert. Ich kann wieder gut essen.

Meine momentanen Fragen: wo werde ich arbeiten? Und in welchem Fachbereich? Und werde ich das mein ganzes Leben lang machen oder mich umorientieren? Ich denke, langsam wird es klarer, in welchem Fachbereich ich mich spezialisieren möchte. Interessieren tun mich viele Gebiete, aber ich muss auch eins auswählen, in dem ich gut Arbeit leisten kann. Wo ich arbeiten möchte, bleibt noch offen. Mal sehen.

Ich habe im Juni an einem Kurs von der Uni zum Thema effizientes Lernen und Zeitmanagement teilgenommen. Es hat sich für mich sehr gelohnt, das meiste zu beiden Themen habe ich dort zum ersten Mal gehört. Andere Teilnehmer fanden es eher langweilig. Eine junge Psychologiestudentin ging mir voll auf die Nerven. Sie wollte Medizin studieren, ihre Noten reichten aber nicht und am TMS wollte sie nicht teilnehmen, weil man den nur einmal machen kann (dann nimmt man trotzdem daran teil? Auch wenn man's verkackt. Man kann sich nicht verschlechtern durch ein schlechtes Ergebnis). Und die wollte mir tatsächlich sagen, dass die Statistik, die sie in Psychologie lernen muss, sehr viel schwieriger sei, als das, was wir in Humanmedizin lernen mussten. Und dass sie ja sooo viel lernen muss und gerne wissen möchte, wie man auswendig lernt etc. etc. weil sie im Internet von zwei Medizinstudenten ein Video gesehen hat, die mithilfe von Mnemotechniken fürs Staatsexamen gelernt haben und fast eine eins bekommen hätten. Sie hat nicht verstanden, dass ihr Fach ein Fach ist, bei dem man einfach verstehen lernen muss, auswendig lernen hilft nicht. Aber das wollte sie nicht einsehen. Und sie wollte immer nur gute Noten haben, alles andere war egal. War ich auch so kacke, als ich grad angefangen hab zu studieren? Sie hat dann irgendwann nur noch angegeben, von wegen sie hat einmal eine eins geschrieben und wie sie 13 ganze Vorlesungen gelernt hat (tut mir leid, aber das ist wirklich nicht viel…wenn man Psychologie studiert). Eine andere Studentin wollte mir allen Ernstes die Bedürfnispyramide nach Maslow erklären (also bitte, jeder kennt diese Pyramide…), aber am Ende war sie eigentlich doch sehr nett. Mal sehen, ob ich die Tipps anwenden kann.

Ich habe auch dieses Jahr viel über mich selbst gelernt, aber langsam habe ich wirklich das Gefühl, dass ich ein wenig Hilfe auf dem weiteren Weg gebrauchen könnte. Es ist anstrengend, verdammt anstrengend und ich kann langsam nicht mehr. Ich werde nicht erzählen, was ich über mich gelernt habe, weil es mir unangenehm ist. Außerdem macht das tatsächlich nur für mich einen Unterschied, und nicht für alle anderen Leute. Also habe ich nur meinen Eltern davon erzählt. Nicht meinen Freunden. Und nicht mal meinen anderen Verwandten. Es ist nichts Schlimmes, es ist nur etwas sehr Privates, denke ich, das niemanden sonst was angeht. Aber der Berater von der Uni hat mir vor einem Jahr wirklich geholfen und ich denke, so einen Therapeuten hätte ich gerne für die nächste Zeit auch, um alles richtig zu verarbeiten und zu verstehen.

Mit meiner Doktorarbeit komme ich nur langsam voran. Sehr langsam. Das PJ nimmt meine ganze Aufmerksamkeit und Energie in Anspruch und das macht mich wütend, aber ich kann nichts dagegen machen. Ich möchte wieder mehr lesen, komme aber nicht einmal dazu. Bin froh, dass ich jetzt zumindest WLAN in meinem Zimmer habe.

Ich war Anfang Juni beim ersten Wembley-Konzert von BTS in London. Es war toll, ich war am Anfang etwas skeptisch, aber ich hatte so viel Spaß während des Konzerts und auf den Fotos sehe ich auch sehr glücklich aus. Ich selber habe kein einziges Foto gemacht (nur ein Panoramabild vom Stadium, weil ich meinen Vater neidisch machen wollte, hahaha), sondern habe gesagt, dass ich einfach das Konzert genießen wollte. Die Atmosphäre war super, wie bei einem Fußballspiel. Die anderen Fans sind alle etwas „quirky" oder so, aber eigentlich auch ganz nett. Es war sauteuer. Wenn ich nochmal die Gelegenheit habe, suche ich einen Platz auf den hinteren Rängen, weil die billiger sind und ich von meinem „guten" Platz auch kaum etwas sehen konnte. So ein Konzert würde ich nur noch für die Atmosphäre besuchen. BTS kann man nur gut sehen, wenn man in den ersten fünf Reihen im Pit sitzt. Ich habe so viel geschrien und mitgesungen, hahaha. Hab ich von mir gar nicht erwartet. Außerdem gab es in London so viel gutes Essen. Aber insgesamt zu viele Menschen. Gott, so anstrengend: einerseits fand ich die Atmosphäre im Stadion so geil, dazu braucht man die ganzen Menschen, die ich dann aber zu zahlreich fand. Ich bin so nervig, ugh.

Was ich für mein nächstes Lebensjahr vorhabe? Nicht viel. Meine Doktorarbeit fertig zu bekommen. Das letzte Staatsexamen zu bestehen. Und zu überleben. Es geht mir nicht gut. Ich bin ganz durcheinander und müde. Bald ist mein Geburtstag und alles was ich spüre sind meine Bauchkrämpfe, die ich seit einiger Zeit bekomme, wenn ich ans PJ denke.