20200514

Es ist vollbracht. Ich bin von nun an eine Ärztin. Halleluja.

Bin ich glücklich darüber? Einerseits schon. Es ist vorbei, fast sieben Jahre Studium sind endlich vorbei. Ich habe es durchgezogen, ich bin jetzt Ärztin und ich habe mich währenddessen nicht umgebracht.

Andererseits bin ich etwas frustriert, weil die Prüfung nicht so gut lief, wie ich es eigentlich haben wollte. Es fühlt sich so an, als ob die letzten Wochen völlig umsonst gewesen wären. Wozu habe ich mich so lang an den Schreibtisch gesetzt? Nur um schlecht abzuschneiden? Ich habe noch nie (NOCH NIE) in meinem Leben so konzentriert diese sieben, acht Wochen am Stück gelernt, ich habe alles mehrmals wiederholt, und es war trotzdem für die Katz'. Tja. Dann hätte ich vermutlich schon die Jahre zuvor richtig lernen sollen, und mich nicht von einer Klausur zur nächsten hangeln sollen (eine Woche vor einer Prüfung kurz alle Präsentationen durchgeklickt und dann die Prüfung geschrieben. War häufig nicht bei den Vorlesungen, weil ich es nicht geschafft habe (ja, weil's mir psychisch nicht gut ging, aber auch, weil ich nicht aus dem Bett kam und wenn ich mal in der Vorlesung war, mich nach zehn Minuten eh nicht mehr konzentrieren konnte). Da sollte ich eigentlich schon verwundert sein, dass ich es überhaupt geschafft habe. Und selbst wenn ich schon vorher viel gelernt hätte ich in dem Zustand die Fragen trotzdem nicht beantworten können.

Ich war sehr angespannt während der Prüfung. Es war ja wieder ein Staatsexamen. Und dieses Mal noch eine mündliche Prüfung. Ich konnte es mir nicht leisten, durchzufallen (sechs Monate nochmal den gleichen Scheiß machen? Nein danke). Und ich wurde so viel nervöser, nachdem ich einmal aus dem Konzept gebracht worden bin. Ich habe die Situation nicht im Griff gehabt und ich bin wütend auf mich selbst. Auch auf einen Prüfer, aber vor allem wütend auf mich selbst. Dass ich das nicht besser handhaben konnte.

Was momentan noch komisch ist? Ich habe jetzt alles geschafft, das Studium ist zu Ende, ich bin Ärztin.

Und jetzt? Was kommt jetzt?

Nun, eigentlich ist es ganz logisch: Bewerbungen schreiben, Approbation beantragen, Doktorarbeit schreiben und mein Auto zulassen und versichern. Ich bin auch schon daran, einige dieser Dinge zu erledigen.

Aber gestern, nach der elendigen Prüfung? Auf einmal stand ich da, mit nichts, außer meinem Abschluss.

Was habe ich in den letzten Jahren noch gemacht, außer mich mit meinem Medizinstudium zu beschäftigen? Ich hatte gar nichts mehr in meinem Leben. Ich habe keinen Freund, ich habe keinen stabilen Freundeskreis, ich habe meine Hobbys aufgegeben. Nicht mal Anime habe ich in letzter Zeit geschaut. Mein Leben drehte sich in den letzten Jahren einzig und allein um das Medizinstudium (und um Trauer und den Verlust geliebter Menschen).

Ich habe nichts von dem gemacht, was ich mir immer und immer wieder für jedes darauffolgende Jahr vorgenommen habe: ein Instrument lernen, mein Chinesisch verbessern, eine weitere Sprache lernen. Psychologie nebenher studieren. Zeichnen lernen. Eine fucking Therapie machen. Und vieles mehr.

Es ist nicht so, als ob das Medizinstudium mich so in Anspruch genommen hätte. Ich hätte die Möglichkeit gehabt, noch weitere Dinge zu tun, aber stattdessen habe ich mich entschieden, meine mentale und körperliche Energie vollends auf das Medizinstudium zu konzentrieren (ohne dafür richtige Resultate bekommen zu haben). Ich alleine bin verantwortlich dafür. Und das tut weh. Und hinterlässt ein großes Loch in meinem Leben.

Bereue ich das Studium? Ganz ehrlich? Ich bin mir nicht sicher. Ich würde meinen Kindern niemals dazu raten, Medizin zu studieren. Aber ich bin froh, dass ich es durchgezogen habe.

Wenn ich jetzt die Möglichkeit hätte, nochmal auszusuchen, was ich nach dem Abitur studieren wollte, hätte ich mich anders entschieden? Vermutlich nicht.

Dann ist da noch eine ganz große Furcht vor der Zukunft: wie wird der Alltag als Ärztin nun sein? Das war doch mein Ziel, oder? Aber ich habe genug Ärzte gesehen, denen es mit ihrer Arbeit nicht mehr gut ging. Manche weinten den ersten Monat nur durch (natürlich zu Hause, nicht vor den anderen Ärzten). Zu denen werde ich sicherlich auch gehören.

Wo werde ich arbeiten? In welchem Fachgebiet? Vor zwei Tagen fühlte ich mich noch motiviert, tatsächlich in die Innere zu gehen, aber mittlerweile fühle ich mich wieder wie der letzte Loser, der überhaupt keine Ahnung hat und die Patienten eher umbringen als heilen wird. Das macht mir wahnsinnige Angst.

Kann ich denn überhaupt als Ärztin arbeiten? Bin ich dafür geeignet? Werde ich das durchhalten können? Oder werde ich zusammenbrechen? Ich bin absolut nicht darauf vorbereitet. Und was ist, wenn der Oberarzt mich ständig anschreit?

Ich befinde mich momentan also in so einem Zwischenstadium: ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll. Eigentlich wollte ich eine lange Pause einlegen, aber durch Corona kann ich sowieso nirgends hinreisen, warum also nicht früher anfangen zu arbeiten? Im Prinzip weiß ich, was ich zu tun habe (s.o.). Aber ich fühle mich wie gelähmt (und bin sehr müde von gestern. Habe eine halbe Flasche Wein getrunken, ein Glas Sekt, konnte nicht einschlafen, habe mich über die Prüfung aufgeregt und hatte mehrere Alpträume).

Heute habe ich mich mit einer Freundin getroffen und das hat mich ein wenig beruhigt. Es war sehr entspannt. Mit ihr musste ich nicht über wichtige Themen oder so sprechen. Meistens sind unsere Gespräche recht oberflächlich und früher hat mich das gestört, aber ganz ehrlich? Mir ist das seit einiger Zeit sehr viel lieber als diese anstrengenden Gespräche. Ich kann lockerlassen und eine gute Zeit mit ihr verbringen. Manchmal geht es jedoch auch sehr, sehr tief (was auch Spaß macht). Außerdem haben wir über unsere Crushes geredet, ohne judgy zu sein (tbh, wir sind nicht in derselben Situation, aber in einer Hinsicht doch schon ähnlichen, wir können nicht den anderen verurteilen, ohne selbst ein Problem zu bekommen, hahaha). Ich hab ihr einfach alles erzählt (jup, mein Crush hält immer noch an). Sie hat mir alles erzählt. Es war toll, so offen über seine Crushes zu reden, ohne sich dafür schämen zu müssen. Selbst das Shoppen war heute super angenehm (wenige Menschen in den Geschäften, nicht so laute Musik). Und ich hatte Bubble Tea! Endlich! Nach fünf Monaten!

Das war ein Update zur jetzigen Situation. Das nächste Update wird auf jeden Fall wieder um meinen Geburtstag herum erscheinen, ggf. auch schon davor, sollte ich etwas Interessantes zu erzählen haben.