Berliner Bildungsbürgertum

© by bardofberlin

Ostersonntag. Ganz Berlin hat frei und die Hälfte der Berliner drängeln sich bei Dussmann. Sie umlagern Tische mit Bestsellern und Sonderangeboten, versperren anderen die Sicht auf klassische Weltliteratur, Fachbücher über vegetarische Küche und Börsengeschäfte. Sie durchblättern Bildbände und Atlanten nehmen ein Buch von John Krakauer in die Hand, nur um es wieder hinzulegen, neben dem neusten Werk von Alice Schwarzer.
Berliner Bildungsbürgertum unter sich.
Aber nirgends in diesem Gedrängel kann man so bewegende Szenen aus dem Leben der Berliner beobachten, wie in der 3. Etage des Hauses.
Das mag daran liegen, dass wenn man sich vom Erdgeschoss bis dahin vorgekämpft hat, der Rücken langsam schlapp macht. Es ist viel zu heiß und die Füße schmerzen. Kaufhauskoller.
Das Geschehen konzerntriert sich weitgehend um eine Regalgruppe. Vor einem Regal, über dem schlicht und ergreifend „Frauen und Männer" steht.
Ein Paar steht davor, beide so um die 50. Er mit Lesebrille und lichtem Haar. Sie in sportlicher Jacke, am Haaransatz ist zu erkennen, dass sie eigentlich schon ergraut ist, aber man sieht es nicht gleich, Loreal, sei dank! Sie diskutieren heftig darüber welches Buch zu kaufen ist. Beide scheinen fest entschlossen, ein Buch über den, nicht erst durch John Gray, viel diskutierten Unterschied zwischen Männlein und Weiblein, Venus und Mars, Jäger und Sammlerin. Immer wieder sieht er seine Frau über den Rand seiner Brille hinweg an, nimmt ein Buch und liest laut etwas vom Cover vor. „Wie sollten dieses nehmen" Die Frau schwenkt triumphierend ein Buch mit dem Titel „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken" Der Mann scheint nicht wirklich begeistert, wahrscheinlich hält er sich für einen guten Zuhörer, vielleicht ist er es sogar. Ich ergreife meine Chance und sage, „Entschuldingung, dürfte ich mal ans Regal?" Die beiden sehen mich verdutzt an und machen Platz. Sie hat nicht einmal die Gelegenheit ihr Buch wegzulegen. Das Regal ist frei für eine neue Szene.
Ich lasse meinen Blick über die verschiedenen Unterrubriken schweifen. Ganz oben stehen allgemeine Sex-Ratgeber. Darunter stehen Bücher, die die Menschheit darüber aufklären wollen, warum Männer vom Mars und Frauen von der Venus sind. (Wenigsten sind beide Geschlechter aus dem selben Sonnensystem.) Plötzlich schiebt sich eine Frau mit langen grauen Haaren an mir vorbei und greift nach ganz unten ins Regal. Fast stiefmütterlich stehen dort Bücher für Schwule und Lesben in jeder Liebes- und Lebenslage. Die Frau greift ein Buch und ist so schnell weg, wie sie gekommen ist. Ich sehe dahin, wo jetzt eine Lücke in der Bücherreihe ist. Also hat sie ein Buch mit dem Titel „Von mir soll sie das haben? – Ein Ratgeber für Mütter von lesbischen Töchtern" genommen.
Neben mir steht nun ein Mann, der völlig versunken in ein anderes Buch ist. Der Mann ist hager, hat eine gebückte Haltung, trägt eine Jacke, die vielleicht vor 20 Jahren einmal in Mode war und hat eine Brille auf, die mich an tschechische Kompottschalen erinnert. Das Buch ist ein Ratgeber zum Thema „Wie Männer brave Mädchen wild machen".
Plötzlich höre ich neben mir eine ärgerliche Stimme laut und in fast unerträglicher Stimmlage rufen: „14 Mark 50! Aber bitte, wenn du es nicht kaufen willst, dann halt nicht! Du wirst es ja wissen!" Die Stimme gehört einer Frau, die ein Buch mit dem Titel „Wie Männer lernen zu lieben" hochhält. Ich folge dem Blick der Frau und erblicke einen großen dicken Mann, der in einiger Entfernung steht und mit gepeinigten Gesichtsausdruck zu der Frau neben mir sieht. Der Mann versucht hilflos hinter einem Büchertisch zu verschwinden. Aber der rote Pullover, der sich um seinen Bauch spannt verrät ihn.
Ich werde von einem jungen Mann abgedrängt, der mehr über „Die Sexphantasien der Frau" erfahren möchte. Eine Frau um die 35 hockt vor dem Regal und liest Gedankenversunken in einem Buch mit dem Titel „Und plötzlich Singel".
Ich bemerke, dass der Mann mit den tschechischen Kommpottschalen im Gesicht nicht mehr da ist. An seiner Stelle steht ein dicklicher Typ mit Himmelfahrtsnase. Mir fällt auf, dass das Buch (Wie Männer brave Mädchen wild machen) schon ganz zerfleddert ist.
Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sich der dicke Mann, im roten Pullover an das Ragal schleicht, ganz schnell ein Buch nimmt und wieder weg ist. Wahrscheinlich hat er eingesehen, dass er noch lernen muss zu lieben oder aber er will seine Ruhe.
Ich fange an zu schwitzen, weil ich eine Jacke anhabe, die mehr für eine Mt. Everest-Besteigung gemacht ist, als für einen überheizten Bücherladen. Es ist Zeit für mich zu gehen. Auch wenn ich vielleicht doch gerne gewußt hätte, was ein schwuler Mann Frauen rät um ihre Männer glücklich zu machen.
Dussmann hat ja noch viele Sonntage offen......