Tod einer Liebe*

Die Feuchtigkeit drang langsam durch meine Kleidung. Vermutlich war es das, was mich geweckt hatte. Ich spürte den kalten Steinboden unter meinem Gesicht. Warum lag ich da? Ich konnte mich nicht erinnern. Langsam öffnete ich meine Augen. Es herrschte dämmriges Licht. Wo war ich bloss?

Ich versuchte aufzustehen. Vergeblich. Mein Körper gehorchte mir nicht. Er schien taub zu sein. Weswegen? Was war passiert? Wie eine Schlange, die sich ihrer Beute nähert, beschlich mich die Angst. Doch irgendwie schien ich die Angst zu kennen. Sie war wie ein unangenehmer Freund, den man los werden möchte und der nicht ging. Die Kälte, die sich langsam in mir breit machte, liess mich zittern. Noch einmal versuchte ich mich aufzurichten. Es kostete mich unsägliche Anstrengung, mich in eine sitzende Position hoch zu kämpfen. Mit dem Rücken lehnte ich mich gegen die Wand hinter mir. Das Blut raste durch meine Adern und verursachte hämmernde Kopfschmerzen. Ich hob meine Hände und verbarg mein Gesicht darin. Die rechte Gesichtshälfte fühlte sich seltsam klebrig an. Als ich die Hände herunter nahm, sah ich das halb eingetrocknete Blut an meiner Rechten. Noch einmal befühlte ich mein Gesicht, diesmal aber sorgsam abtastend.

Ein tiefer Schnitt verlief vom Wangenknochen schräg hinunter bis fast zum Kinn. Er blutete noch ein klein wenig. Was hatte das nur zu bedeuten? Langsam durchdrangen kleine Erinnerungsfetzen mein Bewusstsein.

Es war eine Party gewesen. Wann war das? Gestern Abend? Mein Mann Peter hatte einige seiner Geschäftsfreunde eingeladen. Es war eine recht erfolgreiche Party gewesen. Es wurde getanzt und gelacht....

Die Kopfschmerzen schienen schlimmer zu werden. Ich zog meine Knie an die Brust, schlang die Arme darum und legte meinen Kopf darauf. Fest schloss ich meine Augen. Der Schmerz liess ein bisschen nach, oder war es nur Einbildung?

Ich erinnerte mich daran, dass ich mit einigen seiner Freunde getanzt hatte. Einer war besonders nett gewesen und da Peter keine Zeit für mich hatte, unterhielt ich mich lange Zeit mit ihm. Er war ein sehr charmanter Gesprächspartner.

Nachdem wir alle Gäste verabschiedet hatten, gingen wir in den Salon. Plötzlich riss mich Peter herum. Er packte mich grob bei den Schultern und starrte mich wütend an. „Was sollte das eben?" schrie er mich an. „Was meinst Du?" fragte ich ihn unsicher. Die kalte Hand der in mir aufsteigenden Angst, umschloss mein Herz. Ich kannte seine Launen bereits sehr gut. Wir waren seit fünf Jahren verheiratet. Schon oft hatte er sich in eine unkontrollierbare Wut gegen mich hineingesteigert. Ich fühlte wie mir ein kalter Schauer über den Rücken lief. „Du weist es genau, du Schlampe! Vor den Augen meiner Geschäftsfreunde hast Du mich lächerlich gemacht! Aber nun ist es damit endgültig vorbei! Ich werde Dir eine Lektion erteilen, die Du so schnell nicht wieder vergisst!" Er fasste in meine langen, blonden Haare und zog mich mit sich in Richtung des riesigen Kellers unter unserer Villa.

Die Angst vor ihm oder vor dem was passieren würde, schnürte mir die Kehle zu. Ich versuchte mir einzureden, dass ich mir alles nur einbildete und erinnerte mich an den Tag vor sechs Jahren, an dem wir uns kennen gelernt hatten. Ich war Fotografin gewesen und hatte Werbeaufnahmen für seine Firma gemacht. Peter war schon damals ein erfolgreicher, vermögender Unternehmer. Für die Werbeaufnahmen hatte er extra einen Helikopter gemietet und das ganze Fototeam auf eine wunderschöne Alpwiese fliegen lassen. Es duftete herrlich nach den verschiedensten Kräutern. Die Sonne schien. Ich konnte noch immer die Wärme ihrer Strahlen auf meinem Gesicht fühlen, als mich der erste Schlag traf und mich auf den kalten Steinboden unseres Kellers warf.

Peter riss mich wieder auf die Beine. Was er schrie konnte ich nicht verstehen, denn vor meinem geistigen Auge sah ich diesen süssen kleinen Jungen, der vor der alten Alphütte für die Aufnahmen posierte. Er strahlte mich an und hielt einen frisch gepflückten Strauss Alpenrosen, Enzian und Edelweiss in der Hand. Die Scheinwerfer und die Reflektoren wurden in Position gebracht. Wieder liess mich ein brutaler Schlag zu Boden gehen. Aus meinem Mundwinkel lief Blut. Ich blickte hoch und sah schaudernd, wie Peter ein Messer in der Hand hielt. Noch immer lachend riss er mich hoch und presste mich gegen die Wand. Langsam zog er die Klinge über mein Gesicht. Die brennende Linie, die das Messer auf meiner Wange hinterliess durchtrennte den letzten Faden, der mich noch mit der Realität verbunden hatte. Verzweifelt liess ich meine Hand über die Wand tasten und ergriff den ersten Gegenstand, den ich erreichen konnte. Es war etwas sehr Schweres. Als sich Peter von mir abwandte und sich böse grinsend ein paar Schritte entfernte, schlug ich mit aller Kraft zu....

Ich hob meinen Kopf von den Knien und blickte nach links. Meine Augen hatten sich an das Dämmerlicht gewöhnt. Keine fünf Meter entfernt erkannte ich Peter. Die Art wie er auf dem Boden lag, sagte mir, das er tot war. Der schwere Gegenstand war eine Axt gewesen, die nun seltsam unwirklich aus seinem Rücken ragte.

Mühsam kämpfte ich mich auf die Beine, stieg über Peters starren Körper hinweg und ging langsam die Treppe hoch. Im Moment zu keinem Gefühl fähig, wusste ich, dass es Zeit war die Polizei zu rufen. ENDE

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