Momentum

Kennen Sie das ? Sie setzen sich in einen Zug und Sie beschließen, die überflüssige Zeit zu nutzen, um Ihren Tagesverlauf zu planen. Ihre Gedanken wandern um Stunden in die Zukunft, strukturieren, nehmen unzählige Ereignisse vorweg und beurteilen sie, sie erwägen Aktionen und Reaktionen und Sie wissen, am Ende der Fahrt sind Sie auf alles vorbereitet, was kommen mag.

Doch dann...unvermittelt stutzen Sie, weil Sie etwas ablenkt.

Ihnen schräg gegenüber, ein paar Reihen weiter vorne sitzt eine junge Frau und irgendetwas an ihr hat für einen Augenblick nur Ihre Gedanken abgelenkt, so dass Sie den Faden verloren haben. Sie lächeln innerlich etwas über sich und fangen erneut an, Ihre Termine durchzugehen, nur es will Ihnen nicht mehr so recht gelingen. Ihre Blicke wandern wieder und wieder nach vorne und Sie fangen nun an, stattdessen darüber nachzudenken, weshalb der Anblick der jungen Frau Sie so fesselt.

Eigentlich ist sie eher unscheinbar. Sie muß um die 20 sein, die braunen Haare nach oben gesteckt, die dunklen Augen konzentriert auf ein politisches Magazin gerichtet. Sie wirkt streng, irgendwie unnahbar und Sie fangen an zu verstehen, warum Sie irritiert waren. Es muß dieser Kontrast sein zwischen ihrem jungen Alter und dem Stolz, der kühlen Selbstsicherheit, die sie ausstrahlt. Sie beobachten weiter, fangen an, auf jede einzelne Geste zu achten, die den Eindruck weiter verstärkt. Wie sie mit schlanken Fingern abwesend und vorsichtig die Seiten umblättert, wie sie ohne Gefühlsregung die dunklen Augen über die Zeilen wandern lässt. Sie fangen an, sich bewusst zu werden, dass Sie diese Frau anstarren, aber Sie wagen es kaum, den Blick abzuwenden. Sie warten gebannt darauf, ob sich nicht doch ein Lächeln auf ihren Lippen andeutet, oder ein Stirnrunzeln eine interessante Idee des Artikels begleitet. Sie wünschen sich in diesem Moment, einen Fotoapparat zu haben, oder ein talentierter Zeichner zu sein, um das Bild, was sich Ihnen bietet, festzuhalten, den Zauber, die Spannung, die schon so manchen Künstler begeistert haben muß, doch Sie haben dieses Talent nicht !

Und so versuchen Sie, diesen Anblick im Kopf festzuhalten, saugen jede Nuance auf, warten auf etwas, was die Wirkung des Augenblicks verstärkt oder das Bild der überirdischen Würde zerstört. Sie sehen verzückt, wie sie ihre Hand nachdenklich ans Kinn legt und ihr Zeigefinger ihre Oberlippe bedeckt, versuchen, ihre Gedanken zu erraten, absolut gefangen von der absurden Situation, unbekümmert, was um Sie herum passiert.

Das Einzige, was zählt, ist der Augenblick, in dem der Zauber verschwindet, wenn sie etwas tut, was diese künstliche Regungslosigkeit durchbricht, Sie warten sehnsüchtig darauf, weil das Bestehen dessen einfach zu IRREAL wäre und doch wollen Sie daran festhalten, weil es etwas so wunderbar POETISCHES hat.

Und dann geschieht etwas, was sie wissen lässt, dass der Moment gleich vergehen wird. Etwas unglaublich banales, so banal, dass es genau der richtige Abschluß sein wird: Der Schaffner betritt das Abteil. Er geht die paar Schritte zu der jungen Frau und fragt sie nach ihrer Fahrkarte. Schlußendlich sehen Sie, wie sie ihren Kopf zur Seite dreht, und ihn ANLÄCHELT. Endlich ! Die seltsame Spannung, die Strenge, die so gar nicht zu so einem jungen Mädchen passen mochte, ist weg. Das war es wohl, was die Irritation ausgemacht hatte. Die Erwartung, daß jemand in dem Alter eigentlich fröhlicher sein müßte. Aber nun ist es wieder so, wie es eigentlich sein sollte. Sie beginnen nun, nach Ihrer eigenen Fahrkarte zu kramen. Als Sie auf ihre Uhr sehen merken Sie, dass die halbstündige Fahrt tatsächlich schon fast vorüber ist und wundern sich, wo die Zeit geblieben ist.

Wenig später steigen sie aus dem Zug, laufen durch den Bahnhof zum nächsten Bus, steigen ein und sind während der Fahrt wieder gezwungen darüber nachzudenken, was Sie noch alles erledigen müssen. Wann Sie die nächsten Termine haben, was sie noch besorgen müssen, wie Sie das alles am Besten und Effizientesten schaffen können. Sie sind konzentriert, abwesend, achten nicht mehr auf das, was um Sie herum geschieht.

Doch dann plötzlich, inmitten Ihrer pragmatischen Planung, schiebt sich ein Bild zwischen diese Gedanken. Sie lassen spontan Ihre Planung fahren, sehen auf, betrachten auf einmal die Umgebung, den silbrigen See, die Bäume, an denen sie vorüberfahren und...lächeln.