Syra - Freut mich, dass dir meine kleine humoristische Einlage gefallen hat^^ Und zu deiner Frage: Ich hab noch nicht genau geplant, wie die Flucht ablaufen soll, aber eine vage Vorstellung ist schon vorhanden...der Zeitpunkt der Flucht rückt ja immer näher!

POV-Wechsel - jetzt wird wieder aus der Vergangenheit erzählt.

Silver - Kämpfe für deinen Traum

Andrea Göppel

Kapitel 12: Silver's Tagebuch

Veränderungen

Die nächsten Tage vergingen langsam, zogen sich dahin wie Sirup. Obwohl wir fieberhaft nach einer Lösung suchten, schien uns nichts einzufallen. Erschwert wurde uns das ganze durch die schwere Bewachung, der wir fast nicht entkommen konnten.

Aber jedes Mal, wenn ich aufgeben wollte, rief mir Kalya wieder das Mädchen in Erinnerungen, welches sich das Leben genommen hatte, und ich begann mich wieder mit neuem Eifer an die Arbeit zu machen.

Die wenigen, die sich uns angeschlossen hatten, waren ständig am überlegen, doch meist waren es nur wirre Ideen ohne Sinn und Verstand. Der einzige, der einmal etwas wirklich Sinnvolles vorbrachte, war Adrian. „Am besten wäre es, wenn wir einfach sterben würden!" hatte er einmal trocken gemeint. „Dann würden sie unsere Körper irgendwo entsorgen, und keiner würde sich drum scheren."

Natürlich hatte er es eher im Witz gemeint, aber irgendwie blieb mir diese Idee im Gedächtnis haften. Sicher, gab es keine Möglichkeit, dies auch irgendwie durchzuführen, aber der Gedanke meiner eigenen Leiche faszinierte mich irgendwie. Morbide Gedanken, ich weiß.

Adrian war auch derjenige, der vorschlug, auf irgendeine Art und Weise das Computersystem zu kontrollieren und somit einen Weg nach draußen zu finden, in der festen Überzeugung, er könne das tun. Er sei, so hatte er es uns erklärt, ein Hacker, habe schon des Öfteren fremde Systeme geknackt, einfach aus Spaß an der Freude. Das Problem war nur: um das System an sich angreifen zu können, benötigten wir einen Computer und eine Verbindung.

Der Raum mit dem Hauptrechner war aber strengstens bewacht und wir durften nicht einmal in die Nähe kommen. Wir wussten nicht einmal genau, wo er sich befand, hatten nur eine vage Vorstellung…ungefähr in diesem Gebäude dort drüben, und da sind halt mal so um die zwanzig Wachen…

Also wurde auch dieser Plan ins Hinterstübchen verbannt, bis wir eine Möglichkeit fanden, uns frei auf dem Gelände bewegen zu können.

Ich war während dieser Zeit nicht besonders gut gelaunt und konnte nur Kalya bewundern, die mit einem unerschüttlichem Optimismus immer neue Fluchtpläne entwarf, einer obskurer als der andere. Wir sahen uns selten, da sie begannen, uns in Gruppen aufzuteilen, um uns intensiveren Unterricht zu gewährleisten.

Ich glaube, ich habe noch niemals in meinem Leben soviel über automatische Laserwaffen, Bomben mit oder ohne Zeitzünder, Betäubungsgase und all den anderen militärischen Krimskrams gehört wie in diesem Lager. Sie bläuten es uns ein, und trainierten uns, bis wir vor Schmerzen nicht mehr laufen konnten.

Es war während eines solchen ‚Kurses', als ein weiteres Ereignis passierte, welches sich für immer in mein Gedächtnis einbrennen sollte. Es gab ein großes Gelände, auf das sie uns regelmäßig brachten, um den Ernstfall zu trainieren. Sie teilten uns in Teams auf, mit einem bestimmten Ziel, und das Team, welches besser abschnitt, erhielt eine Zusatzration zum Abendessen. Da das Essen nicht gerade üppig und appetitlich war, wollten wir natürlich alle gewinnen und taten unser bestes.

So mussten wir zum Beispiel ein Gebäude stürmen, in dem sich gegnerische Soldaten aufhielten – die natürlich alle Leute aus unseren eigenen Reihen waren – und versuchen, diese mit Gaspatronen und unseren Schusswaffen unschädlich zu machen. Es wurde mir erst langsam klar, dass sie uns damit trainierten, gegen Menschen, die wir kannten, die Waffe zu erheben, und obwohl wir nur Betäubungsstrahler hatten, war es jedes Mal ein scheußliches Gefühl, wenn der Gegner vom Strahl getroffen leblos zu Boden fiel.

Es war während einer solchen Aufgabe, als dieser Vorfall geschah. Was genau eigentlich ablief, kann ich nicht sagen, denn ich war die meiste Zeit bewusstlos. Die anderen erzählten mir Teile davon, anderes musste ich mir selbst zurechtlegen und selbst jetzt gibt es noch Lücken, auf die ich keine Antwort weiß.

An diesem Tag wurden wir nach dem Morgen in zwei Gruppen eingeteilt. Ich gehörte zu den Stürmern, ebenso wie Chris und Adrian, während Kalya, Tanya und Jonathan zu den Verteidigern zählten. Während der Vorbereitung im Umkleideraum sprach keiner auch nur ein Wort, jeder legte nur stumm sein dunkelblaues Kampfoutfit an und schnallte sich die Waffen sowie die kleinen, etwa fingergroßen Gaspatronen an den Gürtel.

Ich betrachtete sie skeptisch, bevor ich sie vorsichtig an meinem eigenen Gurt befestigte. Man wusste nie, welche Stoffe sich in diesen Metallbehältern befanden, da sich die Zusammensetzung der Gase von Mal zu Mal änderte. Dann kam die Waffe, ein leichter Revolver aus metallisch glänzendem Kunststoff, der bequem in meiner Hand lag. Ich wiegte sie in meinen Händen und warf einen Hilfesuchenden Blick zu Kalya, die nur mit den Schultern zuckte. Auch sie hatte sich für den Kampf vorbereitet und machte keinerlei Anstalten, sich zu wehren.

„Prägt euch den Plan gut ein!" donnerte da ein Soldat, welcher uns bewachte und schon öfters Gefallen daran gefunden hatte, einen von uns zu quälen, einfach nur aus purem Sadismus.

Ich drängte mich vor und blickte auf den gedruckten Gebäudeplan, welcher vor uns an der Wand hing. Die Gangstruktur und die verschiedenen Alarmsysteme, die es zu überwinden galt, waren eingezeichnet, und jedes Mal wenn keine vollen Informationen bekannt waren – was ja in echt genauso gut vorkommen konnte – stand dort ein kleines Ausrufezeichen, um uns darauf hinzuweisen, dass wir dort auf uns alleine gestellt waren.

Missmutig blickte ich auf das Papier und verfolgte aus den Augenwinkeln, wie die zweite Gruppe aus dem Zimmer hinausgeleitet wurde, um ihre Stellungen innerhalb es Gebäudes einzunehmen. Ich verabscheute den Gedanken, gegen die anderen tätlich kämpfen zu müssen, aber ich war wehrlos.

„Okay, das reicht!" rief da unser Bewacher und riss den Plan von der Wand. „Ihr habt euch die Informationen eingeprägt – jetzt macht euch auf den Weg. Ihr habt 30 Minuten Zeit!"

„Jaja." murrte Chris neben mir und fingerte an seinem Revolver, Modell RL 82 herum. Adrian sah bleich aus – er hatte es von Anfang an verabscheut, mit Waffen zu hantieren – während Toro, ein grobschlächtiger Typ, sich fast auf den Kampf zu freuen schien und in gespannter Erwartung seine Gun-X33, einen großkalibrigen Laser, umklammerte.

Angelika blickte mich mit stoischer Miene an und zuckte mit den Achseln, als ob sie sagen wollte ‚Jetzt ist es eh egal'.

„Verdammter Mist." Die Worte entschlüpften meinen Lippen, ehe ich mich anders besinnen konnte und brachten mir einen schmerzhaften Stoß des Wachsoldaten ein.

Dann geleitet man uns fünf zur Tür und das Spiel mit tödlichem Ernst begann.

Kennt ihr das Gefühl, wenn man so ungefähr ahnt, was auf einen zukommt, aber eigentlich keine Ahnung hat? Das gleiche Gefühl, welches man vor irgendwelchen Klausuren empfindet, die man gar nicht einschätzen kann?

So fühlte ich mich, als uns die Wachen auf den Platz führten und uns dann verließen. Das war nämlich der einzige positive Punkt dieser ganzen Geschichte: wir durften mehr oder weniger selbstständig handeln, und das schloss auch Gelegenheiten ein, während denen man einige Worte miteinander wechseln konnte. Vorausgesetzt man hatte keine Leute wie Toro im Team, der ein absoluter Vollidiot und dazu auch noch ein Verräter war.

„Okay. Ich würde sagen wir teilen uns in zwei Gruppen ein; die erste sichert die Gegend, während die zweite versucht, das Alarmsystem an der Tür zu entsichern." flüsterte Chris und ich nickte zustimmend.

„Ich sichere." meine Angelika sofort.

Adrian drehte sich zu mir. „Ich kümmere mich um das Alarmsystem, das ist kein Problem.

„Dann komme ich mit dir." war meine Antwort, während ich die Pistole aus meinem Halfter zog.

„Ich auch." brummte Toro, woraufhin sich Chris schulterzuckend zu Angelika begab.

Ich winkte dem dunklen Mädchen schnell zu und fixierte dann das Gebäude, immer nach feindlichen Schützen Ausschau haltend, so wie sie es uns gelehrt hatten. Ich wusste, dass sie jeden unserer Schritte genaustens durch ihre Kameras überwachten und später unsere Fehler analysieren würden, also gab ich mir besonders viel Mühe. Dicht am Boden rannten wir zur Wand des Gebäudes, benutzen jede Möglichkeit als Deckung, um auch ja keinem feindlichem Feuer ausgesetzt zu sein.

Dann waren wir an der Tür und Adrian kauerte sich vor die Schalttafel, während Toro und ich ihn nach beiden Seiten hin mit unseren Körpern abschirmten. Ich war gottfroh, dass der Hacker in unserem Team war, denn ich hätte für das Knacken des Schlosses wahrscheinlich dreimal so lang gebraucht.

Adrian entfernte die Metallplatte und benutze sein Multifunktionswerkzeug, um die Kabel dahinter zu manipulieren und den elektrischen Puls auszulösen, der das Tor öffnete.

Ein Ausdruck immenser Konzentration erschien auf seinem Gesicht, als er alles um sich herum vergessen zu schien, und es dauerte nicht lange, bis sich die Tür mit einem leisen Zischen öffnete. Sofort sprangen Toro und ich in Position, während Adrian schleunigst hinter der Wand in Deckung ging. Seitlich stehend blickte ich vorsichtig um die Ecke und sah einen leeren Gang vor mir.

Kein Hinterhalt.

Ich signalisierte den anderen ein Okay und sprang in das dunkle Innere, meine Waffe schussbereit in den Händen. Ich war bis in die Fingerspitzen gespannt, meine Sinne und Nerven auf höchste Leistung eingestellt. In einer solchen Situation darf man sich keinen Fehler erlauben, denn das kann den sofortigen Tod bedeuten.

Langsam schlichen wir uns an den Wänden entlang. Kein Wort wurde gesprochen.

Stille.

Unangenehm.

Heiß.

Anspannung.

Schweiß lief meine Stirn hinunter – das Gebäude war definitiv überheizt, und mein schnell schlagendes Herz und der rasende Puls machte es nicht unbedingt angenehmer. Ich war die erste, dicht gefolgt von Toro und danach Adrian. Chris und Angelika bildeten das Schlusslicht.

Es dauerte nicht lange, bis wir eine weitere verschlossene Türe erreichten. Schnell rief ich mir den Grundriss ins Gedächtnis zurück. Ja, um unser Ziel, das Hauptkontrollzentrum, zu erreichen, mussten wir durch diese Tür. Adrian kniete sich sofort nieder und begann mit der Arbeit, während wir anderen angespannt die Umgebung beobachteten. Bis jetzt war uns noch niemand vom gegnerischen Team begegnet, was hieß, dass sie uns irgendwo auflauerten. Meine Nervosität stieg nur noch ob dieser Erkenntnis.

„Macht euch bereit." flüsterte da unser treuer Hacker, und wir sprangen sofort zu ihm, um uns beidseitig zu der Tür zu positionieren. Ein leises Geräusch und die Tür glitt auf.

Wir warteten.

Nichts geschah.

Toro blickte zu mir und grinste leicht, dann deutet er mit dem Kopf in Richtung Tür. Ich nickte bloß, wissend, dass es mit unserem Feuerschutz vorbei sein würde, sobald wir durch diese Tür gingen, und auch wenn das nur Betäubungsstrahlen waren – es war trotzdem ein verdammt unangenehmes Gefühl.

Chris zählte langsam bis drei, und dann sprang Toro nach vorne, in den Raum hinein, ich gleich hintendrein, gefolgt von Chris. Sofort begann das Chaos; das andere Team hatte in exakt diesem Raum gewartete, wohl wissend, dass dies der einzige Weg war, und sie hatten sich hinter Tischen und anderen erreichbaren Gegenständen verschanzt. Sobald wir in dem Zimmer waren, eröffneten sie das Feuer und wir konnten gerade noch zur Seite hechten.

Ich landete hart auf dem Boden, rollte mich ab und wich einigen Querschlägern aus, während ich mich hinter eine in der Nähe stehende Kiste rettete. Meine Waffe im Anschlag blickte ich mit einem Auge hinter meiner Deckung hervor, um meine Gegner auszumachen.

Die Schüsse kamen fast alle von der anderen Seite des Raumes. Ein leiser Fluch entschlüpfte meinen Lippen – wieso hatten wir wieder einmal die schwierigere Aufgabe? Um die anderen zu besiegen, mussten wir sie ablenken, während sich einer von der Seite heranschlich und das Feuere auf sie eröffnete.

Fieberhaft überlegte ich, was wohl die beste Methode dazu wäre, als mir bewusst wurde, wie absurd das ganze doch war – da drüben waren Leute, die ich eigentlich zu meinen Gefährten zählte und trotzdem saß ich hier und überlegte mir die beste Methode, sie ins Reich der Träume zu schicken.

„Das ist so verkorkst." murmelte ich finster und blickte dann zu den anderen.

Toro gestikulierte heftig. Er war offenbar der Ansicht, dass ich irgendwas tun sollte, aber ich verstand nicht, was er meinte. Fragend hob ich meine Augenbrauen.

Er hob seine große Laserwaffe und legte sie an, also ob er schießen wollte, dann zeigte er auf mich und ahmte mit den Fingern eine Bewegung des Laufens nach. Aha. Er würde auf die anderen feuern und ich sollte versuchen, mich an sie heranzuschleichen. Toll. Warum durfte immer ich diese beschissenen Aufgaben erledigen?

Missmutig mit den Augen rollend wartete ich auf einen geeigneten Zeitpunkt. Das Feuer hatte sich etwas beruhigt, da beide Seiten in Deckung waren und man sowieso niemanden getroffen hätte. Da stand Toro auf und hechtete nach links, mit einer Hand gezielt Schüsse aus seiner Gun abgebend. Sofort eröffneten unsere Gegner wieder ihr Feuer. Das war mein Stichwort!

Ich robbte – dicht auf dem metallenem Boden – nach rechts an der Wand entlang, hoffend, dass mich in dem Dämmerlicht keiner sah. Ich wollte gerade aufstehen, als ich plötzlich ein pfeifendes Geräusch hörte – und dann schien etwas direkt neben meinem Kopf zu explodieren.

Ich schrie auf und taumelte nach hinten, während auf einmal eine feuchte Flüssigkeit in meinen Haaren hinunter rann, welche aber sofort sublimierte und in Gasform meine Nase hinaufstieg. Verdutzt stand ich einfach nur da und wunderte mich, was denn gerade eben passiert war, bis ich die geplatzte Gaspatrone auf dem Boden entdeckte. Irgendjemand hatte sie geworfen, um den Raum mit Betäubungsmittel zu füllen, und unglücklicherweise hatte sie genau mich getroffen.

„GEH IN DECKUNG!" schrie Angelika, doch es war schon zu spät. Meine Gliedmaßen reagierten auf die toxische Wirkung der sublimierten Flüssigkeit und gaben nach. Natürlich ließen unsere Gegner die Chance, dass ich ungeschützt dastand, nicht an sich vorbeigehen und nahmen mich ins Visier.

Wie einen elektrischen Schlag durchfuhr es meinen Körper, als mich gleich drei Laserstrahlen auf einmal trafen, und ab da war nur noch Dunkelheit.

* * *

….mein Kopf…

Dumpfer Schmerz machte sich hinter meinen Augenlidern breit, als ich mich langsam wieder in die Realität zurückarbeitete. Ein leises Pochen hinter meinen Schläfen machte es nicht gerade angenehm, und es dauerte eine Weile, bis ich wach genug war, um meinen momentanen Status zu überprüfen. Erste Feststellung: ich lag auf dem Rücken.

Das allein verwirrte mich, denn das letzte, an das ich mich erinnern konnte, war unsere Aufgabe und die Tatsache, dass irgendein Idiot eine Gaspatrone an meinen Kopf geschmissen hatte. Wieso lag ich jetzt also friedlich…ach so. Klar. Betäubungsgas. Ich hatte wohl eine Ladung abbekommen und war für den Rest des Tests bewusstlos gewesen, also hatten sie mich wohl in meine Zelle geschmissen, so wie sie es immer taten.

Dann hörte ich dich Geräusche, welche mir zeigten, dass ich *nicht* in meiner eigenen, kleinen kalten Zelle war, sondern irgendwo anders. Das regelmäßige Piepen eines Gerätes, ein keuchendes Geräusch, als läge jemand in den letzten Zügen und leises Gemurmel wie von weit weg.

Wieder dauerte es einige Sekunden, bis ich bemerkte, dass das keuchende Geräusch von mir stammte – irgendwas war ganz gehörig mit meiner Atmung nicht in Ordnung. Ich geriet in Panik, wollte um mich schlagen, doch ich konnte meine Glieder nicht bewegen.

Lange Zeit lag ich nur da und versuchte, Ordnung in das Chaos zu bringen, welches gerade in meinem Kopf herrschte – ohne Erfolg.

Irgendwann – ob nach Sekunden, Minuten oder Stunden kann ich nicht sagen – näherten sich mehrere Stimmen meinem Bett oder wo immer ich auch lag, bis ich einzelne Worte identifizieren und verstehen konnte, was sie sagten.

„Ein sehr interessanter Fall, ich hätte nie erwartet, dass PP-216 diese Auswirkungen hat. Es muss wohl an der Mischung aus Wasserstoffperoxyd mit Phosphorsäure liegen, wobei ich nicht weiß, inwieweit die anderen Bestandteile eine Rolle spielen." meinte eine männliche, interessiert klingende Stimme.

„Dass die Wirkung stärker ist, war ja zu erwarten gewesen, aber gleich so stark – wenn wir dieses Gas noch weiter austesten, so könnte es uns große Dienste erweisen." erwiderte eine Frau.

Die beiden schienen nun direkt neben meinem Bett zu stehen. „Ja, als chemische Waffe wäre es durchaus zu gebrauchen." war die zustimmende Antwort. „Ich würde diese Person gerne als weiteres Versuchsobjekt benutzen, denken sie, das geht in Ordnung?"

„Aber sicher doch." Die Frau lachte. „Wir haben noch genug von denen."

Erst jetzt erkannte ich, dass diese Stimme zu Durane gehörte. Ich erzitterte innerlich, als mir das Bild dieser eiskalten Frau in den Sinn kam, mit ihren dunklen, fast schwarzen Augen, und ich wäre wohl weiter von ihr weggerückt, hätte ich die Energie dazu gehabt.

„Das freut mich zu hören. Dieses Objekt zeigt einige interessantere Reaktionen, die ich gerne noch näher untersuchen würde."

Objekt? Ich? Wer bezeichnete schon einen anderen Menschen als Objekt??

Aber vielleicht meinten sie ja gar nicht mich…wer weiß, vielleicht war ich nur zufällig im Raum und sie sprachen von etwas ganz anderem…

„Haben sie schon Resultate?" wollte Durane wissen.

„Noch nichts genaues." erwiderte der Mann. „Der spedierende und lähmende Effekt ist sehr stark und kann bis zu einer Woche anhalten. Außerdem gibt es einige Nebeneffekte, die aber alles in allem den eigentlichen Zweck des mittels nicht mindern."

„Nebeneffekte?" Ich konnte fast hören, wie sie skeptisch ihre Augenbrauen in die Höhe zog.

„Ja, genau!" Ein Lachen ertönte, und dann fuhr mir auf einmal jemand durch das Haar. „So wie dieser hier. Interessant, nicht? Keiner wusste, dass dies passieren würde, und wir rätseln immer noch an dem ‚Warum'."

Fast wäre ich vor Ekel zusammengezuckt, konnte mich aber gerade noch beherrschen. Zwar wurde ich von Minute zu Minute wacher, konnte jetzt sogar – mit viel Mühe – meinen kleinen Finger bewegen, aber ich wollte die beiden nicht auf mich aufmerksam machen. Zu sehr verwirrt war ich über das, was ich gerade eben gehört hatte. Von was für einem Nebeneffekt sprachen sie? Und was hatte der mit meinen Haaren zu tun? Und vor allem: wo war ich? Was genau war passiert?

Ich spürte, wie ich zusehends unruhiger wurde und wünschte nichts mehr, als dass die beiden endlich verschwanden. Und tatsächlich, sie taten mir den Gefallen. Zwar redeten sie noch einige Zeitlang über Dinge, die ich nicht verstand – und die mir, ehrlich gesagt, schnurzpiepegal waren – aber irgendwann hörte ich Schritte und die Stimmen entfernten sich von meinem Bett.

Noch wagte ich es nicht, die Augen zu öffnen, sondern lauschte erst vorsichtig, ob ich auch wirklich alleine war. Nach langen Minuten der Stille war ich dann endlich davon überzeugt und öffnete zögerlich meine Lider.

Argh. Keine gute Idee. Das grelle Licht stach in meine Augen und ließ den Schmerz um das zehnfache ansteigen. Schnell schloss ich sie wieder und stöhnte leise. Verdammtes Kopfweh!

Beim nächsten Versuch war ich spürbar vorsichtiger und wartete geduldig, bis sich meine Augen an das Licht gewöhnt hatten. Es dauerte eine Weile, aber dann konnte ich Schemen und Linien über mir erkennen, die sich zu einer schmutziggrauen Decke herauskristallisierten. Direkt über mir verlief eine rostige Rohrleitung. Wirklich stimulierend.

Langsam drehte ich den Kopf und entdeckte die vagen Umrisse eines Tisches neben meiner Lagerstatt. Seltsame Geräte, die ich nicht identifizieren konnte, standen darauf und blinkten in unregelmäßigen Abständen. Weiter entfernt flimmerten einige Computermonitore und ich konnte zwei weitere, allerdings leere, Betten entdecken. Es war still im Raum, nur das regelmäßige Piepen durchbrach die bedrückende Monotonie.

Vorsichtig richtete ich mich auf meine Ellbogen und fluchte leise, als es mir beinahe schwarz vor Augen wurde. Soweit, so gut. Ich schien mich in einer Art Krankenstation zu befinden, und ich war mir ziemlich sicher, dass es ein Nebenzimmer des medizinischen Gebäudes war, in dem sie uns jedes Mal brachten, wenn sie einige Test an uns durchzuführen hatten. Die kahlen Betonwände und die unbequemen Betten deuteten jedenfalls darauf hin.

Die Frage war bloß: warum? Wenn wir normalerweise betäubt wurden – egal aus welchem Anlass – warfen sie uns kurzerhand in unsere Zellen und weckten uns am nächsten Morgen mit eher unangenehmen Tritten und Worten aus dem Schlaf. Es war noch nie vorgekommen, dass wir deswegen in die Krankenstation gebracht wurden.

Ich blickte zur Tür. Keine Wache.

Das hieß, dass sie der Meinung waren, ich wäre noch bewusstlos und würde dies auch noch für einige Zeit sein. Hatte das etwas mit dem Stoff zu tun, den sie vorher erwähnt hatten? Wir alle wussten, dass sie uns zusätzlich noch als Versuchskaninchen für neue Medikamente oder chemische Kampfstoffe benutzen, so wie bei dem Vorfall mit dem Mädchen…

Ich spürte sofort wieder diese kalte Leere in meinem Innern, als ich mir den Vorfall ins Gedächtnis zurückrief, die Angst, der Horror und das Grauen, als ich realisierte, dass ich – ich! – dieses Mädchen getötet hatte, mit meinen eigenen Händen, brutal wie ein Killer.

Ein Zittern fuhr durch meinen Körper und ich schloss meine Augen, wollte diese Erinnerungen in ein Eck ganz hinten in meinem Kopf verbannen.

Hatten sie schon wieder ein neues Mittelchen aus ihrer Teufelsküche getestet? War ich die Versuchsperson? Weshalb war ich hier? Was war dieses Mal geschehen?

Die Fragen jagten sich gegenseitig durch meinen Kopf und ich stöhnte, als sich mein Kopfweh intensivierte, mit erneutem Schmerz durch meine Adern raste. Es fiel mir schwer, mich zu bewegen, als ob meine Gliedmaßen mit schweren Gewichten belastet seien, die für mich unsichtbar waren, mich aber trotzdem daran hinderten, mich in meiner normalen, flüssigen Art zu bewegen.

Langsam massierte ich meine Arme und beäugte meine Beine. Konnte ich ihnen schon trauen und aufstehen? Ich war mir nicht so ganz sicher, besonders, weil ich meine Zehen nicht spüren konnte, geschweige denn bewegen. Also legte ich mich erst einmal wieder zurück auf das Bett und versuchte, mir einen Reim auf das ganze zu machen. Gelang mir nicht.

War ja auch zu erwarten gewesen. Seit ich in diesem verdammten Camp war, schien nichts mehr einen Sinn zu machen.

* * *

Ich weiß nicht, wie viel Zeit verging, bis ich mich endlich stark genug fühlte, um einen Versuch des Aufstehens zu wagen. Manchmal hörte ich Stimmen, die aber nie meinen Raum betraten, sondern daran vorbeiliefen. Jedes Mal stellte ich mich bewusstlos und lauschte aufmerksam in der Hoffnung, irgendwelche Informationen ergattern zu können. Aber ich hatte kein Glück.

Vorsichtig setzte ich mich auf und schob meine Beine über den Rand des Bettes. Sie kribbelten leicht, aber die Taubheit war zum größten Teil verschwunden. Ich wartete eine Minute und versuchte dann – mit Hilfe der Wand – aufzustehen. Ich schwankte und wäre fast nach vorne gefallen, aber schließlich stand ich doch in der Mitte des Raumes und blickte zufrieden um mich.

Langsam tastete ich mich an der Wand entlang zum anderen Ende des kleinen Raumes, immer darauf bedacht, auch ja kein Geräusch zu machen. Ich wollte diese Chance nutzen, so lange sie mir gegeben war.

Mein Weg führte mich an einem alten, halbblinden Spiegel vorbei, der über einem rostigen Waschbecken hing, das wohl seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt worden war. Normalerweise hätte ich nicht hineingeblickt, aber ich sah aus den Augenwinkeln etwas, was mich erstarren ließ.

Ich drehte den Kopf und blickte in meine eigenes Gesicht, nur dass…

MEINE HAARE!

Sekunden verstrichen, in denen ich nur reglos dastand und mit offenem Mund mein Spiegelbild betrachtete. Meine ehemals hellbraunen Haare strahlten nun in dem hellsten weiß, das man sich vorstellen konnte, und als ich genauer hinsah, konnte ich sehen, dass sich silbern-metallic schimmerten. Es waren keinerlei Unreinheiten der Farbe zu erkennen, auch der Haaransatz war makellos weiß-silbrig…

„Verdammte Scheiße!!" flüsterte ich und fuhr durch mein Haar. Nein, das Spiegelbild blieb wie es war.

Das gleiche Gesicht – etwas bleich vielleicht, und mit mehr Falten als früher – der gleiche Körper, aber meine Haare…

Nun verstand ich auch das Kommentar mir den Nebeneffekten, welches mir vorher so zu denken gegeben hatte. Verdammt. Verdammt! Wie weit würde es noch gehen? Was würden sie meinem Körper noch alles antun?

„Ich sehe aus wie eine alte Frau." murmelte ich missmutig und streckte meinem Spiegelbild die Zunge heraus. „Wer hat schon silbernes Haar…"

Es war seltsam, wie verändert ich aussah. Nicht mehr wie Sallie, das Schulmädchen, welches durch eine Verkettung unglücklicher Umstände in das Camp gekommen ist, sondern wie jemand neues, jemand ganz anderes…eine Soldatin, eine Kämpferin.

Meine Mundwinkel waren nach unten gezogen und ließen mein ganzes Gesicht streng wirken; meine Augen lagen tief in den Höhlen und hatten jeglichen Glanz verloren.

„Wenn das so weiter geht, wird mich niemand mehr erkennen." flüsterte ich und strich über das Spiegelbild. „Sie werden mich für jemand anderen halten…"

Dann lachte ich trocken. „Was rede ich denn da? Ich *bin* doch schon jemand anderes. Ich habe getötet, ich habe gekämpft, und ich habe mich verändert. Sallie ist tot…Sallie ist tot…" Ich lachte, und die Tränen rannen mir die Backen hinunter, als ich langsam an der Wand zu Boden rutschte und mein Gesicht in den Händen verbarg.

Mein früheres Ich war gestorben und an ihre Stelle war ich getreten, ein verbittertes traumatisiertes Mädchen mit silbrig glänzendem Haar.

„Verdammt." flüsterte ich und schloss die Augen. Auf einmal war ich nur noch müde, so unglaublich müde…

Fortsetzung folgt...